23.06.1949

MUSIKJehn Se man raus, Herr Dokter

Ich mache Musik, keine Musikpolitik." Es ist viel grollender Unmut in der Stimme, die schmale Rechte skandiert den Satz mit erregten Schlägen auf die Sessellehne, und die Linke assistiert dabei, die "göttliche Linke", wie blumig einherschreibende Musikrezensenten sie nennen.
Es ist ein wenig laut, dieses Wort, zu laut für die teppichgedämpfte Atmosphäre der Lux-Hotel-Halle Runkewitz in Baden-Baden, und dennoch eine hohe Ehre für das erste Haus am Platze. Es war ein Furtwängler-Wort.
Die hundertmal an Wilhelm Furtwängler gerichtete Frage: "Warum, Herr Doktor, spielen Sie keine Neue Musik?" hat beim hunderttausendsten Mal einen kleinen Ausbruch des großen Dirigenten provoziert. Das böse Wort von der Musikpolitik ist nicht so sehr für den Fragesteller als für ganz andere Ohren bestimmt. Die gehören Dr. Heinrich Strobel, Chef der Musikabteilung des Südwestfunks Baden-Baden.
"Furtwängler schließt sich heute den Fortschrittsmännern von gestern, den Jugendstil-Stürmern um den jungen Strauß an, wenn er sich zwar zur Erweiterung der Tonalität bekennt, vor der notwendigen Konsequenz der Atonalität aber zurückschreckt. Er sitzt gleichsam mit dem Vatermörder des Biedermeier im Rolls Royce".
So schrieb Strobel in einer Entgegnung auf Furtwänglers "Gespräche über Musik" (Atlantis-Verlag, Zürich, 1948) in "MELOS", dem Hauptblatt der Neutöner.
Rot vor Augen. Im siebenten seiner Gespräche hatte Furtwängler die These von der "biologischen Minderwertigkeit" der Neuen Musik aufgestellt. Da sah sein erbittertster Gegner seit den Tagen, da die Musikkritiken des Berliner Börsencurier mit "Heinrich Strobel" gezeichnet waren, rot vor Augen.
Vor einigen Wochen strahlte der SWF eine scharfe Polemik gegen Wilhelm Furtwängler, den Dirigenten, Musikschriftsteller und Komponisten aus. Am Mikrophon: H. Strobel. An einem Rundfunkapparat in Freiburg: W. Furtwängler.
Daraufhin wurde an das bereits festgelegte Reiseprogramm der ersten Nachkriegstournee Furtwänglers mit den Berliner Philharmonikern ein Gastspiel in Baden-Baden gepappt.
Am Tage des Furtwängler-Besuches in Baden-Baden befaßte sich der SWF erneut mit der Person des Dirigenten. Auf der alltäglichen "Tribüne der Zeit" erschien ein kurzes Gespräch mit Furtwängler. Darin beeilte sich der SWF mit der Versicherung, daß er die hohe Ehre zu schätzen wisse, die seinem Sprechstudio widerfahren sei, als Furtwängler dort auf Band sprach.
Auch die Baden-Badener wußten die Auszeichnung eines Furtwängler-Konzertes zu würdigen und applaudierten heftig. Sie sind durch die allsonntäglichen Konzerte des SWF-Orchesters etwas gewaltsam an die schärfer gewürzte Ohrenspeise jüngerer Musik gewöhnt worden. Das überausverkaufte Furtwängler-Konzert rief in ihnen wehmütige Erinnerungen an die vergangenen großen Zeiten des einstigen Weltbades zurück. Furtwängler brachte ein reines, repräsentatives Furtwängler-Programm, nur klassische und romantische Musik. Aber:
"Es gibt für mich keine klassische und romantische Musik", sagt Furtwängler. "Es gibt nur Musik erster, zweiter und dritter Ordnung. Programmwahl ist keine Sache des Stils, sondern des Wertes."
"Auf meinen Zyklen in Berlin und in Leipzig habe ich auch moderne Komponisten zur Diskussion gestellt. Auf einer Gastspielreise aber muß ich dem Publikum in dem einen Konzert in jeder Stadt stets nur das substantiell Allerbeste, Höchste bieten."
Das Allerbeste hieß auf dieser und nicht nur auf dieser Konzertreise: Mozart und Strauß, Beethoven und Brahms. 14mal in 12 Städten, von Hamburg bis Heidelberg, von Bielefeld bis Baden-Baden.
