09.06.1949

DIE NACHT DER LANGEN MESSER ...

4. Fortsetzung
Göring konnte nicht fortfahren, Hitler wandte sich zu der Versammlung. Nun sah ich, daß sein Gesicht flammend rot war vor Erregung und von der Hitze, die sich in der Kuppel sammelte. Als ob er bersten wollte, schrie er, in so unbeherrschter Weise, wie ich es bisher nicht an ihm erlebt hatte:
"Es gibt jetzt kein Erbarmen; wer sich uns in den Weg stellt, wird niedergemacht. Das deutsche Volk wird für Milde kein Verständnis haben. Jeder kommunistische Funktionär wird erschossen, wo er angetroffen wird. Die kommunistischen Abgeordneten müssen noch in dieser Nacht aufgehängt werden. Alles ist festzusetzen, was mit den Kommunisten im Bunde steht. Auch gegen Sozialdemokraten und Reichsbanner gibt es jetzt keine Schonung mehr."
Kinderglauben. Ich berichtete von dem Ergebnis der ersten Vernehmungen des Marinus van der Lubbe - daß es sich meiner Meinung nach um einen Verrückten handelte. Doch da kam ich bei Hitler an den Richtigen; er höhnte über meinen Kinderglauben:
"Das ist eine ganz raffinierte, von lange her vorbereitete Sache. Das haben sich diese Verbrecher sehr schön ausgedacht; aber nicht wahr, meine Parteigenossen, sie haben sich verrechnet! Diese Untermenschen ahnen ja gar nicht, wie das Volk auf unserer Seite steht. In ihren Mauselöchern, aus denen sie jetzt herauskommen wollen, hören sie ja nichts von dem Jauchzen der Massen", so ging es weiter.
Ich bat Göring auf die Seite; doch er ließ mich nicht zu Wort kommen. Höchster Alarmzustand der Polizei, rücksichtsloser Gebrauch der Schußwaffe, und was es der großen soldatischen Alarmbefehle in einem solchen Fall noch geben mochte. Ich rekapitulierte, daß in seinem Namen ein Polizeifunkspruch an alle Polizeibehörden hinausgehen werde, der den Alarmzustand der Polizei und die Verhaftung derjenigen kommunistischen Funktionäre anordne, die für eine Festnahme im Falle eines Parteiverbotes schon seit längerer Zeit vorgesehen seien. Göring hörte nicht zu. "Es darf uns kein kommunistischer und kein sozialdemokratischer Landesverräter entrinnen", waren seine letzten Worte.
Als ich nach Mitternacht in den "Alex" zurückkehrte, schwärmte es dort wie in einem Bienenhaus. Die alarmierten Einsatzbereitschaften der Schutzpolizei standen im Stahlhelm und mit umgehängten Karabinern in langen Reihen in den großen Durchfahrten des Erdgeschosses. Während Einsatzwagen anrollten und truppweise Kriminalisten, mit seit Jahr und Tag fertigen Registern in der Hand, sich mit uniformierten Beamten auf die Wagen schwangen, rollten schon die ersten Gefährte mit den aus dem Schlaf geholten erstaunten Arrestanten vor dem Eingang des Hauses wieder an.
Es ist meine Tat. In meinem Zimmer traf ich den Grafen Schimmelpfennig, den Adjutanten von Goebbels. Er war gekommen, um mich zu seinem Chef zu holen. Goebbels wollte meinen Bericht über den Hergang der Sache hören. Ich war in der Vermutung wieder schwankend geworden, daß die kommunistische Partei hinter der Brandstiftung stehe, daß das ein Fanal zum Aufstand sein solle, obwohl auch wieder einige Anzeichen dafür sprachen. Trotz seines standhaften proletarischen Glaubensbekenntnisses irritierten mich die flackernden Augen des Marinus van der Lubbe. "Es ist meine Tat, und ich will meine Strafe haben", war seine stereotype, im breiten Deutsch-Holländisch wiederholte Redensart.
Doch meine Meditationen waren völlig unerheblich für den Gang der Dinge Während der Unterhaltung mit Goebbels, den ich bei dieser Gelegenheit kennenlernte, hatte Göring längst Nägel mit Köpfen gemacht. Er hatte die sachliche Darstellung, die sein Pressereferent Sommerfeldt entworfen hatte, und die alle Möglichkeiten für die Beurteilung der Tat offenließ, nicht akzeptiert. Göring hatte selbst eine wilde Fanfare wie vor einer Woche nach der Ueberholung des Liebknechtshauses verfaßt. Um Mitternacht wurde sie schon durch Wolfs Telegraphenbüro und die Telegraphenunion verbreitet.
