02.06.1949

DIE NACHT DER LANGEN MESSER ...

3. Fortsetzung
Der Entschluß Brachts und Schleichers zur Reichstagsdurchsuchung kam nur halb zur Durchführung, weil vor dem Anrücken der Polizei die Meldung einlief, daß die Abgeordneten des Rumpfparlaments nach Hause gegangen seien. Die Polizei wurde dadurch vollends ins Unrecht gesetzt. Sie verschob den Ueberfall auf den Reichstag auf den Abend. Wie vorauszusehen war, wurde wenig ernsthaft belastendes Material gegen die Kommunisten gefunden. Die Sache war völlig schiefgegangen. Der Führer der kommunistischen Fraktion, Ernst Torgler, schlug Lärm in der "Roten Fahne". Der Reichstagsdirektor Galle hatte noch während der Polizeiaktion den Reichstagspräsidenten Göring unterrichten können. Statt ein Auge zuzudrücken und den Schlag gegen die Kommunisten zu entschuldigen, warf sich Göring als der unparteiische Beschützer des Parlamentes auf. Neben heftigen Presseangriffen seitens der Radikalen gegen den Verfassungsbruch der Regierung Papen-Schleicher wurde ein Reichstags-Untersuchungsausschuß des Preußischen Landtages gegen den Polizeipräsidenten von Berlin in Gang gebracht.
Um Göring zu beschwichtigen, beauftragte mich Bracht, bei Göring wieder eine Art Entschuldigungsbesuch für die Polizei zu machen. In seiner vornehm eingerichteten Wohnung in der Charlottenburger Straße empfing er mich, um mich diesmal mit einem Hagel von Beschimpfungen zu bedenken. Was sollte man schon sagen, als sich dieser eingeschworene Feind der "parlamentarischen Schwatzbude" und der "roten Halunken" zu ihrem Schutzherrn aufwarf. Ich verteidigte die dubiose Unternehmung, so gut ich konnte. So hatte ich Göring kennengelernt.
Der "Kampf gegen den Kommunismus", das war nun wirklich der Göring ganz und gar beherrschende Gedanke. In blutrünstigen Ausdrücken wetterte er gegen die Kommune. Er hatte eine Vorstellung von drohenden Barrikadenkämpfen, blutig niedergeschlagenen Aufständen und von flatternden Siegesfahnen und heldenhaftem Einsatz auf dem Schlachtfelde. Er wollte Krieg gegen sie führen. Er glaubte, daß der kommunistische Feind "sich stellen" würde. Jede Nachricht, die auf Bürgerkriegsabsichten der Kommunisten hindeutete, befeuerte seinen Eifer. Aber zunächst mußte die Mobilmachung vorbereitet werden. Mit dem Verbot der Kommunistischen Partei, das für Hitler und ihn feststand, mußte dann der Feind aus seinen Schlupflöchern kommen. In seinen Reden reizte und beschimpfte er sie wie ein homerischer Held.
Generalstäblerei. Göring betrachtete demnach den gesamten Staat als ein militantes Wesen, und er fand sogar rund 50000 bewaffnete Polizisten vor, die teilweise wie eine Truppe organisiert waren. Er konnte in Kompanien, Bataillonen und Regimentern denken. Es begann das Kästchenzeichnen der Generalstäblerei und das in den ruhigen Räumen des Ministeriums nie gehörte Hackenschlagen der Adjutanten. Polizeikommandeure aus Ost und West gingen in seinem Büro aus und ein. Die Polizeimacht der westlichen Provinzen wurde einem besonderen Oberkommando unterstellt. Der Oberst Stieler von Heydekamp wurde zum General ernannt. Er bezog ein Hauptquartier des Polizeikommandos West in Dortmund - gegen einen drohenden kommunistischen Aufstand im Ruhrgebiet und Rheinland. Der Polizeimajor Wecke, einer der wenigen Nationalsozialisten in der Berliner Polizei, war in Görings ständiger Begleitung. Unter Weckes Befehl wurde ein Kommando "politisch zuverlässiger" Polizisten für einen motorisierten Einsatz in Berlin aufgestellt. Mit brennender Dringlichkeit wurden neue Uniformen für die gesamte Schutzpolizei vorbereitet.
