07.05.1949

MusikRaskolnikoff geteilt durch zwei

Münchens Staatsintendant Dr. Georg Hartmann hatte seit Wochen die einzige Erstaufführung der Münchener Opernspielzeit ausplakatiert: "Raskolnikoff", zweiaktige Oper nach Dostojewski. Der Komponist: Heinrich Sutermeister. Der Textdichter: Peter Sutermeister.
Die Schweizer Brüder Heinrich und Peter Sutermeister sind sechs Jahre auseinander. Heinrich lökte als Meisterschüler der Münchener Akademie der Tonkunst mit sehr neutönerischen "Inventionen für Klavier" und "Barockliedern" offen gegen den Stachel, wurde wegen der Funkoper "Jorinde und Joringel" vom VB als Entarteter gebrandmarkt und erntete schließlich dennoch mit seinen ersten Bühnenwerken jungen Komponistenruhm. Da saß Peter als Student der Jurisprudenz noch über Akten und Pandekten.
Heinrich Sutermeister behalf sich unterdessen mit Shakespeare als Textautor. "Romeo und Julia" hieß seine erste Oper, die 1940 in Dresden und danach an vielen Bühnen Erfolg hatte. Für die "Zauberinsel" gab Shakespeares Alterswerk "Sturm" den Vorwurf ab. 1942 kam die Oper heraus, ebenfalls in Dresden.
Inzwischen hatte Peter sein Anwaltspatent in der Tasche und überdies Muße, dem komponierenden Bruder die Arbeit des Textschreibens abzunehmen. Nach Kriegsende standen beider Namen zum erstenmal auf einer Opernpartitur.
Allerdings nur in Handschrift, denn die Uraufführung der "Niobe" konnte 1946 bei den Züricher Festspielen nur aus dem Manuskript vonstatten gehen. B. Schotts Söhne in Mainz, die fast alle deutschsprachigen zeitgenössischen Komponisten unter Vertrag haben, druckten noch nicht wieder.
Die höheren Weihen als Operntextdichter empfing Peter Sutermeister erst in Stockholm bei der Uraufführung des "Raskolnikoff" im Herbst 1948. Er vollbrachte das Kunststück, Dostojewskis zweibändigen Roman "Schuld und Sühne" auf 47 Seiten Schott-Textbuchformat zu komprimieren. Alle Nebenfiguren und alles kriminalistische Beiwerk sind ausgeschieden, dafür wurde Raskolnikoff um ein zweites Ich vermehrt.
Nach dem Muster moderner Schauspieldramaturgie haben die Brüder Sutermeister die Titelgestalt mit dem wenig operntauglichen Schneidemesser der Seelenanalyse mittendurch in Gut und Böse gespalten. Damit wurde dem Buchstaben Genüge getan ("raskol" heißt im Russischen "spalten") und gleichzeitig dem Anliegen der Sutermeisters: ein Spiegelbild des gespaltenen und getriebenen modernen Menschen zu geben.
Raskolnikoff II, der als Advokat des Teufels das bessere Ich zu allem Bösen anstiftet, vergeht erst im letzten Akt und verschwindet im Dunkel der Hinterbühne unter dem Blick des nun bußfertigen Raskolnikoff I. Liebe zur Mitsünderin Sonja hilft ihm, den Mord an der Wucherin zu gestehen und seine Strafe zu tragen.
Hand in Hand schreitet das Paar unter den Tonwallen hymnischer Chöre auf das gar nicht so ferne Licht des Rundhorizonts zu. In Hamburg, wo gleichzeitig deutsche Erstaufführung war, fühlte sich der Musikkritiker der "Welt" mit diesem Bild in Veit Harlans "Goldene Stadt" versetzt.
Heinrich Sutermeister hat bei Hans Pfitzner studiert. Die entscheidenderen Anregungen erhielt er von Carl Orff, dem großen Experimentator des modernen Musiktheaters.
Wie Orff hat auch Sutermeister eine Vorliebe für stark gerüstetes Schlagzeug, zu dessen Bedienung ein Spieler allein nicht mehr ausreicht. Die Partitur zu "Raskolnikoff" schreibt ein ganzes Pandämonium der Lärmmachung vor: Trommeln in allen Spielarten, Tantam und Glockenspiel, Ratschen und Sandbüchsen.
Der Komponist führt die Sprachtechnik seines Bruders auch im Orchester durch. Aus eins macht er zwei: den abgespaltenen Klangkörper schickt er hinter die Bühne. Ihm legt er die Sprache der "Unmoral und Vergiftung" in den Mund: schrillen aufreizenden Jazz, produziert auf Stahlklavier und Xylophon, Saxophon und Jazztrommel.
Sutermeister versteht sich auf alle Arten von musikalischer Illustration. Er verwendet neben Sing- auch Sprechstimmen in allen Lautstärken, von kaum hörbarem Geflüster bis zu polterndem Fluchen. Er schreibt Chöre in allen Klangformen: unbegleitete und instrumental unterlegte, Nah- Fern- und Summchöre.
In Hamburg hatte Chefdirigent Arthur Grüber seine liebe Not, die gewünschten Klangeffekte zu erzielen. Er hetzte den unsichtbar bleibenden Chor bei fortwährendem Standortwechsel durch alle Treppenhäuser und Galerien der beengten Notbühne. Nur durch die aufleuchtenden Ziffern des Taktschreibers waren die Choristen noch mit dem Dirigentenpult verbunden.
Münchens unversehrt gebliebenes Prinzregententheater mit seinem intakten Bühnenhaus kam dem vielfältigen Verlangen des Komponisten eher entgegen. Die aus der Schweiz herbeigereisten Brüder waren vom Staatsopernorchester unter Georg Solti hellauf begeistert.
Georg Hartmann hatte inszeniert, wie schon vor sechs Jahren in Duisburg "Die Zauberinsel". Die Sutermeisters sagten von Georg Hartmanns Regie, sie sei die beste bisher. Stockholm, Basel und Bern reichten an diese Aufführung nicht heran.
Die Mailänder Scala und die New Yorker City Center Opera haben die Oper angenommen. In Deutschland bereiten Wuppertal und Wiesbaden sie vor. Dortmund und Köln wollen im Juni Sutermeisters Operneinakter "Die schwarze Spinne" zum erstenmal in Deutschland aufführen.
Die Brüder Sutermeister werden den deutschen Erstaufführungen kaum beiwohnen. "Wir erhielten mit knapper Not die Einreiseerlaubnis für die Münchener Premiere." Sie müssen rasch zurück, das Visum läuft ab.
Fragen nach neuen Plänen beantwortet nur Peter: "Nach meiner Mendelssohn-Biographie will ich ein Schumann-Buch beenden". Heinrich ist nicht zugänglicher als andere Komponisten auch. "Neue Pläne? Vorläufig keine."

DER SPIEGEL 19/1949
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