Ich habe mich 1946 schriftlich an das Internationale Militärtribunal in Nürnberg gewandt mit dem Hinweis, daß das deutsche Volk ein Recht habe, von dem Gericht Aufklärung über den Reichstagsbrand zu verlangen. Ich habe dargetan, daß diese Aufklärung noch möglich sei. Die von Gisevius unter seinem Eid totgesagten SA-Führer sind noch am Leben; es leben auch noch die Justizbeamten in Neuruppin, denen der Zuchthäusler Rall sein "Geständnis" gemacht hat, und es leben die Beamten der politischen Polizei, die im Auftrage des Oberreichsanwalts die Untersuchungen geführt haben.
Im Angesicht des Todes. Göring wurde getötet, ohne daß eine eingehende Befragung und Gegenüberstellung mit anderen Tatzeugen vor dem Nürnberger Gericht stattgefunden hätte. Ich weiß, daß der General Donovan, der Chef des amerikanischen Geheimdienstes, von sich aus in Nürnberg Göring auf den Reichstagsbrand angesprochen hat. Göring, der dem berühmten General als Soldat zum Soldaten ein besonderes Vertrauen entgegenbrachte, antwortete: "Sie müssen die Ueberzeugung gewonnen haben, daß ich im Angesicht meines Todes nicht zu Lügen meine Zuflucht nehme. So versichere ich Ihnen, daß ich mit dem Reichstagsbrand nicht das geringste zu schaffen habe."
Ich fürchte nur, daß es das Gesetz des Berufens war, das die magische Folge zeugte, daß SA und SS sich fünf Jahre später vor aller Welt als Brandstifter von jüdischen Gotteshäusern betätigten, ohne auch nur den leisesten Versuch zu machen, diese Taten zu leugnen. Sie lieferten die tausendfache Bestätigung dafür, daß sie es gekonnt hätten, wenn sie nur gewollt hätten.
Der Leser möge mir verzeihen, daß ich ihn enttäusche. Es sind ehemalige Mitarbeiter an der Arbeit, um Klarheit in diese Sache zu bringen. Ich selbst habe schon nach einigen Wochen nach dem Brand und bis 1945 geglaubt, daß die Nationalsozialisten die Brandstifter gewesen seien. Ich glaube es heute nicht mehr.
Der Hund ist los. Göring entfaltete schon in der Nacht des Reichstagsbrandes seine Natur als losgelassener Kettenhund. Er hatte kein Wort mehr mit mir gewechselt, seit ich ihm abends auf dem Balkon des Reichstagsplenums kurz und völlig überschläglich berichtet hatte. Das hinderte ihn nicht, vor Pressevertretern, die er nach Mitternacht in das Ministerium des Innern beordert hatte, hemmungslos und phantastisch über den Beginn des kommunistischen Bürgerkrieges zu reden. Die vagen Indizien, die den Vorsitzenden der kommunistischen Reichstagsfraktion, Ernst Torgler, in die Sache hineinzogen, waren Wasser auf Görings Mühle. Sein Pressechef Martin Sommerfeldt hatte ihm eine sachliche Notiz zu dem Ereignis vorgelegt, die sich auf eine Auskunft des Regierungsrates Schneider stützen konnte. Als ich am kommenden Vormittag die phantastischen Verlautbarungen Görings in den Morgenzeitungen las, frug ich am Fernsprecher mit großem Erstaunen Sommerfeldt, was denn aus seiner Darstellung des Reichstagsbrandes geworden sei. Sommerfeldt antwortete in einiger Verzweiflung:
"Aus meinem Text hat er nur ein 'und' stehenlassen."
