12.05.1949

Ewiges Aergernis

Im Londoner Unterhaus fragte Labour-MP. John Parker, ob Seiner Majestät Regierung die Uebergabe der deutschen Exklave Büsingen an die Schweiz befürworten würde. Die Frage lag nahe. Es wäre dann ein Aufwaschen mit den Grenkorrekturen im Westen.
Von den etwa tausend Einwohnern der badischen 7,5 qkm-Exklave Büsingen sind hundert Schweizer. Aber auch die "Reichsdeutschen" sprechen urchiges Schwyzer-Dütsch und haben sich schon 1918 mit 96¼ Prozent aller Abstimmenden für den Anschluß an die Schweiz ausgesprochen.
"Unter diesen Umständen sollte es selbstverständlich sein, daß unser Land sein möglichstes zur Beseitigung der unhaltbaren Zustände durch den staatsrechtlichen Erwerb der Enklave Büsingen (und nebenbei des Verenahofes) tut. Die anzustrebende Flurbereinigung entspricht dem eindeutigen Willen der Büsinger und der meisten Schaffhauser, liegt aber darüber hinaus im wohlverstandenen Interesse der ganzen Schweiz und sogar Europas." So schrieb die "Tat" in Zürich.
Büsingen hat schon mehrmals die Federkiele der europäischen Diplomatie bewegt. 1849 flüchteten die letzten badischen Freischärler unter Führung eines Tierarztes nach Büsingen. Preußen und Hessen, die Südbaden besetzt hielten, konnten das Demokratennest nicht ausheben. Der Kanton Schaffhausen lag wie eine Mauer dazwischen.
Worauf am 21. Juli 1849 170 hessische Musketenträger mit dem Dampfboot "Helvetia" vom Bodensee rheinauf fuhren. Beim Passieren des Schweizer Städtchens Diessenhofen verschwanden die Uniformen unter Deck. Am nächsten Morgen landeten die Hessen in Büsingen und packten den schwarz-rot-goldenen Tierarzt.
Die Schweizer riefen: "Die Neutralität ist verletzt!" Sie trommelten zwanzigtausend Mann Grenzschutz zusammen. Die 170 Hessen mit ihrem gefangenen Tierarzt konnten nicht wieder aus den Büsinger Rebhügeln heraus.
Zehn Tage lang wurde in Bern, Schaffhausen, Konstanz und Donaueschingen diplomatisiert. Der britische Gesandte in Frankfurt legte den "Büsinger Handel" bei. Die Hessen durften ihren Tierarzt behalten. Schweizerisch eskortiert, verließen sie am 30. Juli 1849 auf dem Landweg Büsingen.
Seit 1465 war Büsingen österreichisch. 1651 erwarb Schaffhausen die hohe Gerichtsbarkeit gegen ein 20000-Gulden-Darlehn vom Hause Habsburg. Junker Eberhard übte sie aus. Der verkrachte sich mit den Schaffhauser Räten, die ihn in den Rhein werfen wollten. Wien drohte und sprach von einer "europäischen Affaire". 1723 verlor Schaffhausen die Büsinger Gerichtsbarkeit. "Büsingen soll", hieß ein Schiedsspruch, "zum ewigen Aergernis für Schaffhausen österreichisch bleiben." Die Ewigkeit dauerte achtzig Jahre. 1803 wurde Büsingen badisch.
Wenn Badens Gauleiter und Reichsstatthalter Robert Wagner (inzwischen von den Franzosen gehängt) seine Getreuen in Büsingen besuchen wollte, mußte er einen Regenmantel übers Braunhemd ziehen und die roten Kragenspiegel mit einem Halstuch verdecken. Anders ließen ihn die Schweizer bei Gaillingen nicht durch.
Hatten die Büsinger ihre Hakenkreuzflaggen aus dem Fenster gehängt, so rief es "Ländlistähler" (Länderdiebe) über den Rhein. Zuweilen landete auch ein Stein, von der kräftigen Hand eines schweizerischen Bauernburschen geschleudert, auf badischem Boden.
Im ersten Weltkrieg fielen vierzig badische Büsinger; aus dem zweiten sind mehr als doppelt so viel nicht heimgekehrt.
Nach der deutschen Kapitulation setzten die Büsinger ihren NS-Bürgermeister ab und holten Gustav Hugo wieder. Als der jedoch in einem Memorandum an eidgenössische und ausländische Behörden betonte, daß Büsingen rechtlich zur Schweiz gehöre, wurde er von den badischen Aemtern in Konstanz seinerseits abgesetzt.
Obwohl die Schweiz einen Zollkordon um Büsingen gelegt hat, ist die Mark als Zahlungsmittel längst ausgeschaltet. Gerechnet wird in Schweizer Franken. Nur deutsche Briefmarken kleben die Büsinger. Ein deutsches Postamt ist noch da.
Jeder badische Büsinger hat eine Grenzpassierkarte. Damit darf er zehn Kilometer weit in die Schweiz reisen.
"Sollte uns die Rückkehr in die Schweiz wider Erwarten versagt werden, dann werden wir den Anschluß an Großbritannien verlangen", erklärte Gustav Hugo, jetzt Präsident des Anschluß-Komitees an die Schweiz. "Denn die Nachkommen des Junkers Eberhard haben nie auf Büsingen verzichtet. Ein Mitglied der Familie ist heute britischer Staatsangehöriger."
Die Schweizer selbst treten auf der Stelle: "Wir wollen die deutsche Notlage nicht ausnützen." Später werde man mit den Deutschen wegen Büsingen schon klarkommen, meinen sie. Dahinter steckt: Es gehört uns ja schon.

DER SPIEGEL 20/1949
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