21.07.1949

Existenz im Rucksack

Wenn wir das gewußt hätten, wären wir erst gar nicht hergekommen", murrte der sensationslüsterne Teil der Oeffentlichkeit im Augsburger Gerichtssaal. Der "aufsehenerregende Kampf" um die Schwelle der Augsburger Schuhfabrik August Wessels GmbH. wurde mit zwei Vergleichsunterschriften in zwei Minuten beendet.
Dietrich Bahner darf diese Schwelle wieder passieren. Zwei Monate lang hinderte ihn das Nein des Landgerichts Augsburg daran. "Obwohl der Betrieb zu 50 Prozent mir gehört. Aber darum ging es ja gerade."
Von Schuhen sang an Dietrich Bahners Wiege niemand. Dort war höchstens von Strümpfen die Rede. Und das auf sächsisch, denn Vater Bahner zeichnete als Besitzer von Oberlungwitzens Elbeo-Werken. Diese Marke umgarnte rechts und links gewebt zahllose deutsche Frauenbeine.
Als die Arisierungsgespräche um Berlins Schuh-Leiser immer lauter wurden, warf der Strumpf-Sohn zum ersten Male ein Auge auf Schuhe. 22jährig, stieg er 1936 beim rassisch bedrängten Leiser-Besitzer Julius Klausner mit 50 Prozent ein. Später wurden es 75 Prozent. Noch 1941 transferierte Bahner seinem stillen Teilhaber die Gewinnanteile ins argentinische Exil.
In Berlin hatten sich 4000 "Gefolgschaftsmitglieder" inzwischen das Lächeln über die sächsisch-jugendlichen Vorträge ihres Chefs abgewöhnt. Er sang seine Heimatsprache nur noch in erträglichen Grenzen. Außerdem konnte der "Schuhsachse" Vorschläge anhören. Und durchführen.
Leiser-Mädchen tummelten sich noch im Wannsee, wenn andere Kolleginnen zur sonntäglich überfüllten S-Bahn drängten. Ihr Montagvormittag war frei.
In Stalingrad konnte sich Flakleutnant Dietrich Bahner noch rechtzeitig von den Russen absetzen. In des Reiches Hauptstadt fingen ihn die Russen 1945 zum Arbeitseinsatz ein. Bahners "Aufbaudienst" begann vor einer ausgebrannten Leiser-Filiale. Während er vorne Stein auf Stein schichtete, wurde durch die Hintertür das wohlgefüllte Leiser-Lager ausgeräubert.
Exleutnant Bahner quittierte den "Aufbaudienst". Zu Fuß erreichte er Oberlungwitz und die Elbeo-Ausweichlager. Die waren damals noch amerikanisch besetzt.
Als Dietrich Bahner auf 200 ccm westwärts knatterte, hatte er etwa eine Million in bar bei sich. "Ich trug meine Existenz im Rucksack", erinnert sich der schmale Flüchtling. Gut 20 Kontrollen passierte Bahner unangefochten. Bei Banken und Bekannten deponierte er in Bamberg, Göttingen und Augsburg sein Geld.
"Herr Engel, ich werde alt, was mache ich mit meinem Betrieb?" hatte Augsburgs Sandalenkönig und Philantrop August Wessels schon vor dem Kriege vereinsamt alternd seinen Berliner Vertreter gefragt. Familiäre Umstände zwangen ihn, seinen Nachfolger "außerhalb" zu suchen.
Theodor Engel fragte damals gleich weiter: "Herr Bahner, haben Sie Interesse an einer Schuhfabrik?" Bahner hatte. Aber mittlerweile war Krieg gekommen. August Wessels wollte das Ende erst abwarten.
Mitte 45 schüttelte sich Interessent Bahner in Augsburg-Oberhausen mitteldeutschen Staub von den geliehenen Schuhen. Zwei Tage später startete er als Vertragspartner des alten Wessels, um in Ehrenfriedersdorf endgültig die Elbeo-Hauptbücher zuzuklappen.
Der neue Augsburger Teilhaber sorgte dafür, daß sächsische Strümpfe nach Westen rollten. Der Berliner Barverkauf seiner Schuhe dauerte länger als vorgesehen. Mit Tinte und Radiergummi mußte der Wanderer zwischen den Zonen eigenmächtig seinen Paß verlängern. Dann hatte er wieder etwas im Rucksack und watete über die versumpfte grüne Grenze. Auch die zweite Million kam per Motorrad in Bayern an.
Der Vorvertrag trug das Datum 1. 8. 1945. August Wessels setzte seinen Augsburger Besitz mit einem Nominalwert von 800000 Reichsmark fest. Um auf die gleiche Nominalhöhe zu klettern, sollte Dietrich Bahner 1,2 Millionen in bar und für 800000 Reichsmark Sachwerte liefern. Das Bargeld blätterte Bahner aus dem Rucksack. Mit Damenstrümpfen, Naturseide und Schuhleder erfüllte er sein Sachwertsoll.
Am 13. 10. 45 wurde der endgültige Vertrag vor einem Notar geschlossen. Zwischendurch saß Bahner auf Ami-Autos und klapperte süddeutsche Lederfabriken ab. August Wessels' leere Keller füllten sich mit Leder. Gerade noch rechtzeitig. "Dann kamen leider deutsche Stellen, die trieben Planwirtschaft bis zur Bewußtlosigkeit", erzählt der junge Wessels-Kompagnon.
Außer durch zahllose Formulare und Bewirtschaftungs-Engpässe mußte Bahner sich durch eine alliierte Special-Branch-Untersuchung hindurchwinden. "Wer arisiert hat, war Nazi", stand auch auf Bahners Weste.
Im kritischen Moment der Verhandlung tauchte eine Berliner Jüdin auf. Dietrich Bahner hielt sie während des ganzen Krieges auf einem Familienbesitz versteckt. Sie half ihm viel, allein schon durch ihr Nochvorhandensein.
Der zugereiste Berliner mußte in Augsburg noch eine Hürde nehmen. Gute Freunde hatten den amerikanischen Fahndungsdienst (CIC) bewegen können, einen Ermittler nach Berlin zu schicken. Der hatte an Bahners Vergangenheit nichts auszusetzen. Auch deutsche Polizisten wurden vergeblich bemüht.
Trotzdem besetzte nach Ende des ersten gemeinsamen Geschäftsjahres die Kriminalpolizei kurzerhand den Schuhbetrieb. Portiersloge und Telephone wechselten den Besitzer. Eifrige Hände verplombten die Lager. Die Arbeiter wurden "beurlaubt", die Geschäftsbücher beschlagnahmt.
Als sich herausstellte, daß die Aktion auf einer falschen Information des Oberstaatsanwaltes beruhte, entschuldigte sich dieser lächelnd. Die Polizei hatte nur getan, was sie ihre Pflicht nannte.
Im November 1946 schloß sich die Besatzungsmacht an und tat, was sie ihrerseits für ihre Pflicht hielt. Captain Neil ließ Bahner und seine alten Mitarbeiter aus Sachsen und Berlin verhaften.
Auch der 76jährige August Wessels bezog eine düstere Gefängniszelle. Der alte Herr war schon durch sein eigenes vorangegangenes Spruchkammer-Verfahren erschüttert genug. Nach einiger Zeit wurden sämtliche Arrestanten wieder nach Hause geschickt.
Am 10. Juli 47 stand Dietrich Bahner wieder vor dem Militärrichter. Partner Klausners Telegramme aus Argentinien brachten den alliierten Staatsanwalt ebensowenig von seiner Hypothese: "wer arisiert hat, ist SS-Gangster" ab, wie es eine positive Stellungnahme der für Berlin zuständigen Vermögensverwaltung der Amerikaner vermochte. Diese hatten weder in der Arisierung noch in der Verwendung von Leiser-Geldern vor Uebernahme der Firma in Vermögenskontrolle einen Gesetzesverstoß erblicken können.
Aus den beantragten sechs Jahren Gefängnis und 100000 Reichsmark Geldstrafe wurden im Urteil vier Monate und 100000 Reichsmark. Die Revision strich die ganze Rechnung auf 10000 Reichsmark zusammen. "Wegen formalen Vergehens in der Frage des Leiser-Kapitals". Die Augsburger Betriebe wurden als "unantastbar" anerkannt.
In Amsterdam erfuhr Dietrich Bahner - er besuchte gerade seinen alten Berliner Teilhaber Klausner - von einer einstweiligen Verfügung des Landgerichts Augsburg: "Bei Meidung einer Haftstrafe" von sechs Monaten oder einer Geldstrafe bis zu 10000 Mark wurde Bahner verboten:
* als Geschäftsführer der August Wessels GmbH. tätig zu sein
* die Räume der Firma zu betreten.
Die Klage, die Dietrich Bahner dann in Augsburg las, war ihm schon aus früheren Prozessen bekannt. Nur ihre Zusammenstellung und der Kläger waren neu: August Wessels, der seine Firma seit 1895 aus einem Handwerksbetrieb entwickelt hat. Sein jetziger Partner.
Diesmal wurden 13 Klagepunkte gegen Bahner aufgezählt. Betrug, Untreue, vorsätzliche Abgabe falscher eidesstattlicher Erklärungen und Abschluß von nichtigen Verträgen waren die restlichen Stichworte. Wessels Familie wollte den 35-Jährigen zwingen, in Augusburg auszusteigen.
Bahner antwortete auf 103 DIN-A-4-Seiten. In handlicher Buchform (Auflage 1-1000) veröffentlichte er sofort die Klage, seine Erwiderung und die Dokumente beider Parteien. Zwölf Zeilen Vorwort widmete Bahner der eigenen Sache Alles andere sind Urkunden.
Wessels Warenlager, so belegte Bahner, waren von 460000 Reichsmark bei seinem Antritt bis auf 2,6 Millionen zum Zeitpunkt der Währungsreform angewachsen, bei täglichem Verkauf. Die Produktionskurve lag wertmäßig bei 12807874 D-Mark für die Monate Juli 1948 bis April 1949. Dagegen stehen 4200920 Reichsmark für 12 Monate 1945/46. 903 Angestellte und Arbeiter hat die August Wessels GmbH. vor der Bahner-Zeit noch nie beschäftigt.
Mit zehn Mann hoch - die Mehrzahl Kommunisten - zogen die Wessels-Schuster in den Gerichtssaal. Sie wollten ihren Chef wiederhaben. Wenn nein, drohe dem Werk passive Resistenz. Sie brauchten ihre Drohung nicht wahrzumachen. Der Vergleich gab ihnen ihren Chef zurück.
Auch Senior August Wessels scheint es nicht unangenehm zu sein, daß Dietrich Bahner wieder im Betrieb ist. "Geh'n Se zum Herrn Bahner. Ich weiß von nichts. Ich sitze hier im Lehnstuhl, schlafe, rauche meine Zigarre und gucke aus dem Fenster."
Seit drei Jahren, so erzählt er, ist er nicht mehr aufgestanden. Schatten gelegentlicher Auseinandersetzungen gibt der alte Herr zu. "Das war so, als wenn Sie mit Ihrer Frau beim Vesper Streit haben."
Der aktionsbehinderte Dietrich Bahner hatte sich während seiner Zwangsferien um die beiden anderen Firmen gekümmert, die er im Westen gegründet hat: Die Favorit-Schuhgroßhandelsgesellschaft und die Leiser-Werke Augsburg.
Außerdem kümmerte er sich um den Sport (als Handballmittelläufer bei Augsburgs BCA), um Thomas, das jüngste seiner drei Kinder, und um die Politik. Als Vorsitzender des Kreises Augsburg der FDP kennt ihn sein Betriebsrat auch recht gut.
Er spricht selbst in KP-Versammlungen als Diskussionsredner. "Ich bin also nun Kapitalist", beginnt er offenherzig. "Aber die Sache ist doch die ..." Dann exerziert er ihnen Beispiele aus dem Betrieb vor, die sie alle bestätigen müssen.
"Herzlich willkommen" stand auf großen Spruchbändern hinter Grün und Rosen, als er nun nach zwei Monaten zum erstenmal wieder im Betrieb war. Gleich vom Gericht. Seine Verträge und Geschäfte waren genehmigt, bestätigt und in Ordnung befunden worden.
Im Werkshof freute sich Betriebsratsvorsitzender Paul Dietmaier und grüßte für die versammelten Genossen. Im Vorzimmer ordnete Amely Heinzelmann gute zwanzig Blumenkörbe für den Heimkehrer. Später räumte sie die leeren Flaschen weg.

DER SPIEGEL 30/1949
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