19.03.1949

Zielbewußt verproletarisiert

Nach viereinhalb Jahren wurde jetzt - ein wenig - der Vorhang des Schweigens gelüftet, der sich am 23. August 1944 über mehr als eine halbe Million Deutsche senkte. Seit Rumänien auf die Seite der Alliierten übersprang, war die deutsche Bevölkerung des Landes so gut wie vogelfrei. Von dem, was von ihr übrigblieb, ist nun zum ersten Mal wieder die Rede.
So meldete die amtliche Bukarester Nachrichten-Agentur "Rador", daß es "Vertretern der deutschen Arbeitenden in der Rumänischen Volksrepublik" gestattet wurde, in Bukarest zusammenzukommen. Ein Antifaschistisches Komitee von 15 Mitgliedern mit dem Sitz in der Hauptstadt wurde gebildet.
Dieses Komitee sei für alle Fragen der Lenkung der Deutschen zuständig, erläuterte "Scanteia", das Parteiblatt der rumänischen Kommunisten. Die Deutschen in Rumänien hätten das Recht auf Arbeit und gerechten Lohn sowie das Recht, ihre Muttersprache zu sprechen und deutsche Schulen zu unterhalten.
Die rumänische Regierung ermögliche jetzt auch die Herausgabe deutscher Blätter und Bücher. Das Deutsche Antifaschistische Komitee werde die deutsche Zeitung "Neuer Weg" herausbringen.
Eine solche Sprache im amtlichen Parteiorgan läßt darauf schließen, daß man auch in Rumänien die Zeit für gekommen erachtet, mit der Kollektiv-Bestrafung der so lange als "unverbesserlich" bezeichneten Deutschen Schluß zu machen. Der Varga-Weißfeld-Plan von 1943, das sowjetische Gegenstück zum amerikanischen Morgenthau-Plan, wird zu den Akten gelegt.
In mancher Hinsicht ging es den zum Teil seit acht Jahrhunderten im Lande ansässigen Deutschen nach 1944 schlechter als den "Romi", den volksbewußten und organisierten rumänischen Zigeunern. All das Düstere, das die sächsischen und schwäbischen Liberalen und andere Gegner des nationalsozialistischen Totalitarismus für den Fall einer deutschen Niederlage seit Beginn des Krieges vorausgesagt hatten, ging in Erfüllung. Der Rachefeldzug gegen alles Deutsche nahm in Rumänien Formen an, die selbst die pessimistischsten Erwartungen weit übertrafen.
Im Herbst 1944 wurden zunächst alle Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben und sonstigen Volksdeutschen interniert, die im politischen und wirtschaftlichen Leben der Volksgruppe je eine Rolle gespielt hatten. Soweit sie noch erreichbar waren und nicht wie der letzte Volksgruppenführer Andreas Schmidt, ein Schwiegersohn des SS-Obergruppenführers Berger, und der Vorgänger Schmidts, Dr. Arnold Bruckner, mit ihren Getreuen nach Deutschland geflohen waren.
Eine politische Vertretung der Deutschen gab es nicht mehr. Versuche freimaurerischliberal orientierter deutscher Antifaschisten, eine neue politische Organisation der deutschen Minderheit ins Leben zu rufen, scheiterten. Es herrschte die sowjetrussische Siegerwillkür und die rumänische "Demokratie des Backschisch".
Ende 1944 forderte Moskau von Bukarest die sofortige Stellung von 100000 Arbeitskräften für den sowjetrussischen Wiederaufbau. In erster Linie griff die rumänische Regierung auf die Siebenbürger und Banater Deutschen zurück, um ihnen - wie es offiziell hieß - "für die Behandlung der Juden heimzuzahlen".
Mitte Januar 1945 wurden alle volksdeutschen Männer im Alter von 16 bis 45 Jahren und alle Frauen im Alter von 16 bis 35 Jahren (bei denen, die Angehörige in der SS hatten, galt die Altersgrenze nicht) bei großer Kälte in Viehwagen nach Rußland transportiert. Sie landeten in den Erz- und Kohlenbergwerken im Donezgebiet und in Kriwoj Rog.
