12.02.1949

ICH BITTE ERSCHOSSEN ZU WERDEN

2. Fortsetzung des Berichts von Philipp Humbert

Beketowka war Verladeplatz. Ein kleiner verriegelter Waggon faßte 56 Mann, die meisten fleckfieber- oder ruhrkrank. Ab und an bekamen wir einen Sack Trockenbrot und einige Salzfische in den Waggon geworfen. Wasser gab es nicht. Als die Durstqualen am größten waren, brachen wir eine der zugenagelten Luken auf. An zusammengebundenen Gurten ließen wir Kochgeschirre im schmutzigen Schnee des Bahndamms schleifen, das gab Wasserersatz. Nur mit angezogenen Beinen konnten wir hocken. Das dauerte sechzehn Tage lang. Da lebten noch 43 in meinem Waggon.

90 Kilometer Fußmarsch folgte. Da wir inzwischen von der Roten Armee an die NKWD übergeben und namentlich registriert waren, wurden die beim Marsch Liegenbleibenden nicht mehr erschossen, sondern auf Schlitten nachgefahren, auf denen sie sich die Glieder erfroren. Denn wir hatten das "wärmere" Klima des südlicher liegenden Stalingrads mit dem russischen Winter des tatarischen Landes vertauscht. Die alte Klosterstadt Jelabuga an der Kama war für die Aufnahme aller in Stalingrad gefangenen Offiziere vorgesehen. Wir waren die ersten.

Mein lieber Ali ... Ein Schlafwagenzug mit weißbezogenen Betten, fürsorglichen Krankenschwestern und guter Verpflegung rollte zur gleichen Zeit in Richtung Krasnogorsk unmittelbar bei Moskau. Mit ihm fuhren die Generale und den Sowjets besonders wichtig erscheinende Personen. Die Erinnerungen an diese Fahrt veröffentlichte Generalmajor Dr. Korfes später in der Presse als "offenen Brief" an einen nahen Verwandten: "Mein lieber Ali, Du würdest staunen ..." Der Leser sollte den Eindruck bekommen, daß sämtliche Kriegsgefangenen in Rußland so gut behandelt würden, wie die fünfhundert des Schlafwagenzuges. "Mein lieber Ali" wurde mit bitterem Hohn ein Sprichwort der Gefangenen. Dabei hat Korfes genau gewußt, was wirklich los war.

Abseits von der im byzantinischen Barock erbauten ehemaligen Bischofsresidenz lagen wir in einem 1917 liquidierten Nonnenkloster nördlich der Stadt. Wenn auch die ersten Tage pausenlos Entlausungen durchgeführt und Millionenheere von Läusen vernichtet wurden, war die bereits ausgebrochene Fleckfieber-Epidemie nicht mehr einzudämmen. Sanitäre Hilfsmittel fehlten fast völlig. Das Lager wurde hermetisch abgesperrt, auch das russische Personal war auf Gedeih und Verderb zu den Kriegsgefangenen gesperrt. Russische Aerztinnen, deutsche Aerzte kämpften verzweifelt gegen die Epidemie, der sie schließlich selbst erlagen. Nur 80 von den 1094 in Jelabuga registrierten Gefangenen wurden offiziell nicht krank. Ich rechnete dazu, obwohl ich Fleckfieber hatte. Nach Abklingen der Epidemie zählten wir 608 Opfer. Von den einst 500 in Kiseljakow mit mir abmarschierten Offizieren lebten noch ganze 70.

Man muß sich mit der Tatsache abfinden, daß nicht mehr als 6-7000 Mann von der einstmals über 300000 Mann starken 6. Armee am Leben geblieben sind. Ein Drittel hiervon sind Offiziere, denn sie wurden "bevorzugt" behandelt, während die wenigen Soldaten, die die Auffanglager überstanden hatten, in den mörderischen Torflagern verschwanden.

