07.05.1949

TheaterBlut am Dolch

Diese Inszenierung wird in die Geschichte des italienischen Theaters eingehen", schrieb der "Messaggero", Roms führende Zeitung, nach der Festaufführung des "Orest" von Vittorio Alfieri im römischen "Quirino"-Theater.
Mit Staatspräsident Einaudi in Alfieris piemontesischem Geburtsort Asti und mit dem "Orest" in Rom beging Italien den zweihundertsten Geburtstag seines großen Dramatikers*). Einaudis Gastspiel in Asti ging fast unbemerkt vorüber. Für den "Orest" jedoch fanden Publikum und Presse nur Superlative. Man gab sich Mühe, über der Inszenierung den Dichter nicht zu vergessen.
Luchino Visconti, Italiens Meisterregisseur, hatte alles aufgeboten, um einen echten Alfieri über die Bühne und den Zuschauern ein Gruseln über den Rücken zu jagen. Wie bei den alten Griechen und zu Zeiten Shakespeares saß das Publikum, mit Togliatti und Innenminister Scelba an der Spitze, am Kreisrund um die Bühne.
425 Parkettplätze hatten weichen müssen. Die Kluft zwischen Zuschauerraum und Bühne war überbrückt. Die Tragödie um Orests grausigen Muttermord rollte mitten unter Fracks und dekolletierten Dior-Kleidern ab.
Im Hintergrund, auf der eigentlichen Bühne des Theaters, saß das 64-Mann-Orchester von Santa Cecilia unter Roms gefeierten Dirigenten Willy Ferrero. Es saß hinter einem seitlich gerafften und von dort her blutigrot beleuchteten Gazevorhang und einem zweiten Vorhang, der bei jedem Musikstück den Blick auf die Musiker unter azurblauem Himmel freigab. Wie durch ein Meer von Blut drangen untermalend und verbindend Klänge beethovenscher Musik.
Blutig war auch die Parkettbühne. Riesige Treppen, von gewaltigen Löwen flankiert, führten links und rechts hinauf.
Darüber, im Zuschauerraum, eine nachtdunkle Kuppel, von der ein herrlicher Kronleuchter mystisch-matt die Szene erhellte. Die berühmte Fabrik von Sankt Peter hatte ihn eigens angefertigt.
Wie zu Alfieris Zeiten trugen die Schauspieler nicht klassische, sondern barocke Kostüme. Ein Farbenrausch in Seide und Taft, Paradiesvögeln und Federn, Perlen und Edelsteinen. Grellrote Handschuhe über den blutbefleckten Händen der Gattenmörderin Klytämnestra. Orest ein strahlender Sonnenkönig mit goldenen Federn und Stiefeln. Phantastisch-orientalisch die Soldaten mit Gardemaß.
Je eine halbe Liremillion kosteten allein die Kostüme der fünf mitwirkenden Schauspieler, den ersten ihres Fachs in Italien. Das römische Premierenpublikum zahlte den Rekordeintrittspreis von 3000 Lire.
Unzählige Proben waren nötig. Auf den Zentimeter genau wurden die Schritte berechnet. Immer wieder wurden Alfieris schwer zu sprechende Verse wiederholt. Dann aber glänzten die Schauspieler wie nie zuvor mit meisterhafter Sprechtechnik. Die Spannung - und nicht die überall aufgehängten Verbotstafeln - ließ selbst die stärksten Raucher die Zigarette vergessen, die sonst in italienischen Theatern fast obligatorisch ist.
Rote Pailletten schillerten dekorativ blutig am Dolch, den Orest am Schluß emporreckte. Man applaudierte fast eine halbe Stunde. Selbst Togliatti und Scelba waren einmal derselben Meinung.

Man sah und hörte schwarz
in Stuttgart. Im Zirkus Althoff erlebten Halbwüchsige zum erstenmal eine Neger-Revue, die französisch-amerikanische Jazz-Parade "Broadway 1949", die durch die Doppelzone reiste. Anfänglich blieben Tänzer und Sänger ebenso zahm wie die Zuschauer. Langsam steigerten Duke Ellingtons Vokal-Trio, die Tänzer Pops und Louie, die fette Mammi Minto Cato und Pappi, der Blues-Sänger Harry Fox (l.), die Temperatur zu Jam-Session-Graden. Nicht nur das Mikrophon flog über die Rampe. Der zündende Funke sprang aus dem besessenen Schlagzeug der Kapelle Rostaing ins Publikum und erhitzte es so, daß die schwarzen Jazz-Paradisten kaum noch gegen die 1500 zuckenden, händeklatschenden, pfeifenden und schreienden Schwaben ankamen. - Die seriösen Stuttgarter Musikfreunde hörten schwarz. In einer Szene aus Max Frischs "Als der Krieg zu Ende war" (s. SPIEGEL Nr. 18/49) erschien ein total verjazzter Negerpianist auf der Bühne: Roy Eaton. Vier Tage später tauchte er auf dem Konzertpodium der Musikhochschule auf, genau so schwarz, nur hatte er die amerikanische Sergeants-Uniform einer Bühnenrolle gegen den Smoking, die boogie-woogie-Rhythmen gegen Bach, Mozart, Schumann vertauscht. Der achtzehnjährige Neger studiert als Stipendiat des New Yorker City College Musik und Geschichte in der Schweiz. Er erzählte in flüssigem Deutsch, Englisch und Französisch, daß er sich eine universelle Ausbildung wünscht. Die Schweizer Kulturtage hatten Roy Eaton mit dem Züricher Ensemble nach Stuttgart gebracht. An seinem Klavierabend überraschte er mit seiner vitalen und fast stilvollen Interpretation der deutschen Klassiker.
*) Die Literaturgeschichte rühmt Alfieri (1749-1803) als den größten italienischen Tragödiendichter des 18 Jahrhunderts. Seine Stücke verherrlichen Freiheit und Vaterland. Mit ihren Aufführungen wurden zu Anfang des 19. Jahrhunderts mehrere Freiheitsaufstände begonnen.

DER SPIEGEL 19/1949
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