Völlig erledigt. Vierzehnmal mußte das knappe Hundert der Philharmoniker nach zweieinhalb Konzertstunden die durchgeschwitzten Hemden wechseln. Das ist ihr Stolz: "Nach jedem Furtwängler-Konzert ist auch der letzte Geiger bei uns völlig erledigt."
Der Dirigent Furtwängler wird von seinem Orchester ebenso geliebt und verehrt wie gefürchtet. Jedes Konzert ist eine neue große Nervenanspannung. Das beginnt schon beim ersten Takt. Furtwänglers Einsatzzeichen sind ihrer Undeutlichkeit wegen von allen Orchestern der Welt gefürchtet. Die taktstockführende Rechte beschreibt meist nur eine zitternde, schlagreiche Figur, aus der das entscheidende "Eins" kaum abzulesen ist.
Daß der ff-Beginn etwa der "Coriolan"-Ouvertüre oder der Fünften Symphonie von Beethoven dennoch mit der Präzision und der Gewalt einer Explosion kommt, ist das oft bestaunte Geheimnis des Dirigenten Furtwängler und seiner Philharmoniker. Furtwänglers Dirigierweise an sich ist alles andere als ein schulgerechtes Muster für Dirigierschüler.
Sie ist vorbildlich nur in der völligen Unabhängigkeit beider Hände. Bei ihm weiß die Linke tatsächlich nicht, was die Rechte tut.
Diese, die Taktstockhand, schlägt aber nur selten die jeweilige Taktfigur deutlich aus. Meist beschreibt das dünne Stäbchen nur zitternde Bewegungen in der Luft, zeichnet fein wie ein Seismograph alle Bewegungen und Erregungen auf. Währenddessen knetet und formt die Linke unablässig den Ton der Instrumente. Sie saugt förmlich den rundesten Geigenton aus den Instrumenten, sie dämpft da eine Klanggruppe und gibt dort dem vollen Orchester das Zeichen für freie Fahrt.
Diese Dirigierweise haben Furtwänglers Gegner ein verderbliches Taktstock-Zelebrantentum genannt und ein Rauschgift für die verehrungssüchtigen Massen. Seine Freunde führen dagegen die unbestrittene Vollkommenheit des Klangbildes an und weisen hin auf den starken körperlichen Einsatz des 63jährigen, der sich bei jedem Konzert voll ausgibt.
Der konzentrierteste Probierer. Einig sind sich Freund und Feind über die Zweckdienlichkeit seiner Probenarbeit. "Er ist der konzentrierteste Probierer, den wir kennen", sagen die Musiker, und sie kennen alle großen Probierer unter den lebenden Dirigenten.
Dabei macht er es ihnen am allerwenigsten bequem. Seine Temperamentausbrüche sind wegen ihrer Urplötzlichkeit berüchtigt, und bei den Proben geht mehr als ein Taktstock in die Brüche.
Vor der ersten Nachkriegsreise durch die Westzonen probte Furtwängler mit den Berliner Philharmonikern drei Tage in Hamburg. 12 Probenstunden insgesamt genügten, das Orchester so fit zu machen, daß unterwegs vor jedem Konzert nur noch kurze Sitz- und Akustikproben stattzufinden brauchten.
Es war die erste Fahrt der blockadeausgehungerten Philharmoniker durch die Milch- und Honig-Zonen unter ihrem alten Chef. Die seit 1922, Arthur Nikischs Abgang, bestehende ständige Bindung "Furtwängler und die Berliner Philharmoniker" wurde erst durch die Wirkung der letzten Kriegsmonate gelöst und ist bis heute noch nicht wieder erneuert worden.
Furtwängler war kurz vor Torschluß nach der Schweiz gegangen. Die verwaisten Philharmoniker hielten noch am 20. April, als der Potsdamer Platz bereits unter Ami-Beschuß lag, ihre letzte Probe ab. Dann wurden sie zum großen Teil aus Berlin herausgespült.
Der Stamm sammelte sich bald nach der Besetzung wieder in der Wohnung des Klarinettisten Fischer. Auch die meisten anderen Mitglieder der philharmonischen Familie kehrten zurück. Das Weiterspielen war aber zunächst mit Schwierigkeiten verbunden. Das Haus der Philharmonie in der Schumannstraße lag in Trümmern.
