12.05.1949

DIE NACHT DER LANGEN MESSER ...

DER HOFSTAAT UM HITLER
Göring war ein Heldendarsteller in Permanenz. Die großen Rollen Richard Wagners sind ihm auf den Leib geschrieben. Als großer Mime, der Europa als seine Bühne und Kulisse, die Deutschen als seine Statisten betrachtete, spielte er sein Leben während der Kampfzeit und nach der Machtergreifung.
Je seltener in der Zeit des Glanzes die Stunden der Besinnung kamen, die Stunden, in denen er nicht "spielte", um so sicherer führte er seine Heldenrolle durch. Dazu kam seine Neigung zu Verkleidungen, seinen Uniformen und pompösen Jagdgewändern, die mit einer asiatischen Sucht verbunden war, glitzernde Orden, Schmuck aus Gold, Brillanten und Perlen, riesige Solitäre an Edelsteinen auf Gürteln, Dolchen, Nadeln, Ringen und Abzeichen zu horten und zu zeigen. Fassungslos bestaunten ihn die wenigen, die in Stunden verspielten Paschatums durch Schranzen und Adjutanten zu ihm vordringen konnten.
Als bei dem Anblick der zerstörten Städte sein Nimbus verblaßte, seine Offiziere ihn den Gummilöwen nannten und die Bormann und Genossen anfingen, ihren Haß an ihm auszulassen, wagte mich ein Beamter der Gestapo, in deren Zelle 50 ich dem eigenen und dem Ende der ganzen Tragödie entgegendämmerte, zu vernehmen:
"Wie hat sich der Reichsmarschall zu Hause verkleidet? Trägt er wirklich türkische Schwerter und mit Smaragden geschmückte Sandalen? Schminkt er sich und trägt er Purpurmäntel?"
Baldur und Christus. Um die Jahreswende 33/34 erschien ich unangesagt eines Abends in Karinhall. Ich traf Göring inmitten einer Korona seiner Freunde Körner, Bodenschatz, Milch, Udet und Lörtzer, auf einer Ottomane liegend, vor einem gewaltigen Kaminfeuer. Mit der Rechten lehnte er sich auf den Eichenschaft eines blanken Speeres. Statt Brünne und Wolfsfell, die das altdeutsche Genrebild vollständig gemacht hätten, war er mit einer ledernen Kombination bekleidet, die von den Füßen bis zum Halse aus einem Stück zu bestehen schien. Ich konnte nicht die halblaute Bemerkung zu Udet unterdrükken: "Taucheranzug?" Es war das letzte Mal, daß Göring, den das Gelächter seiner Freunde über diese Wendung vergrämte, sich meinen profanen Blicken bei solcher Gelegenheit aussetzte. Aber er blieb im vollen Zuge, seinen Gefährten das mythologische Bild eines Zukunftsstaates zu entwerfen, für das die germanische Götterlehre das Muster abgab. Die Volkssage hatte nach seiner Meinung heldenhafte Führer zu Symbolen und Göttern gemacht. Ein neues Heldenepos werde sich auch einmal um die Heutigen ranken und sie zu Gestalten erhöhen. Er vermochte solch romantisches Phantasieren mit einer christlichen Gesinnung in Einklang zu bringen, bei der er auf seine Art Baldur und Christus eins werden ließ.
Er praktizierte dieses urtümliche Lebensideal, indem er sich übte, den Ger zu werfen und mit dem Bogen zu schießen. Durch die allerletzten technischen Banalitäten des Luftkrieges geisterten noch solche Gedanken an eine verlorene Heldenzeit. Im wallenden Mantel auf dem wilden Greifen durch die Lüfte segelnd, hätte er am liebsten mit dem Speer nach dem feindlichen Unhold geworfen.
"Meine Flieger sind keine Operateure und meine Kampfmaschinen keine Kinos", mit solchen Worten lehnte er einmal die Komplettierung des Führerstandes der Fernbomber um ein Ortungsgerät ab, das seiner Luftwaffe einen Vorsprung gegeben hätte. Daß "Rammen" die würdigste Kampfesweise sei, machte er seinem Neffen K. H. Göring, der ihm widersprach, so polternd klar, daß dieser wenige Wochen später über Frankreich nach einem Rammversuch abstürzte. Wahrscheinlich klangen ihm noch die harten Scheltworte seines Onkels in den Ohren: "Ihr seid ja alle Feiglinge."