Der Welt blieb dieses Massensterben der Stalingrader trotz aller Isolation nicht verborgen. Es war Oberstleutnant Gerhard Bechly, Adjutant von Korfes, der auf sowjetische Inspiration im Organ des späteren National-Komitees "Freies Deutschland" eine Studie als "Personalfachmann" veröffentlichte. Darin wurde frisch und munter nachgewiesen, die bedauerliche Dezimierung der Stalingrad-Gefangenen sei nur auf die physische Entkräftung während der Kessel-Zeit zurückzuführen. Von sowjetischer Seite aus sei alles geschehen, um sofort nach Beendigung der Kämpfe eine geregelte Versorgung und genügende sanitäre Betreuung sicherzustellen. Natürlich wußte auch Bechly, daß erst die "Lebensbedingungen" in der Gefangenschaft die unterschiedlichen Sterbeziffern erbrachten. Von den 5000 in Gefangenschaft geratenen Offizieren starben 56 Prozent, von den Mannschaften 95 Prozent, während nur 9 Prozent der 500 Sondergefangenen von Krasnogorsk unter die Erde kamen.

Sterben verboten. Um das restlose Aussterben der Offiziere zu verhindern, griff wiederum Moskau ein. Bei einem Appell wurde uns der Stalin-Befehl Nr. 55 vorgelesen: "Kein Kriegsgefangener darf mehr sterben." Zuwiderhandlungen wurden als Sabotage hingestellt, so einzelne Selbstmorde im Fleckfieberwahn. Dieser Befehl legte die erhöhten Lebensmittelnormen für Offiziere fest. Ebenso bestimmte er, daß Offiziere nur freiwillig zur Arbeit herangezogen werden könnten. Darüber hinaus gab es für kurze Zeit eine Sonderverpflegung. Die Lager wurden wieder hermetisch abgesperrt. Die hungernde Zivilbevölkerung durfte nicht sehen, daß wir wie die Rote Armee aus dem Kuba-Zuckersack und aus der Chikagoer Fleischbüchse lebten. Offensichtlich wurden wir für besondere Aufgaben gefüttert.

Wenn nun doch einer im Sterben lag, war das ganze Lagerpersonal in Aufregung. Der Lagerkommandant selbst massierte verzweifelt mit seinen Fäusten die Brust des kranken Deutschen, damit dessen Herz nur weiterschlage. "Du mußt leben, mein Söhnchen", beschwor er ihn und dachte mit Schrecken an den Bericht nach "oben", falls der Deutsche trotz Sonderverpflegung eingehen sollte.

Um unser Lager aufzufüllen, kamen die Offiziere, die das Fleckfieber im Lager Frolow überlebt hatten, zu uns. Ich war glücklich, meinen alten Chef und persönlichen Freund Oberst Crome wiederzusehen. Er erzählte von einer antifaschistischen Offiziersgruppe, die bei ihnen geworben hatte. Wir hatten bis dahin noch nichts davon gehört.

Ueberraschend traf aus Moskau mit dem Dampfer eine Delegation in Jelabuga ein, die sich aus höheren NKWD-Offizieren und deutschen kommunistischen Emigranten zusammensetzte. Alles, was gehen konnte, wurde zusammengetrommelt. Uns wurde erklärt, daß nunmehr das erste freie "Meeting" (so wurden hier alle Versammlungen genannt) in unserem Lager abgehalten werde.

Das erste Referat hielt ein NKWD-Kommissar über die materiellen und geistigen Reichtümer der Sowjetunion. Nach ihm stand auf dem Podium ein feister Rundkopf in deutscher Uniform ohne alle Abzeichen: "Ich bin Oberleutnant Reyher vom Pionier-Bataillon 88." Er habe voller Empörung gehört, daß die deutschen Pfarrer Kayser und Schröder die sowjetische Lagerverwaltung gebeten hätten, am Pfingstsonntag Gottesdienste abhalten zu dürfen. Wir sollten uns lieber unsere Schuld vor Augen halten, daß wir die friedliebende Bevölkerung der Sowjet-Union als raubende Horden überfallen hätten. Reyher stellte sich als Chef der antifaschistischen Offiziersgruppe vor, die von aufrechten Menschen gegründet sei. Unser aller Pflicht sei es jetzt, einen aktiven Kampf gegen Hitler zu führen. Wer das nicht täte, erkläre sich offen zum Feind der Sowjetunion.