Die Instrumente wurden zum größten Teil noch bei Kriegsschluß ein Opfer der Ereignisse. Die, die auf der Plessenburg bei Culmbach ausgelagert waren, dienten als Heizmaterial für ein großes von Nichtdeutschen entfachtes Feuer auf dem Burghof. Die in Berlin lagernden Instrumente wurden zum großen Teil von den Russen abtransportiert. Von den schwer zu verfrachtenden Kontrabässen wurden nur die Saiten demontiert.
Mit der Lizenzierung des Berliner Philharmonischen Orchesters durch die Amerikaner begann ein neuer Abschnitt in der 67jährigen Geschichte des Orchesters. Lizenzträger wurden der Rumäne Sergiu Celibidache als Dirigent und der Cellist Ernst Fuhr als Geschäftsführer.
Fuhr bildet heute zusammen mit Ernst Fischer, Klarinette, den Vorstand des Orchesters. Der wird alle drei Jahre wieder neu gewählt, nach alter Tradition in allgemeiner geheimer Wahl.
Demokratische Verfassung. Die Berliner Philharmoniker sind neben der nach ihrem Muster organisierten Philharmonie das einzige Orchester der Welt mit einer selbstgegebenen demokratischen Verfassung. Bis 1933 war die Berliner Philharmonie eine GmbH. Jedes neuverpflichtete Mitglied wurde Gesellschafter mit einem eingezahlten Kapital von 600. - RM. Wie bei jedem anderen gutgeführten Unternehmen auch wurde am Jahresende ein Gewinn ausgeschüttet.
In der Nazizeit wurde das bisher selbständige Orchester vom Reich übernommen. Die Gesellschafteranteile wurden ausbezahlt, und als oberster Chef fungierte nunmehr Joseph Goebbels selbst.
Dennoch blieb die Unabhängigkeit der Philharmoniker für NS-Verhältnisse ungewöhnlich groß. Es gab kaum Programmzwang, das Orchester hatte die wenigsten Pgs. Bis 1935 wurden die jüdischen Mitglieder gehalten, Halbjuden unter den Musikern wurden durch das ganze antisemitische Jahrtausend hindurchgeschleust.
Heute wird das Orchester zum Teil von der Stadt Berlin subventioniert, zum größeren Teil erhält es sich selbst. Zwar besteht die Sitte, daß Solisten oder Dirigenten das Orchester für ein Konzert kaufen, heute nicht mehr. 3000 Mark für ein Solisten-, 5000 Mark, für ein Dirigentengastspiel vor dem Orchester der Berliner Philharmoniker würden auch nur noch wenige aus der finanzschwach gewordenen Künstlerkaste aufbringen können.
Aber grundsätzlich steht der Platz auf dem Podium vor den Philharmonikern jedem Dirigenten offen. Noch immer sind die Berliner Philharmoniker das Orchester mit den meisten Gastdirigenten.
Minister im Musikerstaat. Bei der Aufstellung des Spielplans hat das Orchester selbst freie Hand Die traditionelle Selbständigkeit der Philharmoniker ist trotz der Stadt-Berliner-Subvention erhalten geblieben. Alle wichtigen Entscheidungen - Dirigentenverpflichtung, Haushaltführung, Spielplanung - fällt der Zweimann-Vorstand in Verbindung mit dem ebenfalls in geheimer Wahl gekürten "Fünferrat", dem Ministerkollegium dieses Musikerstaates.
Die beim Spiel meist melodieführenden Geigen sind auch hier tonangebend: im gegenwärtigen Regnum besteht der Fünferrat nur aus Violinisten, aus 3 ersten und 2 zweiten Geigen.
Die Berliner Philharmonie ist eine "Schweiz im Kleinen", mit den einzelnen Instrumentengruppen als den "Kantonen". Aber es herrscht kein verderblicher "Kantönli-", sondern wahrhaft "philharmonischer Geist". Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist ganz stark ausgeprägt. Abwanderungen sind äußerst selten.
Auf der letzten Westzonenreise ereigneten sich wiederholt Fälle, daß einzelne Orchestermitglieder "geangelt" werden sollten. Eifrigster Angler ist dabei der finanzstarke Funk, der um den Ausbau seiner Großen Orchester bemüht ist. So bot RIAS Berlin einem ersten Saiteninstrumentalisten einen Vertrag mit 2000 DM Monatsgehalt, der NWDR Köln nicht viel weniger, plus Wohnung.