Die stattlichen Höfe der Siebenbürger Sachsen und der Banater Schwaben, die durch ihre Tüchtigkeit allgemein einen überdurchschnittlichen Grad des Wohlstandes erreicht hatten, begannen unter ihren neuen rumänischen Hausherren zu verkommen.
Allein aus Siebenbürgen wurden 80000 bis 100000 Volksdeutsche beiderlei Geschlechts nach Südrußland verschleppt. Etwa ebensoviel blieben zurück: fast ausschließlich Kinder, Kranke und Alte.*)
Etwa ein Viertel der Verschleppten kam in den Arbeitslagern des südrussischen Erz- und Kohlenbezirks ums Leben. Mitte 1947 begann die Rückführung der Ueberlebenden.
Die Russen entließen einen beträchtlichen Teil von ihnen nicht nach Rumänien, sondern in die sowjetische Zone Deutschlands, besonders nach Thüringen.
Heute sind kaum noch Rumäniendeutsche in der Sowjetunion. In den Arbeitslagern um Kriwoj Rog und Stalino wurden sie durch "echte Deportierte" abgelöst: Politisch-Verbannte aus Rumänien, Ungarn und den übrigen Volksdemokratien.
Obwohl viele der im Januar 1945 verschleppten Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben wieder "zu Hause" sind, wird die Zahl der Sachsen auf kaum höher als 120000 geschätzt. Die Gesamtzahl der Volksdeutschen in der Rumänischen Volksrepublik beträgt heute 200000. Vor dem Krieg waren es 750000.
Ihre wirtschaftliche Kraft ist durch Enteignung und zielbewußte Verproletarisierung noch viel stärker zurückgegangen.
Die Mitglieder des neuen Komitees, das zur politischen Führung der deutschen Volksgruppe berufen ist, gehören zu denjenigen jüngeren Rumäniendeutschen, die in sowjetischen Schulungslagern zu kommunistischen Agitatoren ausgebildet wurden.
Das Antifa-Komitee begann seine Tätigkeit mit einem Telegramm an das Politbüro der Rumänischen Arbeiterpartei. Darin heißt es, das Komitee verpflichte sich, "mit Spuren des Faschismus innerhalb der deutschen Bevölkerung schnell und vollständig aufzuräumen".
Seine nächste Aufgabe wird es sein, einen "Deutschen Volksbund" zu organisieren, der dann im Rahmen der "Demokratischen Front" mit den Kommunisten eng zusammenarbeiten soll. "Zur Stärkung des von der Sowjetunion geführten demokratischen und antiimperialistischen Lagers".

Weder offen noch maskiert
werde eine Opposition gegen den zwischen Frankreich und dem annamitischen Ex-Kaiser Bao Dai geschlossenen Pakt gestattet werden, erklärte ein Sprecher der profranzösischen Regierung Süd-Vietnams. Das Abkommen sieht die Rückkehr des augenblicklichen Zivilisten Bao Dai (links) auf den Königsthron von Annam vor (rechts), um den seit drei Jahren in Indochina andauernden Kleinkrieg zu beenden. Ho Chi Minh, der Präsident der Vietnam-Republik, Führer der indochinesischen Kommunisten und Gegenspieler Frankreichs und Bao Dais, läßt augenblicklich als Antwort auf den Pakt seine kommunistischen Streitkräfte mobilisieren. Sie sollen zu einer umfassenden Gegenoffensive gegen die französischen Truppen starten, sobald Bao Dai, aus Frankreich kommend, wieder indochinesischen Boden betritt.
*) Die Vorkriegsgesamtzahl von 230000 bis 240000 hatte sich während des Krieges um etwa 20000 zur Waffen-SS eingezogene Männer und um mehr als 10000 beim Umsturz nach Deutschland Geflüchtete vermindert.

DER SPIEGEL 12/1949
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