23.06.1949

DIE NACHT DER LANGEN MESSER ...

6. Fortsetzung
Die "SA-Feldpolizei" unter der straffen Führung des Hauptmanns Fritsch, eines entlassenen Polizeioffiziers, hatte ein Gefängnis in der General-Pape-Straße gegründet. Soweit die motorisierte SA-Feldpolizei des Hauptmanns Fritsch, die die Berliner wegen ihrer Aufschläge die "weißen Mäuse" nannten, Ordnung und Disziplin in die wilden Haufen der SA brachte, war sie eine willkommene Hilfe der staatlichen Ordnungskräfte. Allerdings waltete sie als eine selbständig vollziehende und richterliche Gewalt unter der SA, indem sie in großzügigster Auslegung der Disziplinarordnung der SA Kerker- und Prügelstrafen nach Gutdünken verhängte und vollstreckte. In der General-Pape-Straße wurden daher SA-Männer, Kommunisten und völlig unschuldige Staatsbürger, auf die es die Feldpolizei abgesehen hatte, unterschiedslos verprügelt. Die Feldpolizei half die Bunker der IC räumen und füllte ihre eigenen.
In der Kantstraße 64 mißhandelte ein SA-Sturm Christen und Juden; Opfer, die in der Lage waren, sich freizukaufen, konnten ihnen entrinnen; die mit geschundenem Leibe davonkamen, wagten kein Sterbenswort über das Erlebte auszuplaudern, bis der amerikanische Konsul Geist durch einen seiner mißhandelten jüdischen Landsleute von dem Treiben Kenntnis bekam und die Staatspolizei unterrichtete. Auch in der Fürstenfeldstraße in Charlottenburg gab es eine Prügelstätte.
Dieses Vorgehen wiederholte sich in den verschiedenen Teilen der Stadt. Die unzugänglichste Stätte war das Columbia-Haus. Es übertraf an Systematik der Torturen die Marterhöhlen der SA. Es war eine völlig selbständige Domäne der SS. Erst allmählich drangen Gerüchte über den wahren Charakter dieser Unternehmung an unsere Ohren. Wie zum Hohn war ein Mann namens Toifl der "Leiter". Er hatte sich durch nichts anderes als durch Eifer und Sadismus seine dominierende Stellung verschafft. Unter Ausschaltung aller Stufen und Ränge regierten in diesen Höllenquartieren diejenigen, die nicht nur ihre Opfer unter dem höchsten physischen Druck, sondern auch ihre Kumpane durch ihre Hemmungslosigkeit am tiefsten beeindrucken konnten. Ich stellte bald fest, daß Nebe mit diesem Toifl in Verbindung stand.
Das Columbia-Haus war der Mittelpunkt des Teils der Revolution, den die SS für Berlin übernommen hatte. Es gelang unter verschiedenen Vorwänden, Gefangene der SS aus dem Columbia-Haus in die Hände der Polizei zu bekommen. Der SS-Führer Henze war der oberste "Verantwortliche" für die revolutionäre Betriebsamkeit der Berliner SS. Ich hatte ihn für einen Biedermann gehalten, bis ich von den Plagen hörte, denen die Opfer im Columbia-Haus ausgesetzt waren. Henze, ein stellungsloser Angestellter, wurde nach seinen "Verdiensten um die Berliner Revolution" von Himmler zum Polizeipräsidenten von Kassel ernannt. Bevor es zu einem Verfahren gegen Toifl kam, ereilte ihn der 30. Juni 1934. Er wurde erschossen. Es war nicht schade um ihn. Die "Bunker" waren bis auf das Columbia-Haus wohl alle bis Ende Mai beseitigt.
So entstanden die KZ's. Für die Entstehung der Konzentrationslager gibt es keinen Befehl und keine Weisung; sie wurden nicht gegründet, sie waren eines Tages da. Die SA-Führer errichteten "ihr" Lager, weil sie der Polizei ihre Gefangenen nicht anvertrauen wollten, oder weil die Gefängnisse überfüllt waren. Von vielen dieser Lager drang niemals eine Kunde nach Berlin. Ich habe noch Jahre nach meinem Weggang aus Berlin durch Erzählungen von der Existenz solcher Lager gehört, von denen ich 1933 nichts vernommen hatte.