Der Junge hatte darauf erwidert: "Wenn du meinst, Onkel, daß der Kampfflieger nicht 'denken' soll, so können wir auch rammen, ohne Rücksicht auf Verluste. Am Mut dazu fehlt es uns nicht."
Wie Siegfried. Die Jagd bot ihm die Möglichkeit, solchen Urvätertrieben am ungehemmtesten nachzugehen. Die erhabensten Wälder des Reiches hatte er sich als Reichsjägermeister vorbehalten. Das war eine gewaltige Bühne für die lebendig gewordenen Gestalten Richard Wagners, diese sagenhaften, hochragenden Stämme und nackten Felsen und zackigen Klüfte. Wie Siegfried in den Odenwald, so zog er mit gewaltigem Troß, wie es den Vorzeithelden, den Riesen aus dem Göttergeschlecht zukommt, zum fröhlichen Jagen, im geräumigen und komfortabel ausgerüsteten Extrazug.
In "seinen" Forsten traf er wirklich wieder auf den Auerochsen, den Wisent und den Elch. Ein ganzer Gelehrtenstab hatte sich der Erforschung der Vorzeittiere und ihrer Rück- und Neuzüchtung angenommen. Nicht um der Wissenschaft zu dienen, sondern um die Szenerie vollkommen zu machen. Der Elch, in herrlichen Exemplaren aus dem Norden heruntergeholt, ließ in den Gattern sein Leben, weil ihm jene Illusion Daseinsbedingungen zumutete, die er nicht ertrug. Eine Expedition holte zwanzig isländische Gerfalken nach dem Reichsfalkenhof in Braunschweig. Sie gingen noch in demselben Jahr ein, weil man mit der Einführung nicht bis in den Winter warten konnte, der allein ihre Akklimatisierung ermöglicht hätte.
Die Entfaltung urtümlichen heldenmäßigen Gepränges auf einer Saujagd ging weit über die Vorstellung Richard Wagners und seiner naturalistischen Regisseure hinaus. Fünfzig Förster in Paradeuniformen bliesen das Jagdhorn, wenn er in seinen jagdlichen Phantasiegewändern mit gemessenem Schritt dem Wagen entstieg. Seit Monaten hatten sie sich mit der Einübung des Programmes plagen müssen. In grünen Lederjacken und mittelalterlichen Bauernhüten mit Saufedern ausgerüstet, deren blinkende Spitzen in ledernen, mit Quasten geschmückten Scheiden steckten, zogen die Treiber und Hundeführer mit ihren zerrenden Koppeln im Marschtritt an ihm vorbei. Wenn die gewaltigen Strecken, die die Jagderfolge Wilhelms II. weit in den Schatten stellten, nach dem "Jagd aus" gelegt wurden, so hallten die Wälder wider vom "Hirsch tot" und "Sau tot".
Schwester Olga. Letzten Endes waren diese pompösen Vergnügungen bei Göring und den aufgeblasenen minderen Satrapen nur ein Ausdruck der Langeweile eines faden, leeren Geistes. Als er es aufgeben mußte, im Panzerzug dem Weidwerk nachzufahren, war es das allabendlich laufende Hauskino und schließlich der Kriminalroman, der ihm diese Plage verscheuchte, die die anderen mit Flaschen und Spielkarten bekämpften.
Göring wollte ein Siegfried sein, und er hörte es gerne, daß ihn seine Umgebung den "Eisernen" nannte. "Er ist gar kein 'Eiserner', er ist so weich wie ein Frauenzimmer. Sie sollten seine Schwächen verstehen und ihm helfen", sagte mir einmal seine Schwester Olga, ein guter Geist für ihn.
"Sie müssen nach Burg Veldenstein kommen. In Franken, wo er seine romantische Jugend verbrachte, die Sagen las und Ritter spielte, tagaus, tagein, dort werden Sie ihn verstehen können", bat sie mich.
