16.06.1949

MALEREIKalkweißer Mann auf dem Turmseil

Alexander Camaro, im hellbraunen Manchesteranzug, radelte vierzehn Tage lang zwischen Klein-Machnow, Ostzone, und Zehlendorf, westsektorales Berlin, hin und her. Er brachte seine Bilder zur Camaro-Ausstellung in der Galerie Schüler.
Die "Legende", ein Werk von mindestens sechs Quadratmetern mit viel melancholischem Braun und Lila, war schwer zu balancieren, aber gut als Segel auszunützen. Alle Gemälde auf einmal hätte die Grenzpolizei als Kulturwerte, die man nicht ausführen darf, zurückgehalten. Die einzelnen Bilder ließ der mit Zigaretten besänftigte "Grenzer" durch. Schon einige Tage vor dem Ende der Blockade öffnete er für Camaro den Schlagbaum.
Als die Ausstellung "hing", war die Blockade vorbei, dafür streikte die S-Bahn. Doch obschon man eine halbe Stunde von der Galerie zur nächsten Untergrundbahnstation läuft, kamen viele Besucher. Kritiker auch.
"Camaro und andere" überschrieb der strenge Professor Grohmann seine Besprechung in der "Neuen Zeitung". "Er gewinnt Anschluß an die europäische Malerei, nachdem er lange eine interessante Privatangelegenheit war", entschied Grohmann. Andere Zeitungen druckten noch mehr Entzücken ab.
Camaro wird am häufigsten mit dem Norweger Edvard Munch verglichen. Doch Camaros Gemälde, mit milden und flächigen Tönen, wirken französischer und skeptischer, manchmal auch witziger als das Werk von Munch. Man wird auch an Chagall und Matisse erinnert.
Den in der SED geschulten Kritikern ist Camaro unheimlich. Sie erkennen seine formalen Reize an, aber sie warnen auch: "Achtung, morbide!"
Heinz Lüdecke von der "Berliner Zeitung", einer der maßvolleren östlich lizenzierten Zeitungen, schreibt: "Camaros Malerei spiegelt den Zerfall einer bürgerlichen Gesellschaftsschicht, dem sie sich selbst nicht zu entziehen vermag."
Camaros verkaufen sich sogar, auch jetzt noch, wo es wieder Sahneeis und Sekt in Berlin gibt. Viele junge Künstler malen verlassene Karussells oder schmale Mädchen vor Gitterstäben und geben zu, damit Camaro nachzuahmen.
Camaro liebt Zirkusmotive, verödete Parktheater, Rummelplätze, wenn sie still geworden sind. Mit fünfzehn Jahren war er selbst Seiltänzer. "Es heißt nicht Seiltänzer", sagt Camaro, "ich war Turmseilläufer". "Auf dem Turmseil", ein Gemälde, das nun bei Schüler hängt, zeigt einen kalkweißen Mann, der vor dem blauen Himmel hockt,
Zwischen zwei Masten, auf Festplätzen, war für Camaro das Seil gespannt. Als Parterreakrobat verletzte er sich gefährlich, als Schmierenschauspieler mußte er viel mit dem Lachen kämpfen. Am meisten Geld hatte er mit dem Glücksspiel verdient. 1928 war er in Dresden beim Roulette der Beste. Daneben hat er immer gemalt, auch an der Akademie studiert, in Breslau bei Otto Müller.
Er studierte nicht nur Malerei. 1930 trat er, neunundzwanzigjährig mit seiner Lehrerin Mary Wigman in dem pazifistischen Tanzdrama "Das Totenmal" auf.
Die Wigman führte den Zug der trauernden Mütter in pastellblauen Schleiern an, Camaro, als der Gott des Krieges, trug eine Maske vor dem Gesicht, die ihn halb Max Schmeling halb Paul Wegener ähnlich machte. Das Drama brachte ein Defizit von hunderttausend Mark.
Während des Dritten Reiches lebte Camaro hauptsächlich vom Tanz, ausstellen konnte er nicht mehr. Er war Ballettmeister der Landestheater von Gotha und Allenstein, er gab ein Gastspiel bei Willi Schaeffers im Kabarett der Komiker. Im Anfang des Krieges machte er Wehrmachttourneen, 1944/45 entschlüpfte er nach Pommern und lebte dort versteckt in einem Kinderheim.
Augenblicklich ist Camaro dabei, das Künstlerlokal "Die Badewanne" im Keller des Femina-Hauses einzurichten. Seine Malerei, so viel Erfolg sie auch gerade wieder in Köln gehabt hat, findet er noch "zu körperlich".

DER SPIEGEL 25/1949
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