Ueber ausländische Zeitungen hörten wir zuerst von einem Lager in Kemna im Ruhrgebiet. Daß der Gruppenführer Heines bei Dürrgoy in Schlesien ein Konzentrationslager eingerichtet habe, wurde dem Staatspolizeiamt durch den amerikanischen Journalisten Lochner bekannt. Von dem Lager, das die pommersche SS auf der Vulkanwerft bei Stettin errichtet hatte, ging uns erst eine Kunde durch den Stettiner Rechtsanwalt von der Goltz zu, als nicht nur Kommunisten, sondern auch pommerische Adelige wilde Torturen durchgemacht hatten. Erst als die ersten Gefangenen des Berliner Columbia-Hauses der SS in die Hand des Staatspolizeiamtes gerieten, konnten wir die Fährte nach einem Lager der SS bei Königswusterhausen ausfindig machen. Die Brandenburger SA verschleppte Gefangene nach einem Lager bei Bornim. Daß es eine Marterstätte war, stellten wir erst nach seiner gewaltsamen Schließung fest; das eigentliche Konzentrationslager der Berliner SA war Oranienburg. Es hatte früher als Fabrikgelände gedient.
Die SA machte an den Grenzen der Länder nicht halt. Besonders im Freistaat Sachsen gab es einige besonders berüchtigte Stätten dieser Art. Als sich die Polizei durch Recherchen nach verschwundenen Personen stärker hervorwagen konnte, verschwanden Gefangene außerhalb der Landesgrenzen. In vielen Fällen hat die SA die Fährten ihrer Opfer monatelang verwischen können.
Der Versuch, die Zustände in den überfüllten Gefängnissen des Staates, in denen die SA-Polizeipräsidenten SA-Hilfspolizei als Wachmänner angestellt hatten, zu verbessern, hatte schon im März zu einem Ersuchen des Innenministers an den Justizminister geführt, Außenlager der staatlichen Strafanstalten des Justizministers für die Unterbringung von Gefangenen zur Verfügung zu stellen. Das sollte zunächst eine Verbesserung der Zustände einleiten. Der Justizminister hatte die Barackenlager in Papenburg und Esterwegen an der holländischen Grenze und das Lager Sonnenburg, ehemalige Kasematten der Festung Küstrin, übergeben; doch der Moorlager um Papenburg (Esterwegen, Börgermoor) bemächtigte sich der Polizeipräsident und SS-Gruppenführer Weitzel von Düsseldorf, noch ehe der Innenminister irgendwelche Vorkehrungen treffen konnte. Unter seiner Anführung trieben dort SS-Kommandos ihr Unwesen. Die Bewachung von Sonnenburg hatte Daluege der brandenburgischen SA übertragen.
Schauerliche Methoden. Als Nachrichten über Greueltaten in jenem Lager bei Bornim zu uns drangen, setzte ich mit Hilfe des Regierungspräsidenten in Potsdam eine Hundertschaft der Potsdamer Polizei gegen das Lager in Bewegung. Die SA brachte ohne Zögern Maschinengewehre in Stellung: die Hundertschaft mußte das Lager umstellen. Ich legitimierte mich als ein Beauftragter des Ministerpräsidenten Göring. Der Kommandant des Lagers erklärte mir, daß er seine Gefangenen unter keinen Umständen ohne einen Befehl des SA-Gruppenführers Ernst herausgebe. Unter seinen Gefangenen befänden sich bekannte kommunistische Terroristen; sie dürften ihren "Abreibungen" nicht entgehen. Ueber die schauerlichen Methoden dieser "Abreibungen" konnte ich mir erst einige Stunden später ein Bild verschaffen.
Ich versprach schließlich der SA, wie bei der Auflösung der Bunker, ihre Gefangenen nicht freizugeben und sie der "verdienten Strafe" nicht zu entziehen. Unter solchen Bedingungen vollzog sich die Kapitulation des Lagers.