Der einzige, der nach 1934 durch die aufgeblähten Hüllen auf dem Grunde dieser dürftigen Substanz auf Wirkliches stoßen konnte, war Adolf Hitler. Wer Göring in den schlimmen Tagen erlebte, nach den groben Schlägen, durch die ihn Hitler in wohlberechneten Abständen ernüchterte und erkennen ließ, daß er nichts ohne Hitler sei, der war erschrocken, wie wenig dann von dem prächtigen und mächtigen Manne übrigblieb. Nichts war mehr an ihm dran, als ihm Hitler ohne Ankündigung das Preußische Innenministerium, die Basis seiner Macht, weggenommen hatte, als er ostentativ seinem Opernball fernblieb, die pomphafte Eröffnung des Preußischen Staatsrates mied, als er höhnisch die Schenkung eines Jagdhauses in der Schorfheide ablehnte oder ihm gar den Vierjahresplan entzog. Die Liquidierung der Preußischen Ministerien durch eine Rechtsverordnung im Januar 1934 warf ihn buchstäblich um. Er legte sich ins Bett.
Es ist eine Gnade. Mit solchem Charakter hing zusammen, daß Göring einen gewaltigen Beitrag zu dem merkwürdigen Zeitabschnitt lieferte, in dem er den reinsten Byzantinismus in die europäische Geschichte eingeführt hat. Ich denke besonders an die unerträgliche Neigung des prunkliebenden Byzantiners, Gnade und Ungnade zu entfalten. Er scheute sich nicht, es auszusprechen: "Es ist eine Gnade von mir" - oder, wenn er die Gegenleistung forderte: "Sie haben mir allein Ihre Erhöhung zu verdanken!"
Und damit er sich in nichts von den Gewaltherrschern der Renaissance unterschied, die dem Mangel der Legitimität durch eine Anleihe bei großen Geschlechtern und durch frisierte Stammbäume abhalfen, ließ auch er sich seine Genesis in einer gedruckten Stammtafel verherrlichen. Sie wies seine Abkunft und Verwandtschaft mit allen europäischen Fürstenhäusern nach, von Wladimir von Kiew bis zu Widukind und Karl dem Großen.
Für das deutsche Bürgertum, das einmal alle seine Hoffnungen in der Brandung der revolutionären Geister auf den jovialen Pascha gesetzt hatte, und für die deutschen Industriellen, die ihm Gold und Silber zugetragen und ihm zu seinen Geburtstagen Basare aufgebaut hatten, deren Geldwert einen Großfürsten oder Maharadscha in Staunen versetzt hätte, war er die große Enttäuschung. Er hat sie im Stich gelassen.
Rolle für die Nachwelt. Auch in Nürnberg spielte Göring noch. Er spielte nicht sein Leben zu Ende, sondern seine Rolle für die Nachwelt. Er spielte sie glänzend, weil er endlich allein war, seines dämonischen Meisters ledig, und ohne die unwürdigen, hinterhältigen und proletarischen Konkurrenten in dessen Gunst, die Himmler, Goebbels und Bormann. Endlich war die elende Kronprinzenzeit zu Ende, und er konnte wenigstens in der kurzbemessenen Frist vor dem Tode noch vor aller Welt verkünden: "Ich nehme alles auf mich!"
Und rückwirkend wollte er mehr für sich an den Taten und Untaten des Dritten Reiches beanpruchen, als er von Rechts und Tatsachen wegen auf sich nehmen konnte. Er ließ in Nürnberg die sympathischen Eigenschaften erkennen, die der Grund waren, daß man ihn gut leiden mochte, und die sich zu einer Persönlichkeit geformt hätten, wenn ihn je ein Meister in seine Zucht genommen hätte. Diese Eigenschaften gegen die Barbaren und ideologischen Narren nicht entfaltet zu haben, war seine größte Schuld.
Auf einem Gebiete war seine Führung untadelig. Er war ein sorgender und liebender Familienvater. Er verehrte seine Frau wie seine beiden Schwestern. Mit der Strenge eines Abtes sah er auf klösterliche Zucht und Ordnung in seinem Kreis. In der kurzen Zeit, in der ich auf seine Entscheidungen Einfluß ausüben konnte, waren diese Frauen die tapfersten Sekundanten. Sie beschwichtigten ihn nicht nur nach den cholerischen Exzessen jener Zeit gegen mich, sondern sie zogen ihn auch wieder auf die Erde, wenn er aus seinem Götterhimmel keinen Rückweg fand.
