21.07.1949

Dreimal gleiche Treue

Glückhafter Beginn (s. Titel)

Dreimal innerhalb eines Jahres wurde Einheitsvater Wilhelm Pieck auf Schönefelds Ostzonen-Flugplatz in eine sowjetische Zwo-Mot gehoben. Sofia, Sotschi, "der größte und schönste Kurort der Sowjetunion" und - letzte Woche - wieder Sofia.

Der vierte projektierte Flug entfiel: seit Tito der Bannstrahl des Kreml traf, wird Belgrad von Schönefelds rotbesternten Yaks nicht mehr angeflogen. Aus dem großen Kupferjob für Raus darbende Ostzone wurde nichts mehr.

Der Alte fährt vom Niederschönhauser Führerghetto nur mit bösen Ahnungen zur einstigen Südberliner Heinkel-Rollbahn. Denn jedesmal, wenn er Ostberlins Glaspalast verläßt, geraten auf der dritten Etage die Partei-Diadochen auf Hauen und Stechen aneinander.

Als der inzwischen wieder abgetakelte Berlin-Ehrenbürger im Frühjahr zur Arterien-Massage nach Sotschi flog, zog WIKO-Chef Heiner Rau bei Sokolowski-Nachfolger Tschuikow heimlich die Notbremse. Rau schob die Schuld am drohenden Wirtschaftszusammenbruch der gegenblockierten Ostzone der Parteileitung zu. Er meinte damit das "Büro Ulbricht", wo der heute 52jährige deutsche Lenin (mit Spitzbart à la Lenin) den auf Ostelbiens Sand ohne Stahl und Koks nimmer erfüllbaren Zweijahresplan am Schreibtisch konzipiert hat.

Von Sotschi herbeigeeilt, zog Altvater Pieck alle Lanzen auf sich und tobte: "Das ist Verrat auch an meiner Person!" Und WIKO-Chef Rau bekam den blamablen Satz in seine Partei-Konduite geschrieben: "Der Genosse Rau befindet sich auf dem Wege des Trotzkismus."

Dann wurde eilig der im Parterre des Glaspalastes stationierte Hausarzt des Polit-Büros gerufen, um die Herzattacke des Einheitsvaters mit einer Dosis Strophantin-Glukose zu besänftigen. Die Sotschi-Kur war umsonst.

Nach fast sechzig Jahren Parteitrott läßt die Gesundheit des jetzt 73jährigen ehemaligen Tischlergesellen aus Neiße-Guben bedenklich zu wünschen übrig. Schon mehrmals ist er während der mittäglichen Pressekonferenzen mit den SED-Chefredakteuren sanft entschlummert. Parteipressechef Otto Winzer gab die tägliche Sprachregelung dann nur im Flüsterton aus. "Um den Alten nicht zu wecken."

Wilhelm Pieck verdankt seinen Aufstieg zum deutschen Kommunistenführer der Freundschaft mit Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Franz Mehring, die er 1919 überlebte. Rosa Luxemburg lernte er 1907 auf der alten Parteischule in Berlin kennen, wo sie vor dem jungen Parteinachwuchs über Marxens Politökonomie dozierte.

Pieck war 1896 in Bremen seßhaft geworden, wo es dem Strebsamen gelang, als Preßkommissions-Vorsitzender der linksradikalen "Bremer Bürgerzeitung" mit Bebel, Auer und Singer in Verbindung zu kommen.

Bremen war vor 1914 das große Sprungbrett für Berlin: Friedrich Ebert war über das Bremer Parteibüro nach Berlin gekommen; 1910 folgte ihm Wilhelm Pieck. Er wurde Sekretär des Zentralbildungsausschusses in Bebels Partei. Als Vierunddreißigjähriger.

Im Januar 1915 mußte er sein Berliner Linden-Straßen-Büro räumen. Der Parteivorstand der "Sozialpatrioten" entließ den renitenten Burgfriedensstörer. Der entlassene SP-Sekretär tauchte fortan im Halbdunkel der Konspiration unter.

