30.06.1949

Synagoge im Schlafzimmer

Mit seiner ersten Unterschrift öffnete der neue Gesandte Israels in Rom siebenunddreißig Italienern die Tore zum gelobten Land. Zusammen mit ihren fünfzehn Vorgängern werden sie die einzigen arischen Bürger des jungen jüdischen Staates sein. Das haben die Widerstandskämpfer gegen Faschismus und Katholizismus aber auch verdient, meinte der Gesandte.
Die Geschichte der arischen Israeliten beginnt nach dem ersten Weltkrieg. Damals zogen protestantische Missionare durch die ärmsten Gegenden Süditaliens und verteilten Geld und Bibeln. In San Nicandro, einem apulischen Städtchen in der Nähe von Foggia, fiel eine von diesen Bibeln dem Flickschuster Donato Manduzio in die Hände. Er studierte sie von vorn bis hinten und vor allem immer wieder die Bücher Moses'.
Während Manduzio Schuhe und Sandalen flickte, dachte er über Christus und den jüdischen Messias nach. Einige Jahre lang. Bis er ganz autark seine eigene Lösung fand: Christus konnte nicht der verheißene Messias sein, sondern nur einer von dessen Wegbereitern. Staunend lauschte die Kundschaft den ketzerischen Worten ihres Schusters.
Mit Ahle und Pechdraht gestikulierend, fragte Manduzio, wie man Christus für den Messias halten könne, wo doch noch immer Armut und Elend auf der Welt seien und ganz besonders in San Nicandro. Man müsse den klaren Vorschriften des Alten Testaments folgen und nicht den katholischen Priestern, die das Wort Gottes verfälscht hätten. Bald ließen sich fast fünfzig von den 15000 Sannicandresen durch den Schuster bekehren.
Der verließ nun seine Leisten und beschäftigte sich nur noch mit dem jüdischen Glauben, komponierte religiöse Hymnen aus Verdi-Motiven und schrieb einen langen Brief an den Rabbiner Sacerdoti in Rom. Mit einem richtigen Antrag auf Stempelpapier: fünfzehn Familien in San Nicandro baten um ihre Aufnahme in die jüdische Gemeinschaft. Der Rabbiner hielt das alles für einen Scherz. Denn gerade stiegen drohend die Nürnberg-kopierten Rassengesetze über den faschistischen Horizont.
Doch der Schuster ließ nicht locker, bis der Rabbiner einen Beobachter nach San Nicandro entsandte. Der kam begeistert zurück. Die fünfzehn Familien lebten wirklich getreu nach dem Buchstaben des Alten Testaments, mehr fast als alle anderen jüdischen Gemeinden der Welt. Nun war auch der römische Rabbiner überzeugt und bereitete alles für die Aufnahme seiner jüngsten Kinder in die große jüdische Familie vor.
Doch bis dahin vergingen noch mehrere Jahre. Denn Mussolinis Judengesetze kamen, die apulischen Neu-Juden mußten untergrund gehen, Talmud und Leuchter verstecken und die verhaßten Heiligenbilder wieder hervorholen. Insgeheim aber trafen sie sich im Schlafzimmer einer Bäuerin und sangen und beteten zu Jehovah.
Dann kam der Krieg nach San Nicandro und mit ihm eine jüdische Brigade, im Gefolge von Montgomerys achter Armee. Ueberrascht sahen jüdische Soldaten an festlich weißgekalkten Häusern den Davidstern, den sie selbst auf ihren Fahnen trugen. In fünfzehn Häusern machten sie zionistische Propaganda und warben mit beredten Worten für das Gelobte Land.
Den jüdischen Soldaten folgten UNRRA und andere Hilfsorganisationen. Die ersten fünfzehn Israel-Aspiranten wurden in ein Lager gebracht, wo sie Hebräisch und Landwirtschaft studierten. Vor zwei Jahren fuhren sie in das ihnen von Gott und den Alliierten verheißene Land. Bald erhielten die Zurückgebliebenen überschwengliche Briefe. Die Emigrierten waren begeistert von Land, Leuten, Arbeit und Verdienst.
Nun hat der israelische Gesandte auch den restlichen 37 Sannicandresen die Einwanderung genehmigt. Zum letztenmal trafen sie sich in ihrer Behelfssynagoge im Schlafzimmer. Staunend sahen die Kinder am Bettrand zu, wie die Mutter voller Dank die Fahne Israels schwenkte (siehe Bild). Alle 37 hefteten einen Geldschein an die Fahne und sangen uralte Psalmen, mit dem Talmud in der Hand und weißen Schals über der Schulter.
Nur der Flickschuster fehlte in ihrer Mitte. Im vergangenen Jahr starb er. Wie einst Moses war es ihm nicht vergönnt, das verheißene Land zu betreten. Seine 37 Jünger aber sitzen jetzt in einem Auswandererlager und warten auf die Fahrkarte und den Paß mit dem Davidstern. Die Männer auch noch auf die Beschneidung.

DER SPIEGEL 27/1949
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