Er bemühte sich um die Ehestiftungen seiner Verwandten und richtete ihnen die Hochzeit aus. Ein entfernter Neffe, von dessen Ehescheidungsabsichten er gerüchtweise vernommen hatte, erhielt eines Tages ein Telegramm, das nur die unzweideutige Meinung enthielt: "Lassen Sie Ihre Schweinereien! Hermann Göring, General der Infanterie."
Wo gehobelt wird. Aus seinem primitiven Machtstreben heraus war Göring ein Feind der Unordnung, von Trubel und Ausschreitung. Macht war ihm nicht denkbar ohne autoritäre Ordnung. Aus seinem romantischen Heldensinn heraus war er ein Feind sadistischer Greueltaten.
Wenn mein Vortrag an diese Saiten rührte, so konnte er in spontanen Aufwallungen gegen die Revolutionäre durchgreifen. Doch wenn die Rückschläge kamen, die Beschwerden Röhms und die verhüllten Drohungen seiner murrenden SA-Führer, so verübelte er den Ratschlag, der ihn zu solchem Tun verleitet hatte.
"Sie wollen mich in Schwierigkeiten mit der SA bringen. Ich verscherze mir meine Autorität bei den Männern. Ich bin schließlich der Gründer der SA, und ich kann kein Verständnis von ihnen erwarten, wenn ich ihnen in den Arm falle."
Und dann verfiel er in Verwünschungen der leisetreterischen "Beamten". "Wenn Sie soldatisch zu denken gelernt hätten, so würden Sie nicht über jeden Toten stolpern. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Vor Verdun haben wir auch nicht überlegt, ob einer mehr oder weniger ins Gras beißen wird, wenn wir zum Angriff auf irgendeinen unbedeutenden Hügel ansetzten. Jetzt geht es auch um Kampf und Sieg, und es ist um keinen Kommunisten schade, der dabei verreckt."
Das war immer wieder die Ausflucht in "das soldatische Denken", in das er retirierte, wenn er entschuldigen mußte, was er ohne die Abhängigkeit von SA und SS zu tadeln und zu ahnden geneigt war.
Er war daher nicht in der Lage, seinen Unwillen auf geradem Wege gegen Unruhestifter und Sadisten durchzusetzen. In keinem Augenblicke war er stärker, als ihm Hitler zu sein gestattete. So mußte er in das schallende Gelächter mit einstimmen, wenn die SA- und SS-Führer in den wilden Monaten des Jahres 1933 ihre bestialischen Heldentaten und Bübereien zum besten gaben. Er ballte aber dann die Faust in der Tasche. Und er wartete und wartete auf den Zeitpunkt, an dem er ihren Uebermut heimzahlen konnte. Doch bis zum Dezember 1933 mußte er mit Grollen zusehen, wie seine zahlreichen, gegen Ausschreitungen ergangenen Befehle und Erlasse verhöhnt wurden.
"Freundestreue". Göring hat sich weniger aus Ueberlegung und Berechnung, sondern aus Herkommen und Erziehung heraus nur mit Persönlichkeiten bürgerlichen Standes umgeben. Es gab keine "Proleten" und Revolutionäre unter ihnen. Schon der persönliche Kreis, der ihn in der "Kampfzeit" umgab, fiel aus dem Cliquentypus der Nazis heraus. Es waren seine Offizierskameraden aus dem Weltkrieg. Aus "Freundestreue" ließ er sie später ohne Ansehen ihrer Fähigkeiten zu den höchsten Stellungen avancieren. Man konnte ihn immer wieder das Thema variieren hören:
"Ich habe niemals einen Mitarbeiter wegen dienstlicher oder sachlicher Fehler und Mängel aus meinem Kreis entfernt! ich habe mich nur von denen getrennt, die die Gesetze der Kameradschaft verletzt haben."