Es war ein ganz nutzloses Organisieren. Wenn diese neue autoritäre Staatsführung gegen die Kommunisten vorgehen wollte, so genügte das bloße Verbot. An einen erfolgreichen Aufstand gegen die SA war nach meiner persönlichen Kenntnis der Dinge gar nicht zu denken, nachdem die Kommunisten nicht mehr wie bisher unter dem Schutz der Polizei demonstrieren konnten. Man konnte deshalb Görings Soldatenspielerei, seiner Vorbereitung zum "großen Schlag", ruhig zusehen. So wüst sich die Kommunisten aufführten, sie würden kaum gegen Maschinengewehre in ihren sicheren Tod laufen.
Sturmmusik. Ich war mir keinen Augenblick im Zweifel, daß man die Vorwände für das Verbot der KPD finden würde. Ich hatte es längst vor Hitlers Kommen vorgeschlagen. Wenn es in meiner Macht gelegen hätte, es zu verhindern, so hätte ich es nicht getan. Ich rechnete, wenn ich den Eifer der Vorbereitungen betrachtete, mit schlimmeren Blutopfern der Kommunisten, als sie später zahlen mußten. Wer sich zu den Bürgerkriegsparteien schlägt, hat die Absicht, zu schießen, oder das Wissen, erschossen zu werden, wenn der Gegner an die Macht kommt. Doch man zögerte mit dem Verbot, weil man sich schon stark genug fühlte, um warten zu können, und noch stärker werden wollte. Aber vom ersten Tage der Machtergreifung an trommelte und heulte die Propaganda los mit Reden und Erlassen des neuen Polizeiministers, die den sachlichen Ton ministerieller Verlautbarungen aufgaben, die Weltanschauung und "neuen Geist" atmeten; das flog wie eine unbekannte Sturmmusik über den vorzüglichen Organismus des Staates dahin, in dem jedes Rädchen auch für die neuen Herren funktionierte.
Während Hitler und Goebbels durch den Wahlkampf in Anspruch genommen waren, ging Göring daran, die wichtigsten Staatsstellen mit verläßlichen Männern zu besetzen. Unter Schleicher und Papen waren schon, immer in der Absicht, den Nationalsozialisten das Wasser abzugraben, die hervorstechenden "Schönheitsfehler" beseitigt worden. Demokratische und sozialdemokratische Ober-, Regierungs- und Polizeipräsidenten waren nicht mehr viele zu entlassen. Immerhin, an der Front des zu erwartenden Bürgerkrieges mußten Nationalsozialisten stehen. SA. - und SS.-Führer wurden in den großen Städten als Polizeipräsidenten eingesetzt. Göring hatte auch ohne Zögern den Staatssekretär von Bismarck entlassen; zu dessen Nachfolger und damit zu seinem Vertreter ernannte er den Syndikus der Stahlindustrie Grauert.
Dummi-Dummi. Zum Nachfolger des Ministerialdirektors Claussener, des alten Chefs der Preußischen Polizei, ernannte Göring den Ingenieur der Berliner Müllabfuhr, den Anführer der Berliner SS, Kurt Daluege. Daluege hatte sich bei dem Abfall der Berliner SA unter Stennes im Jahre 1931 als hitlertreu erwiesen. Er hatte mit seiner SS damals die SA-Rebellen niederprügeln helfen. Daluege war einer der dümmsten Menschen, die mir begegnet sind. Er war eitel, wichtig und gehorsam; das brachte ihn in Konflikte zwischen Himmler und Göring. Doch ernsthaft zu fürchten hatte ihn Göring nicht. Als Göring ihn einige Monate später zum Polizeigeneral ernannt hatte, sagte mir der humorlose Dummkopf allen Ernstes, daß nur Napoleon in einem jüngeren Alter General geworden sei. Bei der Berliner SA wurde er nur "Dummi-Dummi" genannt. Sie hatte ihm die "Niederschlagung" des Stennesputsches vor drei Jahren nicht vergessen. Sie verhöhnte und beschimpfte Daluege, obwohl er ihr nicht den kleinsten Stein in den Weg legte. Als er sein Liebeswerben um die SA verschmäht sah, stützte er sich ganz auf seinen Herrn Himmler in München; bis zu dessen Kommen seine Rache gegen die SA aufzuspeichern und sie am 30. Juni 1934 mit vollen Zügen zu genießen, hinderte ihn seine Dummheit nicht. Er hatte längst seinen ärmlichen Geist als Paralytiker aufgegeben, als die Tschechen ihn als den stellvertretenden Reichsprotektor an ihren Prager Schaugalgen hängten.
