19.02.1949

Das eigene Leben

Die kleine, für das Auge fast unsichtbare und doch so schadenvolle Trichine kann öfter schwere Schmerzen hervorbringen, indem ihr Biß giftig ist" - schrieb vor mehr als 70 Jahren der kleine Emil Hansen auf seine Schiefertafel, in der Dorfschule ganz nördlich in Nordschleswig.
Er tat sich schwer mit einem richtigen Schreibedeutsch. Er zeichnete und malte lieber, mit Holunder- und Rotebeetesaft zuerst, er mochte so gern die rotviolette Farbe.
Ueber 50 Jahre später schreibt der, der einmal Emil Hansen war, ein ganzes Buch und noch eines, über sein Leben, den Weg, den er ging. Er schreibt das hin, "wie von einem Ungesehenen nebenhergehend gesehen - Freunden zuliebe".
Er ist ganz erschrocken, als es ein "volles, ernstes Buch" geworden ist, wie die, vor denen er "dumpfen Respekt, aber auch immer Schrecken" empfunden hat. Die Bücher werden gedruckt, 1931: "Das eigene Leben" und "Jahre der Kämpfe".
Der sie schrieb, nennt sich seit langen Jahren nicht mehr Hansen. Er ist der Maler Emil Nolde. Aus dem Dorfjungen, der auf ein Brett das eine seiner Augen zeichnete, bis auf die in einer Spiegelscherbe gezählten Wimpernhaare genau, ist ein Künstler geworden, der aus der Entwicklungsgeschichte der modernen deutschen Kunst nicht wegzudenken ist.
Die ersten Auflagen der Nolde-Bücher sind lange vergriffen. Der Christian Wolff Verlag, Flensburg, bringt sie jetzt neu heraus. "Jahre der Kämpfe" ist noch in Vorbereitung, "Das eigene Leben" liegt vor, in Text- und Bildteil erweitert*).
Das Buch führt von den frühen Erlebnissen des Bauernjungen Emil Hansen in das Jahr, in dem der Maler Hansen sich mit behördlicher Bewilligung in Nolde umbenennt. Nolde ist das Dorf, unter dessen fünf Höfen der ist, auf dem das Geschlecht Hansen seit neun Generationen lebte. Im vorigen Jahr brannte es, vom Blitz getroffen, ab.
Die Namensänderung geschieht nicht nur aus praktischem Grund: weil es so viele Hansen gibt. Ein "romantischer Zug" ist wichtiger: Die Erkenntnis, daß die erste, vorbereitende Hälfte des Lebens um ist und der zweite künstlerische Teil beginnt, "frisch und freimütig".
Vier Eulen für Theodor Storm. Die Vorbereitung: das ist, nach 17 Jahren zu Hause bei den Eltern, drei Brüdern und einer Schwester, zuerst die Holzschnitzerwerkstatt in Flensburg. Schon damals wünscht Emil Hansen, Künstler zu werden. Er zeichnet nicht nur Entwürfe für Schnitzereien, sondern auch Typen und Porträts, Christine z. B., das Melkmädchen mit den Milcheimern. "Es ging langsam. Der eine Eimer wurde nicht fertig".
Vier "tiefsinnige Eulen" für Theodor Storms Husumer Schreibtisch sind seine letzte Flensburger Schnitzarbeit. Danach ist Emil Hansen in München, Karlsruhe, Berlin - "Möbeltypen erfindend, Arabesken modellierend, Ornamente zeichnend".
1892 geht er nach St. Gallen, als Lehrer am Industrie- und Gewerbe-Museum.
Sechs Jahre ist er in der Schweiz. "Der Sohn der Ebene" wird ein bekannter Hochtourist, von Spannung und Verwegenheit getrieben.
"Aber auch die große Schönheit war ihm lieb. Er brauchte sie, denn unbefriedigte Vollkraft jagte ihn die gefährlichsten Berge hinan". Er weiß, es ist seine Bestimmung, Maler zu werden, er malt, und es will ihm nicht gelingen. "Es lebte in mir die Gewißheit des Könnens, und ich konnte nichts".
Wenigstens die Annehmlichkeit des Wohlstandes bringen jene Bergbilder, die er auf seinen Fahrten auf Postkarten zeichnet und Freunden sendet. Dr. Hirth, Kunstfreund, Gründer der Zeitschrift "Jugend", antwortet darauf so begeistert, daß der Gewerbelehrer Hansen sich entschließt, solche Postkarten drucken zu lassen.
100000 Postkarten. In zehn Tagen sind 100000 Stück verkauft. Plagiatoren stürzen sich auf die "frische, schöne Idee" und "verunreinigen sie stümperhaft und eklig". Aber Emil Hansen hat 25000 Franken für sein Künstlerstudium zur Verfügung.
Er geht nach München, um die Technik des Malens zu lernen. Die Akademie nimmt ihn nicht.
Damals, um die Jahrhundertwende, muß sich Emil Hansen noch gründlich mit dem Impressionismus auseinandersetzen. Emil Nolde steht, historisch gesehen, an der Uebergangsstelle vom Impressionismus zum Expressionismus, werden später Fachleute konstatieren.
