09.06.1949

Dann kam die Linse

Seit kurzem steht Ritterkreuzträger und SA-Sturmführer Dr. Gerhard Dengler als fristlos Entlassener auf Berlins Dönhoffplatz. Dem bisherigen Chef der roten Wochenschau "Der Augenzeuge" ist der Zutritt zum Defa-Hause verwehrt.
"Ich habe mich von meiner Klasse getrennt", rief Bürger Dr. Gerhard Dengler vor den Delegierten des letzten Sachsen-Landeskongresses der SED in Dresdens einstigem Armee-Museum. Der Kongreß lohnte das Geständnis; der damalige Chefredakteur der "Leipziger Volks-Zeitung" wurde in den Landesvorstand gewählt.
Um aufzufallen, veranstaltete er ein historisches Blutbad und schlachtete den alten Alexandre Millerand noch einmal ab*). Er entfesselte eine Kampagne gegen den "Ministerialismus", womit er das Abweichen der in Staatsämter gekletterten SED-Funktionäre von der Parteilinie meinte.
Auch diesmal blieb der Lohn nicht aus. Ritterkreuz-Dengler wurde nach Berlin geholt und Chef der Defa-Wochenschau "Der Augenzeuge". Um die fortschrittliche Filmintelligenz der Defa von Jenny Jugo bis Aribert Wäscher ideologisch aufzurichten, stieg er zugleich als Leiter der Defa-SED-Betriebsgruppe mit ein. Was die NKWD nicht sah, entdeckte Klassenbrecher Dr. Dengler.
Nur die Kasino-Allüren konnte sich Hauptmann Dr. Dengler bei all der proletarischen
Gesinnung nicht abgewöhnen. Wenn er in engster Kumpanei zechte, machte er anzügliche antisowjetische Bemerkungen. Da konnte schließlich auch Anton Ackermann, Kulturdiktator der SED, seinem Schützling nicht helfen. Er fiel.
Deutsche Filme. Und Anton Ackermann kann sonst manches; er ist ein Potentat im sowjet-deutschen Film.
Gegründet wurde die Defa im Mai 1946 mit 21 von der Ostzentralverwaltung für Volksbildung vorgestreckten Mille und Wolfgang Staudte's Drehbuch "Die Mörder sind unter uns". Später mußte Volksbildungspräside Paul Wandel zweimal sechsstellige Summen beisteuern, um die Defa wieder flott zu machen.
Sommer 1947 inspizierte UdSSR's stellvertretender Kinominister die Defa. Er fand in ihr ein "vorzügliches Instrument zur politischen Durchdringung des Volkes". Die Umwandlung der Defa-G.m.b.H. in eine Aktiengesellschaft mit zehn Millionen Kapital folgte auf dem Fuße.
55 Prozent des Aktienkapitals übernahmen die Sowjets, 45 Prozent die SED. Treuhänder des sowjetischen Aktienpaketes ist Sowjetgeneraldirektor Antonow von der "Linse". (In der Sowjet A. G. "Linse" sind zusammengefaßt die Reste der demontierten Ufa-Stadt Babelsberg bei Potsdam, das ehemalige Tobis-Atelier Johannisthal, die Farbfilm-Kopieranstalt Köpenick und die Berliner Kopieranstalt Tesch. Die SED-Anteile übernahm die Vermögensverwaltung der SED-Liegenschaften, der Fundamentum-Konzern.
Der Verbrauch an Defa-Direktoren war horrend. Gleichgeschaltete Traumfabrikanten wechselten im Zwei-Monats-Turn mit Moskau-geschulten Altkommunisten. SED-Zentral-Organ "Neues Deutschland" schimpfte ständig. "Razzia" sei eine haltlose Mischung aus Lehrstück, Reportage und Kriminalreißer, aufgewärmt mit alten Kintop-Gags. "Die seltsamen Abenteuer des Fridolin B." wurden als Mottenkiste verrissen. "Das war muffig, verstaubt, ziellos", schrieb das von Rudolf Herrnstadt neugebügelte Zentralorgan. "Wohltuend war erst wieder 'Grube Morgenrot'." Das war Zelluloid auf volksdemokratisch.
Zur "künstlerischen und ideologischen Planung" setzte Berlins Polit-Büro eine Defa-Kommission ein. Mitglieder sind: Anton Ackermann, Kultura-Sekretär der SED, Paul Wandel, Präsident der Zonen-Zentralverwaltung für Volksbildung, Gustav von Wangenheim und Franz Dahlem, Organisationssekretär der SED. Es ist wie in Goebbels Promi-Zeit: alle Drehbücher müssen vor Aufnahmebeginn vorgelegt werden. "Alle Filme haben bis in die Details hinein im Parteisinne ideologisch richtig zu liegen", erläuterte Kommissionsmitglied Gustav von Wangenheim.
Der ständigen Finanzsorgen ist die Defa enthoben. Die Herstellungskosten jeden Films zahlt hundertprozentig die Sowjet A. G. "Linse". Die Einspielergebnisse aus der Ostzone und die der Austauschfilme aus den Westzonen fließen vereinbarungsgemäß in die SED-Zentralkasse.
Das Auslandsgeschäft mit der Defa-Produktion macht Sowjet A. G. "Linse". Das Geschäft geht glänzend. Von Bukarest bis Danzig laufen die Defa-Streifen als "deutsche Filme".

Wie kommt aufs Dach
eine Badewanne, hatten die hohen Stäbe des alliierten Hauptquartiers in einem Seitenflügel des Frankfurter IG-Hauses Grund zu fragen. Denn auf ihrem Dach stand wirklich eine Badewanne. Dazu meldet ein UP-Korrespondent: "Bis jetzt ist es ihnen nicht gelungen, die Frage zu lösen. Die einzige Luke, die die Wanne hätte passieren müssen, ist zu klein, um sie durchzubringen. Die JEIA verneint ihre Zuständigkeit. Ausländischen Ursprungs scheint die Wanne nicht zu sein, und für den Export komme sie wohl kaum in Frage. Worauf ein deutscher Beamter, leicht eingeschüchtert, meinte, in Deutschland sei es nicht üblich, die Badewannen auf dem Dach aufzustellen - und damit nur die scharfe Antwort eines Briten herausforderte: "Wir haben sie bestimmt nicht dort hinaufgebracht." Die Badewanne steht noch auf dem Dach.
*) Alexandre Millerand wurde 1899 in Frankreich der erste sozialistische Minister, 1904 wurde er aus der Sozialistischen Partei Frankreichs ausgeschlossen. Seine Haltung im Kabinett löste eine scharfe Debatte in der II. Internationale der Vorweltkriegszeit aus.

DER SPIEGEL 24/1949
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