Am Morgen nach dem Brande hatte Ernst Torgler in den Zeitungen schon über seine Beteiligung an der Brandstiftung gelesen. Er erreichte telefonisch einen jungen Beamten meiner Abteilung, Schneppel, und trug diesem auf, mir seine scharfe Verwahrung gegen die Verdächtigung seiner Person auszurichten. Ich las bald darauf Torglers Protest, den er vor seiner Festnahme der Auslandspresse zugeleitet hatte. Als Torgler auf Görings Befehl festgenommen worden war, kam es zu einer Unterredung zwischen ihm und mir. Ich hegte eine alte Hochschätzung für den Kommunistenführer, dessen echte sozialistische Gesinnung mich in persönlichen Aussprachen vor dieser Zeit oft beeindruckt hatte. Torgler wiederholte seinen Protest gegen die verleumderischen Angriffe auf seine Person und die Führung der KPD und bat mich, das dem preußischen Ministerpräsidenten zu übermitteln. Ich ließ ihm gegenüber nicht den geringsten Zweifel, daß ich ihn für unbeteiligt an der Tat und seine Festnahme für unbegründet hielte. Ich erklärte ihm ohne Hintergedanken, es handle sich offenbar um die Tat eines Pyromanen, eines Verrückten.
Strich durch die Rechnung. Die Selbstgestellung Torglers hatte einige Verwirrung angerichtet. Sie machte Göring, der Torgler zuerst verdächtigt hatte, und Goebbels, der die propagandistische Regie führte, einen Strich durch die Rechnung. Der freiwillige Gang Torglers zum Polizeipräsidium, über den die von Torgler unterrichtete Auslandspresse schon berichtete, ließ sich nicht mehr in eine "Verhaftung" des flüchtigen, der Tat verdächtigten Kommunistenführers umdeuten. Seine Handlungsweise entwertete dann auch die Indizien, die gegen die kommunistische Führung vorlagen. Seine Bereitschaft, sich für seine Partei in einer Lage zu schlagen, in der zunächst nicht die geringste Hoffnung auf eine unparteiische Behandlung bestand, bereitete auch aus anderen Gründen Verdruß.
Torgler konnten eher Redlichkeit als Eiferertum und taktische Verschlagenheit nachgerühmt werden. Er gehörte zu den Kommunisten, mit denen die großzügige SA gerne Frieden geschlossen hätte, weil sie in ihm einen Sohn des Berliner Mittelstandes, aber nicht den Lumpenproletarier und moskowitischen "Struwelpeter" erblickte. Torgler genoß Sympathien als ein besonderer politischer Typus.
Trotzdem war für Torgler die Lage weit gefährlicher als für das bulgarische Trio Dimitroff, Popoff und Taneff, die in den ersten Märztagen verhaftet wurden. Dimitroff konnte nicht nur nachweisen, daß er sich am Tage der Tat gar nicht in Berlin befunden hatte, sondern die Bedrängnis des landflüchtigen bulgarischen Vertreters der Komintern alarmierte auch die Sorge und Teilnahme der ganzen Welt, und in Berlin mühte sich die russische Botschaft für ihn. Torgler focht allein auf weiter Flur, und die immer handfester werdenden Belastungszeugnisse ließen auch mich vorübergehend irre werden und für seinen Kopf fürchten; die Köpfe der Bulgaren dagegen waren in keinem Stadium des Prozesses ernsthaft in Gefahr.
Es wäre idiotisch. Göring hatte die Kriminalkommissare Heller, Braschwitz, Zirpins und Heissig als eine Sondergruppe für die Untersuchung des Falles eingesetzt. Zu irgendwelchen Anweisungen dieser Beamten war ich nicht befugt. Sie waren mit dem Beginn der Ermittlungen automatisch "Hilfsbeamte der Reichsanwaltschaft" geworden. Göring konferierte mit den Beamten und dem Oberreichsanwalt persönlich und häufig. Es erhob sich mit dem Fortschreiten der Ermittlungen immer dringender die Frage, wer angeklagt werden solle.
Eines Tages berichtete mir Heller, daß Göring in seiner Gegenwart in einer Besprechung mit dem Oberreichsanwalt entschieden habe, daß die Anklage ganz und gar gegen die kommunistische Führung gerichtet sein solle. Die Verdachtsmomente, die gegen Torgler und gegen die verhafteten bulgarischen Kommunisten Dimitroff, Taneff und Popoff vorlagen, sollten hinreichen, um die Anklage gegen sie zu begründen. Heller äußerte seine Bedenken. Er hielt Torgler für unschuldig. Allerdings gab es Gründe, die gestattet hätten, die Anklage zwar auf einen kommunistischen Hintergrund zu führen, wenn auch ohne die großen Namen der Genannten. Es waren in jenen Tagen andere Brandstiftungen der Berliner Kommunisten bekanntgeworden und in diesem Zusammenhang Festnahmen erfolgt, die eine Verbindung mit van der Lubbe vermuten ließen.
