05.03.1949

Glaubst Du dem Klassenfeind?

Vor die Kaserne der sächsischen Grenadiere am Dresdner Alaunplatz, jetzt Sitz des SED-Landesvorstandes, flog eine Bombe, ein zeitungspapierner Volltreffer: Ernst Lohagen, Mitglied des Zentralvorstandes der SED und Landesvorsitzender von Sachsen, sei ein Vertrauensmann der Gestapo gewesen. Das sei nach Durchsicht von Gestapo-Akten festgestellt worden, teilte der britische Informationsdienst in Berlin mit. Als Vergeltung gegen die Vorwürfe des Berliner Sowjet-Kommandanten Jelisarow, die Westmächte entnazifizierten ungenügend.
Sachsens Kader-Kapitäne Schliebs und Böhme steckten die Zeitungsbombe schnell in die Tasche und riegelten sich prüfenshalber im Zimmer 26 ein. Mit den Geheimakten.
Es war ihnen nicht sehr wohl dabei. Denn von allen, die dem kleinen Ernst Lohagen (damals Kreisvorsitzender der KP) Weihnachten 1945 beim Leipziger Einheitsschwur die Hand drückten, ist niemand mehr frei.
Sein Vis-à-vis im komfortablen Direktorialzimmer Nr. 7 der Leipziger ADCA = Allgemeine Deutsche Credit-Anstalt (heute Dienstsitz der SED Westsachsen), Stanislaw Trabalski, sitzt längst im Dresdner NKWD-Keller.
Er war Leipzigs letzter SPD-Vorsitzender und muß dafür büßen, daß er mit Lohagen verwechselt wurde, wenn er den Telefonhörer abnahm. Da bestellte ein Geheimer aus Berlin - in dem Glauben, er spreche mit Lohagen - eine LKW-Ladung Plakate für Max Reimanns West-KP, geschwind in Leipzig zu drucken. Trabalski, erschrocken über diese Aufträge, fragte Vertraute: "Existiert denn die KP bei uns immer noch?" Sie existierte. Trotz SED. Mit eigenen Akten. Als Lohagen dieses Geheimnis entdeckt sah, ließ er sein Vis-à-vis verschwinden. Ein Anruf bei Frau Schulmann, weiblichem Oberleutnant mit Silberfüchsen und Auge Moskaus für Westsachsen, genügte.
Der alte Ede Amborn, Bürgermeister von Leipzigs Vorort Burghausen und Traditionshüter von 1891 (Erfurter Parteitag), glaubte sich gefeit gegen den blonden Fünfziger Lohagen, weil er Ostern 1946 in der Einheits-Oper Wilhelm Pieck den verlorenen Krückstock August Bebels in die Hand drücken durfte. Er kritisierte Bodenreform und Lohagens Menschenjagden. Der Veteran des Sozialistengesetzes und Erbe von Bebels Krückstock verschwand hinter den Gittern der GPU.
Sechs Jahre saß Erich Schilling, einst Vorsitzender des Leipziger Gewerkschaftskartells, im KZ Buchenwald. Freitags traf er sich bei obergäriger Gose mit dem Volkshaus-Kreis. Ernst Lohagen warf sich mit einer Handvoll Häscher in seine Limousine und hob den ganzen Kreis als "Hochverräter" aus. Dabei war Ernst Schönfelder, Stadtverordnetenvorsteher der Messestadt.
Dr. Zeigner, Ex-Ministerpräsident Sachsens von 1923 und Leipzigs Oberbürgermeister seit 1945, knallte mit puterrotem Kopf die Tür zu Lohagens Klubsessel-Kabinett am Augustusplatz zu. Er war "vorgeladen". Er gilt Lohagen als verdächtig.
Dann räumte Lohagen in Plagwitz auf, bei der "Konsumbande". Die schmierte immer Gniffke Honig aufs Weißbrot ohne Marken, wenn der aus Berlin kam. Es ging allerdings nicht um Gniffkes Honig, es ging um die Millionen des Leipziger Konsums. Die hütete Ex-Sozialdemokrat Wilhelm Fischer. Lohagen bekam die Millionen, und Fischer wanderte hinter Schloß und Riegel. Ordnung herrschte in Leipzig.
Da war noch, steinalt und unnahbar, Hermann Fleißner, Leipzigs Polizeipräsident aus Eberts Tagen. Der hatte aus Lohagens Hand keine Würde genommen, sondern wog immer noch Möhren und Quark in seinem Krämerladen, seit 1933. Wieder warf sich Lohagen in die Limousine und fuhr zum Petersteinweg Nr. 19. Wo einst Herfurth die "Leipziger Neuesten" druckte, herrschte damals Ritterkreuzträger und SA-Sturmführer Dr. Gerhard Dengler und machte die "Leipziger Volkszeitung". "Du mußt ihn Arbeitermörder nennen!" sagte Lohagen zum Dengler. Der tauchte seine Feder ein und nannte Hermann Fleißner, gleichgeschaltetes Mitglied der SED, öffentlich Arbeitermörder. Auf 240000 Zeitungsexemplaren.
Lohagen lief Amok. Er fuhr ins SAG-Kombinat Böhlen-Espenhain und ließ die kleinen Kohlen-Manager antreten. "Ich komme von der Partei!" Ging durchs Werk und befahl, Böhlen-Espenhain vom Kohlenstaub auszufegen. Sonntags vormittags. "Jetzt gibt es keinen Kohlenstaub mehr, und die Sicherheit der Produktion ist gewährleistet", erklärte er vorm Parteivorstand in Berlin. Ulbricht merkte sich den Mann.
Lohagen fuhr nach Zeitz. In die "Brabag". Er besah die Abwässer. Dann ließ er die Chemiker antreten. "Sie werden Seife machen!" sagte er. Dann sauste er zur Wiko in Berlin und verkündete: "Die Brabag-Burschen werden mir Seife machen: Sechs Millionen Stück im Monat!"
Als Riesa keine Fünf-Zöller-Schrauben hatte, schloß er den ADCA-Palast am Augustus-Platz und jagte die Parteibürokraten durch Westsachsen, die Schrauben für Riesa aufzutreiben. "Ich wollte damit zeigen, daß sich unsere verantwortlichen Parteiarbeiter mit diesen Fragen, die Lebensfragen unseres Volkes sind, befassen müssen, oder sie werden nicht mehr in der Lage sein, verantwortliche Parteiarbeiter zu sein", stenographierte Heini Maß, SED-Geheim-Stenograph des Berliner Glaspalastes, ins Protokoll.
Wer solche Taten vollbringt, ist in der Volksdemokratie zu höheren Würden berufen. Als Wilhelm Koenen von Dresden nach Berlin ging, um den Volksrat kominformistisch aufzumöbeln, wurde ein Stuhl am sandigen Alaunplatz in Dresden frei. Lohagen schlüpfte hinauf. Der Mann mit dem dunklen Punkt wurde Sachsens Parteivorsitzender. Und Sachsen ist das Paradeland der SMA.
Jetzt fiel die Bombe vor die Grenadier-Kaserne: Lohagens KZ-Haft soll, obschon er seit 1911 sozialistisch kämpft, mit Gestapo-Henkersblut befleckt sein. Vorzimmer-Käthe schluchzte. "Glaubst Du dem Klassenfeind?" fragte der goldbebrillte Zwerg Ernst die dicke Käthe. Und fuhr mit ihr auf den Weißen Hirsch zum Abendschmaus.

DER SPIEGEL 10/1949
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