05.02.1949

Anschluß anders herum

Keine Ueberraschung, aber ein sehr beachtenswertes diplomatisches Ereignis - so kommentierte ein Sprecher des britischen Foreign Office Ende Januar vorsichtig die russische Zustimmung zur Wiederaufnahme von Verhandlungen über den österreichischen Staatsvertrag. Die Vorsicht ist gut begründet.
Im Mai 1948 waren die Verhandlungen der Außenminister-Stellvertreter nach 110 Sitzungen zusammengebrochen, weil Rußland beharrlich die jugoslawische Forderung auf Abtretung bestimmter Gebiete von Kärnten und Steiermark unterstützte. Wenn am 9. Februar in London die neue Staatsvertrag-Konferenz beginnt, baut sich wiederum die Kärntner Frage als erste und größte Hürde auf dem Wege zu einer Einigung auf*). Trotz des inzwischen erfolgten Bruches zwischen Moskau und Belgrad.
Es sieht nicht so aus, als ob dieser Bruch eine grundlegend neue Atmosphäre geschaffen habe. Denn inzwischen ist bekannt geworden, daß die Differenzen zwischen dem Kominform und Tito schon während der letzten Oesterreich-Verhandlungen in voller Schärfe bestanden. Weshalb der Londoner Korrespondent der Basler "Nationalzeitung" allzu rosarote Optimisten warnt: "Heute im offenen Konflikt mag die unergründliche Kominformdiplomatie genau so gute Motive finden, Tito durch Entzug ihrer Unterstützung Schwierigkeiten zu bereiten, als aber auch den jugoslawischen Nationalisten zu zeigen, daß die slawische Verbundenheit durch diese Auseinandersetzung nicht gestört werden dürfe".
Inzwischen rührt die jugoslawische Presse heftig die Propagandatrommeln, um die Staatsvertrag-Schöpfer gebührend auf die angebliche Rechtmäßigkeit der jugoslawischen
Forderungen aufmerksam zu machen. "Jugoslawien wird die durch die österreichischen Germanisierungsversuche bedrohten Slowenen in Kärnten niemals im Stich lassen", trompetete erst jetzt wieder das Regierungsorgan "Borba" mit Richtstrahler nach London.
Der von Jugoslawien geforderte Teil von Kärnten umfaßt etwa 30 Prozent der Gesamtfläche des Bundeslandes und 40 Prozent seiner Bevölkerung. Die Städte Villach und Klagenfurt und den allen Oesterreich-Touristen zum Begriff gewordenen Wörther See eingeschlossen. 2654 qkm Boden und 194000 Menschen will Tito seinem Reich einverleiben*). Nur 30000 von ihnen sind slowenischer Abstammung.
Die ethnographische Begründung des jugoslawischen Landappetits steht also schon rein zahlenmäßig auf schwachen Füßen - ganz abgesehen davon, daß die Mehrzahl der Südkärntner Slowenen gar nicht "befreit" werden will. Der strategische Seitenblick Jugoslawiens springt dafür um so mehr in die Augen.
Kärnten ist eine bedeutende Transitstation im Nord-Süd-Verkehr. Der sogenannte "schräge Durchgang" von Wien über Leoben-Villach-Tarvis nach Italien ist eine der großen Verkehrsadern Europas. Sie ist heute bei Tarvis nur zehn Kilometer von der jugoslawischen Grenze entfernt. Aber erst wenn Jugoslawien von der Felsengrenze der Karawanken in das Klagenfurter Becken herniedersteigen kann, kontrolliert es diese wichtige Linie, die die Verbindung zwischen Donau und Adria herstellt.
Die jugoslawischen Forderungen gehen deshalb nach österreichischer Ansicht weit über die Sicherung des nationalen Daseins der Slowenen hinaus. Sie umfassen jetzt nicht nur das gesamte ehemalige Abstimmungsgebiet, sondern darüber hinaus auch Teile des Landes, in denen die Slowenen nur eine ganz geringe Mehrheit bilden oder seit der bajuwarischen Kolonisierung im 9. Jahrhundert überhaupt nicht ansässig waren.
Der Gegensatz zwischen Deutschen und Slowenen in Kärnten ist noch sehr jungen Datums. Erst um 1910 herum wurde von außen her der politische Kampf hereingetragen, vor allem durch die slowenischen Alpenvereine und durch gewisse Teile des niederen katholischen Klerus. Die natürliche Grenze der Karawanken einerseits und die handelspolitische Orientierung Südkärntens nach dem deutschsprachigen Oesterreich andererseits wirkten jedoch immer wieder als Bremse ultranationalistischer Tendenzen.
Erst wenige Jahre vor dem "Anschluß" ihres Gastlandes sahen die slowenischen Separatisten ihren Weizen wieder blühen. Vor allem die halbgermanisierten Slowenen, die sogenannten "nemschkutari", verhandelten seinerzeit immer wieder mit der deutschen NSDAP (Gauleiter Klausner), um für den Fall des "Anschlusses" eine Abtretung Südkärntens an Jugoslawien sicherzustellen.
Auf dem Breslauer Bundessängerfest 1936 riefen die slowenischen Abordnungen am lautesten "Chail Chitler!" Nach dem Anschluß wurden sie tatsächlich durch die neuen Machthaber weitgehend gefördert, Das änderte sich allerdings schlagartig, als am 6. April 1941 Jugoslawien von der
Achse abfiel. Von da an wurden die Slowenen radikal verfolgt und ausgesiedelt.