Tribut an Röhm. Die Ernennung der SA-Polizeipräsidenten im Lande war Görings Tribut an Röhm, die Berufung des SS-Führers Daluege zum Chef der Polizei war die Vorschußleistung an Himmler. Dafür war Göring entschlossen, die Stellung des Chefs der Berliner Polizei, die von Levetzow einnahm, und den Zugang zur Politischen Polizei, die er durch mich blockieren ließ, den Revolutionären vorzuenthalten. Seine Vertretung durch Grauert sperrte der Partei den unmittelbaren Zugang in die allgemeine Staatsverwaltung. So hätte eigentlich ein normaler Rahmen des Ganzen gehalten werden können. Daß die neue Staatsführung trotz des theatralischen Anfangs Deutschland mit straffen Zügeln über Abgründe hinwegführen und den von ihr selbst aufgerührten Massen mit unpopulären Maßnahmen entgegentreten werde, glaubten damals auch solche, die seit Jahr und Tag die "Nacht der langen Messer" hatten kommen sehen.
Am 17. Februar 1933 richtete Göring einen Runderlaß an alle Polizeibehörden, in dem er verfügte, daß die Polizei auch nur den Anschein einer feindseligen Haltung oder gar den Eindruck einer Verfolgung gegenüber nationalen Verbänden (SA, SS und Stahlhelm) zu vermeiden habe. "Dafür ist dem Treiben staatsfeindlicher Organisationen mit den schärfsten Mitteln entgegenzutreten. Polizeibeamte, die in Ausübung dieser Pflichten von der Schußwaffe Gebrauch machen, werden, ohne Rücksicht auf die Folgen des Schußwaffengebrauchs, von mir gedeckt; wer hingegen in falscher Rücksichtnahme versagt, hat dienststrafrechtliche Folgen zu gewärtigen."
Göring und Daluege warteten darauf, daß die Gewehre wirklich losgingen. Es wäre nach ihrem Sinn gewesen, wenn die Polizei den Schießerlaß als einen Freibrief verwandt hätte, im immer turbulenten Industriegebiet an der Ruhr und um Düsseldorf oder in Berlin Schießereien einzuleiten. Das hätte eine ganz andere Art gehabt als diese "Fluchterschießungen" der SA, die bald einsetzten und einen verteufelt schlechten Eindruck machten.
In der zweiten Februarhälfte wurden aus dem Industriegebiet an der Ruhr und aus den rheinischen Großstädten die ersten "Amtsanmaßungen" der SA gegenüber Kommunisten gemeldet. Die SA-Polizeipräsidenten hatten SA-Männer zum polizeilichen Dienst herangezogen; Kommunisten waren von ihnen zusammengetrieben, in die Polizeigefängnisse geliefert und verprügelt worden. Durch Verordnung vom 22. Februar 1933 erhob Hitler auf den Vorschlag des Stabschefs Röhm die SA zur Hilfspolizei. Es war die erste Abzahlung an seine Sturmabteilungen. Sie wurde zu einer munteren Quelle des Unheils.
Treibsand. Die kommunistischen Führer hatten die Bedeutung des 30. Januar 1933 verkannt. Sie begriffen nicht, daß die Ernennung Hitlers zum Kanzler die letzte und verlorene Schlacht für sie bedeutete. Sie lebten wirklich in der Vorstellung, daß für eine "Erhebung des Proletariats" jetzt der rechte Zeitpunkt gekommen sei. Es war eine Täuschung, folgenschwerer noch für ihre Anhänger als der Irrtum, dem die bürgerlichen Jasager zum Ermächtigungsgesetz verfallen waren.
