07.07.1949

DIE NACHT DER LANGEN MESSER ...

8. Fortsetzung und Schluß.
Wir wollen sofort zu Hitler gehen", war Görings erster Impuls, wobei die Nebenabsicht, mit meiner sensationellen Leistung zu prunken, ihn den Rückschlag nicht bedenken ließ, den er bei Hitler erleiden konnte. Der ließ sich durch solche Bestleistungen weniger irritieren. Diesmal blätterte er schweigend und sichtbar unwilliger werdend in der scheußlichen Denkschrift. Göring saß abwartend dabei und schraubte nervös am Knauf des schwertähnlichen Degens, den er zur Uniform des Luftfahrtministers trug.
"Was soll das Ganze? Worauf wollen Sie hinaus?" frug Hitler Göring, während er die Denkschrift ärgerlich zusammenklappte. "Wie kommen die Behörden dazu, sich mit Attacken gegen die Hitlerjugend zu befassen? Tausend Bürokraten haben hier ihre Scherflein zusammengetragen. Diese Biedermänner tun sich etwas darauf zugute, daß sie unter dem Deckmantel der sogenannten sachlichen Kritik ihrem Groll gegen uns Luft machen können. Ich möchte nicht, daß das Schule macht. Nein, Herr Diels, wenden Sie Ihre Energie auf wichtigere Dinge. Mit der Hitlerjugend wird die Partei selber fertig werden: Was wollen Sie denn mit der Sache bezwecken?" Ich antwortete ihm: "Diese Denkschrift wäre nutzlos vertane Arbeit, wenn sie nicht auf einen Vorschlag für eine Verbesserung der Zustände hinauslaufen würde. Ich denke mir, daß die Führungs- und Ziellosigkeit der Hitlerjugend, die Fütterung unreifer Knaben mit revolutionären Phrasen zu Zuchtlosigkeiten führen muß. Das Umsichgreifen der Homosexualität hängt mit der unkontrollierten "Führerauslese" zusammen.
Bei diesem Stichwort fuhr Hitler auf. "Und was gedenken Sie gegen dieses Umsichgreifen vorzuschlagen?" fragte er unwillig.
Der Bock zum Gärtner. "Die jungen Menschen müssen sinnvoll beschäftigt werden. Man muß ihnen ihre Arroganz und ihren Hang zur Verwahrlosung austreiben. Sie müssen von Erwachsenen in Zucht gehalten werden. Wenn man die Lehrer nicht einschalten will, so würde ich ältere SA-Führer für noch geeigneter halten als die jetzigen Elemente, die nach dem blödsinnigen Prinzip, Jugend soll durch Jugend geführt werden, ausgewählt sind. Es könnte dadurch eine große Zahl arbeitsloser SA-Führer in vernünftige Beschäftigung kommen."
Ich hatte diesen Vorschlag vorher nicht durchdacht; ich hatte ja nur die einzige Idee, die Sprache immer wieder auf das Treiben der SA und SS zu lenken. Hitler fiel mir ins Wort: "Das ist doch barer Unsinn. Damit wird ja erst der Bock zum Gärtner gemacht!"
Dann ging er mit verschränkten Armen in stummer Erregung durch das große, mit dunklem Holz getäfelte Zimmer, um vor Göring plötzlich stehenzubleiben: "Herr Göring, ich habe noch nie mit Ihnen das Thema angeschnitten; aber die Spatzen pfeifen es ja von den Dächern. Diese ganze Kamarilla um den Stabschef Röhm ist doch durch und durch verderbt. Es wäre doch ein Wahnsinn, ausgerechnet diesen Leuten auch noch die HJ anzuvertrauen." Er lachte schallend und fuhr fort: "Das hätte noch gefehlt! Und überhaupt, was befassen Sie sich mit diesen harmlosen jungen Leuten. Die SA ist es; sie ist der Schrittmacher für allen Unflat. Dort sollten Sie einmal schärfer hinsehen. Das würde mich interessieren!"
Nun war das Wort gefallen. Ich glaube, daß in Görings Innerem ein Tumult ausgebrochen war, den er nur äußerlich bändigte. "Ja, da hat die Polizei schon Berge von Material. Doch ich habe das Thema mit Absicht nicht angeschnitten, Herr Diels hat uns ja auch immer nur mit den kriminellen Ausschreitungen der SA bombardiert", erwiderte er.
