30.06.1949

Wer ins Leihhaus geht

Wir haben von der Landeszentralbank eins auf den Hut bekommen", erzählt Hermann Meier, Chef der Hamburger öffentlichen Leihhäuser. "Man betrachtet unsere Darlehen als Wirtschaftskredite, weil sie immerhin ganz erkleckliche Beträge darstellen". Meier hält sich deshalb bei seinen Darlehnsausgaben freiwillig an eine 3000-DM-Grenze.
Die Reisefieberkurve läßt auch den "Umsatz" der drei staatlichen Pfandämter Hamburgs ansteigen. Seit einigen Wochen schieben sich auch Geschäftsleute unangenehm geblendet in die hellen Schalterräume. Auf der Straße sehen sie sich vorher mißtrauisch um und ziehen den Hut tief ins Gesicht. Auch an warmen Sommertagen stehen gut angezogene Herren mit hochgeschlagenem Mantelkragen neben den Stammkunden, die sich nicht mehr genieren.
Rund 80 bis 90 Prozent der westdeutschen Pfandhaus-Darlehen liegen zwischen 2 und 50 D-Mark. Da sind die Rentner, denen am Monatsende das Geld ausgeht. Oder eine Krankenhausrechnung muß bezahlt werden. Die steigende Zahl der Arbeitslosen findet in der Besucherzahl der Pfandhäuser ihre Parallele. Hermann Meier muß viele kreditsuchende Kunden wieder zurückweisen lassen.
Ein 4-Millionen-DM-Vorschuß aus dem Hamburger Staatssäckel brachte das Geschäft der drei öffentlichen Leihhäuser schnell in Gang. Die Regale waren bald überfüllt. "Es tat mir in der Seele weh, aus Platzgründen zu verfügen, die Kleiderbügel auszuschalten", erklärt Meier betrübt. "Sonst hätten wir überhaupt keine Textilien mehr annehmen können." Jetzt führen Unterhosen, Kleider und Mäntel dutzendweise übereinandergehängt an Hakenbörten ein staatlich bewachtes Stilleben.
Vor der Währungsreform war das Verleihgeschäft ruhig. Pfänderbestand: knappe 2500. Jetzt in der Hochsaison sind es über 100000 Stück im Werte von 3,9 Millionen DM. Seit dem Winter hat es für Meiers Beamte keinen Tag ohne Ueberstunden gegeben. Der Leihhaus-Boom spricht sich herum. Entlassungsbedrohte Wasserkopf-Beamte sprechen auf Postensuche täglich bei den Leihhäusern vor.
"Ich kann nur erstklassige Kräfte mit den besten Umgangsformen und jahrelangen Erfahrungen gebrauchen", erklärt der Hamburger Leihhauschef. Seine Leute sind höflich. Es geht alles korrekt vor sich. Zu einer Schlägerei kam es nur einmal, als ein Pressephotograph das Publikum beim Verpfänden aufnehmen wollte. "Was geht es die Presse an, wer ins Leihhaus geht", protestierten die Bargeldlosen erbost und schwangen drohend längliche Pfandgegenstände.
Neidvoll beobachten Hamburgs private Pfandkreditgeschäfte den Taubenschlag-Betrieb ihrer staatlichen Konkurrenz. "In unseren Lagerräumen herrscht gähnende Leere", zeigt Walter Brandt, St. Pauli, Kieler Straße 26, auf einen Schirm, der einsam zwischen zwei Mänteln in seinem Garderobenschrank hängt. Brandt ist Vorsitzender der 29 Hamburger Privat-Leihhäusler. "Seit dem 14. März knobeln sie auf der Finanzbehörde, ob wir einen Kredit bekommen sollen, oder nicht."
Die Akte "Antrag der 29 privaten Leihhäuser auf eine Million DM Kredit" wird unterdessen zuständigkeitshalber von einer Dienststelle an die andere überwiesen. Pro- und Anti-Gutachten werden gewissenhaft überprüft und weitergereicht. "Bis wir zugrunde gegangen sind", ahnt Walter Brandt düster. "Dabei sind wir so bescheiden: 3 staatliche Leihhäuser erhielten 4 Millionen DM, wir 29 beantragen nur 1 Million DM."
Angeboten wird den "Privaten" genug. Aber sie sind selbst knapp bei Kasse. Im allgemeinen können sie nur Kredite unter 10 DM geben. "Dabei macht der Staat an uns ein prächtiges Geschäft", rechnet Brandt vor: Alle nach neun Monaten nicht eingelöste Pfänder werden versteigert. Die dabei erzielten Ueberschüsse müssen ans Finanzamt abgeführt werden.
"Seit dem Tage X haben wir nicht weniger als 100000 DM Ueberschuß an den Staat abgeliefert, die man uns lassen müßte, um den Untergang der privaten Leihhäuser zu verhüten", beschwert sich Brandt. "Versteigerungsverluste muß selbstverständlich der Pfandleiher tragen", ergänzt er bitter.
