12.02.1949

Dienst aus Deutschland

In Dresden, Cottbus, Eisenach und Halle tagten die Landesdelegierten-Versammlungen der Volkskongreßler. Für die 800000 Ost-Berliner waren es 500 Delegierte, die sich im Wiko-Haus, Görings einstiger Residenz, die Reden der obligaten Ostzonen-Sprecher anhörten.
Gesprochen wurde überall dasselbe, nur nicht vom Volkskongreß selber, dessen Zusammentritt längst fällig ist. Er ist verschoben.
Wenn schon kein Volkskongreß, dann doch wenigstens Delegierten-Tagungen, motivierte Wilhelm Koenen die Berliner Zusammenkunft. Denn noch keine Zeit habe so heiß nach Aktivität geschrien, wie diese. Er zielte damit auf das Ruhrstatut und den nach seiner und der SED Meinung notwendigen Protest des Ostens.
"Die Volksausschüsse sind das mahnende nationale Gewissen des deutschen Volkes", hing es in großen Lettern über dem schwarz-rot-gold drapierten Rednerpult. Auch das ist ein Wort des spitzbärtigen Wilhelm Koenen, einst SED-Chef in Sachsen, jetzt Gniffkes Nachfolger auf dem Präsiden-Sessel des Volksrats-Sekretariats.
Streng national, wie vorgeschrieben, stießen darauf die drei Volksratspräsidenten Wilhelm Pieck, Otto Nuschke (Ost-CDU, inzwischen zum viertenmale - mit seiner Hausangestellten - verheiratet) und Hermann Kastner (Ost-LDP) ins Horn. Sie proklamierten den "nationalen Notstand" und riefen zur "nationalen Selbsthilfe".
Für die nächsten zweieinhalb Stunden gehörte das Rednerpult dem Volksrat und Ost-CDU-Generalsekretär Georg Dertinger. "Der Volkskongreß wird eine Widerstandsbewegung sein, oder er wird nicht sein", war das Prunkstück seiner langatmigen Ansprache.
Auf diese Tonart stimmt er alle seine Reden ab, die er laufend in Berlin und in der östlichen Provinz zu halten hat. In Dresden, ebenfalls vor den Landesvolkskongreß-Delegierten, schwang er sich zu dem bestrickenden Kernsatz auf: "Es ist höchste Zeit, daß wieder deutsche Geschichte gemacht wird".
Die Volkskongreßler jubilierten. Als er jedoch auf einem Abstecher zwischen der Volkskongreß-Tournee in Potsdam den eigenen Parteifreunden seine Standard-Ansprache vorsetzte, rebellierten die Christ-Demokraten "Dertinger abtreten, zurücktreten, verschwinden!" ertönte es im Chorus. Er hatte erst zwanzig Minuten gesprochen.
Wegen dieses provinziellen Zwischenfalls wird Dertinger jedoch nicht abtreten. Er hat zu viele gute Freunde in Karlshorst. Die waren es wohl auch, die den 46jährigen "Politiker aus Leidenschaft" vor kurzem auf eine Westreise schicken wollten. Gleichsam als Gegenstück zu Nadolnys diplomatischer Westtour (vgl. Spiegel 5/49) sollte er mit Kirchen- und CDU-Prominenten des Westens konferieren. Aus der Reise wurde bisher nichts.
Seit dem 20. Dezember 1947 steht Georg Dertinger im Zwielicht der ostzonalen Politik. An jenem Tage unterschrieb er das Dokument, durch das die SMA den gewählten CDU-Vorsitzenden Kaiser und Lemmer das Vertrauen entzog und, ohne die Mitgliedschaft zu fragen, die Vorsitzenden der sechs Landesverbände als oberste Vertretung der CDU in ihrer Zone legitimierte.
Dabei war Dertinger seit der Gründung der Berliner CDU einer der engsten Mitarbeiter Jakob Kaisers. Er war in Wirklichkeit der Adlatus und Leiter des persönlichen Stabes beim CDU-Vorsitzenden und hatte in dieser Eigenschaft eigentlich nur pro forma den Titel eines General-Sekretärs geführt. Nach dem Abfall machte ihn die SMA offiziell zum General-Sekretär und Hauptgeschäftsführer der durch Kaisers Sturz gleichgeschalteten Ostzonen-CDU.