Was für ein aufrechter Mensch Reyher selbst war, erfuhr ich erst später: Im Herbst 41 wurden die wenigen deutschen Offiziere, die man bei Gefangennahme nicht totgeschlagen oder in ein Zuchthaus gesteckt hatte, in Jelabuga zusammengezogen. Zu ihnen kam ein deutscher Kommunist, er nannte sich Wagner, ein kleiner, schwarzhaariger Mann mit fanatischen Augen, politisch ein "gerissener Bursche". Seine Vergangenheit verschwieg er nicht: Als Vertrauter von Kurt Eisner war er mitverantwortlich für die Münchener Geiselerschießungen am 30. April 1919 und mußte deswegen bereits in den zwanziger Jahren nach der Sowjet-Union emigrieren. Nach gründlicher bolschewistischer Schulung wurde er als Kommissar in die Mongolei geschickt. Hier sammelte er die Erfahrungen, die er nach 1945 bei den gefangengenommenen japanischen Offizieren anwenden konnte. Sein Auftrag war schwierig, denn den Tenno-Offizieren war nur schwer beizubringen, daß es sich für sie lohne, in einer roten chinesischen Armee gegen Tschiang Kai Scheks Truppen zu kämpfen.

Extrazimmer. Unter den 70 deutschen Offizieren, die damals, 1941, in Jelabuga saßen, versuchte Wagner "Antifaschisten" zu finden. Der Oberleutnant Friedrich Reyher schien ihm besonders geeignet. Er ließ ihm ein Extrazimmer neben der Küche zuweisen. Von diesem Zimmer aus wurde im Mai 1942 die erste "Antifaschistische Offiziersgruppe" gebildet. Um die anderen Kriegsgefangenen unter Druck zu setzen, wurden 17 Mann ohne nähere Begründung und Gerichtsverfahren in das Distriktgefängnis von Jelabuga geworfen. Eineinhalb Jahre später entdeckte ein Kommissar des tatarischen Innenministeriums zufällig in einem modrigen Kellergewölbe unter Verbrechern und Räubern vier verwahrloste abgezehrte Gestalten, die sich als deutsche Soldaten, drei Offiziere und ein Unteroffizier, entpuppten. Sie waren der vergessene Rest der Siebzehn und kehrten in das Lager zurück.

Bei Räumung des Lagers Jelabuga kam Wagner als Polit-Instruktor nach Oranki bei Gorki. Dort gesellten sich der Jagdflieger Graf Einsiedel und der Infanterie-Leutnant Bernt von Kügelgen zu den "antifaschistischen Offizieren". Damals genügte der primitive Reyher, beim National-Komitee spielte er keine Rolle. Erst nach der Besetzung Deutschlands wurde der Kommunist Reyher mit einer wichtigen Aufgabe in Sachsen betraut. Im Sommer 46 wurde in Kriegsgefangenen-Lagern die "Iswestija"-Meldung verbreitet, der "verdienstvolle Antifaschist" Reyher sei auf offener Straße in Deutschland totgeschlagen worden. Manch reaktionäres Element hoffte, daß die "Iswestija" diesmal die Wahrheit geschrieben hatte.

Die Schimpfreden Reyhers auf unserem ersten "Meeting" zündeten nicht. Nun versuchte er es mit Einzelvernehmungen, nicht ohne Erfolg. Leute, die Dreck am Stecken hatten, Zahlmeister, die russische Kriegsgefangenenlager verwaltet hatten (wie das von Woroponowo, wo während der Kesselzeit zahlreiche sowjetische Gefangene verhungert waren), ein Kriegsgerichtsrat, der Urteile gegen Partisanen gefällt hatte, und Etappenoffiziere fanden sich um Reyher zusammen. Aber es war kein Truppenoffizier darunter.