Die Kommunisten hatten auch die Kraft ihrer Bewegung überschätzt. Der politische Treibsand unter ihren Wählern war nach dem 30. Januar 1933 bald auf die Seite des Gewinners Hitler gespült worden. Sie zogen es vor, in die Reihen der SA einzutreten und mitzumarschieren und mitzuprügeln. Doch auf die alten Kader des Rotfrontkämpferbundes konnte sich die Führung verlassen. Es waren waffengeübte und kriegserfahrene Soldaten, die trotz aller polizeilichen Verfolgungen die Pflege und Hortung ihrer Waffen nicht vernachlässigt hatten. Sie waren politisch geschult und wußten, wofür sie im Ernstfall einzutreten hatten. Und der Kommunistische Jugendverband Deutschlands (KJVD) erwies sich bald als eine verläßliche Reserve für den illegalen Nachwuchs.
Viele behaupten heute, daß nicht nur Brüning und Papen und Schleicher, sondern auch die Nationalsozialisten die kommunistische Gefahr überschätzt oder übertrieben hätten. Ein billiger Hinweis, - als ob man den Bolschewisten heute erklären wollte, daß sie die imperialistischen Absichten der Amerikaner überschätzten. Als ob die Vorstellungen und Aengste, die die Weltgeschichte weitertreiben, weniger wirksam wären, weil sie auf Einbildungen beruhen. Diese Neunmalklugen sollten heute einmal versuchen, den Amerikanern, die nicht einen einzigen rabiaten Kommunisten in ihrem Lande beherbergen, ihre Kommunistenfurcht auszureden, die sie den Deutschen für eine Zeit verübeln, in der 20 Prozent der Reichstagswähler wilderen kommunistischen Parolen folgten, als die domestizierten Partisanen Moskaus heute irgendwo in der Welt nach den Erfahrungen mit den einst von ihnen erweckten Faschisten auszusprechen wagen.
Pieck will nicht warten. Ihre Angriffspläne hat die KPD vom Herbst 1932 bis Ende Februar 1933 in verstärktem Maße propagiert und vorbereitet. Die hemmungslose kommunistische Aktivität in den Wochen nach Hitlers Machtergreifung sah nach Tobsucht und Amoklaufen aus. Die Sprache ihrer Zeitungen wurde um so schärfer und unverblümter, je schneller es dem Ende zuging.
Die "Rote Fahne" vom 1. Februar schreibt: "Der Feind bläst zum Kampf! Proletarische Organisationen aller Art, eure Stunde ist gekommen, man will eure Partei verbieten! Handelt!"
In der Nummer vom 11. Februar, aus einer Ansprache des Abgeordneten Pieck: "Lassen wir uns nicht mehr vertrösten auf die Möglichkeiten, auf anderem Wege als dem des Kampfes unsere Feinde zu überwinden! Wir warten nicht mehr!"
"Echo des Ostens" vom 20. Februar: "Wir Kommunisten wollen das sofortige Handeln der Massen, wir wollen sofort kämpfen, wir wollen jede Entfaltung, Festigung und Konsolidierung der Hitler-Papen-Hugenberg-Diktatur verhindern."
Berlin wurde in den Monaten Februar und März noch mit Aufrufen überschwemmt, die zum offenen Kampf gegen die Regierung und zur Errichtung der Diktatur des Proletariats aufforderten. Gedruckte, hektographierte und geschriebene Zettel wurden von Klebekolonnen, die Tag und Nacht auf den Beinen waren, an den Litfaßsäulen, den Mauern der Flure, Höfe und Hinterhäuser der Arbeiterviertel angebracht. In kleinen und unzähligen Zellenversammlungen wurde der Aufruhr gepredigt.
