07.07.1949

Gott und Trujillo geben dir Milch

Der dominikanische Soldat Leopoldo Rodriguez ist mit dem höchsten für einen Landser erreichbaren Orden seines Landes dekoriert worden, dem militärischen Verdienstorden 4. Klasse. Er ist Soldat in der 4000-Mann-Armee der Dominikanischen Republik und hat das Verdienst - oder die Schuld, wie andere es nennen - , daß Diktator Trujillo noch immer im Amt und am Leben ist. 3000 verbitterte politische Gegner des Diktators wollten es gewaltsam beenden.
Seit Jahren hatten dominikanische Flüchtlinge im benachbarten Kuba Dollar auf Dollar gehäuft, um sie in Maschinengewehren, Bomben und Flugzeugen anzulegen. Ende September vorigen Jahres verhafteten kubanische Armee-Einheiten im Osten der Insel erstmals einige hundert dominikanische Flüchtlinge, die von dort eine Invasion in die Dominikanische Republik starten wollten. Kürzlich versuchten es die Desperados zum zweitenmal.
Ende Juni landeten die ersten drei PBY-Flugboote an der Nordküste der Mulattenrepublik, um den brutalsten Diktator Lateinamerikas zu entthronen. Die Bevölkerung des Städtchens Luperon wollte mithelfen. Nur Soldat Rodriguez, der gerade dort auf Urlaub war, nicht.
Er erinnerte sich des Schicksals einiger Meuterer, die vor Jahren auf Befehl des Präsidenten im Schlaf erstochen worden waren. Rodriguez rief die nächste Garnison an. Kurze Zeit darauf war das Schicksal der Invasions-Revoluzzer besiegelt.
Die "Aera Trujillo", 1930 begründet, scheint damit erneut für die nächsten Jahre gesichert. Damals machte sich der schlanke, betont elegante Mulattengeneral Dr. Rafael Leonidas Trujillo y Molina zum absoluten Herrscher über den kleinen Antillenstaat, der einstmals von Columbus gegründeten ersten Niederlassung der Spanier in Amerika. Der Diktator betrachtet die karibische Republik, die etwa halb so groß ist wie Portugal, mit ihren zwei Millionen Negern und Mulatten als sein Privateigentum. "El Jefe" (der Führer), wie er sich selbst gern nennt, regiert das Land selbst für lateinamerikanische Begriffe sehr persönlich.
Er ist durch seinen das Land beherrschenden Familientrust gleichzeitig der größte Geschäftsmann des Staates. Er selbst besitzt das Monopol für Salz, Tabak, Kaffee und Kakao. Nur er hat das Recht, Bergwerke auszunutzen und Streichhölzer zu verkaufen.
Trujillo ist auch der größte Viehhändler der Republik, besitzt das modernste Schlachthaus der Insel und fixiert die Preise für den Verkauf von Vieh und Fleisch.
Seine Kühe werden durch Soldafen der Armee gemolken. Die Milch wird an die von ihm geführte Dominikanische Partei verkauft. Die Partei bringt die dafür notwendigen Gelder durch "freiwillige Abzüge" von den Gehältern der Staatsbeamten auf und verteilt die Milch kostenlos an Bedürftige. Parteiamtlich heißt es dann: "Gott und Trujillo geben dir Milch!"
Setzt man sich auf der Strandpromenade der nach dem "Führer" benannten Hauptstadt Ciudad Trujillo auf eine Bank, so liest man auf einem kleinen Schild: "Den Schatten dieses Baumes verdankst du Trujillo."
Die Trinkwasserbrunnen der Stadt tragen Bronzeplatten mit der Inschrift "Gott und Trujillo beliefern euch mit Wasser". In den Avenidas leuchten abends in Neonlicht die Worte "Trujillo für immer" und "Gott und Trujillo". Jedes Auto muß auf dem Nummernschild das Schlagwort "Es lebe Trujillo" tragen, und auf den Führerscheinen ist sogar ein "Heil Trujillo" aufgedruckt.
Die Zeitungen müssen bei jeder Erwähnung des Namens Trujillo auch den Bandwurm von offiziellen Titeln mit abdrucken: "Präsident der Republik, Generalissimus, Wohltäter der Nation, Befreier des Vaterlandes, Wiederhersteller der finanziellen Unabhängigkeit, Gründer und Oberster Führer der Dominikanischen Partei, Schützer der Kunst und Wissenschaften."
Ueber 1800 Denkmäler verkünden allein in der Hauptstadt den Ruhm des "Vaters des Vaterlandes". Mehr als hundert dominikanische Städte sind in "Trujillo" umgetauft worden.
Des Wohltäters Mutter Julia Molina wurde durch Beschluß des Kongresses zur Nationalheiligen gekürt. Sie erhielt den Titel "Erste Mutter des Landes".
Die Industrie des Landes ist mit Ausnahme der Zuckerindustrie in den Händen von Trujillos Familie. Zu Trujillos eigenen Monopolen kommt das seines Schwiegersohnes Ramon Savinon für die Nationallotterie und das seines Bruders Anibal hinzu, der die einzige zugelassene Konzession für Mahagoniholz zu Geld macht. Ein zweiter Bruder leitet das Transportwesen.
Sogar die Verwaltung der Bordelle ist in der Familie geblieben. Trujillos Frau - die dritte - ist Besitzerin des Wäschereimonopols und verkauft der Republik und ihren Bürgern außerdem alle Haus- und Küchengeräte sowie Stahl- und Eisenerzeugnisse für das Bauwesen.
Trujillo selbst ist auf diese Weise längst Multimillionär geworden. Sein Vermögen, das er vorsichtshalber hauptsächlich in Argentinien, Puerto Rico und in den USA investiert hat, wird auf 30 Millionen Dollar geschätzt. Seine durchschnittliche Jahreseinnahme wird nach vorsichtigen amerikanischen Schätzungen auf fünf Millionen Dollar beziffert.
Das einzigartige Organisationstalent Trujillos hat sich nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiet bewährt. Auch die Politik hat der 58jährige Diktator monopolisiert. Eine Opposition gibt es praktisch nicht. Während und nach dem Kriege ließ der vaterländische Wohltäter Scheinparteien zu, um dem mißtrauischen Washington gegenüber eine Art demokratisches Alibi vorweisen zu können. Aber Opposition dürfen die Oppositionsparteien nicht treiben.
Bei den letzten Wahlen wurden von den Aufsichtsbeamten - ohne besondere Aufforderung von seiten des Wählers - die Wahlzettel für Trujillo gekennzeichnet und in die Urne gesteckt. Ein Wahlvorsteher erklärte ausländischen Beobachtern, daß dieses "System eine Menge Verwirrung erspare".
Verwirrung erspart sich der Mann, der seit 17 Jahren die Dominikanische Republik beherrscht, auch durch die wirksame Bestrafung aller Andersdenkenden. Die amerikanische. "Foreign Policy Association" hat die bisherige Zahl der Todesurteile mit 5000 bei einer Gesamtbevölkerungszahl von zwei Millionen errechnet.
Brutale Rücksichtslosigkeit ist die Maxime des nach außen hin charmanten Diktators, dessen Vater einst in Handschellen als Viehdieb durch die Hauptstadt geführt wurde. Aber Brutalität herrschte in Santo Domingo schon immer vor. Ueber den gewalttätigen Negersklaven Dessalines, der sich 1804 zum Kaiser von ganz Haiti machte, den korrupten, bedenkenlosen Präsidenten Buenavantura Baez der 50er und 60er Jahre und den grausam-wollüstigen Negergeneral Ulisses Heureaux am Ende des vorigen Jahrhunderts führt ein gerader Weg zu Trujillo. Mit einer Ausnahme: Trujillo leistete mehr für sein Land als alle seine Vorgänger zusammen.
Er rottete das Bandenunwesen aus, baute Straßen, legte Sümpfe trocken und reorganisierte die Finanzen. Er tilgte die ungeheure Schuldenlast der Republik. Bei seinem Amtsantritt 1930 waren 75 Prozent des Volkes Analphabeten. Heute sind es nur noch zehn Prozent Auch seine Gegner streiten nicht ab, daß er über Initiative, Energie und Organisationstalent verfügt.
Trujillo ist es schließlich zuzuschreiben, daß die Dominikanische Republik heute kein Spielball der Mächte mehr ist. Einst spielten Spanien, Frankreich und die Vereinigten Staaten entscheidende Rollen in der Geschichte des Landes. Auch das kaiserliche Deutschland hätte gern mitgespielt.
1903 landete ein deutsches Kriegsschiff 150 Mann zum Schutz der deutschen Konsulate. Die britischen wurden gleich mitbeschützt. 1904 wollte ein dominikanischer Schlaukopf aus der Rivalität der Großmächte profitieren. Er schlug einen geheimen Protektoratsvertrag mit dem deutschen Kaiser vor. "dessen Handelsrivale die USA sind".
1916 trat statt dessen jedoch eine US-Militärregierung die Herrschaft in San Domingo an. Der US-Navy gefiel es auf der schönen Insel so gut, daß sie für die Besetzung "a minimum period of 20 years" propagierte. Das State Department war anderer Meinung. 1924 gingen die Mariner wieder an Bord. Der Aufstieg des einstigen Zuckerplantagenarbeiters Trujillo begann.
In der Kathedrale der nach ihm benannten Hauptstadt, in der sein Vater bereits bestattet ist, will Trujillo einst neben den Gebeinen von Christoph Columbus beigesetzt werden. Die Zerstörer "Hotspur" und "Flame", die er in den letzten Monaten von England kaufte, und die jetzt in den Staaten erworbenen zehn Bomben- und sechs Kampfflugzeuge sollen garantieren, daß er nicht vorher eines gewaltsamen Todes stirbt.

DER SPIEGEL 28/1949
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