Einige Gefangene waren, wie ich später hörte, in diesem Lager mit Hilfe eines umgekehrt aufgestellten Motorrades, auf dessen sausende Räder man sie gesetzt hatte, entmannt worden.
Anfang Oktober vernahmen wir, daß in Esterwegen und Papenburg Gefangene "auf der Flucht erschossen" worden seien. In Esterwegen hatte es den angesehenen sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Eckerstädt, den die SA für den Blutsonntag in Altona verantwortlich machte, getroffen; in Papenburg war der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete, "der rote Heilmann", schwer verwundet worden. Heilmann war einer der intelligentesten Köpfe der Sozialdemokratie; er war Jude. Im Weltkrieg hatte er eine Kopfverletzung davongetragen. Wegen seiner Tapferkeit war er mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse ausgezeichnet worden. Ich reiste nach Papenburg. Dort suchte ich Heilmann im Krankenhaus auf. Er war ein Sterbender. Seine Erzählungen über die Quälereien, die er nicht durch die SS, sondern auch durch die Insassen des Lagers selbst erlitten hatte, konnten einem das Herz umdrehen.
Pünder beschwerte sich. In Papenburg hatte mir der Bürgermeister auch von den Ausschreitungen der SS gegenüber der Bevölkerung berichtet. Danach zogen die SS-Männer marodierend durch diese Gegend wie die Schweden im Dreißigjährigen Krieg. Sie "beschlagnahmten", nahmen Verhaftungen von Personen vor, die ihnen mißliebig geworden waren, und ließen sich in Prügeleien mit den Burschen der umliegenden Dörfer ein.
Zur rechten Zeit kam dann eine heftige Beschwerde des Rechtsanwaltes Dr. Pünder in Köln, die er für seinen Bruder, den Staatssekretär Pünder, der sich in den Händen der SS-Raufbolde in Papenburg befand, an den Reichsinnenminister Frick gemacht hatte. Frick ließ Gürtner und mir durch den Oberregierungsrat Erbe Pünders Beschwerde überbringen. Erbe versprach mir seine Unterstützung, und Hanfstängel versprach mir, den Führer zu "bearbeiten". Zur selben Zeit hatte der Oberstaatsanwalt Hahn aus Osnabrück berichtet, daß ihm Ermittlungen in den Lagern unter den schlimmsten Bedrohungen verweigert würden, die er wegen einer Mißhandlung des Gastwirts Hillig in Papenburg durch die SS-Schläger anstellen wollte.
Ich begab mich nun unter Umgehung des SS- und Polizeichefs Daluege mit dem Staatsanwalt Joel zu Görings Vertreter, Staatssekretär Grauert. Er bewilligte uns fünfzig mit Karabinern ausgerüstete Berliner Polizeibeamte, mit denen Joel nach Papenburg aufbrach. Einem von Joel entsandten "Parlamentär" wurde eröffnet, die Polizei werde mit Maschinengewehren empfangen werden, wenn sie sich dem Lager nähern sollte. Als Joel selbst versuchte, in das Lager einzudringen, flogen ihm Gewehrkugeln um die Ohren. Als Joel Grauert über den Stand der Dinge orientierte, erhielt er die Weisung, weitere Befehle abzuwarten.
Inzwischen hatte Himmler gegen den Aufmarsch der Polizei gegen die SS bei Göring protestiert. Göring hätte sich gefügt, wenn mich nicht inzwischen Joel telefonisch unterrichtet hätte, daß sich die SS mit den Gefangenen der Lager verbrüdere und diese bewaffnen wolle. Das brachte eine neue Note in das Revolutionsgeschehen. Der Hinweis auf die revoltierende SS stellte alle anderen Argumente in den Schatten, Göring beauftragte mich, bei Hitler in seiner Gegenwart über das Geschehene zu berichten. Hitler befahl die "Uebernahme" der Lager durch die Polizei. Grauert setzte, als ich ihn orientiert hatte, zwei Hundertschaften der Schutzpolizei in Osnabrück in Marsch nach der holländischen Grenze. Doch sie mußten sich zu einer Art Belagerung der Lager anschicken, zumal ein Abgesandter des SS-Gruppenführers Weitzel auf dem Plane erschien und die Polizeioffiziere mit Himmlers Drohungen einschüchtern wollte.