Aus Zuchthäusern, Weibergefängnissen und Festungszellen schmuggelte er die Pamphlete des orthodoxen Marxismus heraus und goß sie über Abziehapparaten in die Form der "Spartakusbriefe". Zur Armee eingezogen, desertierte er und zog gegen Weltkriegs-Nr. 1-Ende die Fäden des illegalen Spartakusbundes von Holland aus enger. Sohn Artur, der als Neunzehnjähriger ebenfalls den Gestellungsbefehl bekommen hatte, half ihm beim ziehen der illegalen Fäden.

Jahrelang sah die Westberliner Wohnung in Steglitz, Schadenrute 2, dicht an der alten Wannsee-Bahn, den Hausvater nicht. Hier erlebte Mutter Pieck vereinsamt ihren 20. Hochzeitstag - 28. Mai 1918. Sie zog das Töchterchen Eleonore groß. Jeden Morgen frische Blumen erbat sich die blonde Lo, wenn sie vom Steglitzer Café "Viktoria" oder aus dem Pavillon B.G. (Botanischer Garten) vom Tanz heimkehrte.

Hausvater Wilhelm hatte bei Anni Colditz neues Glück gefunden. Diese erste Schlüsselbewahrerin des Spartakusbundes (seit 30. Dezember 1918: KPD) wurde später unter den Bombentrümmern Dresdens elend begraben.

1919 entstand in Moskaus Kreml die III. Internationale (Komintern). Der Rubelstrom begann in die Satellitenparteien zu fließen. Ossip Piatnitzki, Großmogul der Komintern, brauchte einen Vertrauensmann für Deutschland. Für die Rubel, die er transferiert in Dollarscheinen zahlte. Er wählte Pieck, den illegal Erprobten, den noch der Mythos Liebknechts und Luxemburgs umgab.

Was Meißner in Berlins Wilhelmstraße vollbrachte, Ebert, Hindenburg und Hitler zu dienen, gelang Pieck auf Moskaus Twerskaja er schwor Gregorij Sinowjew die Treue und später Nikolai Bucharin. Als beide durch Genickschuß endeten, schwor er die gleiche Treue Stalin.

Als am vergangenen Freitag der Alte am Sofioter Grabe Georgij Dimitroffs verkündete: "Wenn es in Deutschland, wenn auch zunächst nur im östlichen Teil, gelang, die Einheit der Arbeiterklasse herzustellen, so ist das das Verdienst Georgij Dimitroffs und das Ergebnis des großen Sieges der Sowjetarmee", da war abermals eine Revolte im dritten Stock des Glaspalastes im Gange: Franz Dahlem suchte sich auf Ulbrichts urlaub-verwaisten Stellvertreter-Thron im Parteivorsitz der SED zu schieben.

Der im Spanienkrieg zum roten Feldherrn der Internationalen Brigaden avancierte Kölner Jesuitenschüler hat klar erkannt, daß die hoffnungslose ideologische Verwirrung selbst der linientreuen Parteikader die SED von der Ostzonen-Bevölkerung mehr und mehr isolieren muß. Die These von der Partei als der Führerin der Massen hat sich ins Gegenteil verkehrt.

In einem Vierwochen-Trommelfeuer der obersten Parteiinstrukteure mußten eben erst Thüringens aufsässige Parteiorganisationen zu einer "Partei neuen Typus" zurechtgehämmert werden, nachdem sie monatelang "opportunistischer und nationalistischer Abweichungen" und mangelnder "bolschewistischer Wachsamkeit gegenüber dem Klassenfeind" geschmäht worden waren.

Fred Oelsner, zonaler Oberpriester des Marxismus, historisch-materialistischer Geschichtsklitterer und Kommazähler in Marxens Werken, blies in Gothas "Drei Mohren"-Hotel, wo sich 1875 Lassalleaner und Eisenacher zur Sozialdemokratie vereinigt haben, allen Rechtgläubigkeitszweiflern energisch den Marsch:

"Man kann nicht Marxist sein, ohne Leninist zu sein; denn der Leninismus ist der Marxismus unserer Zeit. Aber man kann auch nicht Marxist sein, ohne ein Freund der Sowjetunion zu sein; denn die Sowjetunion ist der in die Tat umgesetzte Marxismus."