In der Tat hat sich der Kreis seiner Stäbe im Laufe der Jahre nicht wesentlich verändert. Die "Göringianer" hielten zusammen. In den ferneren Bereichen fanden sich tüchtige Persönlichkeiten, wie Neumann und Kramsch und Marotzke, weil man in der großzügigen Luft, in dem jovialen Kreis unter dem Pascha, wenn man nur die besonderen Spielregeln nicht verletzte, beschützt und frei von den Belästigungen der Partei und der SS arbeiten und leben konnte. Zu Körner, seinem gutmütigen Staatssekretär und zu Gritzbach, den er aus dem Personalbestand des alten Staatsministeriums übernommen hatte, wahrte er eine echte Freundschaft, ebenso wie zu Bodenschatz, seinem Kriegskameraden aus dem Geschwader Richthofen. Für Männer wie Guido Schmidt wurde sein Stab später eine rechte Zuflucht.
Aber in seinem unmittelbaren Umkreis war die Luft nur für chemisch reine Schranzen zu ertragen. Diese waren der tiefste Grund seiner Ausschaltung, als Hitler das Mißverhältnis der Leistung zu den hemmungslos wuchernden Mammutorganisationen erkannt hatte. Seine "Freunde", die als Verbindungsleute das unübersehbare Riesengebäude des "Vierjahresplanes" und des Luftfahrtministeriums mit ihm als der Spitze verbanden und die unfruchtbaren Wucherungen dieser Apparaturen nicht zu hindern wußten, hatten sich auf die Dauer als unfähig erwiesen.
Barocke Tradition. Aus der Uebertragung des Militärischen und Kriegerischen, der Luft des Zeltlagers auf alle Angelegenheiten des zivilen Alltags hatten sich Adjutanten und Stäbe und dieser ganze militante Charakter seines uniformierten Hofstaates ergeben. Doch durch seine persönliche Bonhomie und volkstümelnde Jovialität, den legeren, witzigen Ton des Fliegerkasinos, der die Weltkriegskameradschaft beherrschte, und in dem er ein Meister war, durch das Ueberfliegen des Familiären, wie es sonst wohl nur in jüdischen Familien gepflegt wird, erhielt alles in dieser Atmosphäre, auch das Derbe und Draufgängerische, einen mildernden Schuß ins Patriarchalische. Gritzbach, Körner und Bodenschatz verstanden sich auf diesen Ton und wirkten wie Oel in der Maschine, wenn die Fernwirkungen seiner Ausbrüche gedämpft und neutralisiert werden mußten. Sein Familiensinn förderte aber auch wieder seine dynastischen Allüren; Karinhall sollte die barocke Tradition des preußischen Königshauses fortpflanzen. Es ging glanzvoll, aber zuchtvoll zu.
Seine Stellung zur Partei war dadurch bestimmt, daß er die "Proleten" haßte und sich vor ihnen fürchtete. Er hätte diese "Halunken" am liebsten wie Röhm erschlagen lassen, wenn Hitler ihn zu einer zweiten Bartholomäusnacht von der Kette gelassen hätte. Sie ließen es ihn entgelten, wo sie nur konnten, die Ley, Bormann und Genossen. Aus seiner entsetzlichen Angst heraus umschmeichelte er sie später und versuchte, sie sich zu verpflichten, als er sie längst nicht mehr bedrohen konnte.
Was sagen Sie dazu? Ich kann dieses Thema nicht verlassen, ohne auf eine Methode Görings hinzuweisen, die symptomatisch für des Byzantiners Auffassung von der Würde des Menschen war; das Bestreben nämlich, sich durch ständig bereitgehaltene Bedrohungen nicht nur seine Untergebenen, sondern auch Gleichgestellte dienstbar zu machen.
Schon wenige Wochen, nachdem er mir eine Stelle in seiner persönlichen Umgebung eingeräumt hatte, legte er mir ein umfangreiches Aktenstück des Innenministeriums vor mit der hintergründigen Frage: "Was sagen Sie dazu?"
In der weit sichtbaren Rundschrift der ministeriellen Kanzleien stand auf der Akte geschrieben "Hitlermeineid".
