26.03.1949

Große Leidenschaft: Duschen

Achtundsechzig Sekunden lang tobten und schrien eineinhalb tausend Leute am Beckenrand des Braunschweiger Hallenbads. Ein Zeitnehmer fiel ins Wasser. Achtundsechzig Sekunden lang schwammen Walter Klinge und Herbert Klein im Butterfly-Stil um einen Zentimeter Vorsprung. Nach dem letzten Zug schlug Herbert Klein eine Handbreite vor Walter Klinge an. 1:08,3 Minuten zeigten die Uhren für die 100-m-Strecke. Des Toulousers Alfred Nakache Europa-Rekord steht drei Zehntel schlechter.
Achtzehn Stunden vorher war Herbert Klein auf der 200-m-Brust-Strecke schon einmal schneller als der bisher schnellste Europäer Nakache: 2:35,9. Nur zwei Amerikaner können es in der ganzen Welt besser. "Ich war auf die Minute fit", sagte Herbert Klein hinterher. "Bei 150 m schluckte ich eine mächtige Portion Wasser. Aber ich mußte ja unbedingt gewinnen."
"Das ist der kommende Mann", schrieb 1938 Rudi Beer in der Breslauer "Schlesischen Tageszeitung" von seinem 15jährigen Landsmann Herbert Klein. Zehn Jahre später trafen sich die beiden in München wieder. Aus englischer Gefangenschaft war Herbert Klein geradewegs nach Bayern gegangen (obwohl ihn elterliche Bande eigentlich ins ostzonale Mecklenburg zogen) und in den Münchner VfvS (Verein für volkstümliches Schwimmen, stark schlesisch durchsetzt) eingetreten. Rudi Beer nahm ihn in seine Obhut und trainierte ihn.
1941 war der Banklehrling Herbert Klein zur Marine eingezogen worden. In Italien geriet er 1944 in englische Kriegsgefangenschaft, und in Cornwall saß er hinter dem Stacheldraht. 1947, als die Gefangenen einige Freiheiten bekamen, ging er zu einem Cornwallschen Bauern und kam bei Landluft und guter Verpflegung rasch wieder zu seinem Anfangsgewicht von 83 Kilogramm.
Es fand sich auch eine Lehmgrube mit stinkigem Wasser, und Klein fing provisorisch an zu trainieren. Er war körperlich glänzend in Schuß, als er im März 1948 nach München kam. Einen Monat später startete er bei Süddeutschlands Hallenmeisterschaften in Stuttgart und wurde, noch im alten klassischen Bruststil, Doppelmeister über 100 und 200 m.
Erst im Mai schulte er auf Butterfly um. Die Amerikaner ließen ihn im besetzten Dante-Stadion an drei Tagen in der Woche trainieren, aber nicht bei Regen und nur unter Ausschluß der unmoralischen Dreiecks-Badehose.
Klein war der erste Deutsche, der die 200 m im Butterfly-Stil durchhielt. Die neuesten FINA-Regeln (Féderation international des nageurs amateurs) verbieten den gemischten Stil. Er blieb beim Butterfly, seine Zeiten verbesserten sich ständig.
Ganze 70 Zuschauer erlebten am 19. Dezember in Münchens grüngekacheltem Müller-Volksbad, wie Klein bei einem internationalen VfvS-Schwimmfest (noch nicht anerkannt) 200-m-Europa-Rekord schwamm. Die drei offiziellen Kampfrichter-Uhren zeigten 2:36,2, 2:36,6, 2:37,0. Das Mittel ergab 2:36,6.
Klein trainiert seither auf Weltrekord. Täglich geht er unter Rudi Beers Leitung ins Wasser. Ab und zu legt er eine Gymnastik-Pause ein. Seine große Leidenschaft: Duschen. Stundenlang steht er nach dem Training unter der heißen Brause.
In München wohnt Herbert Klein an historischer Stelle: Sterneckerstraße 1, Direkt unter der Malermeister-Wohnung, in der Herbert Klein sich ein Zimmer renoviert hat, liegt der Sterneckerbräu, in dem sich seinerzeit Hitler der Politik zuwandte.
Herbert Klein ist Wechselfachmann bei der Münchner Raiffeisenbank mit 150 DM netto im Monat. Etwas davon spart er für seine Zimmereinrichtung. Nur Bett und Tisch sind noch Malermeister-Besitz. Das Abendessen macht kaum Sorge. Nach dem Training ist Herbert Klein bei spendablen Vereinsanhängern zu Gast.

DER SPIEGEL 13/1949
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