14.07.1949

Siebzig Jahre mit Buntkarierten

Vom Funk auf die Leinwand

Oberst Tulpanow, der Dichter Arnold Zweig, der Dramatiker Friedrich Wolf und viele prominente West- und Ostberliner klatschten im Berliner Filmtheater "Babylon" Premierenbeifall. Der Defa-Film "Die Buntkarierten" lief an.

Schon einmal fand das gleiche Thema ein Echo. Damals war es noch ein Hörspiel und hieß "Während der Stromsperre". Es ging vom Berliner Rundfunk aus sechsmal über den Aether. Berta Waterstradt, die Hörspielautorin, schrieb auch das Filmdrehbuch.

Die Buntkarierten, die Bettwäsche der kleinen Leute, begleiten in diesem Film siebzig Jahre eine Frau. In den Buntkarierten bringt Marie, das Dienstmädchen bei Majors, in den siebziger Jahren die kleine Guste zur Welt. "Zwischen Braten und Nachtisch", drückte sich Frau Major beim Festessen aus.

Marie stirbt, und Guste wächst bei den Großeltern in der Hinterhofwohnung auf. Sie heiratet einen braven Mann, den Malergesellen Paul und schenkt ihm zwei Kinder.

Im ersten Weltkrieg arbeitet Guste in einer Munitionsfabrik, haßt aus weiblichem Instinkt heraus den Krieg und putzt lieber Fenster. Bald nach 1933 stirbt Gustes Mann. Die Bomben des zweiten Weltkrieges rauben ihre Kinder. Bei Kriegsende ist die alte Guste mit ihrer Enkelin, einer jungen Studentin, allein. Aus den Resten der Buntkarierten näht sie dem Mädchen ein Festkleid.

Kurt Maetzig, der Regisseur von "Ehe im Schatten", inszenierte die Zeitcavalcade mit Geist und Witz. Ihm standen gute Darsteller zur Seite.

Camilla Spira spielt die Guste, ihre erste deutsche Filmrolle seit 1933, vom 18. bis zum 70. Lebensjahr. Sie wirkt in den Szenen ihrer Jugendjahre so echt wie im Alter. Werner Hinz, mit dem sie einst an Max Reinhardts Deutschem Theater lernte, ist in den "Buntkarierten" ein sehr proletarischer Maler.

Die Kinder des Films, echte Berliner Gören aus der Fruchtstraße, spielen sich selbst, sehr berlinerisch und verschnupft.

Die Kritik war begeistert. "Ein großartiges Epos", nannte die "Neue Zeitung", die amerikanische Zeitung für die deutsche Bevölkerung, den Film. "Neues Deutschland", das Zentralorgan der SED, überschrieb sein Referat: "Hundertprozentig ja zu einem Film".


DER SPIEGEL 29/1949
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