07.07.1949

TECHNIKHöhere Mathematik auf Knöpfen

Zwei Minuten lang mußte Fräulein Paula Renzer stillhalten. Dann war das erste Werkphoto des "algebraischen Rechengerätes V4" gemacht, ohne Blitzlicht. Seine Verwendung verbot sich, da zuviel Zelluloid in der Nähe war.
Paula Renzer, von Beruf technische Zeichnerin, ist eine der sechs Personen, die in einer 6X10-m-Scheune in Hopferau (Allgäu) die Konstruktion Konrad Zuses wieder flottmachten. Der 39jährige Dipl.-Ing. Konrad Zuse, Berliner, verheiratet, Bauingenieur, war Chef der Ex-Berliner Zuse-Apparatebau-Firma.
Als er sich als Berliner TH-Student mit langen statischen Berechnungen herumquälte, kam ihm der Gedanke, "die geistigen Kräfte des Menschen zu verstärken, indem Maschinen zur Lösung von Aufgaben herangezogen werden, die bisher einen großen Teil der geistigen Arbeitskraft gebunden hatten".
"Ich war zu faul zum Berechnen", interpretiert der lange Mann in den geflickten Mechanikerhosen heute seinen eigenen Broschürentext.
Aus 15000 Meter Draht, 20000 Lötstellen, 2000 Telephonrelais, 2500 kg Material, 250000 Mark und 100000 Arbeitsstunden entstand ein Gerät, das einen normalen Möbelwagen bequem ausfüllt. In diesem Möbelwagen fährt V 4 jetzt nach Hünfeld (Kreis Fulda). Dort soll sie der deutschen Wissenschaft rechnen helfen.
Nach dem Diplom-Examen 1936 bastelte Zuse mehrere Versuchsmodelle. 1939 wurde er Soldat. 1941 kehrte er uk gestellt zum Rechenschieber zurück und berechnete hauptamtlich fliegende Bomben, nebenamtlich weitere Rechenmaschinen.
Im ganzen bastelte er neun Geräte. Von seiner Konstruktionstätigkeit spricht er immer nur als "Basteln".
Als man "höheren Orts" auf den langen Konrad aufmerksam wurde, war es zu spät. Die Russen standen vor Berlin.
Zuse versuchte, das letzte Gerät - die anderen acht waren zerbombt worden - aus Berlin zu retten. Erst als er einem "Lametta-Heini" klarmachte, daß das als V 4 (4. Versuchsgerät) bezeichnete geheimnisvolle Ding die Endsieg-Wunderwaffe sei, bekam er einen Reichsbahnwagen und landete schließlich unter französischen Besatzungsfittichen im Allgäu.
Ein verrückter Ex-SS-"Physiker indischer herkunft" rettete die V4 vor drohender Requirierung. Dieser "Magier" züchtete Getreide mit Kakaobohnen, impfte Kühen Schafserum ein, damit sie Wolle geben, und behauptete, daß seine indischen Vorfahren die Atombombe bereits vor 3000 Jahren entdeckt hätten.
Ueberdies erzählte er dem französischen Besatzungschef, er sei der Erfinder des Düsenjägers und auch der im Dorf versteckten Rechenmaschine. Für Monsieur le commandant war dank einer solchen Empfehlung V 4 unwichtig geworden. Als dann die Engländer die Franzosen ablösten, war Zuse mit seiner V 4 schon fort und in Hopferau.
In den USA existieren ähnliche Geräte wie V 4 unter dem Namen "Maschinen-Gehirn". Sie arbeiten aber auf anderer Basis. Zuse ersetzte 18000 US-Elektronenröhren durch mechanische Einrichtungen. Die amerikanische Maschine kostet 400000 Dollar, wiegt 20 Tonnen und hat Stromlinienform.
Auf den 149 Knöpfen und Tasten des V-4-Kommandostandes spielt Zuse höhere Mathematik. Daneben hängen unzählige verschieden gelochte Filmstreifen. Jede Lochung bedeutet eine mathematische Formel, von der einfachsten Wurzel bis zur schwierigsten Gleichung mit zehn Unbekannten.
Um eine Rechenaufgabe zu lösen, wird der entsprechende Streifen in V 4 eingehängt. Paulas flinke Hände tippen auf der Tastatur die jeweiligen Zahlen, die je nach Bedarf von der V 4 addiert, subtrahiert, multipliziert, dividiert oder gewurzelt oder alles auf einmal werden.
Wenn die 60 Volt Gleichstrom durch die 20 Kilometer Draht gejagt sind, leuchtet das Ergebnis hinter weißen Glasscheiben auf. Eine schwierige Berechnung, zu der ein Stab von Wissenschaftlern Tage braucht, löst V 4 in Minuten.
Zur V 4 gehört noch ein "mechanisches Gedächtnis" in der Größe eines mittleren Kleiderschrankes. Dessen Einzelteile schnitt Zuse aus US-Konservenblech. Das Gedächtnis "notiert" automatisch Zwischenergebnisse.
V 4 ist eine reine Rechenmaschine. "Damit Schach spielen wollen, ist Blödsinn", knurrt der Erfinder mit der mächtigen Haarlocke über die Brille. "Das Ding kann doch nicht denken."
Aber in seiner Schublade liegen die genauen Konstruktionsanweisungen für ein Gerät, das auch Schach spielen kann. "Nur das Geld fehlt", stellt Dipl.-Ing. Zuse nicht ohne Bedauern fest.
Maschinen-Schachspiel sei gar nicht so unheimlich, wie man denkt, behauptet er. Schach sei die ideale Prüfungsaufgabe für sogenannte "Problemmaschinen". Per Filmlochband will Zuse dem Gerät die Taktik des Spieles einimpfen.
Mit einem solchen Gerät glaubt er auch folgende Aufgabe lösen zu können: Eine Brücke soll gebaut werden; bekannt sind grundsätzliche Konstruktionsangaben (z. B. Bogenbrücke mit drei Oeffnungen), Bautechnik (Stahlbau geschweißt), Länge, Durchgangshöhe und -breite.
Die Maschine soll liefern: Vollständigen Entwurf des Systems mit konstruktiven Einzelheiten, statische Berechnungen, Gewichts- und Massenberechnung, Kostenvoranschlag, mechanische Anfertigung der Konstruktionszeichnungen einschließlich aller Details.
Ein Versuchsgerät in Kofferformat baute Zuse bereits nach dem Krieg. Es übernimmt einfache Kombinationsaufgaben über das Rechnerische hinaus. Als "Spielzeuggerät" fristet es vorläufig in Zuses Werkstatt ein unbeachtetes Dasein.
Konrad Zuse braucht 20000 DM, um der V 4 ein New-Look-Kleid zu geben. Im Augenblick sieht sie aus wie eine Großstadttelephonzentrale nach einem Erdbeben. Außerdem sucht er Geldgeber, um den Serienbau der Rechen- und der Problemmaschine zu beginnen. "20000 DM zum Weiterexperimentieren täten es auch schon."
Das Ausland zeigt sich an V 4 interessiert. Aber Zuse wartet ab. Solange bastelt er mit Fräulein Renzer und vier Ingenieuren und Mechanikern. Seine Leica und manches andere hat er inzwischen in Arbeitslohn und Material umgesetzt.

DER SPIEGEL 28/1949
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