Doch einen Stabsoffizier brauchte man unbedingt. So sperrte man den Divisions-Ingenieur Major (Ing.) Karl Hetz in ein dunkles Kellerloch. Nach zehntägiger Behandlung stellte man ihn vor die Alternative, entweder Reyhers Offiziersgruppe beizutreten oder wegen Partisanenliquidierung einen Kriegsverbrecherprozeß zu bekommen.

So wurde Hetz bei der Gründung der antifaschistischen Offizierszelle Jelabuga am 16. Juni 1943 zum Führer einer Delegation bestimmt, die sich in Moskau mit den Delegationen anderer Lager und emigrierten Kommunisten zusammenschließen sollte. Bei dieser Gründungsfeier konnten die neuen "Antifaschisten" ein Festessen von drei Gängen genießen. Im allgemeinen Speisesaal, wo die Kriegsgefangenen täglich ihr halbes Liter Wassersuppe löffelten, wurde ein separater Tisch mit einem Schild "Nur für Antifaschisten" gekennzeichnet. Dorthin wurde besseres Essen in reichlicher Menge sichtbar an uns vorbeigetragen.

Mit den Augen eines Stabsoffiziers. Etwa einen Monat später wurde unser Lager von einer schwarz-weiß-rot-geschmückten Zeitung "Freies Deutschland", Organ des National-Komitees, überflutet. So erfuhren wir, daß bei Moskau von deutschen Offizieren und Mannschaften und kommunistischen Emigranten eine Organisation zum Kampf gegen Hitler gegründet worden war. Im Auftrag des Polit-Büros hatte das Zentralkomitee der KPD den Emigranten-Reimer Erich Weinert als Präsidenten des National-Komitees abgestellt. 1. stellvertretender Präsident war der Major (Ing.) Hetz geworden. In "Freies Deutschland" prangte auf der ersten Seite sein Artikel "Stalingrad, mit den Augen eines Stabsoffiziers". Bei der Verfasserangabe war das "(Ing.)" verlorengegangen - aus truppenpsychologischen Gründen.

Wir sollten schnell die Bekanntschaft mit dem National-Komitee machen. Eine bunte Delegation Prominenter wurde für unser Lager aufgeboten. Vor den zu einer Pflichtversammlung zusammengetrommelten Offizieren stieg Dr. Friedrich Wolf als erster auf die schwarz-weiß-rot verkleidete Rednertribüne, rechts und links flankiert von überdimensionalen Gipsbüsten Lenins und Stalins: "Meine Herren Offiziere, ich spreche zu Ihnen quasi als Kamerad, als Sanitätsoffizier des ersten Weltkrieges habe ich den gleichen Rock wie Sie getragen." Wir sahen im Geiste an seiner Sowjetbluse das EK hängen. In einer ausgefeilten Rede brandmarkte der Schiller-Preisträger den Niedergang der deutschen Kultur unter Hitler und ermahnte uns, ernstlich darüber nachzudenken, ob wir nicht Deutschland den besten Dienst erwiesen, wenn wir in dem gewiß noch unvollkommenen National-Komitee aktiv gegen Hitler arbeiteten.

Die Farben des Alten Fritz. Der Arzt und Schriftsteller wußte, zu welchem Publikum er sprach. In der sechsstündigen Versammlung redeten auch noch andere. Sie schwächten die Wirkung der klugen Wolfschen Worte ab. Gardemajor Kudriatschow, der Befehlshaber des Lagerbereichs Jelabuga und gleichzeitiger Rayonchef, schob seine massige Figur auf das Rednerpult. Mit der Faust klopfte er auf das vor ihm liegende schwarz-weiß-rote Fahnentuch und appellierte an unser nationales Gewissen, mit diesen Farben Friedrichs des Großen Deutschlands Freiheit zu erkämpfen. Unsere freudige Heiterkeit über die Verwechslung Bismarcks mit Friedrich dem Großen deutete er strahlend als Zustimmung.

