16.06.1949

DIE NACHT DER LANGEN MESSER ...

5. Fortsetzung
Allmählich konnten wir in den verschiedenen Einzelaktionen und in der Tätigkeit der "Rollkommandos" eine Systematik feststellen. Ihr Mittelpunkt war die Abteilung IC bei dem SA-Gruppenstab Berlin-Brandenburg. Ihr "Leiter" war der Sturmbannführer Bergmann, der wegen seines Holzbeines bei der SA unter dem Spitznamen "Kalte Wade" bekannt war. Die IC hatte für ihre wilden Einzelaktionen einen sogenannten MT-Apparat gegründet. Er galt als eine "Kampftruppe" gegen den "AM-Apparat" der illegalen kommunistischen Organisation. Sie zogen kommunistische Ueberläufer an sich, mit deren Hilfe sie eine große Zahl kommunistischer Waffenlager in Besitz nahmen, die im "Stabsquartier" der SA in der Hermann Göring-Straße gestapelt wurden. Die Waffen galten später als ein Vorwand für Himmlers Behauptung, daß die SA zum Aufstand gegen Hitler rüste.
In der Innenstadt war nur die geschäftige Brandung der "nationalen Erhebung" zu bemerken. SA-Führer gingen nicht mehr zu Fuß; die heiter gestimmten Sieger brausten in eleganten Autos über den Kurfürstendamm und die Linden. Fabrikanten und Kaufleute hatten ihnen ihre Wagen zur Verfügung gestellt oder geschenkt, um ihre Protektion zu gewinnen. Juden und Demokraten waren die Wagen einfach weggenommen worden. Hundertfünfzig Berliner Automobile hatten ihre Herren verloren. (In Automobilen und Radios zu schwelgen ist höchstes Vergnügen der modernen Revolutionäre.)
Göring entfaltete eine aufgeregte Betriebsamkeit. In jenen Tagen lebte er, eine Mischung von Renaissancemensch und glücklichem Kindskopf, aus dem Vollen. Er fühlte sich ganz und gar mit der SA verbunden. Er zeigte sich in der Uniform des SA-Gruppenführers. Zwischen ihm und den hohen SA-Führern, die ihm aus dem ganzen Land ihre Siegesmeldungen überbrachten, gab es keine Dissonanz. Er war stolz darauf, "der Gründer der SA", des "Garanten der Revolution" zu sein.
Einseitiger Bürgerkrieg. Die Meldungen der SA über Waffen- und Dynamitfunde und Aktionspläne der Kommunisten befeuerten seinen Eifer. Seine Leibtruppe, das "Kommando Wecke", machte der SA scharfe Konkurrenz. In Görings Arbeitszimmer wurden über den Karten von Groß-Berlin die Pläne für diesen einseitigen Bürgerkrieg von Weckes Offizieren und Göring selber "ausgearbeitet". Mit minutiöser Sorgfalt durchstreifte das Kommando Wecke Tag für Tag und Nacht für Nacht die großen "Laubenkolonien" und die Quartiere der Berliner Vorstädte.
Der Aufstand der Berliner SA elektrisierte die entferntesten Landesteile. In vielen Großstädten, in denen die polizeiliche Macht den örtlichen SA-Führern übertragen worden war, herrschte das revolutionäre Treiben über das Weichbild dieser Städte hinaus im ganzen Bereich ihrer "Standarten" und "Gruppen". Je höher der Rang dieser Polizeipräsidenten, in um so weiterem Umkreis wirkten die lärmenden Protuberanzen dieser Nebensonnen der Revolution. In Niederschlesien war es der SA-Gruppenführer Heines, der von Breslau aus ein Gewaltregiment betrieb. Im nördlichen Rheinland war es der SS-Gruppenführer Weitzel, der als neuernannter Polizeipräsident von Düsseldorf zusammen mit dem SA-Oberführer Lobek einen wilden Radikalismus entfaltete; in Essen und in den Städten des Ruhrgebietes herrschte die SA Terbovens.
