09.04.1949

Ein Auge genügt

Die Kader-Abteilung Seppl Millers (ehemals bayerisches KP-M. d. L.) im V. Stock des Berliner Glaspalastes der SED führt die Personalakten von zwei Koenen.
Der ältere ist Wilhelm, lange als Polit-Sekretär von Sachsen regierender Statthalter, aber mit einem Klecks auf seiner Konduite: Er kommt aus der englischen Emigration, die unter den Erzgenossen des Stalinismus nicht als der sowjetischen ebenbürtig gilt. So mußte Wilhelm der Aeltere unlängst dem radikaleren Lohagen aus Leipzig weichen. Ueber Leichen gehen beide. Nur daß Wilhelm, der Mann mit Spitzbart, modisch gemustertem Maß-Zweireiher und Havanna-Kiste in der Diplomatentasche an der Leiche noch die Haare dran läßt. Lohagen nicht. (Vergl. Spiegel, Nr. 10/49.)
Bernard Koenen, der Jüngere und Einäugige, gab sich proletarischer, wenn er im Hallenser Volkspark die rote Fuchtel des SED-Vorsitzenden über Wilhelms Nachbarland Sachsen-Anhalt schwang. Erst neulich noch ließ er den schwarzen Hoflieferanten der Sachsen-Anhaltiner Regierung für Importen unsanft kassieren. "Die brauchen nicht zu paffen", sagte er zu Frida, seiner Ehehälfte und allabendlichen Langstreckenrednerin zwischen Torgau und Nordhausen.
Aber wenn Wilhelm nur einen Klecks auf seiner Weste hat, dann hat Bernard gleich einen Flatschen: 1938 hatte ihn die GPU wegen mangelnder Linientreue bereits in das Lubljanka-Gefängnis von Moskau gesperrt. Das vergißt Org-Chef Franz Dahlem nicht. Um wieder richtig im Kielwasser des Stalinismus zu liegen, inszeniert Bernhard Koenen jetzt in Eisleben den ersten großen Schau- und Säuberungsprozeß von Sachsen-Anhalt. Auf der Anklagebank werden prominente SED-Genossen sitzen. Berhard Koenen sammelte selber das Material. Die Bank steht da, wo er Februar 1933 in grimmiger Saalschlacht ein Auge verlor.
Als Bernard noch mit zwei Augen sah, radelte er allmorgendlich die eintönige Straße von Merseburg nach Leuna, um rechtzeitig die Kontrolluhr zu stechen. Die 30000 nach 1917 eilig zusammengewehten Chemie-Proleten von Leuna wählten den hageren Bernard zu ihrem Betriebsratsvorsitzenden, ohne daß die Direktion ihm sonderlich mißtraute.
Als aber das Direktionsbüro im März 1921 die stockkonservative "Hallische Zeitung" aufschlug, gab es Stielaugen: Zur Preußenwahl hatten in Halle-Merseburg 204000 Wähler kommunistisch gestimmt, gegen 76000 Unabhängige und 71000 Mehrheitssozialisten. Die mitteldeutsche Chemie war rot. Im Moskauer "Dom Sojusow" entkorkten sie daraufhin eine Extra-Runde Krim-Sekt. Und schickten Guralski.
Der kam aus Turkestan, nannte sich Dr. Kleine und konnte nicht einmal die "Rote Fahne" lesen. Aber den Befehl zum mitteldeutschen Aufstand geben, das konnte er. Allerdings litt er an Verfolgungswahn: An die Front von Oberröblingen bis Leuna, wo der Kampf zu Ostern 1921 Mann gegen Mann tobte und der Kommunismus seine Marneschlacht erlebte, ging er nicht. Wieder mußte Bernard radeln: nach Halle in die Lerchenfeldtstraße. Dort war das rote Stabsquartier des mitteldeutschen Aufstandes.
Als Carl Severing ernst machte, löste sich Guralski, alias Dr. Kleine, geschwind eine Schlafwagenkarte nach Riga. Bernard aber konnte nicht mehr heim nach Merseburg. Er wurde Stipendiat der Roten Hilfe. Stand auf den Fahndungsblättern aller deutschen Polizeistationen. Tauchte 1936 in Spanien auf.
Bei Moskaus Internationaler Brigade. Bei Barcelona geriet er näher an Trotzki als an Franco. Moskau berief den nichtsahnenden Einäugigen zurück.
Als er sich beim dicken Schneider zu einem Samowar Tee ausgeweint hatte - das war sein Adju 1921 gewesen - saß er am nächsten Morgen hinter Stacheldraht. Davor stand Paule Schwenk aus Berlin O als Zerberus (heute Bürodirektor der Wiko in der Leipziger Straße). Doch ideologische Abbitte ersparte ihm den Genickschuß. Ein Auge genügte.
Er fing noch einmal als Klippschüler des Stalinismus an, empfing doch noch die höheren Weihen und langte gleich hinter Shukows Stalinorgeln in Halle an.
Da saß inzwischen schon Kotikow (heute sowjetischer Militärkommandant in Berlin). Dem hat der kleine Posten als Landeskommandant von Sachsen-Anhalt nie genügt, er wollte schon damals ins Scheinwerferlicht der großen Politik und in die Schlagzeilen.
Der ehemalige Schmiedegeselle Kotikow möchte ins Polit-Büro. Um sich das Qualifikations-Alibi zu schaffen, machte er Bernard 1945 für die Sowjetisierung seines sächsischen Rayons scharf, von der Bodenreform über die Einheits-Ehe bis zur Volksdemokratie.
Wenn die vereinigten Sozialdemokraten im Landesvorstand gegen Bernards progressiven Fortschritt aufmuckten, sah er sie nur scharf aus seinem letzten Auge an: "Wollt Ihr etwa den Wiedergutmachungsantrag der Sowjetunion bestreiten?" Dann verstummten sie flugs, die da eben noch gegreint hatten, sie brauchten auch einmal ein paar Säcke Zement von den Reparationszügen für ihre Neubauernhäuser.
Nach Berlin fuhr Bernard nicht gern. Da hatten sie ihn "auf der Rübe". Ueber die stillen, teppichbelegten und streng bewachten Korridore des Glaspalastes gingen zu viele, die ihn noch am Lubljanka-Ploschad zu Moskau hinter Gittern gesehen hatten.
Selbst Grotewohl hatten sie gegen ihn aufgehetzt. In der letzten Parteivorstands-Sitzung nahm er Bernard Koenen Maß wie einem Rekruten: "Ist das vielleicht der Bericht eines Landesvorsitzenden? Der Genosse Koenen scheint vergessen zu haben, daß er vor dem Parteivorstand spricht!"
Nun soll der Schauplatz von Eisleben die große Rehabilitierung bringen.

DER SPIEGEL 15/1949
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