Mit diesem Dogma hat der ostzonale Bolschewismus alle Brücken zur Arbeiterbewegung Westeuropas abgebrochen. Lenin triumphierte endgültig über Rosa Luxemburg.

Diese letzte Linksradikale internationalen Formats ahnte alles, als sie 14 Tage vor ihrem Tode Wilhelm Pieck riet, auf dem Gründungskongreß der III. Internationale gegen die Gründung der Komintern zu stimmen. Denn im Kreml würden die Russen ständig so stark sein, daß sie den Ausgangspunkt jeder Entwicklung bestimmen können.

Ostelbiens Kader-Funktionäre lernen jetzt Lenins bolschewistisches Exerzier-Reglement:

* Der revolutionäre Klassenkampf gipfelt in der Diktatur des Proletariats. Da die Massen jedoch nicht revolutionär sind, führt den Klassenkampf ein Orden von Berufsrevolutionären.

* Dieser Orden etabliert sich in der Partei neuen Typus als organisierter Vortrupp der Arbeiterklasse. Er beherrscht die Massen durch militärischdisziplinierte Kader.

* Die Kaderpartei übernimmt die terroristische Organisationsform des Jakobinerklubs aus der Französischen Revolution von 1789: streng zentralistisch, kooptiert sie die Berufsrevolutionäre nach Gutdünken und illegaler Kampfbewährung in die Leitung.

* Jedes Nachgeben an Stimmungen, die täglich in die Massen getragen werden, ist Opportunismus. Der Kader-Funktionär kennt jedoch kein Zurückweichen vor opportunistischen Stimmungen. Ebensowenig sind ihm Zweifel am Weg der Sowjetunion erlaubt. Zweifel bedeuten Abweichung zum Nationalismus.

* Wenn die auf Kadern basierende Partei neuen Typus die einzig wahre Vertreterin der Arbeiterinteressen ist, müssen alle anderen Organisationen Werkzeuge des Klassenfeindes sein.

* Da jede Opposition in den eigenen Reihen als Werkzeug des Klassenfeindes aufgefaßt wird, ist jedes Mittel zu ihrer Bekämpfung gerechtfertigt. Das Dogma hütet der Apparat.

Ueber seine Treueschwüre von Nikolai Bucharin bis Joseph Stalin durchlief Einheitsvater Pieck alle Etappen vom demokratischen Revolutionär bis zum linientreuen Apostel der Apparatdiktatur. In der Hierarchie der SED-Bürokratie etablierte er die Familie Pieck stelbst als neue Dynastie.

Da seine Kinder Artur und Eleonore bereits als Parteiprinz bzw. -prinzessin geboren waren, kamen sie bald ebenfalls in den "Apparat". Lo als Geheimstenotypistin in die Parteizentrale, Artur in die Handelsvertretung der UdSSR. 1933 entkam die ganze Familie nach Moskau.

Der erste, der Berlin wiedersah, war der Major der Roten Armee Artur Pieck. Im Karlshorster Schloß der Treskows hatte er Mai 1945, vom brennenden Berlin erhellt, den Stadtplan vor sich. Zwanzig Offiziere der Roten Armee meldeten sich bei Sowjetmajor Artur Pieck zum Rapport. Er wies sie als die zwanzig Bezirkskommandanten von Berlin ein. Gleich hinter den T 34-Panzern.

Dann holte er einen Zivilanzug vor und fuhr in die noch brennende Stadt, um Berlin ein neues Rathaus auszusuchen. Er fand die Hauptverwaltung der Feuer-Societät in der Parochialstraße. Dort installierte er den ersten Volksfrontmagistrat. In dem saß der GPU-Agent Karl Maron neben dem alten christlichen Dr. Hermes. Worauf Artur wohlgefällig in den Hintergrund trat. Er wurde "nur" Chef des Personaldezernats. Als Zweigstelle der Kader-Abteilung im SED-Zentralsekretariat.

Als die SED Oktober 1946 in Berlin zu einer 26-Mann-Fraktion zusammenschmolz, schickte Vater Pieck Sohn Artur zur WIKO. Da ist er auch "nur" Chef des Personalbüros. Aber immer noch Major der Sowjetarmee.