So ging ich denn zu Göring in der Absicht, ihm seinen Vorsatz auszureden, Torgler und die Bulgaren anzuklagen. Ich entsinne mich nicht der Einzelheiten dieser Unterhaltung mit Göring, doch seine Reaktion nahm die Formen einer Tobsucht an:
"Ich habe befohlen, daß die Sache so gemacht wird; auch der Führer will es so; es wäre idiotisch, ihre kleinen Leute anzuklagen. Der Kommunismus soll getroffen werden, die Komintern und die KPD. Es fehlt Ihnen scheinbar jedes Verständnis für meine Absichten. Was geht Sie überhaupt das Ganze an? Der Oberreichsanwalt ist zuständig für den Prozeß."
Affentheater. Im April mußte ich den bekannten Berliner Verteidiger Dr. Sack auf seine mündliche Anfrage ermuntern, die Vertretung Torglers im Prozeß zu übernehmen. Ich wußte, daß bei dem weltmännischen jovialen Herrn die Berliner SA-Führer ein und aus gingen; ich nahm an, daß diese weniger aus einem schlechten Gewissen heraus, sondern aus Abneigung gegen das Goebbelssche "Affentheater" Sack ebenfalls ermutigt hatten. Sack hat mir trotzdem die nächsten Monate oft mein Zureden vorgehalten, als er erkennen mußte, daß ich ihn kaum gegen die öffentlichen Angriffe der Partei und die Zornesausbrüche Görings schützen konnte.
Ich hatte Mühe, Göring immer wieder darüber aufzuklären, daß auch ein "nationaler" Verteidiger wie Dr. Sack die Interessen seines kommunistischen Mandanten wahrnehmen müsse. Sack engagierte einen mir befreundeten jungen Juristen, Dr. Jung aus Marburg, der die Aufgabe übernahm, mich über den Gang der Sache und die Aergernisse der Verteidigung auf dem laufenden zu halten. Dr. Sack hing das Odium seines Eintretens für Torgler noch lange nach, und bei dem großen Aufräumen Himmlers am 30. Juni 1934 mußte er eine geraume Weile hinter Schloß und Riegel über die "nationalsozialistische Ausrichtung" des Verteidigers nachdenken.
Die nach dem Reichstagsbrand eingeleitete Polizeiaktion führte zur Festnahme von rund viertausend kommunistischen Funktionären im Reichsgebiet. Eintausendachthundert entfielen davon auf das Land Preußen. Das Unternehmen war zwar wie am Schnürchen abgelaufen, doch weder Göring noch Hitler waren von dem Erfolg befriedigt. Viele führende Kommunisten hatten Verdacht geschöpft. Sie wurden in ihren Wohnungen nicht aufgefunden. Wichtige Funktionäre hatten über die östlichen Reichsgrenzen ihren Weg in die Tschechoslowakei gefunden, von wo aus für sie die Fluchtwege nach Rußland geebnet waren. Die kommunistischen Führer Thälmann (er wurde durch Verrat einige Wochen später verhaftet) und Münzenberg waren entkommen.
Samt Schalmeienkapellen. Zwischen Januar und November 1933 hatte sich die Berliner SA von sechzig- auf einhundertundzehntausend Mann vermehrt. Unter den Neuen waren wohl siebzig Prozent ehemalige Kommunisten. Es sprach für die Selbstsicherheit der SA, daß ganze Stürme samt ihren "Schalmeienkapellen" ehemalige Rotfrontkämpfer gewesen waren.
Dabei war der Haß der Berliner SA gegen die Kommune bodenlos. Er war ein ganz persönlicher, unauslöschlicher Bruderhaß, den sie auf den Befehl ihres legalen Führers aufgestaut hatten. Es waren die Gefühle der Blutrache, die durch keine Ehrfurcht vor Gesetz und Recht und Staat gehemmt waren. In Berlin konnte andererseits durch das Zusammenspiel der feindlichen Brüder die stärkste Bedrohung des herrschenden Systems ausgespielt werden. Nachdem die große Huldigung der Berliner SA vor dem "Führer und Volkskanzler" in der Nacht des 30. Januar 1933 zunächst nur einen berauschten Genuß des Sieges eingeleitet hatte, zögerte sie auch noch nach dem Reichstagsbrand, loszuschlagen.
