26.02.1949

MEDIZIN

Vorbeugen mit Romadur

Viel zu früh

Dr. Rauch ist alles andere als erfreut von gewissen Briefen, die er erhält. Sie kommen von Tbc-Kranken und Aerzten, deutschen und ausländischen. Die Kranken wollen wissen, wo sie Rauchs Tbc-tötenden Romadur beziehen können, und die Aerzte interessieren sich für den letzten Stand der Versuchsergebnisse.

Dr. Gustav Rauch, 36, Internist, zur Zeit im Bad Reichenhaller Krankenhaus im neugeschaffenen Labor des Bakteriologischen Instituts mit Forschungen auf dem Gebiete der Asthma-Bekämpfung beschäftigt, liest solche Briefe mit mißbilligend hochgezogener Stirn: "Viel zu früh". Er ist nicht gut zu sprechen auf den Zeitungsmann, der die Kunde von dem Käse, der ein sicheres Mittel zur Tötung des Tuberkelbazillus sei, in die Oeffentlichkeit schickte, ohne daß Dr. Rauch selbst befragt worden war.

Die Tbc-Käse-Meldung jagte durch die Zeitungen und wurde vom Ausland übernommen. Dr. Rauch wurde jäh ein hinlänglich bekannter Mann, ohne bis zum heutigen Tage Gewißheit über die Wirksamkeit seines Tbc-Romadur zu haben.

"Der menschliche Darm birgt Millionen von lebenden und toten Bakterien", erklärt Dr. Rauch. "Einige Stämme der lebenden haben die Fähigkeit, Krankheitserreger im Körper zu beeinflussen. Sie können auf die Entwicklung der Krankheit hemmend oder auch abtötend wirken.

"Der bakterienhaltige Yoghurt ist dafür ein Beispiel. Aber Yoghurt-Bazillen bleiben im Körper nicht haften. Sie wandern wieder ab, noch ehe sie wirksam in Funktion treten können".

Und das ist es, was Dr. Rauch beschäftigt: wie man körpereigene Bakterien ansiedeln könnte. Würden sie durch Injektionen verabreicht, so entstünden Störungen der Organe. Man kann sie aber durch Nahrungsmittel dem Körper zuführen, und hierfür ist Käse besonders geeignet, weil sich Bakterien im Käse innerhalb von 24 Stunden millionenfach vermehrten. So kam Dr. Rauch darauf, Romadur mit lebenden Bakterien zu versetzen.

Völlig unabhängig von den Forschungsarbeiten Dr. Rauchs, hat sich auch der Tbc-Spezialist Prof. Hesse mit der Bekämpfung der Weichteil-Tbc durch Bakterien beschäftigt. Auf der vorjährigen Tuberkulose-Konferenz erklärte er, daß täglich 200 Milliarden lebende Bazillen notwendig seien, um Einfluß auf die Tbc nehmen zu können.

"Das bedeutet: ein Kranker muß täglich mindestens ein Viertelpfund mit Bazillen versetzten Käse zu sich nehmen, um seinem Körper diese Menge von Bakterien zuzuführen", sagt Dr. Rauch hierzu.

Er betont, die Bakterienstämme könnten niemals als ein Radikalmittel gegen jede Art von Tuberkulose angesehen werden. Er denkt in erster Linie an ein Prophylaktikum, ein Vorbeugungsmittel:

"Wenn sich zeigt, daß die Bakterien aus dem Käse sich im Körper ansiedeln und wenigstens hemmende Wirkung auf den Tuberkelbazillus ausüben, bieten sie einen relativen Schutz gegen das Auftreten einer klinischen Erkrankung bei Eindringen von Tbc-Bazillen."

Dr. Rauch arbeitet seit zwei Jahren an diesem Problem. Seit einem halben Jahr stellt eine Schwarzwälder Molkerei den Bakterienkäse her. Einige hundert Kilo wurden seitdem Kranken in verschiedenen Kliniken verabreicht. Ergebnisse sind vorhanden, reichen aber zahlenmäßig noch nicht aus, um die Gewißheit einer garantierten Wirkung zu geben.

Dr. Rauch hofft, daß sich die bisherigen Ergebnisse auch künftig bestätigen. Dann könnte der Käse vielleicht durch eine auf breiter Grundlage erfolgende Versorgung vor allem Kindern als Vorbeugungsmittel gegen die immer drohende Tbc-Gefahr verabreicht werden.

Aber: "So lange ein Ausmaß der Heilkraft noch nicht endgültig feststeht, wäre es unverantwortlich, den vielen Tbc-Kranken ein Wundermittel anzukündigen", sagt Dr. Rauch.


DER SPIEGEL 9/1949
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