Die kommunistische Elite wurde, um es vorwegzunehmen, nach dem Reichstagsbrand durch ihre Festsetzung unschädlich gemacht. Rund zwanzigtausend ihrer Anhänger wurden dann von der SA zusammengetrieben und in den Konzentrationslagern von jeder Aktivität nicht nur ausgeschlossen, sondern auch durch die großzügige Aufnahme in die SA "gleichgeschaltet". Doch es hatte 1932 einmal sechs Millionen kommunistische Wähler gegeben, allein in Berlin rund fünfhunderttausend, ein ständiges Reservoir für die Illegalen.
Am Bülowplatz. Von den alten Fachkennern der Politischen Polizei hatte der Kriminalrat Heller schon vor 1933 in der absonderlichen Welt der internationalen politischen Kriminalistik eine Art Weltruf erlangt. Unter seiner Anführung konnte sich 1933 die routinierte Arbeit der Politischen Polizei wirksamer entfalten als vorher. Die Überläufer und Denunzianten aus dem kommunistischen Lager hatten sich vermehrt. Heller befürwortete damals eine gründliche "Überholung" des Karl-Liebknecht-Hauses am Bülowplatz in Berlin, des Sitzes der kommunistischen Parteizentrale.
Die Polizei näherte sich am 22. Februar auf Motorrädern und Überfallwagen dem Gesamtkomplex des Bülowplatzes. Die Seitenstraßen wurden abgesperrt, um das Entweichen besonders interessanter Funktionäre des kommunistischen Untergrundes zu verhindern. Das überraschende Eindringen in das Karl-Liebknecht-Haus gelang. Während sich die ausgebildeten Spezialbeamten blitzschnell in den vielen Räumen des großen Hauses verbreiteten, ging eine Durchkämmung der Nachbargebäude vor sich, die als "Treffs" der Illegalen längst ein polizeiliches Interesse geboten hatten. Die Durchsuchung der kommunistischen Hauptburg förderte einiges Interessante an Druckschriften, aber nichts Alarmierendes zutage. Eine zentrale Anlage konnte alle Insassen des Hauses alarmieren, nachdem bei Annähern eines Gegners das Haus schottendicht gemacht wurde. Dazu machte der kommunistische Hauswart Vorpahl einige Angaben, aus denen entnommen werden konnte, daß das Haus bei einiger Phantasie als militärischer Stützpunkt dienen konnte. Große Kisten waren mit Zeitungen vollgepreßt. Sie sollten in den Schaufenstern der Vorderfront als Barrikaden benutzt werden.
Einige Tage später tauchten Nachrichten aus den Kreisen polizeilicher Agenten auf, nach denen sich im Karl-Liebknecht-Haus geheime Verstecke befinden mußten. Erst nach eingehenden Überholungen des gesamten Hauses wurden Dinge entdeckt, die in der Tat auf die kommunistische Einstellung ein interessantes Licht warfen. Im Keller befand sich an der nach dem Hof hin liegenden Seite eines unauffälligen und mit Fliesen ausgelegten Baderaumes eine Geheimtüre. Sie wurde durch einen komplizierten und unsichtbaren Mechanismus verschlossen. Man mußte zu seiner Handhabung die Schrauben der Regale entfernen, die an den Wänden für das Aufhängen von Handtüchern befestigt waren. Wenn man in ein bestimmtes Schraubenloch einen langen Schraubenzieher einführte, so wurde ein federnder Mechanismus niedergedrückt, durch den sich die Geheimtüre öffnete. Die Hinterwand der Türe war mit mehreren Schichten Ziegelsteine belegt, so daß bei einem Abklopfen kein Hohlgeräusch wahrzunehmen war. Die Türe führte in einen Raum, in dem Waffen, die offenbar zur Verteidigung des Hauses dienen sollten, untergebracht waren.
