07.07.1949

BÜHNE UND FILMDuell mit dem Tode

In Geiselgasteig herrschte Andrang der Fachleute. Paul May zeigte in Privatvorführungen seinen Film "Duell mit dem Tode". Am 15. Juli wird der Film auf den Festspielen in Locarno gezeigt.
Paul May, ein kleiner Herr mit gepflegtem Spitzbart, Sohn des Ganghofer-Verfilmers Ostermayer, ist Drehbuchautor und Regisseur des Films. In Wien, in den Ateliers am Rosenhügel, hat er ihn gedreht, in der Eugen-Pabst-Kiba-Produktion.
Zwar hatte Eric Pommer, Filmchef des US-Mil.-Gov., Paul May zu dem Drehbuch des Films beglückwünscht; es sei das beste Drehbuch, das er bisher in Deutschland gelesen habe. Aber der amerikanische Entscheid, der nach Monaten kam, lautete: "Auf unbestimmte Zeit verschoben."
May war gleich skeptisch gewesen. Sein Drehbuch handelt vom deutschen Widerstand. May fuhr nach Oesterreich, mit dem Drehbuch und Annelies Reinhold, als Frau und Hauptdarstellerin.
Sie spielt die Frau des Dr. Ernst Romberg, der Hauptgestalt des Films. Romberg macht als Dozent in seinen Vorlesungen aus seiner antifaschistischen Ueberzeugung kein Hehl und wird denunziert. Man holt ihn auf den Kasernenhof.
Als ein Kamerad wegen zehntägiger Urlaubsüberschreitung zum Tode verurteilt wird und ein verrohter Oberleutnant Romberg vor versammelter Mannschaft beleidigt, nutzt Romberg einen Tieffliegerangriff aus. Er boxt den Oberleutnant nieder und verschwindet.
Auf der Flucht gerät Romberg in eine SS-Bahnhofsrazzia, entdeckt in der SD-Dienstbaracke eine komplette Hauptsturmführer-Uniform. In dieser Uniform gelingt die Flucht.
Ein katholischer Landpfarrer nimmt Romberg auf und lotst Frau Romberg aus der Deserteurs-Sippenhaft. Aus dem fahnenflüchtigen Romberg wird mit Hilfe gefälschter Dienststempel der Standartenführer Immermann, reisend "im besonderem Auftrag". Wehrmachtstreifen und Gestapo-Kontrolleure knallen vor ihm dienernd mit den Hacken.
Um den Priester, Romberg, seine Frau und das Dienstsiegel ("Reichssicherungshauptamt - Abt. IV") schart sich eine Gruppe Widerständler. Sie holen Leute aus Gefängnissen, warnen Juden vor dem Abtransport und bringen sie in Sicherheit.
Dann kommt die Affäre Lang. Sie sei als einzige frei erfunden, gesteht der Regisseur.
Franz Lang ist Buchdrucker und stellte nachts Flugblätter her. Eines Tages ist er verschwunden, mit ihm ein Unteroffizier, der auf dem Wehrmeldeamt falsche Wehrpässe ausstellte.
Als Oberführer Redwitz holt Romberg den Wehrpaßfälscher aus der SD-Leitstelle Innsbruck. Gleichzeitig wird Franz Lang aus einem Untersuchungsgefängnis befreit. Lang wird, mit Stichworten und Adressen versehen, in Freiheit gesetzt.
Erst als Romberg und seine Männer das rote Plakat lesen: "Heute wurde der Buchdrucker Franz Lang in Linz hingerichtet", wissen sie, daß sie einen falschen Lang befreiten, einen Schneidermeister, der als Schwarzhörer verhaftet worden war. Rombergs Leute kannten den Buchdrucker Lang nicht.
Die Gestapo ist wieder hinter dem befreiten Lang her. Romberg wittert Gefahr und verhaftet als Sturmbannführer Busch den Schneidermeister. Im Verhör, die Pistole im Genick, verrät Lang alle Namen. Er ist zum gefährlichen Mitwisser geworden.
Die richtige Gestapo steht vor der Tür; da fällt ein Schuß. "Lang hat sich selbst erschossen", erklärt Romberg seinen Leuten.
All diese Vorfälle behandelt im Film ein amerikanisches Gericht, das den Physiker Dr. Ernst Romberg unter Mordanklage gestellt hat. Die Gerichtsverhandlung läßt die verwickelte Handlung in vielen Rückblenden ablaufen.
Romberg bekennt sich des Mordes an dem Schneidermeister Land schuldig. "Meine Begleiter irren, Lang hat nicht, wie ich ihnen damals sagte, Selbstmord begangen. Es war das Ziel meiner Gruppe, Menschenleben zu retten." Das Gericht verkündet Freispruch, weil Romberg in Notwehr gehandelt habe gegen einen Staat und Organe einer Exekutive, die ungesetzliche und unmenschliche Grundsätze vertraten.
"Das schwerste war, die geeigneten Darsteller zu finden", sagt der Regisseur May. Er ließ Tage vor Drehbeginn Gesichter vor sich paradieren. Endlich hatte er alle beisammen. Er waren nicht nur Berufsschauspieler. Für den Romberg entdeckte May Rolf von Nauckhoff, einen eindringlichen Intellektuellentyp. "Wir müssen auch im Film von schönen Männern weg", erklärt er.
Bevor er in Wien mit der Atelierarbeit beginnen konnte, prüften die Russen das Drehbuch. Sie gaben nur eine Anregung: das amerikanische Gericht in ein Vier-Mächte-Tribunal zu verwandeln. Außer dem Nürnberger Gericht habe es sonst keine alliierten Gerichtshöfe gegeben, wandte May ein. Nach Rücksprache mit Moskau gaben die Russen nach.
Im "Duell mit dem Tode" blieb alles echt, von den SS-Schulterklappen bis zur amerikanischen MP-Station, wo der Film mit der Anzeige gegen Romberg beginnt. Das Spinnengewebe der SD-Maschinerie wird vom kleinen Biertischspitzel bis zum Prügelbullen in allen Stufen scharf gezeichnet. Auch der Jargon ist maßgerecht, vom sinnlos schnauzenden Kasernenhof-Ausbilder bis zum Kruzifix zertrümmernden "Alten Kämpfer".
Es gibt Szenen, die bis zur Gänsehaut schaudern machen. May kennt sich aus eigener Erfahrung aus. Mit der Gestapo hatte er oft zu tun. Auch er ging von August 1944 bis Kriegsende Untergrund. Er hatte sich mit Dienstsiegeln und Papieren beim OKW eingedeckt.
Der Film ist in hohem Maße authentisch. Die Erlebnisse von Freunden Paul Mays sind darin enthalten, und das Romberg-Schicksal ist an vielen Stellen Paul Mays eigene Biographie.

DER SPIEGEL 28/1949
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BÜHNE UND FILM:
Duell mit dem Tode

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