11.08.1949

RUNDFUNKBriefe an eine Stimme

Die Hörerbriefmappe in Margarete Schells Stuttgarter Rundfunkzimmer läßt sich kaum noch schließen. "Weil ich den Glauben an die Menschheit verloren habe, darum schreibe ich einer Stimme. Aus einer Welt, die meine Seele ersehnt, kommt diese Stimme. Und da es die Stimme gibt, gibt es vielleicht auch die Welt", schreibt eine Hörerin. Einem männlichen Hörer geht die Stimme der Rundfunksprecherin Margarete Schell nicht mehr aus dem Ohr. "Sie verwandelt mich. Man ist von dieser Stimme besessen." Solche Briefe kommen täglich bündelweise.
Die Wirkung dieser eigenartig einschmeichelnden Stimme erwies sich zum erstenmal im Jahre 1934. Margarete sagte die deutschsprachigen Nachtsendungen im Prager Rundfunk ab. "Wenn diese Stimme 'gute Nacht' sagt, kann kein Mensch einschlafen", schrieb damals ein Engländer.
Darauf ließ man Margarete Schell auch ansagen. Hörer aus ganz Europa schrieben begeistert. Die Prager Rundfunkleitung verlieh der Schellova inoffiziell den Titel "demon radiojournalu", Rundfunk-Dämonin.
Damit war es 1939 aus, als der Prager Sender im Reichssender Böhmen/Mähren aufging. Eine kurze Zeit als Ansagerin endete auf Befehl des Propagandaministeriums. Die "artfremde Stimme" der "Dämonin" war unerwünscht.
Jahrelang warteten Menschen in Europa vergebens auf diese Stimme. Sie wußten nicht, daß Margarete Schell im Juni 1945 zum erstenmal nach fünf Jahren wieder vor einem Mikrophon sprach. Sie übermittelte Befehle der Lagerleitung Strahow an Tausende deutscher Internierter.
Der Engländer, der schon im Jahre 1934 nach Margaretes 'Gute Nacht' nicht einschlafen konnte, der ihre Stimme zwischen 1940 und 1945 vergeblich gesucht hatte, suchte sie durch das Internationale Rote Kreuz.
Es fand sie. Darauf führte man sie von Lager zu Lager. Das Rote Kreuz ließ sie nicht aus dem Auge. Schließlich landete sie mit einem Heimkehrertransport im bayrischen Bauschheim.
Dort suchte und verkaufte sie Kamillen. Als das Geld reichte, fuhr Margarete nach München zum Rundfunk. Sendeleiter, Kontrolloffizier und Toningenieure gerieten über die Stimme in Begeisterung. Kollegen sahen angesichts dieser Konkurrenz einige ihrer Felle davonschwimmen, brachen Intrigen vom Zaun, und Margarete wurde nicht angestellt.
Wieder bündelte sie Kamillen und sparte das Fahrgeld nach Stuttgart. Drei Tage, nachdem sie es beisammen hatte, stand sie vor dem Mikrophon. Seitdem kommen zahllose Hörerbriefe. Als sie die Kriegsgefangenensendungen einleitete, kamen sie paketweise. Man forderte die Sendeleitung auf den Namen dieser Frau anzusagen.
Für Margarete Schell allein wollte man es nicht tun. Radio Stuttgart sagt jetzt alle Ansager an, gleich ob sie Wasserstandsmeldungen oder Nachrichten sprechen.

DER SPIEGEL 33/1949
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Briefe an eine Stimme