Sofort an die Arbeit. "Dann möchte ich einmal eine solche famose Denkschrift sehen, die sich mit den Zuständen in der SA befaßt; aber ich interessiere mich nicht nur für das, was die SA im Lande treibt, sondern für Herrn Röhm und seine Freundschaften", fiel Hitler wieder ein.
Es gab dann gewitterschwüle Pausen zwischen jedem Satz, der noch unter den beiden gewechselt wurde, bis Göring mit mir den Raum verließ. Auf dem Bürgersteig vor der Reichskanzlei löste sich erst Görings Zunge: "Sie müssen sofort an die Arbeit gehen. Sie haben doch noch die Akten aus der Severingzeit! Das ist das Wichtigste, was Sie je getan haben."
Ich erwiderte ihm, daß ich das wohl machen könne, aber es koste meinen Kopf; das könne auch er, Göring, nicht hindern. Darüber solle er sich im klaren sein.
Göring blieb stehen und starrte mich an: "Sie kommen sofort wieder mit mir zurück zu Hitler, und ich bitte Sie, wörtlich zu wiederholen, was Sie soeben gesagt haben."
Nach wenigen Minuten standen wir wieder vor Hitler. "Herr Diels hat mir soeben eine Bemerkung gemacht, die er Ihnen wörtlich wiederholen wird."
Die homosexuelle Clique. Ich repetierte also: "Ich habe nur bemerkt, daß mir dieser Auftrag den Kopf kosten wird. Wir haben eine Anzahl Beweise dafür, daß die Clique um Röhm in diesem Punkt empfindlich ist. Am Walchensee wurden neulich die Leichen von zwei SA-Führern gefunden, die sich irgendwo einmal vor Jahren gegen dieses Treiben der Röhm-Clique ausgelassen hatten. Herr von Flatow ist aus demselben Grunde vor einigen Wochen auf seinem Hochsitz in Pommern ermordet worden. Der Polizeipräsident und SA-Oberführer Graf von Wedel hat neulich um meinen Schutz nachgesucht, weil er sich wegen seiner Angriffe gegen die homosexuelle Clique bedroht fühlt. Auch der Oberpräsident und SA-Obergruppenführer Lutze soll sich seines Lebens nicht mehr sicher fühlen, seit er angeblich vor Ihnen, mein Führer, Klagen über dieses Treiben geführt hat. Vor einigen Tagen tauchten bei Herrn Heß zwei Breslauer Bürger auf, die er zu mir weiterschickte, damit sie über die unvorstellbaren Exzesse des Gruppenführers und Polizeipräsidenten Heines in Breslau Mitteilung machen sollten. Sie berichteten über Ausschweifungen dieser Art im Hotel Savoy in Breslau, die dort allgemein bekannt sind, die aber niemand zu rügen wage. Ich mußte den beiden Männern helfen, sich unter unbekanntem Namen die nächste Zeit in Berlin aufzuhalten, weil sie für ihr Leben fürchteten und die Rückkehr nach Breslau nicht anzutreten wagten."
Hitler sagte nur: "Also, so weit ist es gediehen, daß die Polizei nicht mehr einzuschreiten wagt." Das war zwar eine ganz nichtssagende Bemerkung; denn es gab ganze Landstriche, wie gerade Schlesien und das Gebiet weitab im Westen, wo nur "seine" SA, aber keineswegs die Polizei etwas zu sagen hatte.
Hitler sagte dann zu Göring, er wolle mit mir noch allein sprechen. Es sei nicht nötig, daß er warte. Göring verabschiedete sich. Ich aber erlebte dann eine gute Stunde den ganzen Hitler, der später mit seiner verblüffenden, aber faszinierenden Mischung aus Logik und Vergewaltigung, für die ihm seine autodidaktische Halbbildung die angelesenen und aufgefangenen Argumente bereithielt, den Generälen des Krieges seine Meinungen aufoktroyierte. Wer ihn in solchen Stunden beobachten konnte, war ebenso betroffen von seiner Intelligenz wie seinem ungewöhnlichen Gedächtnis. Er gab mir eine Lektion über die Rolle der Homosexualität in der Geschichte und Politik. Sie habe das alte Griechenland zugrunde gerichtet. Ihre ansteckende Wirkung erstrecke sich mit der Sicherheit eines Naturgesetzes auf die besten und männlichsten Charaktere, wenn sie einmal grassiere; sie schalte schließlich gerade diejenigen von der Fortpflanzung aus, auf deren Nachkommen ein Volk angewiesen sei. Die unmittelbare Folge des Lasters sei aber, daß die widernatürliche Passion alsbald in den Staatsgeschäften dominiere, wenn man sie walten lasse.