Gegen solche Verlockungen kann nur energisches Am-Riemen-Reißen, der Appell an den "philharmonischen Geist" stark machen. Die Philharmoniker zahlen dabei nicht eben niedrige Gehälter.
Die Konzertmeister haben Sonderverträge mit einem Grundgehalt von 1200 bis 1500 DM. Ein Kontrabassist mit mehr als fünf Dienstjahren erhält bereits über 800 DM. Dazu kommen Einzelverpflichtungen, Konzerte der Kammermusikgruppe oder des Streichquartetts der Philharmoniker, die allerdings zum Teil in eine besondere Kasse spielen, schließlich die zahlreichen Bandaufnahmen für den Funk oder die großen Schallplattenfirmen.
Für eine etwa dreistündige "Sitzung", wie die meist recht schwierigen Proben für Bandaufnahmen genannt werden, erhält jedes Mitglied eine Entschädigung von etwa 60 DM. Auf den Reisen beziehen die Philharmoniker Diäten.
Neben dieser auch im Vergleich zum Funk noch sehr guten Bezahlung strahlt der internationale Ruf dieses berühmten deutschen Orchesters die Hauptanziehungskraft aus. Bei der Reise durch die Westzonen meldeten sich in fast jeder Stadt Bewerber zum Probespiel.
Das Aufnahmeverfahren ist eine ebenso zweckmäßige wie schwer zu bestehende Prozedur. Entscheidend für die zunächst nur vorläufige Aufnahme ins Orchester ist nicht das Urteil des Dirigenten, der nur Mitstimmrecht hat, sondern die Meinung aller Orchestermitglieder.
Musikalisches Stechen. Probespiel ist in jedem Fall für alle Mitglieder Pflichtdienst. Der Bewerber wird in schnell zu entscheidenden Fällen durch einfache Beratung oder durch Zuruf, in umstrittenen Fällen durch geheime Abstimmung angenommen oder abgelehnt. Manchmal wird ein regelrechtes "Stechen" zwischen zwei Bewerbern veranstaltet.
Der vorläufig Aufgenommene erhält zunächst die Chance einer sechswöchigen Probedienstzeit, dann gegebenenfalls die Probeverpflichtung auf ein Jahr. Dann wird noch einmal über seine endgültige Aufnahme beraten, wobei besonders auch die menschlichen Qualitäten des Kandidaten eingeschätzt werden. Erst dann kann der Bewerber aufgenommen werden.
Diese Aufnahme bedeutet trotzdem keine Lebensversicherung. Bei frühzeitigem Nachlassen der Leistung ist frühzeitige Pensionierung, in krassen Fällen sogar Kündigung möglich.
Die Pensionskasse wird gegenwärtig zum Teil aus freiwilligen Abgaben der Philharmoniker getragen. Die Pensionsordnung der Stadt wird noch bearbeitet. Dann soll jeder Pensionär etwa 450 DM erhalten. Vorläufig sind es nur 250 DM, davon 100 DM aus den Abgaben der Orchestermitglieder.
Die Altersgrenze ist gegenwärtig weit heraufgesetzt: aus Nachwuchsmangel, aber auch wegen der Ebbe in der Pensionskasse. Das Durchschnittsalter liegt bei 40 Jahren. Der Senior des Orchesters, ein Kontrabassist, ist jedoch bereits 75, zwei Geiger sind 70 Jahre alt.
Der Benjamin war bisher der 18jährige Konzertmeister Saschko Gawriloff, ein Bulgare. Er geht jetzt ans erste Pult des RIAS-Symphonieorchesters.
Das widerspricht nicht der Regel, daß kein Philharmoniker das Orchester verläßt. Die Konzertmeister der Berliner Philharmoniker haben gewöhnlich nur einen Jahresvertrag, nach dem philharmonischen Grundsatz: Kein Konzertmeister darf auf seinem Platz alt werden. Er rückt mit Nachlassen der Leistung sofort um entsprechende Positionen zurück.
Der weißhaarige erste Klarinettist Ernst Fischer trat nach 27 Jahren Solospiel seinen Platz freiwillig an einen Jüngeren ab, übernahm aber mit dem zweiten Pult auch die Mühen und Lasten des ersten Vorsitzenden. Ebenso verzichtete der langjährige Soloflötist Albert Harzer auf die Solostelle zugunsten des jungen Dr. Hans-Peter Schmitz.