In Ostpreußen hatte der Gauleiter Koch weder die SA noch die SS hochkommen lassen. Hier regierten die politischen Leiter. Es ging gegen die "Reaktion". Das Land befand sich wie im Kriegszustand, in dem der Adel als der imaginäre Gegner eine Flut von Freiheitsberaubungen über sich ergehen lassen mußte. Von Stettin aus ermunterte das Beispiel des SS-Standartenführers Engel die pommerische SA, das Land zu terrorisieren. Aus den Städten Rostock, Stargard und Greifswald wurden Fälle von Mißhandlungen gemeldet, in denen Kommunisten und Sozialdemokraten "zum Schein" ertränkt und erhängt worden waren. Die Quälereien hatten einigen Opfern das Leben gekostet. In Schlesien, im Rheinland und in Westfalen und im Ruhrgebiet hatte es mit wilden Verhaftungen, Unbotmäßigkeiten gegen die Polizei, Eindringen in öffentliche Gebäude und Störungen des Behördenbetriebs, mit der Zertrümmerung von Wohnungen, mit nächtlichen Razzien und Ueberfällen schon vor dem Reichstagsbrand Ende Februar begonnen. In Schlesien hatte sich schon während der Kampfzeit in Oppeln, Ohlau, Liegnitz und schließlich in Potempa die Mordlust beider Teile geregt. In diesen Industriegebieten hatten sich 1920 die blutigen Aufstände der Spartakisten abgespielt. Die gräßlichen Untaten der roten Partisanen, die im Ruhrgebiet Tausenden das Leben gekostet hatten, waren bei den gebildeten Deutschen vergessen, aber nicht bei den unteren Volksschichten, die nun in der Gestalt der SA den Tag der Rache gekommen sahen.
Bundesgenossen. In Berlin konnten die Vorgänge auf die Dauer nicht ignoriert werden. Es geschah zu viel schreiendes Unrecht. Von allen Seiten sickerte es zu Göring und Hitler durch. Die täglichen Morgenmeldungen der Berliner IA verschwiegen nichts von den Untaten, die bei ihr ruchbar wurden. Ich erfuhr immer wieder von den Führeradjutanten, daß mein Realismus in der Reichskanzlei lästig war. Bei der Liebedienerei des Hofgesindes galt die Methode als wagehalsig. Wenn ich der Ueberbringung einer Mitteilung gewiß sein wollte, so war mir in Hitlers Nähe der beste Bundesgenosse Leni Riefenstahl. Aber auch Sepp Dietrich, der Führer der Leibstandarte, "Putzi" Hanfstängl und der "Photohofmann" waren zu gebrauchen, wenn es dem Führer eine Nachricht auf den Frühstückstisch zu leiten galt.
In der Nachbarschaft des Luftfahrtministeriums entstand in jenen Monaten das "Forschungsamt der Luftwaffe". Unter diesem Decknamen verbarg sich ein Lieblingskind Görings, die Telefonüberwachung.
Wenn Göring mich morgens an sein Bett bestellte, befand er sich bei der Lektüre der "braunen Blätter", der Abhörberichte des Forschungsamtes. Er überraschte mich dann mit den obskursten Neuigkeiten und Aufträgen. Nur selten erlaubte er mir einen Einblick in die Stöße von Papier, die ihn zum Allwissenden machen sollten. Aber diese Lektüre am frühen Morgen machte ihn aufgeräumt. Er las mir einmal, von sattem Lachen unterbrochen, ein langes, nicht sehr aufschlußreiches Gespräch vor, das die Frau des Generals von Schleicher mit der Frau des Generals von B. am Vorabend offenbar von Bett zu Bett geführt hatte. "Du, weißt Du schon die neuesten Witze über die Nazis?" begann der muntere Tratsch, in den sich der Apparat eingeschaltet hatte. "Ohne i hat es jeder, mit i möchte es jeder sein?" Als die Partnerin die Frage natürlich nicht beantworten konnte, hörte der Apparat und der schallend lachende Göring die Lösung: "Arisch"
Das war ganz nach Görings Sinn. Die Telephonüberwachung richtete nicht viel Unheil an. Göring benutzte sie für die Kontrolle seiner Konkurrenz, von Goebbels und Rosenberg, Keppler und Ley, der Generalität und, wie er mir nur schwer verbergen konnte, seines Staatspolizeiamtes. Er beargwöhnte schließlich meinen ganzen großen Bekanntenkreis. Seine ständigen: "Ich warne Sie", "Ich kenne Sie", "Hüten Sie sich" haben mich wenig ängstigen können. Es wuchs mir nicht nur ein dickes Fell gegen seine Ausbrüche, sondern er ließ sich auch bald von mir erwidern: "Machen Sie sich doch den Kopf nicht heiß", oder "Lassen Sie doch dieses dumme Zeug".