1899/1900: Paris. Das Interesse für die Impressionisten sinkt. Paris gibt dem Maler Hansen nur wenig, soviel er auch davon erhoffte. 1900/1901 ist er in Kopenhagen, von einem Augenleiden gequält, "trostlos einsam ... ein Maler, der nichts konnte".
Das junge, schöne Mädchen. Im Frühling lernt er Ada Vilstrup kennen, "das junge, schöne Mädchen", eine beginnende Schauspielerin, und das Leben ist ihm "ins Glückliche gehoben wie nie zuvor". Er richtet sich ein Atelier in Berlin ein. In Kopenhagen ist Hochzeit mit Ada.
Damit endet das erste Erinnerungsbuch Noldes. Forschend, fragend, suchend ist der Maler Hansen seinen Weg instinktiv vorwärts gegangen, immer abseits, abgewandt und verschlossen, von eigenen Empfindungen und Gedanken geleitet, ein weltferner, sonderbarer Mensch, mit dem großen Sehnen nach Besonderem und Großartigem.
Auf Seite 141 des Buches ist die farbige Reproduktion eines "bescheidenen, kleinen Aquarells mit schwül zwischen Wolken aufgehender Sonne" eingeheftet. Dieses Bild, in St. Gallen "hingemalt", anders als die übrigen aus jenen Jahren, "schien mir richtunggebend", schreibt Nolde, "aber kein weiteres Bild dieser Art wollte mir wieder gelingen".
Hier ist zum erstenmal "ein Nolde": der erregte Pinselstrich und die Leuchtkraft des Kolorits, die sich entwickeln wird, wenn sich die dunkle Tonigkeit der ersten Anfänge zur reinen Regenbogenskala aufgeklärt hat.
Dramatik der Farbe. Hier wird der hochempfindliche Farbensinn Noldes erkennbar, seine Vorliebe für überraschende, gewagte Kontraste, die meist ganz außerhalb des Bereiches sinnlicher Erfahrungen liegen. Die Dramatik der Farbe kündet sich an, die in seinen religiösen Bildern aufs äußerste gesteigert wird.
Vieles, was er von Emil Hansen berichtet, weist auf den künftigen Nolde. Jener erkennt, daß die Meister der Jahrhunderte große Linien und Form, tiefe, volle, satte Farben, "nicht in Nachbildung der Natur gefunden haben, sondern in freier, selbstherrlicher Erfindung". Diesem wird die Natur immer mehr nur Stoff für die Darstellung innerer Gesichte und Visionen sein.
Man hat ihn einen Dämonenmaler genannt und den "Schrecken aller kultivierten Formalisten". Er will über das bloß Aesthetische, den reinen Oberflächenreiz hinaus. "Wo in der Kunst der Begriff Geschmack nicht mehr hinreicht, da beginnt für mich die Höhe, die ich liebe."
Emil Hansen ist schon der Eigenbrödler, der Emil Nolde immer gewesen ist und heute noch ist, nun ein Greis mit prachtvollem Fischerkopf. Er ist alles andere als eine weltoffene Natur. Von der Kunst seiner Zeit, auch der expressionistischen, hat er sich von jeher distanziert. Er ist ein ganz Eigener geworden:
"Bewegliche Künstlernaturen vermögen allen neu entstehenden Richtungen zu folgen. Geborene Künstler nur entwickeln eigene Gaben".
Nolde hat, um zur Klarheit zu kommen, sich viele Gedanken gemacht, vieles niedergeschrieben*) in seiner gärenden Zeit, und vieles zerrissen. Knud Rasmussen, damals noch ein junger Mann, noch nicht der ordenbedeckte, berühmte Polarforscher, sagte zu ihm: "Sie schreiben nur Gedanken, andere schreiben, ohne zu denken".
Nolde hat eine feste und eigenwillige Art zu schreiben. Er spricht oft von seiner Mutter und immer wieder von der Heimat. Er erzählt auch die kleinen Geschehnisse, und die Stimmung durchlebter Begebenheiten kommt ohne stilistische Kunstgriffe zum Ausdruck.
Erlebnis in Paris. Das düstere Erlebnis in Paris, als er knapp mörderischen Plänen entgeht, schreibt er nur ungern hin: Er lernt zwei Mädchen kennen, die er für so naiv hält, wie sie tun. Als er sie besucht, entdeckt er unter den Blumen in einer Vase Schlächtermesser. Ein hohes Postament ist wie eine verschließbare Kiste gearbeitet, und es gibt anderes Verdächtiges, das daran denken läßt, daß "einige hundert Menschen, meistens Fremde, in Paris alljährlich spurlos verschwinden."
"Mir war sehr unheimlich". Er entkommt aus dem verschlossenen Zimmer und läuft davon.
Ganz anders, wenn Nolde erzählt, wie er nach Jahren die Karlsruher Jugendgeliebte noch einmal sieht: "Sie war zum vollschönen Mädchen erwachsen. Wir gingen mitsammen redend einen langen, schwermütigen Gang. Sie war traurig, sie war sehr schön, sie weinte."
*) "Das eigene Leben - Die Zeit der Jugend 1867-1892" von Emil Nolde. - 294 Seiten mit 126 Reproduktionen. Verlagshaus Christian Wolff, Flensburg.

DER SPIEGEL 8/1949
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