19.05.1949

Gott hat Kain bestraft

Bohle darf nicht mit nach Landsberg." Verteidigerin Dr. Elisabeth Gombel-Liebetraut, die ihren Gauleiter-Mandanten im Nürnberger Prozeß gegen die Wilhelmstraße wie eine Löwenmutter verteidigte, verfocht diese Aussicht mit Elan. Dasselbe sagten ihre Kollegen. Man weiß, was die anderen Landsberger gegen Ernst Wilhelm Bohle planen, dem sie seine Worte vor dem Tribunal nicht vergessen: "Wer an leitender Stelle stand, muß sich auch zur Verantwortung bekennen." Bohle bekannte sich schuldig und bedauerte seine NS-Taten.
Seine Ketzerei hielten die amerikanischen Staatsanwälte den anderen Angeklagten als Zeigefinger entgegen. Dafür soll Bohle im Landsberger Gefängnis einen gründlichen Denkzettel bekommen, eine erwachsene Form der Klassenkeile. Außerdem kann man dem Sündenbock die dreckigsten Arbeiten zuschanzen.
14 der Wilhelmstraße-Schuldigen wurden in der letzten Woche in zwei Schüben hinter die Landsberger Gitter geschafft. Zu zweit aneinander gefesselt und unter finsterer MP-Bewachung (die meisten anderen Transporte gingen ungekettet und recht gemütlich).
Selbst der 65jährige Karl Ritter, der seine Strafe schon am Sonntag darauf verbüßt hatte, mußte mit dieser Handschellenreise einen Strich unter seine diplomatische Karriere ziehen.
Heinrich Lammers, Hitlers oberster Kanzleibeamter, zeigte sich renitent und trat in den Entkleidungsstreik. Die vorgeschriebene schwarze Gefängniskluft blieb in seiner Zelle liegen. Er fuhr als einziger zivilisiert in sein neues Gitterdomizil, wo sein tausendjähriger Meister 25 Jahre zuvor sein eines Jahr Festungshaft "Mein Kampf"-schreibend absaß.
Bohle blieb zunächst in Nürnberg. Der Gauleiter der Auslandsdeutschen müßte, hieß es halbamtlich, von einer britischen Kommission vernommen werden. Seine Verteidigerin nutzte die Zeit, um ihren geliebten Schützling vor der Landsberger Rache zu bewahren und intervenierte sogar bei General Huebener, um ihm einen Posten als Englischlehrer in einem Militärgefängnis zu verschaffen. Denn unter sich halten die Restgrößen des Nationalsozialismus noch Disziplin (Bohle ist daher ein "Verräter") und titulieren sich loyal mit ihren Rängen.
Erhard Milch zum Beispiel, der in Nürnberg seine Negerbewachung als "schwarzes Gesindel" bezeichnete, spielt weiterhin den stolzen Generalfeldmarschall. Voraussichtlich ein Leben lang hinter Landsberger Gittern.
Bohle wird sie trotz aller Bitten vorerst mit ihm teilen. Er wurde am Dienstag hinterhertransportiert.
In der Zeit zwischen Urteil und Abtransport standen den Wilhelmstraßensündern noch sechs Stunden Sprechzeit zur Verfügung. Sie wurden eifrig genutzt. Der hart bestrafte Lutz Schwerin von Krosigk (10 Jahre trotz "persönlicher Integrität") empfing des Führers Lieblingspilotin Hanna Reitsch, mit der er 1945 den Stacheldraht von Oberursel teilte.
Walther Darré begrüßte in der Sprechzelle wieder die geheimnisvolle Dame, die sich Monate hindurch in der Nachbarschaft des Justizpalastes einmietete. Das Personal behauptete flüsternd, sie sei eine Prinzessin. "Pilli" Koerner, Leibadjutant Görings, bürstete sich aufgeregt die Haare, bevor er Emmy Göring gegenüberstand. Er ist immerhin der Pate von Edda.
Frau Gombel-Liebetraut, die nach dem Urteil gegen Bohle herzzerbrechend geschluchzt hat, hoffte fest auf einen Clay-Gnadenerlaß zum 8. Mai. Von der fränkischen Polizei hatte sie bereits die Zusicherung auf freien Abzug für Bohle vom Kittchentor in die britische Zone. Auf Sylt war das Zimmer für seine Erholungskur gemietet, und ein lukrativer Posten als Generalvertreter einer streng geheim gehaltenen Firma stand in Aussicht. Alles umsonst. Der D-Day verstrich, und Bohle atmet erst am 23. Mai 1950 freie Luft.