Als nächster trat der katholische Pfarrer Kayser auf das Podium, das auf den Trümmern der 1917 gesprengten Klosterkapelle errichtet war: "In diesen ehrwürdigen Klostermauern habe ich die Freiheit meines Geistes wiedergefunden." Das kam überraschend, denn noch wenige Wochen vorher hatte Kayser in illegal abgehaltenen Stubengottesdiensten beim Schlußgebet die kämpfende Heimat und ihren Führer eingeschlossen. Genau wie der evangelische Pfarrer Schröder hatte er Pfingsten, statt seelsorgerisch tätig zu sein, auf besonderen Befehl seine Stube mehrmals scheuern müssen.

Der Pfarrer versicherte, er habe in Rußland eine wirklich freie Entwicklung der Kirche vorgefunden. Er wies auf den Gardemajor Kudriatschow: Dieser tapfere sowjetische Offizier habe ihm von seinem alten Mütterchen erzählt, das für ihren kommunistischen Sohn täglich bete.

Nachmittags Bügelfalten. "Und nun spricht zu Ihnen der Urenkel Bismarcks, Leutnant Graf Heinrich von Einsiedel", wurde verkündet, und ein hagerer Jüngling fing in schnoddrigem Ton zu reden an. Bald geriet er aus dem Konzept und beklagte sich, Hand in der Tasche, daß er trotz seiner vielen Flugzeug-Abschüsse noch nicht das Ritterkreuz bekommen habe. Das bekämen in Hitlers Armeen sowieso nur Generale und die dicken Stabsoffiziere, die nicht wüßten, was Kampf sei. Ueberhaupt die Generale. Er habe sie in Krasnogorsk auf der Lagerpromenade stolzieren sehen, sie, die eine ganze Armee hingemordet hätten und jetzt ein beschauliches Dasein führten und nicht daran dächten, die Konsequenzen zu ziehen. Da sei besonders der General Edler von Daniels gewesen. "Nachmittags tut er es nicht unter langen Hosen mit Bügelfalten!" Der scheine noch gar nicht bemerkt zu haben, daß er überhaupt in Gefangenschaft gekommen sei. Einsiedel ahnte nicht, daß wenige Tage später Daniels als einer der ersten Generale dem National-Komitee beitrat, eine ganze Zeit bevor Seydlitz sich entschließen konnte, den Offiziersbund zu gründen.

Der weitsichtigere Wolf merkte, wie fehl am Platz Herrn Einsiedels Worte waren. Er machte geistige Klimmzüge: "Der Eiserne Kanzler würde sich im Grabe umdrehen, wenn er die Worte seines Urenkels gehört hätte. Aber sicher würde er ihm seinen jugendlichen Elan verzeihen, denn nichts schätzte Bismarck doch mehr als Zivilcourage." Am Ende der Versammlung lief die Meldung ein, Schweinfurt mit den Kugellagerwerken habe einen schweren Bombenangriff erlebt. 60000 Opfer habe dieser Angriff gebracht. Die gutplacierten Claqueure jubelten laut.

Freies Oesterreich. Jeden Tag gab es nun "Meetings". Die erwarteten Sympathien blieben bei den meisten aus. Daran änderten auch nichts die intimen Teezirkel bei der charmanten Frau des österreichischen KP-Führers Ernst Fischer, die mit der Delegation ins Lager gekommen war. Sie war eine Baroneß, Tochter eines k.u.k.-Generals. Ihre braungebrannten Beine unter dem duftigen Sommerkleidchen waren Blickfang für Augäpfel jeglichen Alters. "Meine Herren, in unseren Kreisen ...", war ihre häufige Redewendung, wenn sie höhere Offiziere über die Sowjetunion aufklärte. Erst beim nächsten Verhör durch den Polit-Kommissar merkten die Teegäste, daß sie dem. Wiener Charme der Fischerin ins Netz gegangen waren.