Geheimräume. Ein anderes Versteck wurde durch die hintere Wand eines Lastenfahrstuhles entdeckt; als dieser in den Keller hinabgelassen war. In diesem Versteck befand sich Schriftenmaterial des Zentralkomitees, das aus den Anfängen des Jahres 1933 stammte. In anderen Geheimräumen wurde ebenfalls Material ans Licht gefördert, das das Aktionsprogramm der KPD beleuchtete. Thälmann bekannte sich später zur Echtheit der Protokolle, von denen die Niederschrift einer ZK-Sitzung vom 21. Februar 1932 die Anweisung Lenins zur proletarischen Revolution zum Gegenstand hatte:
"Die Partei der Arbeiterklasse muß, ohne die Legalität freizugeben, aber ohne diese auch nur einen Augenblick zu überschätzen, die legale Arbeit mit der illegalen vereinigen, wie in den Jahren 1911 bis 1914. Nicht eine Stunde lang die legale Arbeit im Stich lassen. Aber auch an die konstitutionellen und friedlichen Illusionen nicht glauben. Sofort überall und für alles illegale Organisationen oder Zellen gründen, für die Herausgabe von Flugblättern usw. ... Sich sofort umstellen, konsequent, beharrlich auf der ganzen Linie."
Nach allem konnte man damals noch die Frage stellen: Warum bereiten denn nun die Kommunisten Hitler keinen blutigen Empfang? Auch eine aussichtslose Erhebung hätte nicht nur seine Lage erschwert, sondern den triumphalen Auftakt seines Regimentes durch vergossenes "Arbeiterblut" besudelt. 1920 hatten schon einmal in Thüringen und Hamburg und Sachsen Rote Armeen für ein Sowjetdeutschland gekämpft. Im Ruhrgebiet hatte "Spartakus" mit schwerer Artillerie und aus Schützengräben und Minenwerfernestern gefochten. Auf 107 Infanteriekompagnien, die auch mit Maschinengewehren ausgerüstet waren, 4 Radfahrformationen und eine Batterie, im ganzen 120000 Mann, war dort einmal die Rote Armee angewachsen. Warum blieb 1933 der Befehl des Politbüros und der Komintern zum Losschlagen aus? Warum blieb es bei der bloßen Drohung des Bürgerkrieges?
In der Situation des gärenden Weltbürgerkrieges, in der sich damals wie heute Deutschland und die anderen, für die bolschewistische Revolutionierung vorbereiteten Länder befinden, richtet sich die kommunistische Taktik nicht nach dem Gutdünken der kommunistischen Führer in diesen Staaten, sondern nach den Entscheidungen der Moskauer Zentrale.
Stalin hielt still. Für Stalin lagen Gründe vor, Hitler nicht ernsthaft zu stören. Nach russischen Maßstäben gemessen, war Deutschland als Gegner nicht zu fürchten. Seine Aufrüstung mußte sich - nach russischen Maßstäben gemessen - auf ein Jahrzehnt hinziehen, und daß Hitler einen Krieg gegen Stalin beginnen würde, war sogar für dessen vorausschauende Klugheit unwahrscheinlich. Das Hitlerjahr 1933 war trächtig von künftigen Erfolgen für Stalin. Andererseits waren für den russischen Aufbau nach schlimmen Hungerjahren die im vollen Lauf befindlichen Lieferungen der deutschen Industrie von größter Wichtigkeit. Die Russen beteiligten sich demnach auch nicht an dem 1933 einsetzenden Boykott Hitlers, sondern sie erhöhten ihre Kredite und Goldlieferungen für Maschinenlieferungen beträchtlich.
Hitler ließ zwar Göring rüsten; doch für seine Person verließ er sich darauf, daß Stalin stillhielt und ihm freie Hand ließ gegen die deutschen Kommunisten, die vergeblich auf den Startschuß zum Losschlagen warteten.
Der Mangel der Koordinierung mit Moskau spielte eine nicht geringe Rolle bei dem nach dem Verbot der Partei einsetzenden Verhalten der Kommunisten. Schließlich beschränkten sie sich darauf, ihr Schiff mutig in die Illegalität zu steuern; statt offener Auflehnung widmeten sie sich der planmäßigen Zersetzung. Für Göring und die SA sah es jedenfalls nach Aufstand aus, und der brennende Reichstag, wie man ihn zunächst auch deuten mochte, paßte in die Atmosphäre dieser Wochen.