Frauentränen an Clays Adresse weinte auch Anneliese Beyer, die Braut des zum Tode verurteilten SS-Hauptsturmführers Karl Sommer (siehe SPIEGEL 46/48). Am 13. Mai aber saß sie mit glücklichem Lächeln in der Angestellten-Messe des Justizpalastes. Denn am Schwarzen Brett im Defense Center stand zu lesen, daß Sommer aus dem Pohl-Prozeß zu lebenslänglichem Gefängnis begnadigt sei.
An demselben Brett war Wochen vorher ein Aufruf angepinnt. Ohne Lizenz gedruckt. Er appellierte an die "Angehörigen und Freunde der Landsberger Gefangenen", für Paket-Patenschaften zugunsten der Kriegsverbrecher zu werben. Er sprach von dem "grausamen Geschick", daß rund 70 "Kameraden" durch die Kriegsereignisse völlig alleinstehen.
Die Amerikaner wunderten sich etwas, daß dieser Zettel ausgerechnet mitten im Nürnberger Gerichtsgebäude hängen konnte. Und ließen ihn hängen. Er wurde dann von deutsch-demokratischen Händen entfernt.
Heute spricht man im Defense Center nicht mehr von diesem Kuckucksei am Schwarzen Brett. Heute plaudert man darüber, wie man am besten seinen Nürnberger Haushalt auflöst und wo die Anwaltspraxis am meisten einbringt. Wer 3S Jahre als Verteidiger in Nürnberg saß, bringt in seine Praxis einen guten Ruf und Riesenholzkisten voll Nürnberger Ueberbleibsel mit. Die hellen Kisten, für Transportarbeiter athletischen Formats bestimmt, verwandeln die Zimmer der Verteidiger in hölzerne Irrgärten. Es wird geräumt. Man muß räumen. Der Bescheid ist da.
Der Abschied fällt gar nicht leicht. Nürnberg - das bedeutete für einen versierten Verteidiger einen stetig laufenden Einnahmenstrom und Anbahnung bester Beziehungen zu Finanz- und Wirtschaftskreisen. Dazu noch andere Kleinigkeiten: Ein Rechtsanwalt errechnete intern, daß er es während seiner Nürnberger Zeit auf eine Zuteilung von 191 Stangen amerikanischer Zigaretten gebracht hat.
Jeder Verteidiger verdiente pro Monat rund 3500 DM und noch 1750 DM dazu, wenn er einen zweiten Mandanten im gleichen Prozeß verteidigte. Deswegen sind sie auch nach Schluß der Prozesse noch eifrig, "etwas fürs Geld zu tun".
Die Wochen seit dem letzten Urteil verbrachten die Schutzleute der Wilhelmstraße damit, die üblichen Anträge zu stellen: Gnadengesuch an Clay und Berichtigungsantrag zum Urteil wegen formaler Fehler. Manche schwangen sich auch zu einer Klage beim Verfassungs-District Court des US-Staates Columbia in Washington gegen den amerikanischen Staat auf und beantragten den Erlaß eines "Writ Of Habeas Corpus". Durch diese Art Haftüberprüfung soll schon die 1945-Verhaftung der NS-Größen für ungesetzlich erklärt werden. Die 3S Jahre Nürnberg wären damit ungültig.
Insgesamt schrieben die Verteidiger rund 1300 Seiten mit neuen Anträgen voll. Die sechs restlichen Uebersetzer im Nürnberger Main Building werden Wochen zu tun haben, um alles getreu englisch wiederzugeben. Dann schreibt die Staatsanwaltschaft auch noch dazu. Schließlich setzen sich die Richter, längst wieder in USA, noch einmal zusammen.
Es kann Monate dauern, bis der letzte Punkt hinter das Kapitel Nürnberg gesetzt ist und die Aktendeckel endgültig zuklappen. Die letzte Entscheidung werden die Verteidiger erst in ihrer Praxis am neuen Ort erfahren. München, Frankfurt und Nürnberg selbst sind die beliebtesten Objekte für eine neue Tätigkeit. In die Ostzone oder nach Berlin geht keiner zurück.
Einige Anwälte bleiben bei "Kriegsverbrechen". In Frankreich sitzen noch ein paar tausend deutsche Soldaten, die auf ihren Prozeß warten. Deutsche Verteidiger sind nicht zugelassen. Aber als Assistenten von französischen Anwälten dürfen sie wirken. Das Internationale Rote Kreuz hat es vermittelt.