Nach Trieb und Leidenschaft. "Sehen Sie, die Sexualität ist der stärkste Trieb des Menschen. Unter ihrer Herrschaft", fuhr er fort, "schweigt die Vernunft auch bei den wichtigsten Entscheidungen." Wenn dieses Wesen in die Staatsführung übergreife, so erfasse es zunächst die Personalpolitik. Jede Auswahl der Mitarbeiter, vom Adjutanten bis zum Minister, erfolge dann nach Trieben und Leidenschaften; auf solche Weise werde die führende Schicht ein verderbter Haufe. Darin läge die große Weisheit der Natur, daß sie normalerweise diesen Sinn auf das andere Geschlecht gerichtet habe, das im Staatsleben nichts zu sagen habe. Die männliche Begierde werde so in ungefährliche und nur für die Erhaltung des Ganzen nützliche Regionen geleitet. Wir sähen es ja jeden Tag, daß sogar bei seiner normalen Richtung dieser Trieb uns irreführe, wenn er uns in Kollisionen mit unseren Pflichten bringe."
"Sehen Sie, wenn ich die Wahl habe zwischen einer schönen aber unfähigen Sekretärin und einer, die tüchtig, aber häßlich ist, so entscheide ich mich doch ganz natürlich für die schöne Unfähige", sagte er wörtlich. Wenn diese Gesellen weiter Einfluß behielten, so müsse auch das nationalsozialistische Staatswesen bald in die Hände solcher "Kreaturen und ihrer Liebehen" kommen. Ich mußte daran denken, daß mir einmal im Falle Lüdecke die Vermutung aufgetaucht war, daß auch Hitler homosexuelle Neigungen habe.
Hitler wollte mich für irgendeine große Richtung und Aktion festlegen, die ihm scheinbar schon von lange her sicher vor Augen stand, wie er auch diese Ueberlegungen nicht das erstemal angestellt hatte. Er sicherte mir schließlich seinen schrankenlosen Schutz zu, wenn ich bei weiteren Maßnahmen in Bedrängnis geriete.
Blomberg weinte. Nun hatte sich inzwischen, während der Wochen meiner Abwesenheit und im Laufe des Dezember, eine Entwicklung vollzogen, die für Hitler die SA überflüssig erscheinen ließ. Hitler hatte mit immer größerer Befriedigung festgestellt, daß die Reichswehr, weit davon entfernt, ihm die geringsten Schwierigkeiten oder gar ein persönliches Aergernis zu bereiten, ein brauchbares "Instrument" sei. Der persönliche Umgang mit den hohen Offizieren hatte alle seine Voreingenommenheit verscheucht. Der Reichswehrminister von Blomberg zeigte offen seine begeisterte Verehrung für Hitler. Ich habe gesehen, daß ein freundschaftliches Wort von Hitler Blomberg die Tränen in die Augen treiben konnte.
"Er wirkt auf mich, wie ein ganz großer Arzt; es ist wahr, ich bilde es mir nicht ein, daß ich sogar von Erkältungen kuriert bin, wenn er mir so herzlich die Hand gedrückt hat", sagte mir in dieser Zeit einmal Blomberg. Auch der sehr kluge General von Reichenau, der Chef des Generalstabs, stand aus politischer Berechnung in dieser Zeit noch ohne Vorbehalt zu Hitler.