Ihr eigentlicher Auftrag war die Vorbereitung einer Parallelorganisation "Freies Oesterreich". Den Oesterreichern unter den Gefangenen wurde klargemacht, daß sie keine Deutschen seien. Sie lernten es gern. Sie bekamen bessere Zimmer und nähten Oesterreichs Farben auf den Aermel.

Es war nicht mehr schwer, die Angehörigen des NK zu erkennen. Ihre dickeren Backen zeugten von der Verpflegung an den Sondertischen. Ihre Zahl wurde ständig größer. Es saßen nun auch die Pfarrer und einige Truppenoffiziere um die Breischüsseln. "Oh, ich weiß, das sind nicht alles Antifaschisten, aber alle gute Kaschisten", sagte zu dieser Zeit mit ironischem Lächeln ein sowjetischer Kommissar zu mir. (Kascha = Hirsebrei.)

Ein guter Kaschist war Major Bernhard Bechler, den ich schon als Hauptmann und Begleiter des OKH-Generals Müller kannte. Dieser reiste im Auftrag von Brauchitsch mit diskreten Botschaften die Armeen ab. Nach Jelabuga kam Bechler von Frolow aus, das Fleckfieber hatte ihn offensichtlich stark mitgenommen. Wir beobachteten, daß sein Blick immer sehnsüchtiger zu den Tischen mit den vollen Breischüsseln ging. "Eher gehe ich ein, ehe ich diesen Vaterlandsverrat mitmache", antwortete er auf anzügliche Fragen. Kaum fünf Tage später prangte seine Beitrittserklärung zum NK auf dem Schwarzen Brett. "Ich habe mich entschlossen zu entschiedenem Kampf ...". Wir buchten ihn auf der "Abschuß-Liste", denn das Abtrennen der Hoheitsabzeichen, das für die Mitglieder des NK Bedingung war, nannten wir "Adler-Abschuß".

Als wohlgenährter Mann ging er wenige Wochen später nach Moskau. "Hinter den Kulissen des OKH" hieß seine Fortsetzungsreihe in der "Roten Fahne", wie die Komitee-Zeitung "Freies Deutschland" bei uns hieß. Darin plauderte er alle Intimitäten mehrerer Generationen von Generalen aus. Er selbst wurde nach Besuch der Antifa-Schule in Krasnogorsk dafür ausersehen, als brandenburgischer Innenminister in Potsdam zu repräsentieren. Weil er aus den reaktionärsten Kreisen des alten Potsdam stammte, schien er besonders geeignet, diesen traditionsreichen Boden für die neue Saat aufzulockern. Mit soldatischer Präzision bricht er jetzt der unpolitischen Rechtsprechung den Rücken und läßt die Wartezimmer der Dentisten nach westlichen Zeitungen durchsuchen.

Wenn der Frühling naht. Gleichzeitig mit der Wolf-Delegation bei uns agitierten Walter Ulbricht in Oranki, Pieck und Weinert in Susdal. Bei den jüngeren Offizieren des Lagers Orankie versagte der kommunistische Jargon Ulbrichts völlig. Er wies mit dem Finger auf den eichenlaubtragenden Jagdflieger Hahn, der doch nichts weiter als ein "berufsmäßiger Massenmörder" sei. Ulbrichts Niederlage wurde vollkommen, als Leutnant Lotz ihm vorwarf, er wisse ja gar nicht, was Arbeit bedeute. Er, Lotz, sei gelernter Tischler und Offizier, während der Arbeitervertreter Ulbricht doch immer nur Funktionär gewesen sei.

Die Stabsoffiziere des Lagers Susdal versuchte man auch, mit der Lyrik von Johannes R. Becher und Hedda Zinner zu gewinnen. Doch Werke wie "Das Ungeheuer vom Loch Neß" (Zinner) und Gedichte wie "Wenn der Frühling naht, weint der Soldat" (Becher) lockten die preußischen Generale nicht vom Lehmofen.