Hin und wieder erfüllte sich das alte Sprichwort: "Der Horcher an der Wand hört seine eigene Schand." Es verdroß ihn, daß ihn der Gauleiter Kube immer den "dicken Kerl" nannte, und daß sein Vetter Herbert Göring von "Hermann dem Schrecklichen" oder von "Lohengrin" sprach, wenn er hemmungslos über den großen Verwandten seine witzigen und bösartigen Bemerkungen machte.
Hitler verachtete das telephonische Bespitzeln. Er sagte mir einmal, daß er es "widerwärtig" finde. Er muß sich wohl später daran gewöhnt haben. Den ganz großen Auftritt, den das Mithören Göring verschaffte, erlebte ich im Januar 1934, als Hitler die Führer der streitenden Gruppen der evangelischen Kirche in die Reichskanzlei geladen hatte. Es kam gar nicht zu, der mit Spannung erwarteten Aussprache, weil Göring den Saal betrat und ein abgehörtes, sehr unpastorales Telephongespräch zwischen dem Pastor Niemöller und dem Landesbischof Meiser verlas, das Hitler mit in eine unversöhnliche Richtung gegen die Kirche drängte. Später überspann die Abhörapparatur ganz Deutschland. Die Absichten, die mit ihr verfolgt wurden, waren schlimmer als ihre Wirkung.
Schlachtfeld. Der illegale "Apparat" der KPD ging nach dem Verbot der KPD mit großem Elan auf breiter Front an die Arbeit, auf einem Schlachtfeld, auf dem es nur Gefahren und Niederlagen und keine Siege geben konnte.
Es zeigte sich, daß das wichtigste Organ für die Durchführung der illegalen Arbeit der kommunistische Jugendverband Deutschlands war. Die Schulung seiner Mitglieder wurde mit äußerster Gründlichkeit betrieben. Im Herbst 1933 gelangte die Polizei nach der Festnahme des Reichskurierleiters und seiner Mitarbeiter in den Besitz der gesamten Adressen der Reichsleitung. Sie führte auch zu dem Zentralkomitee der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH), deren propagandistische Tätigkeit im In- und Ausland Willy Münzenberg leitete. Der von diesem genialen Kommunisten unterhaltene Nachrichtendienst hatte seine Zentren in Prag, Amsterdam und Paris. Ferner gab es auch noch die "Rote Hilfe", deren illegale Organisation die Reichsleiter Koska und Maschke dirigierten. Ein anderer Nachrichtendienst, nämlich der des Reichskomitees der "revolutionären Gewerkschaftsopposition" (RGO), wurde von dem ehemaligen Reichstagsabgeordneten Chwalek mit seinem Mitarbeiter Friedrich Wedde geleitet. Sie wurden im September 1933 festgenommen.