Mit der Reichstagswahl war es aber vorbei mit der Legalität. Anfang März nahm das Treiben der Berliner SA die rabiatesten Formen an. Die sechzigtausend Mann der Berliner SA waren homogener zusammengesetzt als andernorts. Sie rekrutierten sich aus den Arbeitervierteln der Großstadt. Der proletarische Anteil überwog bei weitem die Söhne des Kleinbürgertums. Von zwölf Standartenführern stammten zehn aus dem Arbeiterstande. Es fehlte der mäßigende Einfluß der Landleute. Neben den großstädtischen "Rabauken" gab es richtige Revolutionäre unter ihnen. Das verbrecherische Element war stärker vertreten als in der Provinz.
Die labilen Teile dieser großstädtischen Bürgerkriegsarmee frönten in diesen Wochen nach der Reichstagswahl allen ihren wilden Instinkten. Ein jeder dieser jungen Burschen hatte einen alten Haß auszutragen, eine Rechnung mit einem Kommunisten zu begleichen. Feind und Freund wohnten in derselben Mietskaserne, demselben Hinterhaus und auf demselben Flur, in Britz und Pankow, Nowawes und Reinickendorf und Moabit, im Fischerkitz und Wedding. Keiner von den Rotfront-Männern, der einmal "in der Kampfzeit" einen SA-Mann verprügelt oder über die Achsel angesehen hatte, entging der Privatrache der siegreichen Braunen. Doch man war ja Polizeiorgan. Man konnte den wehrlosen Gegner nicht über den Haufen schießen. Er wurde "verhaftet". Die "Bestrafung" des Kommunisten vertrauten sie der Polizei an. Wozu waren denn Gefängnisse da, wenn nicht für Kommunisten! Sie kamen gar nicht auf den Gedanken, daß für die Polizei Kommunist sein kein Grund für lebenslängliches Festsetzen sein konnte, für "ihre" Polizei, die endlich auf der Seite stand, auf die sie gehörte. Nach ihren Kommunistenjagden trieben sie Hunderte von Gefangenen, die sie nachts und frühmorgens aus ihren Betten, Lauben und Zusammenkünften aufgescheucht hatten, nach dem "Alex", oder fuhren sie auf Lastwagen heran. Die Kommune zu erledigen, sie auszurotten, war der Sinn und das Ziel der SA.
Innerlich herzensgut. Göring hatte unmittelbar nach dem 30. Januar 1933 den sechzigjährigen Admiral von Levetzow aus Weimar als Polizeipräsident nach Berlin geholt. Der kratzbürstige und innerlich herzensgute Ehrenmann war das Urbild des alten Marineoffiziers. Er war von großer persönlicher Sauberkeit und von aufrechter Gesinnung. In normalen Zeiten hätte er einen idealen Polizeichef nach der Art seines legendären Vorgängers, von Jagow, abgegeben. Für sein unkompliziertes Soldatengemüt, seine Gewöhnung, bei klaren Behelfsverhältnissen seinen Willen durchzusetzen, war das polizeiliche Wesen eine seinem Denken zuträgliche geistige Atmosphäre.
Die neue Aera bedeutete für ihn das Ende, aber nicht den Beginn unklarer Kommandoverhältnisse im Bereich der "öffentlichen Ordnung". Daß man mit lokkeren Zügeln fahren müsse, ging ihm nicht in den Kopf. Er war der Mann, Revolten zu unterdrücken, aber nicht, sie zu entgiften und in ruhige Bahnen umzuleiten. Wie ein Fels hätte er in der Brandung gestanden, wenn Hitler und Göring nicht selbst auf den Wogen dahergefahren wären zu jener Zeit, in der die "Nacht der langen Messer" auch in ihren Köpfen geisterte. Und bei den tapfersten Soldaten scheinen die Grenzen der Zivilcourage am engsten gesteckt zu sein.
