19.05.1949

Jeden Abend ein bißchen tot

Mit schwarzem Bart, großen stechenden Augen und einem funkelnden Renault fährt ein Mann durch Italien, logiert in den teuersten Hotels und läßt sich allabendlich auf der Bühne in weißseidenem Burnus begraben. Es ist Tahra Bey, der ägyptische Fakir.
In Turin entsetzte er den Angestellten eines Beerdigungsinstituts. Er wünschte leihweise einen Sarg zu bekommen, nach Maß, mit der Begründung: "Ich muß nämlich heute abend für eine halbe Stunde sterben."
Am selben Abend legte der seltsame Mann sich in den Sarg. Der wurde zugenagelt und dick mit Erde bedeckt. Genau nach einer halben Stunde wurde er wieder ausgegraben. Frisch und lächelnd kam der Mann heraus. Die Zuschauer im Lux-Theater staunten.
Tahra Bey legt sich auf Nägelbretter, Glasscherben und scharfe Messer und sticht sich den Kandjar, einen krummen Dolch, in den Hals. Tahra Bey hat schon ganz andere Sachen gemacht. In einem gläsernen Sarg ließ er sich in die Seine und in die Donau und in vielen Städten in Schwimmbassins versenken. Für 24 Stunden. Wissenschaftler und Polizisten paßten auf, daß alles mit rechten Dingen zuging.
Denn Tahra erhebt nicht den Anspruch, ein Zauberer zu sein. Er gibt seinen Zuschauern genaue Gebrauchsanweisungen. "In jedem von Euch ist ein Fakir versteckt. Ihr müßt ihn nur zu entwickeln verstehen."
Schon siebenjährig begann Tahra Bey, der heute ein Mann von 52 ist. Damals schnitt in einer kleinen Stadt im Nildelta der Vater des Krikor Kalfayan seinem Jungen das Zungenband durch, damit Krikor seine Zunge weit nach hinten gegen die Stimmbänder legen konnte. Das muß man können, wenn man Fakir werden will.
Doch Krikor wollte nicht. In Konstantinopel studierte er Medizin, in Athen machte er eine Klinik auf, bis Freunde seine Fakirbegabung entdeckten. Sie überredeten ihn zu einer Wette, Krikor gewann: für 28 Stunden ließ er sich im Stadion von Athen "beerdigen". Danach sagte er, daß der Schlaf unter der Erde seiner Gesundheit sehr wohl getan habe.
Als Fakir Tahra Bey zog er um die Welt. Er besuchte König Fuad, Mussolini und den brasilianischen Präsidenten Vargas. Er heilte die Königin Mary von ihrer Schlaflosigkeit und machte Versuche mit Edison und Marconi. Nur Hitler wollte er nicht sehen. 1940 kam er in Paris auf eine Geiselliste und entging nur um ein Haar der Verhaftung.
Alles, was er tue und was den Leuten erstaunlich erscheine, sei keine große Kunst, meint Tahra Bey. Er enthüllt das Geheimnis der Fakire und empfiehlt sein Rezept zur Nachahmung. Es sei ganz einfach. Man müsse nur verstehen, sich durch Autosuggestion in das kataleptische Koma zu bringen, sagt er und macht das in drei Etappen vor:
Man drückt die Finger stark gegen die Schläfenzentren und gegen die Halsschlagader.
Man bewegt den Körper leicht nach vorn und nach hinten und konzentriert sich völlig auf das zu erreichende Ziel, auf den Verlust des Bewußtseins.
Man legt die Zunge weit nach hinten und atmet mehrmals kräftig ein. Allerdings darf man nicht vergessen, sich vorher das Zungenband einschneiden zu lassen.
Dann wird der Körper starr wie ein Leichnam, ohne Atem, ohne Blutkreislauf, ohne Bewußtsein. Doch das Unterbewußtsein wacht und weckt den Körper zur gewünschten Zeit. So wie man sich abends mit Erfolg vornehmen kann, am Morgen zu einer bestimmten Stunde aufzuwachen.
Das Bewußtsein kehrt zurück. Doch der Körper bleibt noch 25 Minuten scheintot, und Tahra Bey kann mit ihm machen, was er will, sich auf Messer legen oder sich in den Hals stechen. Bis er merkt, daß auch der Körper erwacht. Dann ist er wieder verwundbar wie jeder Nichtfakir.
Und dann kann Tahra Bey nur noch hypnotische Experimente machen und die Gedanken seiner Zuschauer lesen. Kürzlich produzierte er sich hypnotisch auch über Radio. Die Zuhörer entschlummerten sanft.

DER SPIEGEL 21/1949
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