26.05.1949

DIE NACHT DER LANGEN MESSER ...

... fand nicht statt / VON RUDOLF DIELS

Von Diels, Rudolf

2. Fortsetzung

Der innere Kern der Hofstaat-Clique um Hitler bestand aus Goebbels, Göring, Heß, Himmler und Bormann. Hitler ließ Himmler bei der Einrichtung seines Gewaltsystems gewähren. Er ließ auch den halbgebildeten und starren Spießer seine eigenen schrulligen Wege gehen, um seinen Spleen für Rasse und Sippe und "Ahnenerbe" zu verwirklichen. Die Perversitäten der Gewalttätigkeit hat Heydrich ausgebrütet, der seinen Herrn Himmler völlig beherrschte. In Heydrich kristallisiert sich der Kern der Schuld, mit dem die Deutschen belastet werden, und dessen rückschauender Anblick noch lange die Welt erstarren lassen wird. Himmler und Heydrich, die nicht in das Bild des Bringers der neuen harmonischen Ordnung passen wollten, sind Hitler erst richtig nähergetreten, als der Lauf des Krieges seine letzten Rücksichten auf die gesittete Welt ausschaltete, als sie sich bei der Festigung der "Heimatfront" und der Etappe durch ihre Judenmassaker und die Unterdrückung von Partisanen und Gegenbewegungen bewährt und schließlich unentbehrlich gemacht hatten.

Der prunkende Göring stellt in diesem Aeropag den Kriegsgott dar. Sein Gegenspieler war der proletarische und beharrliche Bormann. Die Abkehr von Göring war der Beginn der Zuwendung zu Bormann.

Hitler und sein medialer Hofstaat, und dahinter die immer ahnbare und gegenwärtige Kraft der Masse wirkten wie eine See von Unwirklichkeiten, in der alle Individuen auf eine gemeinsame Wellenlänge abgestimmt waren, und in deren Mitte Hitler als Sender und Empfänger stand. Normale Menschen, die von Vernunft und Erfahrung, Sachverstand und kritischer Gesinnung nicht lassen konnten, wirkten wie Eindringlinge in diesem Zauberschloß. Die Naivität der reinen Techniker kontrastierte am wenigsten mit dieser Sphäre.

Wie bei der Bergpredigt. Als ich im März 1934 die politische Polizei verließ, um meinen Posten als Regierungspräsident in Köln anzutreten, erfüllte mich der Gedanke, in einen lebendigen Verkehr mit dem katholischen Klerus des Rheinlandes zu gelangen. Die mannigfachen Enttäuschungen über die politische Starre des Zentrums hatten mich nicht darüber täuschen können, daß aus dem deutschen Klerus Persönlichkeiten in unsere Zeit hineinragten, die nicht Stückwerk waren. Ich glaubte auch, den allmählich sich regenden Feindseligkeiten gegen die Kirche die Spitze abbiegen zu können, wenn ich mit einem "Führerbefehl" den Gauleitern gegenübertreten könne. In der Tat ermächtigte mich Hitler bei meinem Abschiedsbesuch ausdrücklich, alles für die Herbeiführung des "konfessionellen Friedens" Erforderliche zu unternehmen. Göring hatte mir daraufhin erlaubt, mit dem Erzbischof von Köln, Kardinal Dr. Schulte, in einen persönlichen Konnex zu treten.

Ich habe dann dem greisen und verehrungswürdigen Kardinal meine Mission ausgerichtet, aber es kam sehr bald dahin, daß in dem Grade, in dem ich den kirchlichen Stellen die staatliche Bundesgenossenschaft antrug, die Organisationen der Partei, besonders die HJ, ihre kirchenfeindliche Aktivität steigerten. Ich machte den Gauleiter Grohé auf das Unerträgliche des Zwiespalts zwischen der staatlichen Haltung und der Aufführung seiner Leute aufmerksam. Als ich mich auf den Befehl des Führers bezog, erntete ich nur ein Gelächter: "Der Führer wird Ihnen als Staatsbeamten niemals sagen, was er denkt; seine wahre Meinung ist eine ganz andere. Er hat sie uns Gauleitern einmal für alle Zeit kundgetan."

Er berichtete dann anschaulich, wie der Führer bald nach der Machtergreifung, nur von seinen Gauleitern umgeben, bei Berchtesgaden ein Schiff auf dem Königsee bestiegen habe. Dort habe er ihnen, ohne von unberufenen Zuhörern belauscht zu sein, sein Herz offenbart. Er habe den Gauleitern in unvergeßlichen Worten dargelegt, daß die katholische Kirche seit jeher der Gegner des deutschen Volkes sei.