Der Reichstag brennt. An jenem regnerischen Vorfrühlingsabend wurde ich durch meinen alten Mitarbeiter Schneider von einem freundlichen, höchst unpolizeilichen Rendez-vous im Café Krantzler Unter den Linden durch den Ruf aufgescheucht: "Der Reichstag brennt!". Als ich mit Schneider in das brennende Gebäude eindrang, mußten wir, obwohl wir noch wenig Publikum vorfanden, schon über die prallen Schläuche der Berliner Feuerwehren hinwegsteigen. Es waren auch schon Beamte meiner Abteilung dabei, Marinus van der Lubbe zu vernehmen. Mit nacktem, verschmiertem und schwitzendem Oberkörper saß er, schwer atmend, vor ihnen. Wie nach einer gewaltigen Arbeit flog sein keuchender Atem. Ein wilder Triumph lag in den brennenden Augen des blassen, ausgemergelten jungen Gesichtes. Ich saß ihm noch einige Male in dieser Nacht im Polizeipräsidium gegenüber und hörte seinen wirren Erzählungen zu. Ich las die kommunistischen Flugzettel, die er in seiner Hosentasche bei sich trug. Sie waren von der Art, wie sie in diesen Tagen überall öffentlich verteilt wurden, und ich versuchte aus den primitiven Schriftzeichen seines Tagebuches seinen Irrfahrten bis auf den Balkan hinunter zu folgen.
Die freimütigen Geständnisse des Marinus van der Lubbe konnten mich gar nicht auf den Gedanken bringen, daß ein solcher Feuermichel, der sich so ausgezeichnet auf seine Narrheit verstand, Gehilfen brauchte. Warum sollte nicht ein Streichholz genügen, die feuerempfindliche kalte Pracht des Plenarsaales, die alten Polstermöbel und schweren Gardinen und den strohtrockenen hölzernen Prunk der Vertäfelungen in Flammen zu setzen? Nun hatte dieser Spezialist einen ganzen Rucksack voller Anzündemittel verwendet. Er war so emsig tätig gewesen, daß er einige Dutzend Brandherde angelegt hatte. Mit einem Anzündemittel, die "Fleißige Hausfrau", hatte er den Plenarsaal in Flammen gesetzt. Dann war er mit seinem brennenden Hemd, das er in der Rechten wie eine Fackel schwang, durch die großen Korridore gerast, um unter den alten Ledersofas neue Feuerchen anzulegen. Während dieses hektischen Treibens war er von Hausbeamten des Reichstags überwältigt worden.
Er nahm auch ohne weiteres die Schuld für einige kleinere Brandstiftungen in Berlin auf sich, deren Rätsel die Kriminalpolizei beschäftigt hatte. So sprach einiges dafür, daß ihm allerdings kommunistische Brandstifter, die ihn in Neukölln und im Berliner Rathaus schon unterstützt hatten, auch im Reichstag geholfen haben könnten. In diese Richtung hatten die untersuchenden Beamten ihre Nachforschungen gelenkt; doch nun hatten sich inzwischen ganz andere Dinge ereignet.
Auf einem Balkon. Kurz nach meinem Eintreffen im brennenden Reichstag hatte sich die nationalsozialistische Prominenz eingefunden. In ihren großen Wagen kamen Hitler mit Goebbels angefahren; Göring, Frick und Helldorf fanden sich ein; Daluege, der Chef der Polizei, fehlte unter ihnen.
Ein Chefadjutant Hitlers stöberte mich im Labyrinth der nun von Feuerwehrmännern und Polizisten belebten Gänge auf. Er überbrachte mir den Befehl Görings, mich sofort in der hohen Runde einzufinden. Auf einem in dem Plenarsaal vorspringenden Balkon waren Hitler und seine Getreuen versammelt. Hitler hatte sich mit beiden Armen auf die steinerne Brüstung des Balkons gestützt und starrte schweigend in das rote Flammenmeer. Die ersten Ausbrüche lagen hinter ihm. Als ich eintrat, schritt Göring auf mich zu. In seiner Stimme lag das ganze schicksalschwere Pathos der dramatischen Stunde:
"Das ist der Beginn des kommunistischen Aufstandes, sie werden jetzt losschlagen! Es darf keine Minute versäumt werden!"
(Fortsetzung folgt)
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Von Rudolf Diels

DER SPIEGEL 23/1949
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