Die antikommunistische Abteilung der Staatspolizei war die Einbruchstelle der SA und der SS. Sie wurde in jenen Monaten überschüttet von Gesuchen um Einstellung von Leuten, die sich im "Nachrichtendienst", dem Steckenpferd der Revolutionäre, hervorgetan hatten. Für die Entfaltung ihrer abenteuerlichen Leidenschaften wollten sie jetzt Beamtenstellung und Beruf erlangen. Gauleiter und Gruppenführer der SA und SS waren darauf bedacht, solche besonders bewährten alten Kämpfer bei der Polizei unterzubringen. Der erste Versuch der Einstellung von SA-Männern, den Daluege als oberster Chef der Polizei betrieb, war ein radikaler Fehlschlag. Es fanden sich eines Tages dreißig verwegene Gestalten in SA-Uniform in der Albrechtstraße ein. An ihrer Spitze stand "Schweinebacke", ein Sturmführer aus Pankow, die hervorragendste Totschlägergestalt der Berliner SA, ein origineller, gemütvoller Schwerverbrecher. Meine Mitarbeiter stemmten sich mit allen erdenklichen Mitteln gegen die Infiltration des Amtes durch diese Wilden. Es war schon genug für sie, die "Einsatz"- und "Verbindungsstäbe", die sich rings um das Amt eingenistet hatten, zu zähmen. Die Zurückgewiesenen exerzierten bald ihre Künste in den Fahndungsabteilungen des Berliner SA-Gruppenstabes.
Im Hechtsprung vom Balkon. Ich mußte die Rückendeckung Görings haben, wenn ich gegen die Mißhandlungen, die bei der Polizei im ganzen Lande einzureißen drohten, erfolgreich angehen wollte. Es bot sich dazu eine "günstige" Gelegenheit:
Anfang Mai nahm die Berliner SA den Heldendarsteller des Staatlichen Schauspielhauses in Berlin, Otto, einen sehr talentierten jungen Schauspieler, Kommunist und Leiter der Betriebszelle der RGO (Revolutionären Gewerkschaftsopposition) fest. Sie schleppten ihn zur SA-Gruppe in die Voßstraße. Während der Nacht gelang es Otto, unbemerkt aus dem Raum zu entkommen, in den man ihn eingesperrt hatte. Er landete schließlich im Zimmer des Gruppenführers Ernst und verbarg sich auf dem Balkon, der diesem Zimmer vorgelagert war. Als am anderen Morgen gegen 7 Uhr die Voßstraße voller Menschen war, die als Angestellte der Ministerien und des großen Kaufhauses von Wertheim, dessen Rückfront die Voßstraße bildete, ihren Arbeitsstellen zustrebten, machte sich Otto auf dem Balkon bemerkbar. Er warf seinen Rock auf die Straße, stellte sich auf die Brüstung des Balkons und hielt eine zündende Ansprache an die erstaunt einen Halbkreis bildenden Menschen. Er sprach von der Mörderhöhle, in der er gefangengehalten werde und legte ein begeistertes Bekenntnis zum Kommunismus ab. Mittlerweile war die SA-Wache auf den Vorgang aufmerksam geworden. Sie eilten nach oben, um den Entwichenen wieder einzufangen. Als sie ihn greifen wollten, sprang Otto im Hechtsprung vom Balkon des dritten Stockwerks aus auf die Straße, wo er mit zerschmetterten Gliedern liegenblieb.
Das war ein Heldenstück, das dem Schauspieler Otto in weiten Kreisen Berlins große Sympathien einbrachte. Er war der Rolle treu geblieben, die er seinen Kameraden so oft auf der Bühne und in den Zellenabenden der RGO nahegebracht hatte. Noch ehe ich von dem grausigen Geschehen überhaupt etwas erfahren hatte, erreichte mich ein Anruf Görings, der in tobsuchtähnlicher Weise über die SA schimpfte. Er verlangte, daß ich endlich der SA das Handwerk legen sollte. Emmy Sonnemann, seine spätere Frau, war es, die ihn über alle Einzelheiten, die sie auf dem "Theaterdienstweg" erfahren hatte, ins Bild gesetzt, und die sich mit aller Energie für ihren Kollegen Otto, der ihr gut bekannt war, eingesetzt hatte, ohne ihm jedoch helfen zu können.