Der ist nicht der einzige Akademiker im Orchester, allerdings der einzige aktive Musikwissenschaftler. Dr. Schmitz beschäftigt sich in seiner Freizeit intensiv mit Aufführungsfragen alter Musik. Seine jüngste Untersuchung galt der Beziehung zwischen Jazz und alter Musik.
In den zweiten Geigen sitzt Dr. Kurt Heinemann, Archäologe und Schüler von Furtwänglers Vater, dem berühmten Kunstwissenschaftler Adolf Furtwängler. Er hat in seiner Jugend im Hause Furtwängler mit dem jungen Wilhelm zusammen Kammermusik gespielt und kam später durch Vermittlung des Jugendfreundes ins Philharmonische Orchester.
In den zweiten Geigen saß früher der im Krieg gefallene Dr. Hans Ahlgrimm. Der war auch ein guter Komponist; sein Trompetenkonzert für den berühmten, heute in der Schweiz blasenden Solotrompeter Spoerri haben die Philharmoniker mehrfach aufgeführt.
Bester Trompeter Europas. Komponist ist auch der Solotrompeter Karl Rucht, den Paul Hindemith den "besten Trompeter Europas" genannt hat. Er hat daneben auch Ambitionen als Dirigent, und ganz sicher ist er der Mann mit dem größten Brustkorb aller Philharmoniker. Er würde in jedem Boxring eine gute Figur machen.
Die sportlichen Interessen der philharmonischen Familie sind stark ausgeprägt. In Wiesbaden war der pünktliche Konzertbeginn ernstlich in Frage gestellt, da zwei Kontrabässe, drei Celli, ein Horn und vier Geigen auf der Tribüne beim Frankfurter Vorrundenspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft zuschauten.
Die Mannheimer schossen gegen den HSV einen klaren 5:0-Sieg heraus. Damit wurde eine Verlängerung unnötig, das Wiesbadener Konzert fing pünktlich an.
Die Berliner Philharmoniker hatten früher ihre eigene Fußballmannschaft, die zusammen mit der allgemeinen Sportabteilung des Orchesters allwöchentlich unter Leitung eines Trainers übte. In ihrem Rekord sind Siege über die Staatsoper und die Städtische Oper verzeichnet.
Furtwängler ist selbst ein guter Sportler gewesen. Sein Vater war in Deutschland einer der ersten, die Ski liefen, und der junge Wilhelm stand schon früh auf den Brettern. Er verbrachte später fast jeden Winter Urlaubstage im Hochgebirge. Erst seit einem schweren Sturz in St. Anton, der einen Arm für einige Zeit lähmte, hat er die Skier nicht mehr angeschnallt.
Vorliebe für Geschwindigkeit. Wilhelm Furtwängler ist auch ein guter Reiter, er ist viel geschwommen und gesegelt und spielte gut Tennis. Furtwängler liebte nicht nur als Skisportler zügige Fahrt. Er sah und sieht es gern, wenn der Tachometerzeiger auf hohe Zahlen klettert.
Die Leidenschaft für hohe Geschwindigkeit hat auch dem Autofahrer Furtwängler wiederholt ein Bein gestellt. In Berlin steuerte der Chef der Philharmonie seinen Sportwagen selbst in die Proben wie in die Konzerte.
Berta Geißmar, Furtwänglers langjährige Sekretärin, berichtet in ihren Erinnerungen ("Musik im Schatten der Politik", Atlantis-Verlag, Zürich und Freiburg, 1945) von einem solchen Unfall. "Furtwängler konnte nicht vertragen, daß sich irgendein Gefährt vor ihm auf der Landstraße befand, und seine Leidenschaft, alles zu überholen, brachte ihn gelegentlich in Konflikt mit den Behörden."
"Kaum war er im Besitz eines Führerscheins und eines schönen Daimler-Benz, als er Richard Strauß anbot, ihn nach dem Hotel Adlon, wo er wohnte, zu fahren. Es war nach einer Probe in der Staatsoper, und die beiden Musiker fuhren in tiefem Gespräch die Linden entlang und schnurstracks in einen nagelneuen weißen Wagen vor dem Hotel Bristol hinein, der völlig zertrümmert wurde. Furtwängler und Strauß blieben unverletzt und kamen mit dem Schrecken davon."