In einem Achtzylinder-Mercedes, Typ Nürburg mit Kompressor, kehrte Lo aus dem Moskauer Exil zurück. Inzwischen eine Vierzigerin und fülliger als in den gertenschlanken Tagen vom Parkrestaurant Südende, dem Jazz-Dorado der Steglitzer jeunesse dorée von 1923. Der Alte unterstellte ihr die Parteiverpflegung. (Vergleiche SPIEGEL Nr. 12/49.)

Als sie sich mit der Kattowitzer Erika aus der Geheimexpedition des Berliner Glaspalastes um die Buhlschaft eines sowjetischen Kraftfahr-Sergeanten prügelte, mußte sie endlich heiraten.

"Der Chef der Polizei des Landes Brandenburg, Ministerialdirektor Richard Staimer, und Fräulein Eleonore Pieck, die Tochter des SED-Vorsitzenden Wilhelm Pieck, werden sich heute dem Standesbeamten stellen. Der 7. November als Jubiläumstag einer weltbewegenden Umgestaltung und Erinnerungstag der erfolgreichen Verteidigung von Madrid, wurde als glückhafter Beginn der jungen Ehe gewählt." So schrieb ein Brandschadenreporter der "Potsdamer Tagespost" am 7. November 1947 im Hofbericht.

In der heranwachsenden Klasse der bolschewistischen Manager war Eleonore Pieck längst eine gute Partie. Als Großaktionärin der Fundamentum-AG., der Holding-Gesellschaft für alle SED-Liegenschaften, steht sie allein mit einer Viertelmillion DM zu Buch. (Wilhelm mit einer halben.) Dazu ist sie die Herrin über alle Partei-Schlösser von der Fürstlich Eulenburgischen Herrschaft Liebenberg bis zum Mendelssohn-Gut Börnicke bei Bernau.

Dagegen war Ehemann Richard Staimer ein armer Schlucker. Der Brand des Münchener Polizeipräsidiums gegen Weltkriegs-Nr. 2-Ende kam ihm sehr gelegen. Seitdem sind alle Meldekarten mit Anfangsbuchstaben "St" mitverbrannt. Richard, der sich schon als 12jähriger übers Blauhemd der proletarischen Kindergruppen das rote Halstuch band, sucht als altgedienter Kadermann alle Spuren seines dunklen Lebensweges zu verwischen.

Während der Hitler-Konkurrenz schlug sich der gelernte Fliesenleger (letzte legale Funktion: Mitglied der Fliesenleger-Lohnkommission) nach Rotspanien durch. Im Pyrenäen-Bürgerkrieg anfangs nur einfacher Muschkot, ließen ihn für Verdienste bei der Verteidigung Madrids die Rotgenerale Franz Dahlem, André Marty und Luigi Gallo zum Kommandeur des Thälmann-Bataillons avancieren.

Nach Francos Sieg vagabundierte Piecks Schwiegersohn illegal durch Frankreich und die Eidgenossenschaft, die den lästigen Ausländer zwischendurch anderthalb Jahre einsperrte. Gefängnisjahre zählen in der bolschewistischen Kader-Konduite allerdings doppelt.

1946 marschierte Staimer im Troß seines zukünftigen Schwagers Artur als Ostberliner Polizeiinspektor. Am Prenzlauer Berg lernte er Lo kennen. Die Bekanntschaft lohnte sich für den roten Fliesenleger: da die Altkommunisten des Glaspalastes keinem umgeschulten National-Komitee-Offizier auch nur über den Weg trauen, wurde Staimer neben Bechler als Brandenburgs Polizeichef nach Potsdam versetzt. Hier blieb er familiennah.

In blütenweißer Generalsuniform kommandiert Fliesenleger Richard heute über 38000 Volkspolizisten. Seit er in den Ehe-Hafen der Pieck-Dynastie einschleuste, braucht er nicht mehr über Land zu fahren, um Kartoffeln zu organisieren. Die hat Frau Lo waggonweise. Und die Mastgänse dazu muß Schwager Artur's Skatbruder Georgi vom Parteigut Börnicke frei Haus liefern. Nur fetter ist er bei Lo noch nicht geworden.


DER SPIEGEL 30/1949
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