Verräter Stennes. Da ereignete sich bald darauf ein Zwischenfall, der sogar Hitler den umgehenden Sadismus unmittelbar vor Augen führte. Die SS hatte sich unmittelbar nach dem 30. Januar 1933 auf die Suche nach dem alten Rebellen der Berliner SA, ihrem ehemaligen Gruppenführer Stennes, gemacht. Sie hatten in seiner Wohnung wie die Vandalen gehaust. Die Bilder hatten sie zerschlagen und seine Orden auf dem Fußboden zertreten. Was sie an Vorräten und Wäsche fanden, hatten sie geraubt. Dann machte sich die SS die Erforschung der "Stennesrevolte" zu einer Spezialaufgabe. Was zu Otto Strasser gehalten und Stennes unterstützt hatte, wanderte in ihre Lager und Bunker. Otto Strasser hatte in das Ausland fliehen können. Da fanden sie eines Tages Stennes in einem Jagdhaus in den Wäldern nördlich von Berlin. Es gelang Göring, sein Interesse an dem Gefangenen geltend zu machen. Er wurde herausgegeben und in das kleine Polizeigefängnis der Staatspolizei übergeführt.
Nun machte ich die Bekanntschaft seiner tapferen Frau. Sie ließ sich nicht abweisen und durch keine Drohung der SS einschüchtern. Es verging kaum ein Tag, daß sie nicht bei mir erschien, um hemmungslos die Niederträchtigkeiten, die ihrem Manne angetan wurden, anzuprangern. Der Tod dieses "Erzverräters des Führers" war bei der SS beschlossene Sache. "Ich habe gehört, daß dieser Verräter Stennes noch lebt und gefangengehalten wird. Ein solcher Mann hat doch sein Leben verwirkt!", war der unzweideutige Mordbefehl für den, der Hitlers Sprache kannte. Ich verstand mich damals noch nicht auf diese hintergründige Redeweise und überging die Bemerkung. Im Hause der Staatspolizei teilten sich die "Stäbe" in zwei Lager, die offenen Gegner und die heimlichen Freunde des Stennes in der SA, die Frau Stennes mit ihren Nachrichten auf dem laufenden hielten.
Als ich eines Nachmittags die Ehre genoß, an dem Tee teilzunehmen, den Hitler in der pompösen Hotelhalle des "Kaiserhofes" einnahm, ein Ereignis, das die große Halle immer mit distinguierten Fremden füllte, die sich den Blick auf den Diktator nicht entgehen lassen wollten, wurde ich durch einen Kellner diskret in die Vorhalle gebeten. Die junge Frau Stennes stand dort wartend, ein loses, in Papier gewickeltes Paket unter dem Arm. Sie brach in heftiges Weinen aus, als sie meiner ansichtig wurde; dann enthüllte sie hastig ihr Päckchen und hielt mir ein Männerhemd vor das Gesicht. "Sehen Sie die blutigen Flecken? Mein Mann ist mißhandelt worden! Sie können es an den Blutspuren auf der Rückseite des Hemdes sehen."
Ich war ebenso zornig wie verlegen, als sich die Passanten für die seltsame Gruppe zu interessieren anfingen. Ich wollte die Erregte beschwichtigen; doch da war sie schon wieder gefaßt, und als sie meine Verlegenheit über die Szene in der Hotelhalle bemerkte, beruhigte sie mich ihrerseits mit den Worten: "Lassen Sie doch die Menschen denken, daß ich Ihnen eine Szene wegen einer Liebesgeschichte mache!" Ich faßte die Gelegenheit beim Schopf. Die Szene hatte Hitler von seinem Tisch aus nicht entgehen können. Ich erzählte ihm den Hergang. Er quittierte meinen Bericht mit starrem Schweigen. Ich sprach mit Stennes in seiner Zelle. Er zeigte mir seine Striemen.
Wie ein Mönch. Seine Frau hatte über Freunde einen deutschen Instruktionsoffizier bei der chinesischen Armee für eine "Entführung" gewonnen. Göring leuchtete der Vorschlag ein, sich des Häftlings auf eine anständige Art zu entledigen. "Er muß mir vorher seine Geschichte niederschreiben. Die Mithilfe des Goebbels an der Stennesrevolte interessiert mich. Der war damals selbst auf der Seite der Verräter. Erst als er sah, daß die Sache schief ging, ist er abgesprungen. Das muß Stennes niederschreiben. Dann können Sie ihn meinetwegen über die Grenze schaffen."