"Es gibt kein Paktieren mit den Kuttenträgern, meine Freunde", habe er mit erhobener Stimme geendet. "Was ich auch tun und sagen muß, behaltet meine Worte in eurem Gedächtnis, seid immer auf der Hut vor den Schwarzen, sie sind unsere Feinde!"

Es sei so feierlich gewesen wie bei einer Bergpredigt. Er, der Gauleiter, halte sich an diesen Adolf Hitler, nicht an den, der mir - dem Staatsbeamten - Befehle gebe.

Die Frauen waren danach. An diesem Hof, an dem alles dem Politischen untergeordnet wurde, konnten sich natürlich keine Ansätze einer gesellschaftlichen Kultur entwickeln. Es fehlte das kulturelle und geistige Niveau. Die Frauen, die hier aus und ein gingen, waren auch danach. Bühne und Film waren die Lieferanten. Goebbels kannte die sehr kargen Ansprüche Hitlers auf diesem Gebiete. Er umgab ihn in seinem Haus ausschließlich mit dieser Luft, und er kontrollierte monopolartig den Zutritt in den menschlichen Kreis des Führers. Röhm wollte 1933 das Monopol von Goebbels brechen. Er wollte sich desselben Konnexes mit Hitler versichern, indem er Hitler in seinem Stabsquartier in der Standartenstraße ein äußerlich noch glänzenderes Milieu bieten wollte als dasjenige, durch das sich Goebbels seinen Einfluß sicherte. Der Plan mißlang vollständig. Hitler versagte den Galaabenden in der Standartenstraße seine Anwesenheit. Der Kreis schöner Frauen wartete zweimal vergeblich auf das Erscheinen des Führers, den Goebbels in seinem Haus in Schwanenwerder zurückhielt. Goebbels hatte ihn vor diesem Anschlag gewarnt. Er hielt Hitler fest bei der blonden, anspruchslosen Kargheit seiner zuverlässigen Gattin.

Ich erlebte, wie Goebbels eine junge Akrobatiktänzerin, die in den Berliner Varietés einen großen Namen hatte, bei Hitler einführte. Das hübsche, blonde und wortgewandte Mädchen, dessen Wiege trotz ihres englischen Pseudonyms nicht weit von der Reichskanzlei in Berlin-Moabit gestanden hatte, geriet sichtbar außer Fassung, als Hitler sie bei seiner Begrüßung fragte: "Sind Sie verheiratet? Eine so schöne blonde Frau sollte Kinder haben." Dem niedlichen Kind stieg die Hofluft schnell zu Kopf. Eines Abends bereitete sie dem Polizeipräsidenten von Levetzow und mir einen heftigen Verdruß.

Hebung der Sittlichkeit. Röhm hatte daran Anstoß genommen, daß der Polizeipräsident eine große Zahl Nachtlokale geschlossen hatte. Der biedere Admiral von Levetzow hatte sich nicht davon abbringen lassen, daß Nationalsozialismus gleichzusetzen sei mit einer sittlichen Hebung des Berliner Nachtlebens. Wozu es führt, wenn man Schutzleute, Gendarmen und Kriminalisten zu Hütern der Sittlichkeit macht, hatte er noch nicht erfahren. Meine Hinweise auf die öffentliche Verhöhnung des "Zwickelerlasses" des Reichskommissars Bracht, der Schnitt und Maß der Badekostüme polizeilich verordnen wollte, konnte bei dem alten Seemann nicht verfangen. Das Polizeipräsidium entzog Berliner Wirten, denen auch ein längst verjährter Zusammenstoß mit dem Kuppeleiparagraphen in ihren Akten nachhing, die Konzession. Die Schließung der Bars und Kaffees, die bekannte Treffpunkte der Mann-Männlichen waren, hatte Röhm als einen Hieb gegen sich gedeutet und besonders verübelt. Hitler gab dem "Stabschef", der über die wirklich törichten Maßnahmen Beschwerde führte, recht. Er ließ mich rufen, um mich zur Rede zu stellen.

"Ich will nicht, daß aus Berlin eine triste Stadt gemacht wird; Berlin muß eine Lichtstadt werden, die Paris übertrifft. Die Fremden der ganzen Welt sollen Berlin gern besuchen und hier ihre Unterhaltung finden", sagte er, und er mache mich dafür verantwortlich, daß diese dumme polizeiliche Praxis ein Ende habe.