Der Gedanke, die künftige Wehrmacht in einem Volksheer der SA aufgehen zu lassen, in dem die SA-Führer das Offizierkorps durchsetzen sollten, erschien bei der Einstellung des kleinen Berufsheeres, dessen hohe Qualität Hitler bald erkannt hatte, als ein absurder Gedanke. Diese prachtigen Offiziersgestalten fielen Hitler nicht lästig wie die SA-Führer. Diese schmucken und korrekten Soldaten mit ihren wohlanständigen Umgangsformen konnten ihn nicht durch Exzesse und Flegeleien verstimmen. Andererseits wußte er über die persönlichen Scheußlichkeiten einzelner SA-Führer Bescheid; ernsthafte Zweifel konnten ihm gar nicht mehr auftauchen, ob die SA oder die Reichswehr "der Waffenträger" der Nation sein solle. Meine Argumente gegen die SA konnten ihn nur noch unter dem Gesichtspunkt ihrer totalen Ausschaltung von der Macht interessieren.
Höllisches Kaleidoskop. In den ersten Januartagen übersandte ich Hitler einen dickleibigen Katalog aller nur in wüsten Träumen ausdenkbaren Menschenquälereien. Diese Denkschrift über die Taten der SA war ein höllisches Kaleidoskop des Sadismus, der Schofeltaten gegen Wehrlose, Gefesselte, Naekte und schon zu Krüppeln Geschlagene, von Auspeitschungen und Ausprügelungen, für die sich Spezialisten, wie der SA-Arzt Villain aus Köpenik, Sammlungen von Peitschen und Marterwerkzeugen aus Eisen und stahldurchzogenem Gummi angelegt hatten, und von Folterungen in abgelegenen Kellern und Bunkern, in denen die Schreie der blutenden Opfer verhallten.
Die Sammlung homosexueller Ausschreitungen der obersten Clique ergab dagegen nur ein dünnes Aktenstück. Es war nicht schwer, aus den fragmentarischen "Vorgängen", die schon unter Severing in den polizeilichen Vernehmungen von Hoteldienern, Portiers und käuflichen Jungen steckengeblieben waren, eine eindrucksvolle Uebersicht anzufertigen. Die meisten Akten waren zwar durch die Freunde von Ernst, die einmal die Registraturen der IA systematisch durchstöbert und "bereinigt" hatten, vernichtet worden. Die Röhm betreffenden Dossiers waren aber von meinen Mitarbeitern wie Dynamit gehütet worden. Die Fairneß der Severingpolizei war auch in diesen Fällen von der alten Linie der Straftaktik nicht abgegangen, weniger die Päderastie, als die in ihrem Gefolge auftauchenden Erpressungen zu verfolgen.
Verräter. Etwa am 12. Januar 1934 wurde ich von Göring auf den Obersalzberg bestellt. Als ich bei Hitler eintrat, befand er sich schon im Gespräch mit Göring. Als ob er mein Wissen um das Thema voraussetzte, erging er sich ohne Unterbrechung fortfahrend über die "Verräter". Die Sammlungen der Delikte der SA und Röhms, die vor ihm lagen, erwähnte er mit keinem Wort. Die beiden sprachen von den Zeiten, in denen sich der Kreis der Getreuen als brüchig erwiesen hatte.
Es fielen die Namen von Gregor Strasser und Schleicher; ich mußte annehmen, daß beide sich zwar in der Annahme geeinigt hatten, daß die SA eine feindliche Macht sei, deren Führung unschädlich gemacht werden solle, daß aber vorher die Aspiranten auf eine eventuelle Nachfolgerschaft Hitlers, die sich der SA anbieten konnten, ausgeräumt werden müßten.
"Es ist gar nicht zu verstehen, daß dieser Strasser und Schleicher, diese Erzverräter, die Zeit bis heute überdauert haben", sagte Hitler. Und dann gab er seiner Enttäuschung über die versäumten Gelegenheiten des Jahres 1933 mit einem vorwurfsvollen Unterton gegen Göring ohne Zügel Worte: "Sie leben ja noch alle, auch die Brüning und Treviranus und Westarp."
Ich machte wider besseres Wissen den Zwischenruf: "Sie sind längst im Ausland ..."
"Um nun von dort aus zu hetzen", fuhr er fort. "Versäumte Revolution!" durchzog es seine Klage, an deren Wortlaut ich mich noch lange erinnern konnte.