Stennes schrieb eifrig wie ein Mönch in der Zelle, als ich ihm sein Mißtrauen gegen den Handel ausgeredet hatte. Schmunzelnd legte Göring einige Tage später den Bericht in seinen Wandtresor. "Auf alle Fälle nützlich für den Fall, daß dieser Mephisto nicht auf Vordermann gehen sollte!" Er lachte behäbig. Bei Nacht und Nebel wurde Stennes aus dem Gefängnis geführt. Ich gab ihm eine Eskorte mit an die holländische Grenze. Aus Antwerpen schickte er mir eine Postkarte, daß er in Sicherheit sei. Ein halbes Jahr später traf ihn ein anderer Widersacher des Regimes, Otto Wolff, im Hause des Marschalls Tschiang-Kai-Schek. Stennes war der Kommandant der Leibschützen des Marschalls geworden.
Von einem juristischen Mitarbeiter hatte ich in jener Zeit erfahren, daß Thälmann im Polizeigefängnis geschlagen worden sei. Ich berichtete Göring darüber; er erklärte sich bereit, mich in das Gefängnis zu begleiten, um sich persönlich zu vergewissern. Als uns die Zelle bei dem unvermuteten Auftauchen des höchsten Chefs geöffnet wurde, saß Thälmann in stumpfer Apathie auf seiner Pritsche. Beim Gewahrwerden Görings fürchtete er vielleicht neues Unheil; auf meine Frage nach den angeblichen Mißhandlungen leugnete Thälmann, geschlagen worden zu sein. Als ich ihm zuredete, alles zu sagen, was er auf dem Herzen habe, stöhnte er nur: "Dann bekomme ich neue Prügel." Auf seine Weigerung, sich auszukleiden, zog ich ihm gegen sein Sträuben Rock und Hemd vom Leib. Göring starrte auf einen blutigen, mit Striemen übersäten Rücken. Im Flur vor der Zelle, von dem aus der Stab des Ministerpräsidenten und eine Schar von Beamten, die sich eingefunden hatten, die Sebastiansfigur erblicken konnten, herrschte Totenstille. Ich frohlockte über das Entsetzen Görings. Das hatte ich ihm zeigen wollen.
Marterstätten. Die ersten Nachrichten über die schauerlichen Vernehmungsmethoden der Abteilung IC des SA-Gruppenstabes gelangten durch den Herrn von Gleichen-Rußwurm, den Vorsitzenden des Herrenklubs, der in der Nachbarschaft der Hermann-Göring-Straße 6 wohnte, zu meiner Kenntnis. Er berichtete in einem Brief an den Polizeipräsidenten über die nächtlichen Schreie, die die Tätigkeit des Unternehmens verrieten. Ich legte ihn Göring vor. Es war eines der ganz wenigen Dokumente der Zivilcourage in jener Zeit, aus dem die helle Empörung Göring entgegenflammte. Und Göring wurde durch die tapfere Sprache ergriffen. Als besonders eindrucksvolle Vorstellungen gegen die Barbarei aus dem deutschen Publikum heraus sind mir nur noch Beschwerden des Chirurgen Sauerbruch, des Dichters Joost und einiger weniger in der Erinnerung haften geblieben.
Bald hörte ich durch den Kriminalrat Heller, daß ihm Nachrichten über ähnliche Ausschreitungen zugetragen worden seien, die sich im vierten Stock des Hauses der Gauleitung Berlin in der Hedemannstraße abspielten. Es war dieselbe IC, die hier ihrem grausamen Handwerk der Mißhandlungen und Erpressungen nachging. Auch hier hatten sich Mißhandelte ihren Plagegeistern durch einen todbringenden Sprung auf die Straße entzogen.