Dem korrekten Admiral wurden die hochmütigen und anmaßenden SA-Führer bald zu einem Greuel. Er vernahm indigniert von den Massenverhaftungen der SA Anfang März. Seine Polizeioffiziere reagierten wie er selbst gegen die Ueberschwemmung des Polizeipräsidiums mit wahllos festgenommenen Kommunisten, während die Beamten der IA in Tag- und Nachtarbeit die Opfer der SA überprüften, um dann ihre Entlassung zu empfehlen. Levetzow zögerte nicht, es zu tun. Doch er ging bald weiter. Allmorgendlich schickte er die nächtlich herangeschleppten "Staatsfeinde" davon, und schließlich verweigerte er ihre Aufnahme.
Kein Umgang. Die Ablehnung der Berliner SA durch den Admiral von Levetzow hatte noch einen allgemeinen inneren Grund. Diese Revolutionäre konnten nicht mit Messer und Gabel essen; Levetzow fand, daß sie kein "Umgang" seien. Sie degoutierten ihn. Er wußte auch nichts mit dieser romantisch verbrämten Aufstandsgesinnung anzufangen, ebensowenig wie einige Wochen später die zugeknöpften Herren von der Reichswehr. Zudem war die Berliner SA in allen Zügen das Gegenteil von dem, was für den alten Seeoffizier den Inbegriff soldatischen Wesens bildete. Was in seinem Sinn soldatisch war, hatte sich im "Stahlhelm" zusammengetan. Die SA war dreist und ohne eine Andeutung von Ehrerbietung.
Unter Graf Helldorfs Führung erschienen die Berliner SA-Führer Ende März im Polizeipräsidium, um Levetzow wegen seiner "SA-feindlichen Haltung" zu stellen. Levetzow ließ sich verleugnen. Die verwilderte Gesellschaft tobte ihre Wut in seinem Vorzimmer aus, indem sie die Bilder der Vorgänger Levetzows, der Sozialdemokraten Zörrgiebel und Grzesinski samt einigen Stühlen zerschmetterte und aus dem Fenster warf. "Boykott des Polizeipräsidiums" war die Parole der SA auf den verweigerten Empfang hin. Die vergrollten Herren der Straße drangen dann in mein Dienstzimmer ein. Sie forderten die Abberufung des Polizeipräsidenten. Ich solle ihr Ultimatum dem Minister Göring mitteilen. Ich lernte bei dieser Gelegenheite Ernst kennen; die Zeit dieses drahtigen, kecken und redegewandten Burschen sollte erst kommen, als Göring bald nach diesem Zwischenfall Helldorf zum Polizeipräsidenten von Potsdam ernannte.
In seinem Mangel an politischer Vorausschau und psychologischem Urteil, verbunden mit der Abneigung gegen die in ihrer Schwunghaft unterschätzten Revolutionäre, unterschied sich Levetzow in nichts von seinen aktiven Kollegen im Offizierskorps der Reichswehr. Auch deren Sache war weder die Fähigkeit des Paktierens, das Schleicher zu einem politischen General gestempelt hatte, noch die Würdigung der im Kern der SA verborgenen Imponderabilien, die vielleicht Ansatzpunkte für einen Sieg der Vernunft geboten hätten. Ein Jahr später, als der geschmeidige Goebbels mit seinen "politischen Leitern" im Gesichtsfeld dieser Offiziere ebenfalls als ein Gegner der wilden Gesellen in der SA erschien, und Göring und Himmler Blomberg und Reichenau für angenehmer und brauchbarer als Röhm hielten, taten sich alle, die sich die übermütige SA zu Feinden gemacht hatte, zusammen, und es war um sie geschehen.
Meine Braven. Ein gutes Dutzend SA-Standartenführer unter Gruppenführer Graf Helldorf und Oberführer Ernst kamen Ende März, nach dem Affront, den ihnen Levetzow angetan hatte, zu Göring. Göring hatte mich dazukommen lassen. Ich trat in einen laut und wirr durcheinander redenden Kreis.
Es war wirklich sehr problematisch. Die Führer der Revolutionäre standen an der Spitze des Staates. Wochenlang nach dem Triumph des 30. Januar hatte die SA noch den wilden Lärm der Kommunisten dulden müssen. Sie hatte das Fanal des Reichstagsbrandes nicht nutzen dürfen. Nun waren die Grundrechte der Verfassung aufgehoben. Der Reichstag hatte alle Macht dem Führer übergeben. Endlich sollte alles einen freien Lauf nehmen; da versagte sich jedoch der ganze unversehrte Mechanismus des Rechtsstaates von Weimar, der noch kein Zahnrad verloren hatte. Es sollte eine Revolution stattfinden - und diese vorzügliche und intakte Polizei gebärdete sich, als ob sie die Besonderheit der Hitlerschen Kanzlerschaft nicht begriffen habe. Göring gelang es, der Forderung, den boykottierten Polizeipräsidenten abzusetzen, auszuweichen.