In Jelabuga erschien etwas später als die Emigranten-Delegation mit russischer Duldung ein Major Schulze. Er kam zu mir mit der mündlichen Weisung von Seydlitz, ich solle dem Major unbedingt vertrauen. Eigentlich habe er Redeverbot, aber Einzelbesprechungen dürfe er führen, flüsterte Schulze. Er bezeichnete sich als Vertreter einer Gruppe von Generalen, die als Opposition gegen das kommunistisch beherrschte National-Komitee einen Bund deutscher Offiziere gründen wollten. Die Hauptinitiatoren seien General von Seydlitz und Marschall Paulus. Die Aufgaben dieses Bundes seien vor allem Kampf gegen die Korruption des National-Komitees und Verbesserung der Lebensbedingungen. Es komme auch gar nicht in Frage, irgendwelche Aenderungen an der Uniform vorzunehmen, auch das Hoheitsabzeichen solle nicht abgetrennt werden.

Mit den Namen Seydlitz und Paulus sammelte er eine ganze Anzahl Unterschriften von Offizieren, die sich vor der Bolschewisierung retten wollten. Auch ich war zuerst hell begeistert. Doch ein alter Offizier dämpfte meine Freude: "Das ist die gemeinste Tour, die die Sowjets machen können."

Die Sowjets hatten nämlich schnell erkannt, daß die Kampagne der kommunistischen Emigranten zum Scheitern verurteilt war. Darum hatten sie beschlossen, die Taktik zu ändern: Ein hervorragender Psychiater aus Leningrad, Professor Arnoldi (wahrscheinlich ein Pseudonym), tauchte in Susdal auf, wohin die Generale von Krasnogorsk umgesiedelt waren. In harmlos erscheinenden Gesprächen ergründete er die Ansichten der Generale und stellte den inneren Zwiespalt zwischen der Abneigung gegenüber dem Politiker Hitler und dem anerzogenen soldatischen Gehorsam gegenüber dem Obersten Befehlshaber Hitler fest.

Er unterbreitete der NKWD-Zentrale den Plan, nun den "Antifaschismus" von der Spitze her vorwärts zu treiben. Bei einer Mitarbeit der deutschen Generale würden die Kriegsgefangenen, besonders die Offiziere, viel eher für die sowjetischen Pläne zu gewinnen sein, als durch die Tätigkeit der nicht übermäßig angesehenen Emigranten. Die Pläne selbst lagen schon klar: Es galt, zunächst die ganze Masse der deutschen Gefangenen zu gewinnen, um sich daraus die brauchbarsten Kräfte für die künftigen sowjetischen Aufgaben in Mitteleuropa auszusuchen.

Seydlitz schwenkte. Die Generale vertauschten das Lager Susdal mit einer komfortablen Unterkunft bei Moskau und exklusiver Behandlung. Eingehende Vorträge von Experten klärten sie über die russische Stärke und die Weltlage auf. Durch die dauernde Seelenmassage, die von Professor Arnoldi so gut eingeleitet worden war, zeigte sich bei einigen Generalen langsam die Bereitwilligkeit, mit den Sowjets zusammenzuarbeiten. Auch Seydlitz schwenkte, nachdem er längere Zeit geschwankt hatte. Er verzichtete darauf, sich die Pulsadern aufzuschneiden. ("Zusammenarbeit mit den Sowjets wird sich in Wirklichkeit nur gegen Deutschland und deutsches Wesen richten.") Seydlitz wußte, daß sein Schritt für viele tausende Gefangene unabsehbare und vielleicht schlimmste Folgen haben mußte. Er hat selbst engsten Bekannten nicht verraten, warum er diesen Schritt tat. Es war letzten Endes eine Charakterfrage.

(Fortsetzung folgt.)

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