Ich frug nun unmittelbar bei Hitler an, ob die Polizei nunmehr mit Waffengewalt gegen die SS vorgehen könne. Hitler ließ mich zu sich kommen, um mir nach meiner erneuten Darstellung der Exzesse in den Lagern, mit militärischer Kommandostimme ins Wort fallend, zu befehlen, Artillerie des Heeres bei dem Reichswehrminister anzufordern und die Lager, die SS und ihre Gefangenen "erbarmungslos zusammenschießen" zu lassen. Meine Mitarbeiter faßte das Entsetzen, als ich mit diesem Führerbefehl vor ihnen erschien. Es verstand sich für mich von selbst, daß ich ihn nicht ernst nahm.
Ich bat meinen Vorgesetzten, den Ministerialdirigenten Fischer im Ministerium des Innern, mit der meuternden SS wegen der "Forderungen" zu verhandeln, die sie nach Landsknechtsart als die Bedingungen ihres Abzugs gestellt hatte. Sie hatten Mäntel, Decken und rückständigen Sold verlangt. Nachdem er der SS durch einen SS-Führer Weitzels die Erfüllung ihrer Forderungen mitgeteilt hatte, setzte sich Joel ohne Blutvergießen in den Besitz der Lager.
Auf die Bäume. In dieser Zeit zog auch Joel auf Grauerts und mein Betreiben nach Kemna bei Wuppertal. Die SA hatte dort gefangene Kommunisten auf besonders "originelle" Weise gepeinigt. Man hatte sie Heringslauge zu trinken gezwungen, um sie dann in den heißen Sommertagen vergeblich nach einem Schluck Wasser gieren zu lassen. Einer meiner Kommissare, der Joel begleitet hatte, berichtete, daß sich dort auch die SA den "Scherz" geleistet habe, ihre Gefangenen auf Bäume klettern zu lassen; sie mußten in den Gipfeln stundenlang aushalten und in bestimmten Abständen "Kuckuck" rufen.
Der Staatsanwalt Winkler in Wuppertal, der gegen die SA einschreiten wollte, hatte vor ihren Bedrohungen mit Frau und Kind flüchten müssen. Der Regierungspräsident Schmidt in Düsseldorf schüttete mir sein Herz über die Scheußlichkeiten aus. Mit Joel setzte ich bei Göring die Amtsenthebung des "zuständigen" SA-Gruppenführers durch, um Joel freie Hand bei der Strafverfolgung der SA-Wachmänner zu sichern. Nach einigen Monaten gelang es Joel, gegen die Widerstände des Gauleiters Florian die Strafverfahren gegen die schuldigen SA-Männer einzuleiten. Den Kampf gegen Hitler, der die Verfahren schließlich doch niederschlug, mußte er verlieren.
Eines Tages suchte mich der amerikanische Journalist Lochner mit anderen Pressemännern auf, um mich auf die Spur des aus einem Berliner Polizeigefängnis am Alexanderplatz verschwundenen Paul Löbe hinzuweisen. Die SA hatte ihn im März verhaftet und dort eingeliefert. Löbe war in der jungen Weimarer Demokratie als Präsident des Reichstags beinahe zu einer institutionellen Erscheinung geworden. Ich hatte angenommen, daß er wegen seines Rufes persönlicher Wohlanständigkeit und Sachlichkeit bis in die radikalsten Flügel der Kommunisten und Nationalsozialisten als Persönlichkeit respektiert und von Göring entlassen werde. Doch der schlesische Prügelheld Heines kannte solche Anwandlungen nicht. Er war eines Tages mit einem Haufen schlesischer SA-Männer im Polizeigefängnis am Alexanderplatz eingedrungen und hatte Löbe entführt.