"Ihr seid mir, meine Braven, was auch geschehen mag, die alleinigen Garanten der Revolution!", antwortete er ihnen mit großer Emphase, und sein Pathos wechselte mit blutrünstigen Ausbrüchen gegen die Polizei, als jeder der Erschienenen irgendeinen Vorfall über ihr Versagen und über die Frechheiten der Kommune vorzubringen wußte.
Göring dachte nicht daran, den Posten des Berliner Polizeipräsidenten einem dieser "Rabauken" auszuhändigen. Er wußte aus meinen täglichen Meldungen, wie es mit seiner Macht in den Landstrichen bestellt war, in denen SS- und SA-Führer von ihm zu Polizeipräsidenten ernannt worden waren.
Privatgefängnisse. In diesen Märztagen entstanden die Konzentrationslager um Berlin. Es kamen Nachrichten über Lager bei Oranienburg, Königswusterhausen und Bornim. Nach den Berichten von Beamten und Freunden trat die SA mit eigenen "Vernehmungsstellen" in Berlin selbst in eine grauenvolle Tätigkeit ein. In den einzelnen Stadtteilen entstanden "Privatgefängnisse". Die "Bunker" in der Hedemann- und Voßstraße wurden zu infernalischen Stätten der Menschenquälerei. Es entstand das Columbia-Gefängnis der SS, die allerschlimmste Marterstätte. Das waren die Folgen von Levetzows Abneigung, sich mit solchen Sachen zu "beschmutzen", mit diesen proletarischen, frechen Volkshelden und Landsknechtsführern zu paktieren.
Ich wartete darauf, daß Levetzow einschreite. Wenn ich ihn auf diese Vorgänge ansprach, setzte er mir auseinander, daß ihn diese Dinge nichts mehr angingen, da ihn Göring gegenüber der SA nicht decke. Im übrigen sei die SA selbst Polizei. Sie solle tun und treiben, was ihr beliebe. Er sei an diesen Dingen unbeteiligt; bei ihm herrsche Ordnung. Das wurde bald darauf die Auffassung aller korrekten Deutschen, der Selbstschutz für Richter und Staatsanwälte, Polizeipräsidenten und Bürgermeister und schließlich der Gouverneure und Kommandeure des Kriegs: enge Scheuklappen zu tragen, innerhalb seiner Zuständigkeit "auf Ordnung zu sehen" und außerhalb ihres Blickwinkels den Satan walten zu lassen.
Als die Gerüchte über die Massenverhaftungen der SA immer haarsträubender wurden und beschwerdeführende Angehörige von Kommunisten, die über ihre vermißten oder mißhandelten Söhne und Brüder berichteten, den Weg zu mir fanden, machte ich die Dinge zum Gegenstand von Aussprachen mit Göring. Ich setzte ihm auseinander, daß die Indolenz der Polizei zu Mord und Totschlag führen müsse; man müsse der SA in den Arm fallen, ohne sie zum offenen Widerstand zu reizen; man müsse mit langen Zügeln fahren, um das Aergste, den Massenmord, zu vermeiden. Es gab wenige konkrete Nachrichten; aber durch den beklemmenden Dunst des Entsetzens, der über den Kommunistenvierteln lag, und des Schweigens, das, nach ihren großangelegten Razzien, die Aktivität der SA einhüllte, drangen die Gerüchte von Mißhandlungen, Quälereien, Fensterstürzen, Folterungen in den "Bunkern" und den ersten "Fluchterschießungen".
Siegesmeldungen. Aus allen Teilen der Hauptstadt erreichten uns in der IA Gerüchte, polizeiliche Rapporte, Beschwerden und Siegesmeldungen über die Aktionen der SA. Sie war, im Gegensatz zur Partei, auf ihre Machtergreifung vorbereitet. Sie bedurfte keiner einheitlichen Leitung; der "Gruppenstab" gab das Beispiel, doch keine Befehle. Aber bei den "Stürmen" gab es feste Pläne für die Aktionen in den Kommunistenvierteln. Jeder SA-Mann war in jenen Märztagen "dem Feind auf den Fersen", jeder wußte, was er zu tun hatte. Die "Stürme" säuberten ihre Bezirke. Sie kannten nicht nur die Wohnungen, sondern sie hatten auch von langer Hand die Unterschlupfe und Treffpunkte ihrer Gegner ausgekundschaftet. Wo die Kenntnis der SA aussetzte, wurde sie durch einen Sturm von Denunziationen und einer Armee von Spitzeln und Zuträgern unterstützt.