Der Sportfreund Furtwängler lebt auch im Alter enthaltsam. Er raucht nicht und trinkt kaum. Seine Lebensweise ist streng geregelt. Furtwängler liebt frische Luft und freie Bewegung. Er war stets ein großer Wanderer und Bergfreund. Seine täglichen zwei Spaziergänge werden auch an arbeitsreichen Tagen eingehalten. Vorm Zubettgehen nimmt er meist ein Luftbad.
Furtwängler ist nahezu Vegetarier. Vor den Aufführungen nimmt er meist nur ganz leichte Kost, Eierspeisen oder Obst zu sich. Im Zwischenakt von überlangen Wagner-Opern trinkt er sehr reichlich Fruchtsaft und ißt einige Butterbrote.
In Baden-Baden bestrich er sich vor dem Konzert bei vorgebundenem Spitzentaschentuch ein Brot. Dabei überraschte ihn ein Photograph, der außen am Haus heraufgeklettert war und durch das Fenster des Künstlerzimmers hineinblitzte, Dieser Schnappschuß verdarb nicht nur dem Dirigenten den Appetit, sondern verwirkte den übrigen Bildjägern die Erlaubnis zum Weiterknipsen. (S. Bild S. 28.)
Auf dieser Konzertreise fuhr der Dirigent den Autobussen seines Orchesters im Mercedes nach oder voraus. Die Rückreise von Baden-Baden, zunächst nach Hamburg, legte das Philharmonische Orchester allerdings in alter Großartigkeit zurück: in eigenen Sonderwagen, die an den internationalen FD-Zug angehängt wurden.
Skat, Töne und Düfte. Auf solch weiten D-Zugreisen nehmen lange bestehende Skat-, Bridge- oder Schachklubs ihre zeitvertreibende Tätigkeit auf. Andere, besonders die jüngeren Mitglieder, legen auch auf der Reise das Instrument nicht aus der Hand.
Gerhard Taschner, im Kriege erster Konzertmeister, übte stundenlang in der Ziehharmonika des D-Zugwagens seine Passagen, vom Bratenduft unberührt, der ihm um die Nase wehte. Dann pflegte nämlich Tibor de Machulla, der erste Solocellist, Hähnchen à la Hungarese zu braten. Auf der Toilette, was der Güte der Zubereitung kaum Abbruch tat.
Solobratscher Walter Müller ist bekannt und beliebt wegen stimmkräftiger "Egmont"-Deklamationen und sanft gestrichener Bratschen-Serenaden auf nachtstillen Gassen. In Baden-Baden bratschte er den Badestädtern in den Nachmitternachtschlaf hinein. Nach dem Bratschensolo zur Ballade von Nero, dem Kettenhund aus dem "Freischütz", gaben alle Hunde Laut.
Auch Siegfried Borries, neuernannter Professor an der Berliner Musikhochschule und seit 1932 erster Konzertmeister, liebt musikalische Improvisationen zu vorgerückter Feierstunde. In Hildesheim bewies er in kleinstem Kreise Sinn auch für die kleine Kunst und gab der unterhaltenden Toselli-Serenade konzertmeisterlichen Glanz. Die Begleitung lag in prominenten Händen: Gewandhauskapellmeister Franz Konwitschny hatte sich, eingedenk vergangener Zeiten als Bratscher, ein Instrument unter das Doppelkinn geschoben.
Die Originale des Orchesters aber sterben aus. Jastrau ist nicht mehr, der alte Orchesterdiener, ein in allen Konzerthäusern Europas bekanntes Berliner Original. Er konnte es sich erlauben, im Künstlerzimmer dem schweißnassen Furtwängler auf die Schulter zu klopfen: "Jehn se man noch mal raus, Herr Dokter, die Leute verlangen nach Sie."
Auch Leberecht Goedecke streicht nicht mehr seinen Kontrabaß. Er war als Sonderling weit bekannt und bei seinen Kollegen in aller Welt hochgeschätzt.
Die Kontrabassisten, die bei den Philharmonikern allesamt ein fünfsaitig bespanntes Instrument spielen, sind die international bekannteste Gruppe des Orchesters. Sie sind durch die gleiche unglückliche Liebe zu ihrem unförmig geratenen Instrument verbunden. In den Musikmetropolen werden sie meist von der Baßstreichergruppe des ansässigen Orchesters in Empfang genommen.
Das nächstemal wird das in Edinburgh sein. Im August spielen die Philharmoniker auf den Festspielen dort unter dem soeben geadelten Sir John Barbirolli.