Lüdemann im KZ. Der sozialdemokratische Oberpräsident von Schlesien, Lüdemann, der sich unter Severing zu einem der bestgehaßten Gegner der Nationalsozialisten gemacht hatte, war ebenfalls in die Hände der SA gefallen. Bald drangen auch Berichte über körperliche Mißhandlungen, denen Lüdemann ausgesetzt war, nach Berlin. Ich schickte einen alten und in allen kriminalistischen Ränken bewährten Beamten, den Oberkommissar Otto, zur Erkundung der Vorgänge in diese Provinz. Der Einlaß in das KZ Dürrgoy bei Breslau wurde ihm verweigert. Er hatte sich durch seine Fragen und Untersuchungen bei der SA verdächtig gemacht. Mit knapper Not entging er körperlichen Züchtigungen; nach seiner Rückkehr legte er mir einen alarmierenden Bericht über das Ergebnis seiner Nachforschungen vor.
Ich erhielt die Vollmacht, den Gruppenführer Heines in Breslau aufzusuchen und über die "Abwicklung" seines Konzentrationslagers zu verhandeln. Heines beantwortete meine Vorstellungen mit lauten Beschimpfungen der Berliner Leisetreterei. Er würde sich in seine Methoden, Morde und Totschläge an seinen SA-Männern zu vergelten, nicht hineinreden lassen.
Auf den Bericht meines ergebnislosen Besuches bei Heines erfolgte der übliche Gang zu Hitler. Ich versuchte alle Argumente auszuspielen, die es in der Sache gab. Der Hinweis auf Löbe und Lüdemann und die Vorstellung der ausländischen Journalisten verfingen damals noch. Ich konnte einen "Führerbefehl" erwirken, demzufolge Berliner Polizei das Lager auflösen sollte. So reisten meine Mitarbeiter Drendel und Conrady, rechtschaffene Staatsanwälte, zusammen mit Joel nach Breslau und luden die "Häftlinge" mit Hilfe von Berliner Schutzpolizei in einen Sonderzug. In Berlin wurden die Personalien der übel Zugerichteten festgestellt und ihre Mehrzahl entlassen. Bei einigen zögerte Göring mit seiner Entscheidung. Sie wurden nach Oranienburg gebracht.
Ueberraschung in Sonnenburg. Der preußische Justizminister hatte die Unterbringung kommunistischer Führer, die ein Hochverratsverfahren zu erwarten hatten, in den dem Justizfiskus gehörigen Kasematten von Sonnenburg vorgeschlagen. Nach Sonnenburg kamen Mühsam, Litten, Ossietzky, Kasper und mehrere ehemalige Abgeordnete der Kommunistischen Partei. Wiederum war es durch Meldungen der ausländischen Presse ruchbar geworden, daß sich auch die Sonnenburger SA in wilden Mißhandlungen ergehe. Freunde Ossietzkys und Littens unterrichteten meinen Mitarbeiter M.
Ich setzte mich mit einigen Begleitern in den Wagen, um in Sonnenburg überraschend einzudringen. Der SA-Kommandant ließ sich durch unsere amtliche Stellung und den begleitenden Polizeioffizier beeindrucken und gewährte uns Einlaß. Ich fragte nach dem preußischen Landtagsabgeordneten Kasper, den ich seit Jahren kannte. Er hatte mich immer wieder durch das Feuer seiner Beredsamkeit und seine schwäbische Klugheit beeindruckt. Wir wurden durch einen engen Gang der alten Festung geführt und in ein verließartiges Gewölbe eingelassen. Auf dem Fußboden lagen auf einer Strohschütte die Gefangenen, die sich bei unserem Eintritt auf das "Achtung!" des Stubenältesten hin taumelnd erhoben und um eine gerade Haltung bemühten.
Der Anblick der Gefangenen war schlechthin unbeschreiblich. Es waren Gestalten wie aus einem Spuk oder aus einem dämonischen Traum. Aus den zerbeulten und zerfetzten Kleidern ragten verquollene Köpfe heraus wie Kürbisse, gelb, grün und bläulich angelaufene Gesichter, die nichts mehr von einem Menschengesicht an sich hatten. Die bloßen Körperteile waren mit Striemen und geronnenem Blut bedeckt. Mir fuhr ein Schreck durch die Glieder wie bei einer Geistererscheinung. Als ich nach Kasper fragte, meldete sich ein Wesen, an dem nur noch die brennenden schwarzen Augen von dem einstmals sprudelnden, lebenstrotzenden Mann zeugten. Der Anblick des gequälten Mannes bereitete mir, wenn es noch Steigerungen gab, die größte Erschütterung dieses Jahres. Ich streichelte ihn über seinen zerschlagenen, kahl geschorenen Kopf und versuchte ihm in dieser Marterhöhle einige menschliche Worte zu sagen. Kasper war weit abwesend.
