15.04.1949

Paradies zu verkaufen

Eines der letzten privaten Paradiese dieser Erde wird sich in Kürze den neugierigen Augen des Publikums öffnen. Die Brissago-Inseln im Lago Maggiore sind zum Verkauf angeboten. Ihr jetziger Eigentümer Dr. Emden jun., Sohn des aus Hamburg gebürtigen deutschen Millionärs Dr. Max Emden, will sie den schweizerufrigen Gemeinden des Lago Maggiore - Locarno, Ascona, Ronco und Brissago - für 700000 Schweizer Fränkli überlassen. Obwohl sein Vater im Laufe der Jahre allein über zwei Millionen Franken für die Errichtung verschiedener Baulichkeiten und Verschönerungsanlagen in die Inseln hineingepumpt hat.
Die beiden traumschönen Eilande beschäftigen die Gemüter der Eidgenossen beträchtlich. Die einen finden die Summe von 700000 Franken zu hoch, während andere sich von der Erschließung der Dornröscheninseln für den Fremdenverkehr hübsche Einnahmen versprechen. Bisher waren sowohl die 25568 qm große "Isola grande" oder "San Pancrazio" wie auch die nur 8186 qm messende "Isolino" oder "San Apollino" - von den Uferbewohnern meist nur Kaninchen-Insel genannt - für Einheimische und Fremde verbotenes Terrain.
Vielleicht wird deshalb in der Schweiz der Name der Brissago-Inseln gern in einem Atemzuge mit Campione, Monte Carlo oder der amerikanischen Scheidungsfabrik Reno genannt. Ein geheimnisvolles und romantisches Fluidum geht von den Inseln mit der marzipanfarbenen Casetta, dem feudalen Palazzo und den prächtigen Parkanlagen aus. Aufregende Wahrheiten und pointenreiche Dichtungen machten sie jahrelang zum Objekt sensationsgeladener Stories.
Bis ins graue Altertum reicht die Geschichte der beiden Inseln zurück. Die Uferbewohner der damaligen Zeit legten auf der größeren Insel einen Tempel zu Ehren der Liebesgöttin Venus an. Etliche Jahrhunderte später wurde der Venus-Tempel zerstört und an seiner Stelle ein christliches Gotteshaus, die St.-Apollinaris-Kirche, errichtet. Ihre letzten Ueberreste sind noch heute auf der "Isola Grande" zu sehen.
Im Mittelalter kam zu dem Gotteshaus ein Kloster hinzu. Das mußte allerdings nach einiger Zeit wegen des schlechten Lebenswandels der Mönche aufgelöst werden. Der Geist der Venus ging noch immer auf den Inseln um.
Die steinreiche, mit dem Haus Romanoff verwandte russische Baronin Antoinette de Saint-Léger, die 1885 die Inseln erwarb, war vom Geist der Venus nicht infiziert. Dafür wurde das skurrile Weiblein den Uferbewohnern, die noch heute die seltsamsten Geschichten von ihr zu erzählen wissen, durch allerlei exzentrische Kapriolen bekannt.
In einem dunklen Kellerraum ihrer Villa betrieb sie beispielsweise eine kleine Puppenfabrik. Mit einem eigenen Poststempel setzte sie schließlich ihrem Namen ein bleibendes Denkmal. Heute werden in der Schweiz für Briefmarken mit dem Stempel "Isola Leger" bis zu 6000 Franken bezahlt.
Durch gewagte finanzielle Spekulationen verlor die eigenwillige Baronin schließlich ihr ganzes, riesiges Vermögen. Bettelarm zog sie sich nach Intragna zurück. Dort starb sie zu Beginn vorigen Jahres im Armenhaus, 96jährig.
Der deutsche Millionär Dr. Max Emden, Besitzer mehrerer hamburgischer Warenhäuser, der 1928 die beiden Inseln für 340000 Franken erwarb, räumte mit dem skurrilen Plunder der russischen Baronin rigoros auf. Das alte Haus wich einem hochherrschaftlichen Palazzo. Kunstwerke von historischer Bedeutung trafen sich auf dem Flecken Land im Lago Maggiore. In Emdens Gästebuch schrieben sich der Prinzgemahl der holländischen Exkönigin Wilhelmine und der Märchenprinz Aga Khan ein.
Auch die Venus-Tradition der Inseln lebte wieder auf. Es gab rauschende Feste mit vielen schönen Frauen. Sie waren zum Teil auch der Grund dafür, daß sich Dr. Max Emdens Frau, die Mutter des heutigen Besitzers, scheiden ließ. Als Gräfin Einsiedel lebt sie jetzt in einem gelbgestrichenen Haus am Seeufer in Ronco, mit Blickfeld auf die Trauminseln. Nur einige stilechte Louis-XV.-Möbel aus der Inselvilla sind ihr verblieben.
Heute gleichen die Brissago-Inseln einem verlassenen Stadtgarten im Spätherbst. Nachdem sich vor einigen Wochen der jetzige Eigentümer, Dr. Emden jun., mit ein paar wertvollen Kunstgegenständen aus dem Palazzo nach Chile eingeschifft hat, sind zwei Wolfshündinnen augenblicklich die einzigen Bewohner der Eilande. Sie erfüllen ihre Pflicht trotzdem wie in alten Tagen. Seit das Haus unbewohnt ist, bellen sie einsamkeitssüchtige Liebespaare weg und zerbeißen streng nach Order die Ruder neugieriger Bootsfahrer.

DER SPIEGEL 16/1949
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