Viele von ihnen schlossen sich daraufhin in den Bergen zu Partisanengruppen zusammen. Später vereinigten sie sich mit den Tito-Partisanen in Oberkrain. Gegen Kriegsende waren weite Gebiete in den Bergen ganz unter ihrer Kontrolle.
Tito lohnte der Mehrzahl der Kärtner Slowenen diesen Dienst schlecht. Seine Truppen hatten im Frühjahr 1945 einen halben Tag lang ein Drittel der Stadt Klagenfurt besetzt. In dieser kurzen Zeit wurden in der Jesuitenkaserne über 200 Personen zusammengetrieben und entweder erschossen oder auf Nimmerwiedersehen nach Jugoslawien abtransportiert.
Der Nervenkrieg im Land an der Drau hat seither nicht aufgehört. Immer wieder werden im Grenzgebiet Slowenen wegen angeblicher Zusammenarbeit mit Oesterreich oder der englischen Besatzungsmacht ermordet oder über die Grenze verschleppt.
Titos Statthalter in Kärnten ist heute die "Osvobodilna Fronta za Slovenskom Koroschkom" (Slowenische Befreiungsfront für Kärnten). Ihre zahlenmäßig geringe Stärke gleicht sie durch einen mit aller NKWD-Raffinesse ausgeübten Druck auf die slowenische Bevölkerung Kärntens aus. Die titofreundliche Irredenta kann dabei in aller Oeffentlichkeit auftreten. Oesterreich hat, um jede Spannung mit dem Nachbarland zu vermeiden, ihre Tätigkeit offiziell erlaubt.
Die "OF" hat überall im Hinterland und im umstrittenen Landstrich ihre Funktionäre. Sie hat einen regelmäßigen, illegalen Grenzgängerdienst nach Jugoslawien eingerichtet und treibt intensive Tito-Propaganda. Ebenso gehören Ueberfälle auf Slowenen, Oesterreicher und Engländer zu ihrem Programm.
Organisationsleiter der "OF" ist der aktive jugoslawische Major Primosic, der sich in Kärnten bereits als der "Konrad Henlein Oesterreichs" einen Namen gemacht hat. Offiziell ist Primosie nur als Landarbeiter registriert. Er kam als Kommandeur der Partisanen ins Land, die 1945 unter Mißachtung eines Abkommens der Großmächte über die Karawanken nach Kärnten einmarschiert waren. Erst nach langwierigen Verhandlungen konnten damals britische Stellen die Jugoslawen zum Abzug bewegen.
Bei der Mehrzahl der Kärtner Slowenen stößt die "Slowenische Befreiungsfront" allerdings auf wenig Gegenliebe. Das enge Zusammenleben der Slowenen mit der deutschsprachigen Bevölkerung hat im Laufe der Zeit einen Volkstyp geschaffen, dem alles andere näher liegt als Nationalismus Neubelgrader Prägung.
Das einstige Gastland ist den meisten dieser 30000 Slowenen längst zur Heimat geworden. In Wien unterstreicht man diese These mit dem Hinweis, daß heute im österreichischen Innenministerium über 4000 Anträge in Kärnten lebender Slowenen, Kroaten und Serben auf Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft vorliegen.
Oesterreich verfolgt darüber hinaus seit 1945 eine großzügige Realpolitik, um allen separatistischen Tendenzen von vornherein die Spitze abzubrechen. In den 106 Schulen des gemischtsprachigen Gebiets ist der Zweisprachenunterricht obligatorisch. In den oberen Klassen müssen auch österreichische Kinder Slowenisch lernen.
Die slowenische Bevölkerung darf alle Eingaben an die österreichischen Behörden in ihrer Muttersprache abfassen. Darüber hinaus sind slowenische Vereine aller Art, Slowenen in allen Berufen und slowenischer Gottesdienst zugelassen.
Trotzdem spricht Belgrad nach wie vor von Unterdrückung und Terror gegen die slowenische Minderheit. Durch die massive jugoslawische Zweckpropaganda ist Kärnten zu einem neuralgischen Punkt nicht nur Oesterreichs, sondern Europas geworden.
Denn - das wissen auch die Außenminister-Stellvertreter der Großen Vier, wenn sie jetzt in London bei den Staatsvertrag-Verhandlungen erneut über der Kärtner Frage zusammenprallen werden - es geht hier nicht um das nationale Schicksal von ein paar tausend Angehörigen einer ethnischen Minderheit. Es geht darum, ob unter dem Vorwand nationaler Selbstbestimmung ein beherrschender Punkt im europäischen Verkehrsnetz zum Aufmarschgebiet des Ostens oder des Westens wird. Oesterreichs Hoffnungen auf einen erfolgreichen Abschluß der Londoner Konferenz sind deshalb mehr als gedämpft.
*) Weitere noch offenstehende Punkte des Staatsvertrages: die Frage der deutschen Guthaben, die künftige Armee Oesterreichs, das Problem der verschleppten Personen und die Garantie der Unabhängigkeit Oesterreichs.
*) Bereits nach dem ersten Weltkrieg hatte Jugoslawien ähnliche Ansprüche auf österreichisches Gebiet erhoben. Unter alliierter Kontrolle wurde am 10. Oktober 1920 eine Volksabstimmung durchgeführt, die auch im gemischtsprachigen Gebiet eine eindeutige Entscheidung zugunsten Oesterreichs erbrachte. Kärnten blieb ungeteilt bei Oesterreich, ausgenommen das Miess- und Kanaltal sowie die Gemeinde Seeland-Jezersko, die ohne Abstimmung zu Jugoslawien kamen.

DER SPIEGEL 6/1949
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