"Wenn der Inhalt dieser Akte bekannt wird, werden Sie auf offener Straße erschlagen werden."
Er schlug sie auf und deutete mit dem Finger Seite für Seite immer wieder auf meinen Namen, der als Sachbearbeiter auf den Schriftstücken aus der Zeit Severings, zusammen mit denen der Ministerialräte Schönner, Janich und Kempner verzeichnet war. Das Aktenstück war der Niederschlag der Absicht des Ministers Severing, den Nachweis zu führen, daß der sogenannte Legalitätseid, den Hitler im Hochverratsprozeß gegen die Offiziere Scheringer und Ludin im Jahre 1931 vor dem Reichsgericht in Leipzig geschworen hatte, ein Meineid gewesen war. Es enthielt eine Sammlung von Aufzeichnungen, aus der die umstürzlerischen Absichten Hitlers und die finanziellen Unterstützungen, die ihm das Ausland gewährte, nachgewiesen werden konnten. Es hätte die Möglichkeit geboten, nicht nur die Ausweisung des Ausländers Hitler zu betreiben, sondern auch eine längere Freiheitsbeschränkung durch eine Verurteilung durchzusetzen.
Ich war mir im klaren, daß die Erörterung dieser halsbrecherischen Gedankengänge, die mir Göring schwarz auf weiß vorhielt, das Frohlocken Dalueges, der mit seinen Kreaturen die Durchschnüffelung der alten Akten der politischen Gruppe betrieb, ausgelöst hatte. Wenn Göring mich schonte, so bedeutete das auch, daß meine anderen Mitarbeiter, besonders Janich und Kempner, unbelästigt bleiben mußten.
Ich antwortete Göring: "Ich habe Ihnen nicht verschwiegen, daß ich gegen das Herankommen der Nationalsozialisten gearbeitet habe, als Sie sich entschlossen, mich auf meinem Posten zu belassen."
Göring: "Diese Akte sollte Ihnen eine Warnung zur allergrößten Vorsicht sein."
Er verschloß sie selbst schweigend in seinem Tresor. Daluege, Nebe und wie sie alle hießen, warteten vergeblich auf die große Szene, und später hörte ich aus Heydrichs Munde, daß auch er von der Existenz des todeswürdigen "Vorganges" wußte. Doch Daluege kannte Göring nicht. Für diesen konnte solches Material nicht mein Dienstverhältnis erschüttern. Es war gerade das, was Göring brauchte, um Verläßlichkeit zu erzwingen.
Rosenbergs Freundin. Ich habe dann öfter die Geste beobachtet, mit der Göring Schriftstücke beiseite legte, die ihm ängstlichere Gemüter verpflichteten. Da war das Bündel Liebesbriefe, die der Vorkämpfer arischen Rassenstolzes, Alfred Rosenberg, an seine rothaarige, schöne jüdische Freundin Lisette Kohlrausch geschrieben hatte. Auf die flehentlichen Bitten Rosenbergs ließ er die verhaftete Dame frei, nachdem er sich an deren Geständnissen über den Liebeseifer des lichten Enthüllers der jüdisch-etruskischen Sexualgreuel geweidet hatte. Die Dame wurde dabei gestört, als sie ihre Aufzeichnungen über ihr Liebestreiben mit dem großen Manne ausländischen Freunden übersenden wollte. Dafür verzichtete Rosenberg endlich auf seine Einmischungen in die deutsch-schwedische Außenpolitik, die ihm Göring bitter verdacht hatte. Rosenberg "spurte" noch in Görings Sinn, als er Reichsminister für die russischen Gebiete geworden war.
Der Verkünder der Brechung der Zinsknechtschaft, Gottfried Feder, schwieg von Stund an, als Göring in seiner Gegenwart die Niederschriften seines Forschungsamtes über das belauschte Liebesleben Feders in seinen Schubkasten placierte.
Der Friede mit dem allergefährlichsten Konkurrenten, Goebbels, war erzwungen, als der Rebell Stennes, zwischen der Wahl zu sterben oder zu schreiben, die Doppelrolle des allertreuesten unter Hitlers Jüngern, Goebbels, beleuchtet hatte, in jenem Stennesputsch, der einmal die Existenz der Hitlerschen Bewegung von Grund aus gefährdet hatte. Ich wiederum konnte dabei die Freiheit von Stennes aushandeln.
