09.04.1949

Wiedersehen with Germany

Devisenbringer: Goethe

Mit hilflosem Lächeln, königs-blauem newlook-Mantel und bananengelber Holländerkappe stieg die in Italien geborene bayerische Touristenkönigin Evi Giovanelli auf dem Rhein-Main-Flughafen an Bord der New Yorker Maschine der "American Overseas Airline".

Mit ihr flogen Frau Sixt vom Export-Taxidienst als Gouvernante, vier Trachtenkostüme, für 24 Dollar Uebergepäck, ein deutsch-englisches Wörterbuch und Evis hektographierter Lebenslauf in Englisch, zum Verteilen an die Presse in New York.

Darin wird besonders das Lächeln der ehemaligen Zahnarztassistentin gebührend gepriesen, "durch dessen Anblick die Patienten ihre Zahnschmerzen stets vergaßen". Denn mit diesem Lächeln soll die 19jährige Evi auf der deutschen Industrieausstellung in New York zwei Wochen lang für den Touristenverkehr nach Deutschland werben.

Nachdem die brünette Evi aus Tegernsee vor drei Monaten von einigen ausländischen Journalisten ausgesucht worden war, dem deutschen Tourismus gute Dienste zu leisten, hat sie zwei Monate lang ihre Schulenglisch-Kenntnisse aufgemöbelt und ist vom Export-Taxidienst wochenlang durchs deutsche Land gefahren worden, seine Reisegebiete in Augenschein zu nehmen.

Was sie drüben zu tun haben wird, davon hat Evi noch keine genaue Vorstellung. "Ich habe aber kein Lampenfieber." Zwei Wochen soll sie drüben ihre Reize touristenwerbend anbieten. Aber wenn ihr dort jemand ein gutes Angebot macht, will sie gleich in Amerika bleiben.

Neben Evi sollen als Fremdenwerber zwei Individuen adamschen Geschlechts fungieren, zwei echte Harzer". Gleich rechts am Eingang des New Yorker Rockefeller-Building, vor den meterhohen Deutschland-Wandkarten des Touristenstandes für Devisen, sollen die beiden Herren Baumann werben und wirken. Und Goethe.

In 50000 Auflage lädt der weimarische Geheimrat mit skeptischer Miene dollarschwere Amerikaner weinrot-visionär ein, "sein Germany" zu besuchen. Mit Dollars kann man ihm auch "den Rhein entlang folgen", während Besatzer im Ruhestand auf Kupfertiefdruck aufgefordert werden, "Wiedersehen with Germany" zu feiern. 200000 Prospekte, vier Wandkarten und Dutzende von Fotos werden Westdeutschlands landschaftliche Restreize auf den 10 Quadratmetern der orange-blauen Touristen-Koje animierend zur Schau stellen.

Zerstörte Städte oder Bauten sind nicht zu sehen, Burgruinen ausgenommen. Hauptattraktionen sind unversehrt gebliebene Dinge, wie der Rhein, die Alpen, deutsche Gemütlichkeit, bayerische Gastfreundschaft (den Amerikanern gegenüber), Heilbäder und mittelalterliche Provinzstädte. Schlachtfelder werden, im Gegensatz zu den zwanziger Jahren, nicht als Touristen-Aktiva betrachtet und diskret verschwiegen.

Ihren ersten Nachkriegsvorstoß auf Dollar-Boden will die Deutsche Zentrale für Fremdenverkehr e. V.*) mit einem Touristentag krönen, mit Musik und Tanz, Trachtenkostümen, Landschaftsfilmen und Löwenbräu. Die Deutsch-Amerikaner sollen dabei helfen. Von ihnen erhofft man sich auch im DFV-Vereinslokal - in der ausgedienten Küche der Frankfurter Beethovenstraße

19 I. - das Gros von 300000 erwarteten Touristen.

Bis jetzt stehen aber einer solchen Fremdeninvasion noch arge Hemmungen entgegen: Noch immer müssen Ausländer bei den Büros der alliierten Militärregierungen in den europäischen Hauptstädten ein Entry-Permit zur Einreise nach Deutschland beantragen, und das geht nicht immer schnell. Im letzten Jahr waren es insgesamt 200000 Ausländer, die auf diese Weise nach Deutschland kamen.

Die Reisenden in der US-Zone haben nur die Wahl unter den 180 JEIA-Hotels, gegen Bezahlung in Besatzungsdollars. Deutsche Gaststätten sind Clay-verboten. Ausländer ohne Dollars müssen sehen, wo sie bleiben. Nach Deutschland können sie nicht.

