07.07.1949

Ohne Maske, ohne Mythos, privat

Kein Mensch außer Albert Zoller weiß, wer die "Aufzeichnungen seiner Geheimsekretärin" schrieb. Das ist der Untertitel von "Hitler privat". Albert Zoller (sprich Sollär), Adjutant beim Chef der französischen Militärmission in Düsseldorf, läßt das Buch demnächst erscheinen. In Deutschland, im Droste-Verlag.
"Hitler privat" ist eine vierjährig gereifte Kapitulationsfrucht. Die pflückte der vierzigjährige Standard-Oil-Mann aus Metz im Frauen-Internierungslager Augsburg, als Vernehmungsoffizier der 7. US-Army. Die zweite (französische) Panzerdivision (Leclair) stellte ihn dazu ab.
Zuvor (im April 1945) hatte Zoller in Reichenhall den Reichsmarschall sichergestellt. Er brachte Göring nach Nürnberg und vernahm ihn. Die beiden verstanden sich glänzend. "Schade, daß sie den kleinen Dicken aufhängen", meinte Zoller. Einige Zeit, bevor Göring Gift nahm, schenkte er dem Vernehmungsbeamten ein Foto. Mit eigenhändiger Widmung ("Dank für die faire und kameradschaftliche Behandlung bei meiner Verhaftung").
In Nürnberg hatte Zoller herausgetiftelt, daß eine angebliche Geheimsekretärin Adolf Hitlers festsaß. Er machte sie flott. Nachdem sie ein Tagebuch gefüllt hatte, bot ihr Zoller ein Gentleman-Agreement an. Das sah auch Tantiemebeteiligung für die Buchausgabe vor. Ihren Namen erfuhr niemand. Sie lebt in der amerikanischen Zone - mit schwerer Tbc.
Zoller brachte auch das Kunststück fertig, Göring eine süddeutsche Versteckliste französischer Kunstwerke aus jüdischem Besitz zu entlocken. 1942 hatte sie der Paladin höchsteigen in der Pariser Galerie "Jeu de Paume" (an der Place de la Concorde) waggonweise ersteigert.
Ein Göring-Buch, als Serie inzwischen in "France-soir" (600000 Auflage) erschienen, fiel für Zoller als literarischer Nürnberger Leb-Kuchen ab. Nachdrucksweise brachten die Reichsmarschall-Geschichten auch Geld in ostfranzösischen Zeitungen. Ende Juni 1949 fuhr Zoller nach Paris, um die Buchausgabe in Frankreich festzumachen. Mit England, Belgien und der Schweiz hat er verhandelt.
Die Göring-Stories waren für Capitaine Zoller nur probeweises Vorspiel für "Hitler privat". Das soll internationaler Best-Seller werden. Als Uebersetzung aus dem Französischen.
Verleger Droste, Hausherr im Düsseldorfer Pressehaus, ließ Zollers Manuskript zu Willi Pferdekamp (Pseudonym: Arnold Nolden) nach Burscheid schaffen. Der übersetzte es ins Deutsche (mit Stilkorrektur). Die amourösen Histörchen machte er gleich getrennt für "Herz-Dame" fertig. "Eine Zeitschrift, die uns nahesteht", sagt Verleger Droste.
Droste hat Generalstabschef Halder's Verkaufsschlager "Hitler als Feldherr" vor dem Unternehmerauge (im Bücherbord seines Mahagoni-Büros). (Nach Ausverkauf der ersten war die zweite Halderauflage - 400000 Stück - in Nordrhein-Westfalen vor Erscheinen schon wieder zu sechzig Prozent fest vorbestellt.)
Einige Tage vor Pfingsten war schon der Buchumschlagentwurf für "Hitler privat" fertig. Malerzeichner Arvid Mather wollte ihn gerade abliefern, als Proteste laut und Aenderungen vorgeschlagen wurden. Im fünften Stockwerk des Pressehauses grollte Jean Eftimiades seinem Freund und Hauswirt. Dort hat der einst schwerreiche, noch immer mondän-elegante Grieche seine Europabuch-Union etabliert. Er gründete sie, als er in Berlin und anderwärts durch Nazis und Bomben seine "Mokka-Efti"-Unternehmen verloren hatte. 1948 ließ er in Köln, auf 250 Seiten, "Les fleurs du bagne" (Gefängnis-Blumen) drucken, mit Widmung an Charles Baudelaire*). Die Blumen waren kein Verkaufserfolg.
Eftimiades hätte (als OdF) am liebsten die Zoller-Schwarte in der Luft zerrissen. Als Drostes Freund wollte er aber wenigstens den Titel geändert sehen. Bei Verlagskonferenzen wurde zwischen "Hitler ohne Maske" und "Hitler ohne Mythos" gestritten.
Zeichner Mather blieb ganz ruhig und änderte nichts. Er blieb bei "Hitler privat". Auch der Verleger kam darauf zurück. Endgültig. Ebenso auf die Fotos und Führerzeichnungen, die Zoller aus Nürnberg heranschaffte. Darunter auch eine Skizze von Hitlers erster Jugendliebe: Anti-Arierin mit schwarzem Kraushaar. "Ein jüdischer Geschäftsfreund", sagt Droste, "hatte gegen das Buch auch nichts einzuwenden. Es ist ja auch sehr objektiv".
Von da ab träumte Verbindungscapitan Zoller laut. Von 100000 Erstauflage, 250 Seiten, 7-D-Mark-Ladenpreis, 12 Prozent Routine-Tantieme. Auch von dem Import-Export-Job, den er damit in Westdeutschland organisieren will
Dr. Korte, Drostes Hauptproduktionschef, wollte allerdings zunächst bei 15000 Schluß machen, vorsichtshalber. Er verhandelte auch mit der book-section in Düsseldorfs britisch-besetztem Stahlhof. Da lag der Haken. Ihr mußte "Hitler privat" vorgelegt werden.
Sektionschef Paget-Brown sagte: "Badly written! Mr. Zoller ist nicht vom Fach - er ist eben nur Geschäftsmann". Paget-Brown hielt das Thema auch für "inopportun" (Warnschuß Halder) und meinte: "Es wird nicht sehr interessieren".
Buchzensor Paget-Brown sagte aber trotzdem nicht No. Er schob die Entscheidung auf die längere Bank. Die reichte bis Hamburg. Der neue Zoller, jeder Zoll ein bestseller, darf erscheinen, sagten die Hamburger. Ablehner Paget-Brown gab die Nachricht selbst beim Nachmittagstee weiter. Er tröstete sich an der Prognose, daß mit diesem Buch in Deutschland kein Geschäft mehr zu machen sei. Autor Zoller ist wesentlich optimistischer. Sein Verleger auch. Von der unbekannten Story-Lieferantin spricht keiner.

Alliierte dürfen wieder
solche Sachen wie die Zeitlupenakrobaten "Pollidors" im Frankfurter Weinrestaurant Marie-Luise sehen, seit General Clays "off-limits"-Verfügung für alliierte Geschäftsleute und Reisende in der Bizone aufgehoben ist. Ungefähr 4000 alliierte Zivilisten leben jetzt von der deutschen Wirtschaft, mit Kaufkontrollbüchern, 4000-Kalorien-Lebensmittelkarten und einem 30 cent Wechselkurs. General Clay hatte vor einem halben Jahr sämtlichen alliierten Soldaten und Zivilisten in der US-Zone den Besuch deutscher Gaststätten untersagt und damit viele Gaststättenbesitzer vor die Frage "Sein oder Nichtsein" gestellt. Luise May, Besitzerin von Frankfurts Marie-Luise, hat sich inzwischen ein ansehnliches deutsches Stammpublikum zugelegt und ist zufrieden. "Wer wirklich etwas leistet", meint sie, "wird sich stets durchsetzen." Verschiedene Gaststätten mußten im nurdeutschen Publikums-Interregnum Konkurs anmelden.
*) Charles Baudelaire, Begründer des literarischen Symbolismus in Frankreich, Autor von "Les fleurs du Mal" (Die Blumen des Bösen).

DER SPIEGEL 28/1949
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