Bei den privaten Leihern werden durchschnittlich 95 Prozent aller Pfänder wieder eingelöst (bei den öffentlichen nur 88 Prozent). "Weil der Staat zu hoch beleiht, bleibt er mit 12 Prozent sitzen", erläutert Brandt. An die öffentlichen Leihhäuser muß der Verpfänder monatlich zwei Prozent Zinsen vom Darlehen zahlen, die privaten sind mit 1 Prozent zufrieden.
Die Schaltermänner sind perfekte Warenkenner. Sonntags sitzen sie über den neuesten Modejournalen: Für kurze Kleider und Röcke geben sie nicht viel. Gefragt sind augenblicklich große Abendkleider mit betonten Hüften. Für eine 300-DM-Golduhr mit zwei Sprungdeckeln gibt es 30 bis 50 DM Darlehen, für einen Pelzmantel 10 bis 60 Mark.
"Wir haben Leute an den Schaltern, die alle westdeutschen Preis- und Marktforscher in den Schatten stellen", erklären Hamburgs Leihhausbesitzer. Jeder Gegenstand wird nach seiner Verkaufsmöglichkeit beliehen. Schwer absetzbare Spezialgeräte sind grundsätzlich ausgeschlossen. Auch schwer zu transportierende Gegenstände sind nicht sehr beliebt.
Meiers bayrische Kollegen haben es leichter. Das staatliche Leihamt München wurde 1931 als modernstes Versatzamt Europas gegründet. Es verfügt auch heute noch über drei Fahrstühle für Motorräder, Nähmaschinen oder andere große Pfandgüter. Ein kleiner Aufzug befördert Schreibmaschinen und Wäschebündel.
Wenn es oben klingelt, ist mit der Rohrpost gerade wieder ein Schein vom Schalter hinaufgeschickt worden. Auf einer großen Stahlblech-Rutschbahn fährt dann das angeforderte Pfand zurück zum Kunden, nachdem das Lösegeld gezahlt ist. "So schnell geht das bei uns", erklärt Direktor Paul Müller.
Nur Schalter 7 des Münchener Amtes kann von der glasgedeckten Lichthalle durch eine Tür betreten werden. Dahinter hört sich Müller die besonderen Bitten und Beichten seines Publikums an. Ex-Staatspräsidenten und Fürstinnen sind darunter. Und viele alte Leute, die ihn überreden, verstaubte Liebhabereien anzunehmen, die der kritische Prüfer nicht einmal mehr mit 2 DM beleihen will. Eine ganze Ecke liegt voll solcher "Bettelpfänder". Als Beweis für das Herz der Behörde.
In einem anderen Zimmer werden die "Soldatenpfänder" verwahrt. Ihre Besitzer sitzen noch hinter Stacheldraht oder stehen auf der Vermißtenliste. Nur wenn Angehörige ein glaubwürdiges Verfügungsrecht nachweisen können, werden die Pfänder herausgegeben.
Seit das Haus in der Augustenstraße 20 im Oktober 1948 wieder aufgebaut wurde, sind dort 62000 Pfänder beliehen worden. 2,6 Millionen DM blätterten die Beamten dafür auf den Schaltertisch. Vor der Währungsreform benutzte eine Münchener Sargtischlerei die leeren Räume als Sarglager. Heute warten 42000 Pfänder (1372000 DM Darlehen) auf ihre Eigentümer. Innerhalb von drei Monaten sollen die Stücke wieder abgeholt werden.
Paul Müller hat andere Erfahrungen gemacht. "Nur 5 Prozent werden innerhalb des ersten Monats ausgelöst, 40 Prozent während der ersten vier Monate. Die Hälfte aller Darlehen werden auf Antrag verlängert". Müller will später ein Schaufenstergeschäft einrichten. "Für die Ladenhüter, die auch bei der Versteigerung nicht an den Mann gebracht werden können."
Das wertvollste Stück in den Münchener Tresoren ist ein Saphirkollier im Wert von 60000 DM. Fast täglich müssen von den Prüfern Brillanten und Ringe als unecht zurückgewiesen werden. Die gestohlenen Pfandscheine und das Diebesgut, das versetzt werden soll, gehen in die Hunderte. Die Kriminalpolizei wohnt gleich um die Ecke.
[Grafiktext]
LEIHHAUS-STATISTIK
ANGABEN JEWEILS FÜR
JULI-DEZEMBER VON
DREI STAATLICHEN
HAMBURGER LEIHHÄUSERN
HÖHE DER VERLIEHENENEN BETRÄGE in Millionen Mark ANZAHL DER VERSETZTEN PFÄNDER JEDE FIGUR RD. 5000 VERSEIZTE PFÄNDER
1913 1,581 88526
1925 1,512 85805
1937 1,081 83816
1948 4,564 117403
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 27/1949
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