Da es sich in Sonnenburg um Gefangene der Justiz handelte, bedurfte es nur des Einverständnisses von Göring, um den Justizminister aufzufordern, die SA durch Berufspersonal der Justizbehörden abzulösen. Die SA machte keine Widerstände. Die "Harmlosen" unter den Kommunisten dieses Lagers hatte sie schon in ihre Reihen aufgenommen.
Vor der Uebernahme des Lagers durch Justizbeamte hatte ich einen Staatsanwalt M. zu einer Untersuchung der Vorfälle nach Sonnenburg beordert. Er stellte dabei fest, daß auch der Schriftsteller Ossietzky, dessen Aufenthalt in Sonnenburg mir entgangen war, lebensgefährliche Peinigungen ertragen hatte. Ich gab ihm auf seine telephonische Anfrage den Auftrag, Ossietzky und den nicht minder schlimm zugerichteten Litten aus dem Lager in ein Berliner Krankenhaus zu bringen. Er wurde bald mit anderen Kommunisten, gegen die ein Hochverratsverfahren nicht gefordert wurde, entlassen.
Akten verschwanden. Die SA drang in die Polizeigefängnisse ein, um sich der Kommunistenführer zu bemächtigen, die nach dem Reichstagsbrand verhaftet worden waren, und denen sie ihre besondere Rache zugedacht hatten. Aus dem Polizeipräsidium entwendeten sie die Akten, die ihre Führer belasten konnten; die verschüchterten Beamten gaben heraus, was sie forderten. Ernst hatte es besonders darauf abgesehen, alles in die Hand zu bekommen, was sich an geschriebenem Material über seine und seines Freundes Röhm abwegige Veranlagung, und von den Briefen seines Chefs Röhm aus Bolivien in den Händen der Polizei befand.
Eines Tages setzte in Berlin eine Verfolgung der Hellseher und Astrologen ein. Wir hörten von ihren Einkerkerungen in den SA-Gefängnissen. Da lichtete sich das Dunkel um dieses Treiben durch die Ermordung des Hellsehers Hanussen. Dieser bekannte Stern der Berliner Skala hatte sich gleich einen ganzen SA-Sturm als Leibgarde engagiert. Er hielt ihn durch Geldspenden und gewaltige Feste in seiner pompösen Wohnung bei guter Laune. Der Sturm wurde von dem ehrgeizigen Astrologen dazu benutzt, seine Konkurrenten in Berlin niederzuprügeln. Der Umgang mit hohen SA-Führern hatte Hanussen dazu verleitet, seine mit ihrer Hilfe errungene Monopolstellung für seinen politischen Ehrgeiz zu gebrauchen. In der astrologischen Zeitschrift, die er erscheinen ließ, korrigierte und kritisierte er, unter Hinweis auf die Konstellationen der Gestirne, die Führung des Dritten Reiches in der Weise, wie es ihn die rebellierenden SA-Führer gelehrt hatten. Hitler verbot eines Tages das gewerbsmäßige Hellsehen und Horoskopieren. Astrale Einmischungen in sein irdisches Tun wollte er ausschalten. Scheinbar ist Hanussen nun dem obersten Berliner SA-Führer Graf Helldorf lästig geworden, nachdem er dem Tiefverschuldeten beträchtlich unter die Arme gegriffen hatte. Der Mörder, ein unterer SA-Führer, entzog sich der Verhaftung durch Flucht ins Ausland; doch die Untersuchung hatte so nahe an Helldorf herangeführt, daß er die Anwartschaft auf den Posten des Berliner Polizeipräsidenten verlor.
(Fortsetzung folgt)
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Von Rudolf Diels

DER SPIEGEL 26/1949
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