Ein tapferer Offizier des Kommandos Wecke, der Hauptmann Oelze, war bereit, mir bei der Schließung der Marterstätte in der Hedemannstraße zu helfen. Eine mit Handgranaten bewaffnete Polizeimannschaft umstellte die Umgebung des Hauses. Da ging auch die SA in Stellung. Sie baute Maschinengewehre im Eingang des Hauses und in den Fenstern auf; die Galgenvögel wollten Widerstand leisten. Ich wurde schließlich vom Führer der Polizeiabteilung herbeigerufen. Ich eilte im Wagen zu dem Ort der Handlung. Als Zivilist postierte ich mich zwischen dem Polizeikordon und den braunen Männern und rief einem SA-Führer zu, daß Göring mir die Räumung des Hauses befohlen habe.
Meine "Verhandlungen" mit dem SA-Führer wurden durch das laute Dazwischentreten Ernsts und seines kriegerischen Stabes unterbrochen. Er war im eleganten Wagen vorgefahren, um seine Gauner zu entsetzen. Der polizeiliche Aufmarsch hatte ihn jede Haltung ablegen lassen. Aber er ließ mich in das Haus treten und ging auf ein Gespräch ein.
"Was bilden Sie sich ein! Lassen Sie sich nicht einfallen, uns in den Arm zu fallen, wenn wir das Gesindel züchtigen. Sie saßen immer im weichen Ledersessel, als meine Männer von den roten Halunken terrorisiert wurden, denen Sie jetzt helfen wollen." In diesem Ton ging es schneidend, frech und polternd über mich her. Wir standen uns zum erstenmal ohne Maske, bewaffnete Männer hinter uns beiden, gegenüber.
Lebende Skelette. Hinter mir hatten sich zwei junge Polizeioffiziere postiert. Ich erklärte Ernst, daß der Ministerpräsident Göring den Befehl zum Gebrauch der Waffe gegeben habe, wenn Widerstand geleistet werde. Ich erntete gellendes Lachen, als ich auf die mit Handgranaten ausgerüsteten Beamten wies. Aber das Hin und Her endete schließlich mit der Auslieferung der Gefangenen gegen das Versprechen, daß sie im polizeilichen Gewahrsam bleiben sollten.
Ich konnte nun mit den Polizeimannschaften die Marterhöhle betreten. Dort waren die Fußböden einiger leerer Zimmer, in denen sich die Folterknechte betätigten, mit einer Strohschütte bedeckt worden. Die Opfer, die wir vorfanden, waren dem Hungertode nahe. Sie waren tagelang stehend in enge Schränke gesperrt worden, um ihnen "Geständnisse" zu erpressen. Die "Vernehmungen" hatten mit Prügeln begonnen und geendet; dabei hatte ein Dutzend Kerle in Abständen von Stunden mit Eisenstäben, Gummiknüppeln und Peitschen auf die Opfer eingedroschen. Eingeschlagene Zähne und gebrochene Knochen legten von den Torturen Zeugnis ab.
Als wir eintraten, lagen die lebenden Skelette reihenweise mit eiternden Wunden auf dem faulenden Stroh. Es gab keinen, dessen Körper nicht vom Kopf bis zu den Füßen die blauen, gelben und grünen Male der unmenschlichen Prügel an sich trug. Bei vielen waren die Augen zugeschwollen und unter den Nasenlöchern klebten Krusten geronnenen Blutes. Es gab kein Stöhnen und Klagen mehr; nur starres Warten auf das Ende oder auf neue Prügel. Jeder einzelne mußte auf die bereitgestellten Einsatzwagen getragen werden; sie waren des Gehens nicht mehr fähig.
Im Polizeigefängnis des "Alex" ordnete ich eine ärztliche Untersuchung an. Die Lektüre des amtsärztlichen Berichtes konnte dem stärksten Manne Uebelkeit verursachen. Ich legte das Dokument mit meiner Meldung Göring und Hitler vor. Die Marterstätte hatte aufgehört, zu existieren.
(Fortsetzung folgt)
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Von Rudolf Diels

DER SPIEGEL 25/1949
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