Selbst Dertingers erklärte Parteifreunde erschraken über den abrupten Gesinnungswechsel. In Berlin sprach man damals und auch noch später von scharf antibolschewistischen Artikeln, die der Berliner Journalist Dertinger einst für das "Wiener Tagblatt" schrieb (so zum 30. Januar-Jubiläum 1944) und die jetzt Karlshorst als Druckmittel gegen ihn ausmünze. Auch von dem "Dienst aus Deutschland" war die Rede, einem deutschen Artikeldienst für ausländische Zeitungen, den Dertinger in den Hitler-Jahren redigierte und den Geheimrat Katzenberger, jetzt Pressechef der nordrhein-westfälischen Landesregierung, leitend verlegte.
Für den internen Hausgebrauch hat Dertinger eine stereotype Entschuldigungsrede parat: "Wenn wir das Feuer des Christentums und der Demokratie in der Ostzone nicht erhalten können, dann müssen wir wenigstens die Glut erhalten, damit wir sie wieder entfachen können, wenn die kommunistische Schlacke weggeräumt ist".
Offiziell allerdings bekennt er sich zu einer praktisch-politischen Deutung. Er habe eben ganz einfach auf den Osten gesetzt und erwarte alles Heil für Deutschland von Rußland, sagte er einmal einem früheren Kollegen. Der Westen sei schlapp und habe keine echte Chance mehr.
Diese Meinung kommt bei Dertinger nicht von ungefähr. Er stammt aus einer streng-konservativen Berliner Familie. Der Vater, Geschäftsführer bei Wertheim am Alex, fiel im ersten Weltkrieg. Der Sohn stieß schon früh zum "Tat"-Kreis der Giselher Wirsing, Ferdinand Fried, Hans Zehrer. Beim "Stahlhelm" stieg er dann zum Chefredakteur des Bundesorgans empor. In jenen Jahren trug er noch das Monokel, das später mehr und mehr der hellen Hornbrille wich.
Erbe der "Stahlhelm"-Zeit blieb die Verbindung zu alt-konservativen, auch Reichswehr-Kreisen, die der preußischen Rußland-Tradition nachtrauerten und sie in der Weimarer Republik nach Möglichkeit wieder aufleben lassen wollten.
Seit Dertinger in erster Ehe ein Fräulein aus der bismarcknahen Familie derer von Dewitz heiratete, stärkte sich zwangsläufig seine Hinneigung zum Osten. Daß zwischen dem Rußland, mit dem der Altreichskanzler zu tun hatte, und der Sowjetunion von heute die bolschewistische Oktoberrevolution steht, übersah Dertinger. Er übersieht es auch heute.
Der "Stahlhelm" war es wohl auch, der in dem blonden, zerknitterten Journalisten den politischen Ehrgeiz weckte. Als ihn 1932 Reichskanzler von Papen zum stellvertretenden Pressechef der Reichsregierung machen wollte, war Dertinger keineswegs abgeneigt. Nur der gutgemeinte Rat befreundeter Kollegen, daß er doch als freier Journalist ein viel unabhängigeres Leben führen könne, ließ ihn schließlich verzichten.
Papen hatte er sich durch seine zweite Frau, die streng-katholische Baronin von Neuenstein, empfohlen. Als einziger Journalist durfte der evangelische Christ 1933 Papen im gleichen Flugzeug zum Abschluß des Konkordats nach Rom begleiten. Bald nach der Vatikan-Reise schloß sich Dertinger der Bekennenden Kirche an.
An jenem 20. Dezember 1947 hat er bewußt den Verzicht auf seine alten Freunde auf sich genommen. Er hatte Farbe bekannt, er konnte und wollte nicht mehr zurück. In Karlshorst wird seitdem der liebenswürdige Mann, dessen Charme seine Kollegen verleitete, ihn auf französische Manier "monsieur Dertinjé" zu nennen, gern und häufig gesehen.
Wenn er in die Zone reist, tritt er mehr als Sekretär des Volksrats, denn als Generalsekretär der CDU auf. Er hat es so leichter, sich zum Sprecher des "nationalen Gewissens" zu machen. Was einem sturen Kommunisten schlecht anstehen würde, kleidet ihn vorzüglich. Das weiß auch die SMA.

DER SPIEGEL 7/1949
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