Es waren keine vierzehn Tage nach dem Befehl Hitlers vergangen, der die Rückkehr freier Sitten anordnete, da erschien eines Abends die junge Primaballerina mit allen Anzeichen der Empörung zwischen den Gästen der Reichskanzlei. Sie erzählte, daß sie die Revue im Metropoltheater vor ihrer Beendigung wegen eines Nervenzusammenbruchs verlassen habe. Während eines Szenenwechsels habe sich ihr hinter der Bühne ein Kriminalkommissar der Sittenpolizei vorgestellt. Sie habe sich vor ihm ausziehen müssen, damit der plumpe Kerl die Hüllen ihres Leibes in Augenschein nehmen konnte. Hitler war völlig außer Fassung über diese Kontrolle der Unterwäsche des jungen Stars, der zum allgemein bedauerten Mittelpunkt des Abends wurde, und wetterte vor seinen Gästen hemmungslos gegen diese idiotischen Beamten Levetzow und Diels; Levetzow wollte er "davonjagen".

Ich hatte mir am kommenden Tag, auf die Nachricht von dem Ereignis hin, von der jungen Dame Bericht erstatten lassen. Die Ermittlungen ergaben bald, daß sie einem falschen Kriminalbeamten begegnet war. Das Auftauchen solcher "Spanner" gehört zu den Erfahrungen jeder großstädtischen Polizei.

Matronen um Hitler. Eine merkwürdige Abrundung erfuhr Hitlers Hofstaat durch eine Anzahl von Matronen, die ihm aus der Zeit seiner ersten politischen Aktivität anhingen. Die einen hatten ihm in Zeiten der Not Unterschlupf gewährt, andere hatten ihn in seiner kargen Anfangszeit mit Geld unterstützt oder sich durch die Finanzierung seines Buchs "Mein Kampf" seinen Dank erworben. Was er an Menschlichem und Familiärem, Hausbackenem und Bürgerlichem zu geben vermochte, entfaltete er bei diesen stattlichen Damen. Deren Anhänglichkeit habe ich oft auf die hitzige Verehrungsfähigkeit, mit der alternde Frauen auch dem Abstrusen und Närrischen nachhängen, zurückgeführt. Für einige von ihnen machte sich die Hitlersche Gunst bezahlt.

Göring forderte eines Tages mit allen Zeichen der sittlichen Entrüstung, daß ich ihm Frau von D. vorführe. Sein "Forschungsamt", das infolge seiner Ausstattung mit den modernsten Abhörgeräten eine intensive Kenntnis des Berliner Tratschs vermittelte, hatte ihm schwarz auf braun (es waren die braunen Blätter der Abhörstelle) den Beweis erbracht, daß diese Dame nicht nur aus den Gesprächen mit dem verehrten Führer Tips bezog, die sie mit ihren Freunden, dem Gauleiter Kube und dem Brecher der Zinsknechtschaft, Gottfried Feder, für geschäftliche Unternehmungen benutzte, sie hatte auch gewerbsmäßig die Vermittlung der Bekanntschaft mit dem Führer betrieben. Da hatte in einem Fall die Vermittlung eines Händedrucks gelegentlich einer Teestunde bei der geschäftstüchtigen Dame, den der anwesende Photograph festgehalten hatte, einen rheinischen Großindustriellen ganze tausend Reichsmark gekostet.

Göring konnte die Komik in der Sache nicht erkennen; ich will die Szene nicht ausspinnen, die mit der hysterischen Ohnmacht der eleganten Fünfzigerin einen vorläufigen Abschluß in Görings Villa fand, bis der schnuppernde junge Löwe, der Göring vom Berliner Zoo geschenkt worden war, sich an die Scheintote heranschlich und sie durch die Berührung ihres Gesichts mit seiner borstigen Schnauze zu schreiendem Leben erweckte. Ich mußte mir bei diesem Auftritt vorhalten, daß ich mich nicht am Hof eines Renaissancefürsten oder persischen Großkönigs befand, sondern im Berlin des Jahres 1933. Immerhin setzte die Entdeckung der gemeinsamen Geschäftstätigkeit der Karriere Gottfried Feders, der als Staatssekretär im Reichswirtschaftsministerium den Nationalsozialismus vertrat, ein frühes Ende. Er verschwand von der großen Bühne, bevor er noch seine Geldreformpläne zu realisieren begonnen hatte.

Von welcher Seite man es auch betrachten mag, weder auf Hitler selbst noch in seinem Hofstaat konnten Frauen einen echten Einfluß entfalten. Drei Potenzen beherrschten in ihrer Wechselwirkung die geschichtslose Phase der Deutschen: Hitler selbst, seine Clique und das Volk als Masse. Diese Masse aber bekam ihr festes Gefüge durch das Gerüst der Funktionäre.


DER SPIEGEL 22/1949
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