Schleicher sollte verschwinden. Ich kannte mich in den Parteihändeln nicht aus, wußte auch nicht viel über die von Strasser geführte Oppositionsbewegung, die sich während der Koalitionsverhandlungen der Kabinette Brüning und Schleicher als die schwache Stelle in der Partei erwiesen hatte. In jener Zeit war ich Spezialist für kommunistische Dinge gewesen. Nach der anspruchsvollen Terminologie der Nationalsozialisten hatte Strasser Verrat begangen. Warum zum Beispiel auch der "Feme-Schulz" in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen sollte, begriff ich nicht. Schleicher hatte sich den ganzen Haß der Nationalsozialisten zugezogen. Er hätte schon in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1933 festgenommen werden sollen. Göring hatte mich damals nachts angerufen, um sich zu erkundigen, ob es zutreffe, daß Schleicher die Garnison Potsdam mobilisiert habe, um gegen Berlin zu marschieren. Ein nächtliches freundschaftliches Gespräch mit Schleicher hatte mich damals in die Lage versetzt, das Gerücht sofort zu widerlegen, und es ist dann niemand mehr auf die Sache zu sprechen gekommen. Von Hitler aus gesehen war Schleicher, wegen seines Einvernehmens mit Röhm und Strasser, nach wie vor eine Gefahr. Er sollte also "verschwinden".
Vergeblich wartete ich auf eine Ermächtigung, gegen die SA-Führer vorzugehen; deshalb war ich doch wohl zitiert worden. Fürchtete Hitler sie? Glaubte er sie nur als Ganzes wie eine feindliche Armee ganz und gar vernichten zu müssen? Ich hatte mir die Ausschaltung der Belasteten unter ihnen normaler vorgestellt; Festnahme wegen Mord- und Totschlagsverdacht, kurze Ermittlungsverfahren und Hauptverfahren vor Schwurgerichten und Strafkammern. Ich stellte mir sogar vor, daß man nach und nach die Einsicht und Zustimmung Röhms erreichen könne, gegen den ich, außer im Falle des Ali Höhler, keine besonderen Anschuldigungen erheben konnte. Doch nichts von alledem.
Auf meine Frage, was auf meine Beschwerden gegen die SA geschehen solle, antwortete mir Hitler etwa mit den Worten: "Dann werden wir auch mit dieser chaotischen Horde fertig werden."
Des Führers Befehl. Unmittelbar nach dem Verlassen der großen Halle des Obersalzberg hielt Göring auf dem Weg durch die sonnige Schneelandschaft inne. Er wandte sich in einer Mischung von Barschheit und Jovialität an mich: "Sie haben doch verstanden, was der Führer will?"
Ich sah ihn fragend an.
"Diese drei müssen verschwinden, und zwar bald! Es sind richtige Verräter, das kann ich Ihnen versichern."
"Kann man denn kein Gericht darüber urteilen lassen, vielleicht ein Ehrengericht aus Offizieren und hohen Führern?"
"Des Führers Befehl ist mehr als ein Gericht. Am wichtigsten ist Strasser. Er kann Selbstmord begehen; dafür ist er Apotheker. Sie haften mir mit Ihrem Kopf dafür, daß kein Mensch etwas von der Sache erfährt."
Göring sprach eindringlich und werbend. Er war ein Kettenhund. Nun war er losgelassen.
Ich bleibe der Chef. Göring befahl mich in der zweiten Hälfte März 1934 zu sich. Er verzichtete auf eine höfliche und versöhnliche Verkleidung dessen, was er mir eröffnen mußte.
"Ich habe mich entschlossen, mich von Ihnen zu trennen und Himmler die preußische politische Polizei anzuvertrauen. Ich bleibe der Chef. Die Presse ist schon unterrichtet."
Göring mußte meinem Abgang freundschaftliche Formen geben. Er stellte mich Hitler gegenüber als einen todkranken Mann hin. Nach meiner Genesung sollte ich die Stellung eines Regierungspräsidenten in Köln antreten. Es war im Hinblick auf meinen formalen Rang äußerlich ein Aufstieg.
Am 10. April 1934 ließ Göring sämtliche Beamte des Staatspolizeiamtes versammeln; er erschien, von Himmler und Heydrich begleitet, zur Einführung der neuen mächtigen Herren in der Albrechtstraße. Er sprach nicht von meiner Verabschiedung, sondern von dem Beginn des "neuen Kurses."
Als sich Göring nach seiner Rede von mir verabschiedete, sagte er mir: "Ich werde Sie selbst in Köln einführen, damit jeder sieht, daß ich trotz allem, was geschehen ist, zu Ihnen stehe."