Viele Touristen hatten keinen Appetit auf einen so einschränkungsbeladenen Urlaub in Westdeutschland und zogen es vor, ihr Geld in der Schweiz oder in Italien auszugeben.

Dem will die JEIA mit einem neuen System beikommen. In nächster Zeit - man spricht vom 1. Mai - soll den Touristen wieder die alte Freizügigkeit gewährt werden. Das sieht so aus: Der Deutschland-Reisende zahlt auf seiner Bank den Betrag in der Währung seines Landes ein, den er in Deutschland ausgeben will. Der Mindestbetrag richtet sich nach der Länge des vorgesehenen Aufenthaltes. Voraussetzung ist, daß das betreffende Land ein Handels- oder Zahlungsabkommen mit Westdeutschland hat, da sonst keine Verrechnungsbasis besteht.

Er bekommt dann einen Reise-Kreditausweis in Höhe der eingezahlten Summe. Nach dem Grenzübertritt, bei dem er nicht mehr als 40 DM bei sich führen darf, bekommt er eine Lebensmittelkarte (3500 bis 4000 Kalorien täglich), eine Devisenkontrollkarte und kann dann jederzeit auf einer deutschen Bank den Gegenwert seines Kreditausweises in DM zum 30-cent-Kurs abheben.

Mit dieser D-Mark könnte der Tourist zechen, wo es ihm beliebt, wenn General Clay sein zwei Monate altes Verbot, deutsche Gaststätten und Hotels zu besuchen (siehe SPIEGEL Nr. 11/49), wieder rückgängig machen würde.

Für den Wiederaufbau komfortabler Hotels hoffen die ZFV-Männer auf eine ERP-Scheibe aus Amerika. Dort hat der Senat dem europäischen Touristenverkehr schon offiziell seine dollar-gewinnende Rolle bescheinigt. Eine geplante Hotel-Treuhand-AG soll die deutsche Hotellerie mit einem 750000000 DM-Kredit bis 1952 wiederaufbauen.

In der Beethovenstraße gibt man zu, daß dies noch Zukunftspläne sind. Realiter befaßt man sich dort erst einmal mit den Reiseplänen, die diesen Sommer eine Menge amerikanische "middle-class"-Touristen durch Westdeutschland schleusen sollen.

Das Deutsche Reisebüro, eine Tochtergesellschaft der Reichsbahn, hat schon die erste JEIA-Lizenz zur Durchführung von Ausländer-Gesellschaftsreisen. Ab 1. Juli können die Touristen einen dreitägigen Rheinland-Trip für 46 Dollar oder für 49,50 Dollar eine ebenso lange Reise durch Bayern machen. Bis jetzt stehen schon 5500 feste Buchungen für Deutschland-Reisen in den Büchern des DER. Außerdem sollen in Sondertouren amerikanische Aerzte deutsche Krankenhäuser besichtigen und amerikanische GI's d. R. aufrecht durch die alten Kampfgebiete im Hürtgen-Wald laufen.

Alles in allem soll der Touristenverkehr in diesem Jahr rund 15 Millionen Dollar in die westdeutsche Devisenkasse bringen, gegenüber 1,055 Millionen Dollar durch JEIA-Hotels im letzten Jahr. Vor dem Krieg lag der Jahresdurchschnitt bei 180 Millionen Reichsmark. Damals stand der Fremdenverkehrsumsatz noch an dritter Stelle unter den Produktionszweigen der Industrie und des Gewerbes,

1950 soll weiter gesteigert werden. Goethe wird dann durch die Oberammergauer Festspiele ersetzt. Eine Reise dorthin läßt sich blendend mit dem "Heiligen Jahr" in Italien kombinieren.

*) Deutsche Zentrale für Fremdenverkehr (ZFV) hat als Mitglieder: Reichsbahn, Deutsche Post, Deutscher Bäderverband, Arbeitsgemeinschaft für Hotel- und Gaststättengewerbe, Bund deutscher Verkehrsverbände, DER u. a. m. ZFV ist der Nachfolger der "Reichsbahnzentrale für den deutschen Fremdenverkehr" und ist seit ihrer Gründung im Juni 1948 die einzig kompetente Stelle für den deutschen Fremdenverkehr.

DER SPIEGEL 15/1949
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