Furtwängler ist dann gerade in Salzburg. Mit den Philharmonikern gab er zuletzt drei Konzerte in Berlin. Mit dem Klassisch-romantischen Programm seiner Westzonen-Tournee, zum 15., 16. und 17. Male.
"Aus guten Gründen spiele ich oft gespielte Musik noch öfter. Ein Stück wie die Fünfte von Beethoven ist ja bereits totgespielt. Dann will ich es auferwecken."

Für fünftausend Dollar
erwarb Warner Bros-Regisseur John Huston von B. Traven, dem Großen Unbekannten der Weltliteratur (s. Spiegel 7/49), die Verfilmungsrechte für "Schatz der Sierra Madre". Drehbuch und Regie trugen Huston je einen Oscar ein. In der Berliner Neuen Scala läuft der Mexikofilm zum ersten Male über deutsche Leinwand, im Foyer wird das Buch, eben neu aufgelegt, zum Kauf angeboten. Huston, der Mexiko und seine Abenteueratmosphäre aus eigener Praxis in der mexikanischen Kavallerie kennt, hielt sich an sein literarisches Vorbild: Der alte Abenteurer Howard (John Hustons Vater Walter, der für seine Darstellung auch einen Oscar bekam, r. im ob. Bild) warnt die arbeitslosen Burschen Dobbs (Humphrey Bogart, M.) und Curtin (Tim Holt, l.) vor dem Fluch des Goldes, und es zerstört wirklich die Freundschaft der Männer. Gereizt und mißtrauisch belauern und bedrohen sie sich. Dobbs schießt Curtin nieder. Er selbst wird von Banditen überfallen (unt. Bild) und getötet. Der Schatz der Sierra Madre, das Gold, das die Mörder für Sand halten, verfliegt im Wind. - Es ist ein Männerfilm, Frauen tauchen sichtbar nur für Sekunden auf, sonst nur in Gesprächen der Männer. Die Goldsucher machen ihre Kämpfe und Streitigkeiten ganz untheatralisch, häufig auch mit Humor durch. Trotzdem war es überraschend, wie herzlich und unbesorgt das Berliner Publikum zu jeder Verfolgung und Schlägerei lachte. In einer Kneipe rotierten bei einer Keilerei die Körper aber auch so witzig, so ventilatorengleich, wie es noch kein deutscher Regisseur zustande gebracht hat.

DER SPIEGEL 26/1949
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 26/1949
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MUSIK:
Jehn Se man raus, Herr Dokter

Video 03:52

Ärztemangel in Hessen Zur Blutabnahme in den Bus

  • Video "Trump besucht Waldbrandgebiete: Der Klimawandel war's nicht" Video 01:22
    Trump besucht Waldbrandgebiete: Der Klimawandel war's nicht
  • Video "Merkel-Besuch in Chemnitz: Eine Provokation, dass sie hier ist" Video 04:36
    Merkel-Besuch in Chemnitz: "Eine Provokation, dass sie hier ist"
  • Video "Überraschender Badebesuch: Elefant am Swimmingpool" Video 00:46
    Überraschender Badebesuch: Elefant am Swimmingpool
  • Video "Proteste gegen Macron: Frankreich sieht Gelb" Video 01:27
    Proteste gegen Macron: Frankreich sieht Gelb
  • Video "Die 90er Doku: Party, Gier und Arschgeweih" Video 25:37
    Die 90er Doku: Party, Gier und Arschgeweih
  • Video "Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise" Video 01:57
    Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise
  • Video "Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung" Video 00:53
    Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung
  • Video "Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts" Video 02:58
    Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts
  • Video "Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt" Video 01:04
    Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt
  • Video "Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)" Video 00:42
    Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)
  • Video "Kampf um CDU-Vorsitz: Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise" Video 04:57
    Kampf um CDU-Vorsitz: "Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise"
  • Video "Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: Feuerwalze vor Neuseeland gefilmt" Video 01:33
    Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: "Feuerwalze" vor Neuseeland gefilmt
  • Video "Lindnern, Lauch, Verbuggt: Sprechen Sie Jugend?" Video 01:29
    "Lindnern", "Lauch", "Verbuggt": Sprechen Sie Jugend?
  • Video "Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm" Video 01:29
    Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm
  • Video "Ärztemangel in Hessen: Zur Blutabnahme in den Bus" Video 03:52
    Ärztemangel in Hessen: Zur Blutabnahme in den Bus