Während sich der große Haufen der SA austobte, mußten irgendwo Geister sitzen, die "Einzelaktionen" dirigierten. Dieses Treiben war nicht leicht zu übersehen. Der Ministerpräsident Braun und der Minister Severing, der Staatssekretär Abegg und der Polizeivizepräsident Weiß sollten sichere Opfer der SA werden. Abegg hatte sich in Vorahnung des Kommenden in die Schweiz flüchten können. Auch Braun konnte dem Toben durch rechtzeitige Flucht ausweichen Nach Severing, der in Berlin gesehen worden war, forschte die SA systematisch. Sein Schicksal lag mir besonders am Herzen. Der Polizeipräsident von Bielefeld teilte mir mit, daß er ihn gewarnt habe und in Sicherheit wisse.
Der Ahnungslose. Von dem Ueberfall, der Weiß zugedacht war, erhielt ich rechtzeitig Kenntnis durch den SA-Sturmführer Martin, der zu den guten Geistern in der "Rechtsstelle des Gruppenstabes" gehörte. Ich konnte ein Polizeikommando zum Schutz der Wohnung des ehemaligen Polizeivizepräsidenten abordnen. Doch Weiß hatte sich gar nicht in Berlin befunden. Er war das Hauptzugsstück der nationalsozialistischen Pressehetze, die der "Angriff" und andere Zeitungen betrieben. Die "Rechtsstelle" betrieb gegen Weiß ein "Verfahren" wegen Aktendiebstahls. Es war eine ganz unsinnige Geschichte. Weiß hörte davon in Prag. Der ehemalige preußische Reserveoffizier setzte sich in die Bahn und kam nach Berlin, um sich freiwillig zu stellen. Eines Morgens ließ er sich bei mir melden. Der Ahnungslose war unbeschadet in den "Alex" gekommen, obwohl das Haus nicht nur von Spitzeln wimmelte, sondern auch eine SA-Wache unaufgefordert die Eingänge zum "Admiralspalast" besetzt hielt, wie das rote Backsteingebäude, die Residenz Levetzows, damals genannt wurde. Ich war über sein Erscheinen entsetzt. Durch eine Rückfrage bei der Staatsanwaltschaft und im Innenministerium stellte ich fest, daß dort kein Verfahren gegen Weiß schwebte. Es kostete Mühe, ihm beizubringen, daß er sofort nach Prag zurückfahren müsse, wenn ihm sein Leben lieb sei. Jedenfalls warnte ich ihn davor, seine Wohnung aufzusuchen, deren Besetzung durch die SA auf die Dauer nicht verhindert werden konnte.
SA-Männer zerstörten die Einrichtung der Wohnung des Sohnes des Reichspräsidenten Ebert. Sie drangen in die Wohnungen der Besitzer der Verlagshäuser Ullstein und Mosse ein und mißhandelten, wen sie dort antrafen. Von den Mitgliedern der "Weltbühne" und des "Tagebuchs" verschleppten sie, wessen sie nur habhaft werden konnten.
Es gab aber auch Fälle, daß die Opfer der SA ihr selbst ins Haus liefen, um gut Wetter zu machen. So der alte Oberpräsident Hörsing, der Führer des Reichsbanners. Er mußte den Kopf wohl völlig verloren haben, denn er meldete sich persönlich bei Ernst in seinem Hauptquartier in der Voßstraße. Ernst fand den Scherz so köstlich, daß er sich damit begnügte, Hörsing mit burlesken Schimpfworten aus dem Hause zu jagen. Ich konnte die Sache nicht weiter verfolgen, aber ich glaube mich zu erinnern, daß Hörsing bei einem zweiten Versuch, sich Ernst "zur Verfügung" zu stellen, von der SA eingesperrt wurde.
(Fortsetzung folgt)
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Von Rudolf Diels

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