Eine Hilfsstelle in Stuttgart, ins Leben gerufen von karitativen Organisationen, sammelt Material über die Prozesse. Denn Frankreich gibt amtlich nichts heraus. Nicht einmal die Anklageschriften.
Dr. Georg Fröschmann hat einen neuen Job als Rechtsbeistand von über 200 Landeberger Insassen. Er soll dabei nicht schlecht verdienen. Andere Anwälte versuchen, ihre Nürnberger Erfahrungen in gedrucktes Papier umzusetzen. Carl Haensel liegt hier an vorderster Stelle. "Das Gericht vertagt sich" heißt sein Tagebuch, das in sechs Büchern Nürnberg von den ersten Tagen des Internationalen Militärtribunals bis zum Ende der Prozesse umfaßt.
Aber auch die Anklagevertreter wissen, daß sie hier Material fanden, das sich gut publizistisch auswerten läßt. Dr. Robert M. W. Kempner, der bis 1933 im Preußischen Innenministerium saß, hat aus interner Kenntnis der deutschen Diplomatie von Nürnberg besonders profitiert. An der Freien Universität Berlin wird er über NS-Diplomatie lesen.
In Nürnberg war er stellvertretender Generalankläger. Er glaubt, Nürnberg habe seinen Zweck erfüllt: "Nürnberg war der größte historische Untersuchungsausschuß, der je existiert hat. Es bedeutete die Fortentwicklung des internationalen Rechts. Die Heiligkeit des Menschenlebens ist wieder unterstrichen worden." Dahinter stehe die irdische Frage, ob einer für Morde sieben oder zwanzig Jahre Gefängnis oder gar die Todesstrafe bekomme, sekundär. Denn eine Ermordung von tausend Mitmenschen könne in keiner Form gebüßt werden, höchstens im imaginären Fegefeuer.
Kempner hält darum alle kleinlichen Einwände für uninteressant. Zu "ex-postfacto" (die Gesetze über Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden erst erlassen, nachdem die Verbrechen stattgeiunden hatten) sagt er: "Gott hat Kain wegen des Brudermords bestraft, lange bevor Moses die Gesetze auf dem Berg Sinai erhalten hat."
Ueber die Verteidiger äußert sich Kempner lakonisch: "Ich glaube, ich hätte manchen Angeklagten besser verteidigt."
Die Verteidiger über Kempner: "Er war der reißende Löwe gegen die Wilhelmstraße. Bestimmt sprachen persönliche Ressentiments gegen das Auswärtige Amt in seiner Haltung mit."
Die Amerikaner weideten sich zum Schluß an der Statistik: Ueber 800 km Tonfilmbänder wurden durchgekurbelt. 750 Millionen Seiten Abzüge von Dokumenten und Protokollen wurden hergestellt. Mehr als 4000 t Papier benötigte man dazu.
Die Flure des Nürnberger Militärgerichts stinken nach großem Aufwasch. Lysolgetränkte Scheuerfrauen wischen die juristische Vergangenheit von 43 Monaten von den Fliesen. Ueberall stehen Kisten, Kasten und Aktenberge in den Ecken herum. Auf 21 unförmigen Pappkartons steht mit Blaustift "Protokolle deutsch". Ein weißes Blatt ist dazwischengeschoben: "Stehen lassen für Staatsarchiv". Wo das Staatsarchiv sich befindet, steht nicht dabei. Mit kleinen Lastkarren werden die Kisten abtransportiert. Meist ist das Ziel Washington. Amerika hortet deutsche Akten.
Telefondrähte hängen melancholisch unnütz kreuz und quer durch die Gänge. Im Raum 600, wo die Urteile der großen Prozesse verkündet wurden, gähnen die leeren Bänke. Am Document-Center, wo "Eintritt strengstens verboten" dransteht, sind die Türen weit offen, die Regale leer und verstaubt.
Das Nürnberger Militärgericht ist still und bescheiden eingegangen. Die Special Services Division von Bad Nauheim, für amerikanische Truppenbetreuung verantwortlich, ist eingezogen. Die langen Kerle der amerikanischen Elitedivision von Grafenwöhr, die bewachend durch die Gänge marschierten, sind verschwunden. Selbst die Balten, mit dem himmelblauen CG-Helm der Gerichtspolizei auf den blonden Haaren, sind zurückgezogen. Nur schmucklose deutsche Industriepolizei blieb zurück.

DER SPIEGEL 21/1949
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