In Köln. Auf dem großen Flugplatz der Hansestadt Köln hatten sich am 27. Juni für Görings Empfang fünf Gauleiter des Rheinlandes und Westfalens, die Gruppenführer der SA und SS, des NSKK und NSFK, die Polizeigenerale und die hohen staatlichen Würdenträger des Rheinlandes versammelt. Weißgekleidet, einem Lohengrin der Sage ähnlich, entstieg Göring der Maschine. Die großen Herren hatten mich wohlwollend in den Vordergrund geschoben, damit ich von Göring zuerst begrüßt würde. Ohne mir die Hand zu reichen, sagte er mir kurz und verkniffen: "Ich habe Ihnen etwas zu sagen."
Er ging mit mir abseits aus dem schillernden Kreise der Uniformen. Mit verhaltener, vielsagender Stimme begann er: "Ich werde Sie nicht einführen."
Unmilitärisch und gar nicht überrascht sagte ich nur: "Ach du lieber Gott, so etwas hatte ich mir schon gedacht."
"Sie können die Sache scherzhaft nehmen, aber es geht um Ihren Kopf."
Wir gingen beide querfeldein, uns immer weiter von dem Flugzeug und den Wartenden in der Richtung nach Düren entfernend. Ich dachte an die präsentierenden Kolonnen, an das Rätselraten der Wartenden und an die zerstörte Festordnung. Der Parademarsch, sich monoton wiederholend, begleitete unsere sinnlose Aussprache. Ich wollte die Sache abkürzen.
"Herr Ministerpräsident, es mag sein, wie es will, aber Sie müssen mich heute einführen. Der ganze Tag ist durch ein "Minutenprogramm" eingeteilt. Der Weg nach der Regierung ist für Ihren Wagen abgesperrt. Hinter dem Polizeispalier sind die Formationen aufgebaut. Vor der Regierung warten Tausende von Zuschauern und organisierte Abordnungen aus dem ganzen Rheinland. In der Regierung selbst ist alles für einen feierlichen Festakt vorbereitet. Sie müssen mich schon einführen, weil Sie diese Menschen nicht enttäuschen dürfen, Nach der Einführung können Sie mich meinetwegen sofort entlassen."
Verschwörung im Dom. Göring begann nun endlich die Katze aus dem Sack zu lassen. "Haben Sie sich mit den deutschen Kardinälen getroffen? Sie haben mit der Erzbischöfen komplottiert! Was haben Sie mit ihnen besprochen?"
Ich konnte mein Lachen nicht vergeben und antwortete: "O Gott, so geht es also los. An diesen bösen Karl-May-Geschichten erkenne ich Heydrich und seinen SD. Ich vermisse die Freimaurer und Juden und die anderen überstaatlichen Mächte der SS."
Aber Göring ließ sich von dem Thema nicht abbringen: "Ich frage Sie: Wo und wann haben Sie die Kardinäle getroffen?" Ich machte eine Bewegung, als ob ich Fliegen von meiner Stirn verscheuchen wollte.
Das reizte Göring. Er brüllte.
Dann sagte ich etwa: "Also, Herr Ministerpräsident, ich will Ihnen Rede und Antwort stehen, obwohl das für Heydrich völlig belanglos sein wird. Er wird Ihnen neue Geschichten auftischen und Anlässe dazu finden. Ich habe mich mit den Kardinälen nicht getroffen, wenn Sie unter Kardinälen die Erzbischöfe von Köln, Breslau und München verstehen. Die Kardinäle Faulhaber und Bertram habe ich einmal im Vorzimmer des Führers begrüßt, als diese Männer auf mein Drängen zu einer Aussprache eingeladen worden waren. Den Kardinal Schulte in Köln habe ich im Einvernehmen mit Ihnen bei meinem Dienstanritt besucht."
Göring war befriedigt, daß ein Mann, zu dem er sich einmal entschieden hatte, eine solche "Schweinerei" nicht begangen hatte, und unbefriedigt, daß eine so spannende und dunkle, von der neuen Gestapo aufgehellte Verratsgeschichte in Nichts zergehen sollte. Er war unsicher geworden.
