12.05.1949

Mathea VI. wird konstruiert

Sonnedürstende Frankfurter, die an Moslers Mainterasse Eis löffeln, halten sich die Ohren zu. Mit Getöse und Sprühregen knattert ein Motorboot über den Main. "Ein Irrer!" kommentiert eine blonde Schönheit in kariertem Kattun. "Bestimmt ein Ami!" patriotisch ihr Gegenüber.
Weder - noch. Christoph von Mayenburg trainiert. "Spritzt das Wasser bis auf die Tische?" In Mayenburgs Akzent mischt sich naturreines Sächsisch. "Na ja, bei den Kurven. Läßt sich auf Flüssen nicht vermeiden."
Der Hausmeister vom DENA-Office am Untermainkai will die Wasserpolizei aufmerksam machen. Aber die Wasserpolizei weiß Bescheid. Die Amerikaner wissen es auch. Mayenburg - sehnig-schmal, lang und 34 Jahre alt - darf mit allen Genehmigungsstempeln trainieren.
Vor zehn Jahren stellte Mayenburg, damals noch Dresdner, auf dem Berliner Scharmützelsee mit 104 km den Stundenweltrekord in der 1200-kg-Klasse auf. Er hält ihn noch. Er will ihn brechen. Auch den absoluten Rekord, den der Italiener Rossi mit 146 km/h hält.
"Zukunftsmusik. Kommt drauf an, wie weit das Geld reicht. Es ist der herrlichste Sport der Welt. Aber teuer". Als Mayenburg 1946 mit dem Wasserrennen anfing, hatte er Geld, denn seine Familie fabrizierte Chlorodont. Einem Autounfall dankt er seinen Start. Der Autounfall entzog ihn für zwei Jahre den Führerschein. Da verlegte er seine motorischen Ambitionen von der Landstraße aufs Wasser.
An sein erstes Boot - 350-kg-Klasse - pinselte er "Mathea", den Namen einer amerikanischen Braut. In seinem Sportalbum lächelt sie noch immer unter dunklen Locken über eine ganze Seite. Er pinselt noch heute "Mathea" an seine Boote, in memoriam und weil das so usus ist. Den Renner, mit dem er den Main durchkurvt, markiert die Nummer V. Vor einem Jahr schmuggelte er ihn über die Zonengrenze. Die anderen Boote schluckte der Russe.
"Mathea III" machte seinen Weltrekord - mit 750 PS und einem BMW-Heinkel-Blitz-Motor. "Mathea III" kostete Mayenburg achtzigtausend Reichsmark. Aus eigener Tasche. Deutschlands Motorbootrennfahrer zahlten immer aus eigener Tasche. Mit der Großzügigkeit der Vereinigten Staaten und Italiens konkurrierte die deutsche Motorindustrie nie.
"Die Pläne für 'Mathea III' sind hops gegangen. Ich muß sie neu konstruieren." (Der Russe schluckte die Pläne für "Mathea VI" wie die anderen Boote.) Wenn Mayenburg nicht gerade nach seiner Frankfurter Zuzugsgenehmigung herumrennt, oder sich bei seinem Büroaufbau mit Maurern herumschlägt, tüftelt er über den Motorplänen. Die STEG überließ ihm billig zwei nagelneue Mercedes-DP-605-Flugmotoren, billig, weil sie als Jagdflugmotoren unter "Schrott" verbucht werden.
Im November will er mit dem Bau anfangen, im nächsten Frühjahr mit dem Start. Auf der Weltrekord-Tabelle stockt er ständig bei Campells absoluten Blue-Bird-Rekord von 210 km/h. "Selbst das müßte zu schaffen sein!" Das neue Boot soll mit 1500 PS betrieben werden. Campells Blue Bird hatte einen Rolls-Royce von 2000 PS. Dafür wog er 3600 kg. Mayenburg hofft, das Gewicht von "Mathea VI" auf ein Drittel zu reduzieren.

DER SPIEGEL 20/1949
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