Und schließlich gehörte dazu auch die Akte über den Prozeß gegen Ribbentrop, in dem er auf Zahlung des Betrages verklagt wurde, den er für die Adoption versprochen hatte, die ihm das Adelsprädikat gebracht hatte.
Ofenschirm vor Hindenburg. Das Meisterstück der Erpressung war Göring wohl gegenüber dem Staatssekretär Hindenburgs, Otto Meißner, gelungen. Dieser belohnte Görings Wissen und Schweigen um seine finanziellen Peinlichkeiten, die mit dem Abschluß des "Schenkervertrages" mit dem Reich zusammenhingen, damit, daß er Hindenburg für Göring freundschaftlich stimmte, und daß er den Alten für die Kanzlerschaft des Gefreiten des Weltkrieges gefügig machte, trotz Schleichers Hinweisen auf die Akten des Potsdamer Militärarchives. Der "greise Feldmarschall" war wirklich willfährig und schwieg, ernannte den nach Rängen und Uniformen süchtigen Göring gegen den Einspruch der Reichswehr zum General und hieß schließlich sogar das Morden des 30. Juni 1934 gut. Meißner hatte sich wie ein breiter Ofenschirm vor Hindenburg postiert. Er hielt auch alles von dem Alten fern, was das Bild des autoritären Ordnungsstaates verunzierte. Daraus mag auch zu erklären sein, warum der Staatssekretär Meißner unangefochten bis zum letzten Tage dem neuen Herrn dienen durfte.
Das war der Unterschied zwischen Göring und seinem Meister Hitler, daß Göring sich seine Trabanten durch Furchteinflößen und Bedrohen mit der dunklen Vergangenheit gefügig machte, während Hitler, klüger und großzügiger, sich die widerstrebenden Geister zu freudiger Mitarbeit verpflichtete, indem er die Flecken auf ihren Westen übersah und vergaß.
Die alten Signale. Bald nach seinem Einzug in das Preußische Ministerium des Innern am 30. Januar 1933, die wegen ihrer Polizeimacht zentrale Machtposition des Reiches, hatte Göring persönlichen Gefallen an den flotten und schneidigen, gewandten und tüchtigen Polizeioffizieren gefunden. Sie waren als Offiziere des Weltkrieges in die Polizeiarmee Preußens übernommen worden und hatten die großzügige Toleranz der sozialdemokratischen Innenminister mit loyaler Pflichterfüllung und unparteiischem Einsatz gegen den brandenden Radikalismus von rechts und von links entgolten. Göring sah ebenfalls großzügig über parteipolitische Festlegungen auf die Weimarer Parteien, über die Zugehörigkeit zu dem linksgerichteten Schraderverband u. ä. hinweg und gewann sich - ständig werbend - die "Gefolgschaftstreue" dieser Männer, die dankbar nach der Art von Kavalleriepferden, die alte Signale hören, auf die militärische Redeweise des neuen Chefs einschwenkten.
(Fortsetzung folgt)
Copyright 1949 by Rudolf Diels
Nachdruck verboten

LEITSÄTZE
Rudolf Diels stellt seinem Erinnerungsbuch grundsätzliche Betrachtungen vorauf, denen die folgenden Leitsätze entnommen sind.
Ich will versuchen, zu erklären, warum die Herrschaft der Totschläger Böses gebären mußte, und daß auch künftig aus roher Gewalt weder sittliche, noch echte politische Kraft erwachsen wird, daß die Gewaltherren immer Kriege führen und Kriege verlieren werden, und daß, wer ihre Erfolge zurücksehnt, auch ihre Verbrechen wieder heraufbeschwört.
Die bisher erschienenen Darstellungen des Dritten Reiches kennen weder Verzögerungen noch Beschleunigungen, weder Kurven noch Geraden in dieser Sturmphase der deutschen Geschichte. Sie schildern die Jahre 1933 und 1934 wie eine von stürmischen, aber gleichmäßigen Wellen erregte See, ohne deren Brandungen Erwähnung zu tun, die sich an den Wellenbrechern bildeten. Diese Autoren übersehen die Einschaltung antirevolutionärer Kräfte, die sich noch beschwichtigend entfalten. Das verbaut ihnen auch die Erkenntnis für das Latentwerden und völlige Verschwinden dieser Hemmungen nach dem ersten großen Schub zur permanenten Revolution kin, der Bartholomäusnacht des 30. Juni 1934, die nicht das Ende, sondern der eigentliche Beginn gewesen ist.
Es scheint mir an der Zeit zu sein, daß endlich eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus beginnt, die für die Suchenden die Wahrheit ans Licht und die Befreiung von der Gegenwart bringt.
Die eigentlichen Jahre der Hitlerschen Machtentfaltung nach dem 30. Juni 1934 bieten, trotz ihrer explosiven Auswirkungen auf die ganze Welt, für eine Geschichtsbetrachtung von innen her, die die Motive ihres Entstehens und Vergehens aufdecken will, weniger Interesse als die Anfänge. Nur deren Betrachtung führt uns den Umschlag in die pathologischen Sturmjahre vor Augen. Das Jahr 1933 bis zum Frühjahr 1934 umfaßt den Höhepunkt und auch das Ende der Möglichkeiten, den Gang der Dinge zur Katastrophe hin abzuwenden.
Am 30. Juni 1934 hatte sich in Deutschland die reine Gewaltherrschaft durchgesetzt. Die Willkür war zur staatlichen Maxime geworden, der Mord eine Funktion der obersten Staatsgewalt. Die Totschläger waren nach oben gekommen. Dem Volk wurde verkündet, daß die Verräter und Verbrecher gerichtet seien. Es war die Verkleidung der Tatsache, daß das Prinzip der Gewalt gesiegt hatte. - - - Die Geschichte des Dritten Reiches nach dem 30. Juni 1934 ist daher die Geschichte eines einzelnen.
Im Jahre 1933 war noch alles möglich; die Situation hätte noch eine Konterrevolution erlaubt. Doch es erscheint mir sinnlos, diesem Gedanken nachzuhängen; denn es fehlten die Persönlichkeiten, diese Möglichkeiten zu entfalten. Es gehört zur Tragik des deutschen Widerstandes, daß diese Kräfte sich erst zusammenfanden, als die objektive Möglichkeit für ihre Entfaltung nicht mehr gegeben war.
Wenn ich auf meine eigene Aktivität und diejenige meiner Mitarbeiter, ja der ganzen ehemaligen Polizei vor ihrer Uebernahme durch Himmler näher eingehe, so möchte ich an diesem Beispiel zeigen, wie sich das Umgreifen des Bösen verzögern und hindern ließ. Wir konnten das Heraufkommen Hitlers weder fördern, noch hatten wir die Absicht, als er an die Macht gekommen war, ihn zu stürzen. Hitler war für diese Beamten wie für alle Deutschen ein neuer Reichskanzler, der vierte nach Brüning, der mit einem 'Präsidialkabinett' regieren sollte. Was ihn für verfassungstreue Deutsche vor seinen Vorgängern auszeichnete, war die Tatsache, daß nur ihm die Zustimmung des Reichstages beschieden war.
Nachdem sich die Diktatur nach dem 30. Juni 1934 etabliert hatte, war die Chance der Gegenrevolution ungenutzt verstrichen. Eine Technik des Staatsstreiches konnte sich nur noch mit einem Einverständnis der obersten Kommandostellen des Heeres entfalten. Kein noch so wohlwollender Fürsprecher für die deutsche Generalität kann die Tatsache vertuschen, daß sich im Schoß der Generalität ein Entschluß zum Staatsstreich erst kristallisierte, als es zu spät war.
Ich möchte mich mit diesem Buch nicht auf das neue Schiff 'Resistance' drängen, es ist überfüllter als die 'Mayflower', deren Passagiere tatenfroh nach vorwärts schauten und aus den Plagen der Vergangenheit die Kraft für einen neuen Anfang nahmen. Was ich über die Vergangenheit schreibe, soll in die Zukunft weisen.
Von Rudolf Diels

DER SPIEGEL 20/1949
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