"Sie sollen sich in der Schatzkammer des Domes getroffen haben!"
Das brachte mich zu schallendem Lachen. "Wie ungeschickt ist das ausgedacht; aber das fehlte noch. Also, ich habe mich nicht in der Schatzkammer des Domes mit den Kardinälen getroffen."
Die Musik spielte aus der Ferne weiter, und wir gingen immer noch querfeldein. Ich fühlte mich nun wirklich für die Präsentierenden verantwortlich, denen langsam die Arme erlahmen mußten.
"Sie sollen in der Schweiz den Reichskanzler Brüning getroffen haben, nachdem Sie seine Flucht ermöglicht hatten; und Sie sollen in der Schweiz Aufzeichnunger und Urkunden deponiert haben?"
"Das letztere wäre eine gute Idee; aber Herrn Brüning habe ich nicht getroffen. Ich kenne ihn gar nicht. Finden Sie nicht selbst das Ganze närrisch?"
Uebermorgen. Mir wurde immer klarer, was bevorstand. Auch Göring dachte nach. Er sah über das feste Datum des 30. Juni, den er übermorgen mit tödlichen Salven in Lichterfelde einleiten würde, hinaus in die ferne Zukunft. Die Töne der fernen Parademusik brachten ihr wieder in die Gegenwart. "Ich werde Sie einführen", sagte er kurz.
Die Wartenden konnten sich keinen klaren Vers machen. Sie hatten gemerkt, daß hier irgend etwas nicht glatt gegangen war. Für die Musikanten und die Präsentierenden mußte die Rückkehr von unserem Ausflug eine Erlösung sein. Vor seiner Abreise von Köln sagte er mir: "Sehen Sie sich in den nächsten Tagen vor."
Am Morgen des 30. Juni forderte Göring meine Streichung aus der Liste der Exekutionen. Körner bestärkte ihn in seinem Entschluß. Er erzählte mir später von diesem Kampf um meinen Kopf.
Heydrich hat in zynischer Offenheit auf diesen Kunstfehler des 30. Juni hingewiesen. Daß ich von der Hinrichtung ausgeschlossen wurde, durch Görings Schwäche, das verzeihte er Göring nicht, sagte er bald darauf vor alten Mitarbeitern, die es mir zutrugen. Ich war trotzdem am 30. Juni sozusagen außerplanmäßig für die SS freigegeben. "Meine" Kölner Staatspolizeistelle hatte sich die Ermächtigung dazu verschafft. Das Personal meiner Telephonzentrale warnte mich durch einen treuen Chauffeur. Während in Deutschland, erstmalig in seiner Geschichte, die führenden Männer einer gewaltigen Volksarmee ohne Anklage, Beweis und Urteil getötet, und eine große Zahl von lästigen Mitwissern und von solchen, die einmal stören, nachfolgen und ablösen konnten, dem staatlich organisierten Meuchelmord ausgeliefert wurden, saß ich auf einem Hochsitz in der Eifel und paßte auf den Rehbock. Als Hitler das "Jagd aus" befohlen hatte, ging ich wieder nach Köln zurück.
Gürtner war niedergeschlagen. Ich hatte keine Veranlassung gesehen, mich von irgendeinem der Berliner "Großen" zu verabschieden. Aber nach dem 30. Juni drängte es mich, Gürtner noch einmal aufzusuchen. Ich bin wohl der einzige, der über die Haltung des Reichsjustizministers zu der Bartholomäusnacht berichten kann. Ich traf den hochgemuten Mann im Zustand einer tiefen Niedergeschlagenheit. Entgegen allen anderen Darstellungen hat er sich auch diesem Ereignis gegenüber als ein Hort des Rechts erwiesen. Seine Unterschrift unter den Erlaß vom 6. Juli 1934, wonach der Vorgang als "rechtens" anzusehen sei, war nach einem Kabinettsbeschluß in der Gewißheit abgegeben worden, daß siebzehn übelstbeleumundete SA-Führer erschossen worden waren, und daß wegen dieser Fälle Verfahren nicht gegen die Exekutoren eingeleitet werden sollten. Gürtner hatte aber darauf bestanden, daß alle übrigen Tötungen den ordentlichen Gerichten zur Aburteilung übergeben werden sollten.
Hitler hatte sich diesem Verlangen gefügt, und er verkündete es so in seiner Rede am 15. Juli. Joel hatte demnach, so berichtete Gürtner, alle Fälle der Erschießungen und ihre besonderen Umstände ermittelt, allein, ohne die Hilfe der Polizei, der Himmler die Mitwirkung an diesen Feststellungen verboten hatte. Als Hitler sich den Erörterungen der Dinge entzog, reisten Gürtner, Joel und von Donany nach dem Forsthaus Pait bei Ragnit zu Göring und von dort zu Hitler auf den Obersalzberg, um die Einlösung seines Versprechens einer gesetzlichen Sühne der Mordtaten herbeizuführen.
Gürtner erzählte mir von den dramatischen Verhandlungen mit Goebbels und Hitler in Berchtesgaden. Hitler wollte einer Entscheidung aus dem Wege gehen und nicht ohne Himmlers Zustimmung handeln. Als Joel und von Hacke unbekümmert gerichtliche Verfahren einleiteten und auch durchführten - so wegen der Ermordung des Schlachthofdirektors in Hirschberg in Schlesien - , bewirkte Himmler, daß Hitler persönlich einschritt und die Untersuchungen niederschlug. Himmler und Heydrich wollten den 30. Juni 1934 nicht als ein Ende, sondern als einen Anfang sehen. Sie brauchten und erzwangen sich des zögernden Hitler Zustimmung als eine Magna Charta zu ihrem mörderischen Regiment.
(Schluß.)
Copyright 1949 by Interverlag AG. Zürich
Nachdruck verboten
Von Rudolf Diels

DER SPIEGEL 28/1949
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 28/1949
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DIE NACHT DER LANGEN MESSER ...

Video 01:35

"Viking Sky" Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera

  • Video "Viking Sky: Ich dachte, ich müsste mit meiner Mutter sterben" Video 01:52
    "Viking Sky": "Ich dachte, ich müsste mit meiner Mutter sterben"
  • Video "Wenn Haie angreifen: Rekonstruktion eines Phänomens" Video 45:07
    Wenn Haie angreifen: Rekonstruktion eines Phänomens
  • Video "Prügelei bei Motorradrennen: Kollision, Klammergriff, Faustkampf" Video 00:50
    Prügelei bei Motorradrennen: Kollision, Klammergriff, Faustkampf
  • Video "Buzzer-Beater in der NBA: Sensationswurf in letzter Sekunde" Video 00:38
    Buzzer-Beater in der NBA: Sensationswurf in letzter Sekunde
  • Video "Kreuzfahrtschiff in Seenot: Geretteter schildert Helikopter-Evakuierung" Video 02:31
    Kreuzfahrtschiff in Seenot: Geretteter schildert Helikopter-Evakuierung
  • Video "Kleinstadt in Südchina: Ein Elefant wollt' bummeln gehn..." Video 01:18
    Kleinstadt in Südchina: Ein Elefant wollt' bummeln gehn...
  • Video "Amateurvideo von der Viking Sky: Als der Sturm zuschlägt" Video 01:22
    Amateurvideo von der "Viking Sky": Als der Sturm zuschlägt
  • Video "Bizarre Formation: Pfannkucheneis auf dem Lake Michigan" Video 01:07
    Bizarre Formation: Pfannkucheneis auf dem Lake Michigan
  • Video "Flughafen Bali: Orang-Utan-Junges vor russischem Touristen gerettet" Video 01:13
    Flughafen Bali: Orang-Utan-Junges vor russischem Touristen gerettet
  • Video "Kerber-Frust in Miami: Größte Drama-Queen aller Zeiten" Video 01:49
    Kerber-Frust in Miami: "Größte Drama-Queen aller Zeiten"
  • Video "Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens" Video 03:57
    Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens
  • Video "Duisburg: Wohnblock Weißer Riese gesprengt" Video 00:59
    Duisburg: Wohnblock "Weißer Riese" gesprengt
  • Video "Rettung aus Seenot: Havarierte Viking Sky erreicht sicheren Hafen" Video 01:15
    Rettung aus Seenot: Havarierte "Viking Sky" erreicht sicheren Hafen
  • Video "Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?" Video 04:27
    Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?
  • Video "Viking Sky: Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera" Video 01:35
    "Viking Sky": Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera