21.07.1949

MEDIZINGift vom Amazonas

Das geheimnisvoll klingende Wort "Curare" fällt oft in der Umgebung von Professor Dr. med. Hans Killian, Direktor und Chefchirurg des Baden-Badener Krankenhauses. Es fällt jetzt besonders viel, seit die Nachricht da ist, daß in absehbarer Zeit wieder beträchtliche Mengen von Rohcurare aus dem Amazonasgebiet ankommen werden.
Seit dem Zusammenbruch waren die erreichbaren Curare-Mengen so gering, daß Professor Killian sich beschränken mußte, sie fast ausschließlich zur Verbesserung der Narkose bei schwierigen chirurgischen Eingriffen zu verwenden. Trotzdem sind über die Kreislaufwirkung von Curare in Baden-Baden Forschungsergebnisse erzielt worden, die überraschten, als Professor Killian auf dem Frankfurter Chirurgenkongreß darüber berichtete.
Ueber Curare, das Gift, mit dem karibische Indianerstämme ihre Pfeile tödlich machten, existiert seit dem 17. Jahrhundert eine umfangreiche Literatur. Ueber die Wirkung des Giftes heißt es in der ersten Beschreibung: "Der Getroffene wird getötet, ohne daß man ihm helfen kann. Er stirbt unter großen Schmerzen und im Wahnsinn."
Später fand man Gegenmittel, und Anfang des 19. Jahrhunderts verwendete der Engländer Sibson Curare zu Heilzwecken. Rudolf Virchow stellte 1848 Heilversuche mit Curare an. Aber es war ihm zu gefährlich.
In neuester Zeit hat man Curare als Mittel zur Verbesserung der Muskelentspannung während der Narkose verwendet. Die Arbeiten und Untersuchungen Professor Killians, dessen Assistenten seit Beginn dieses Jahres auch Selbstversuche machen, und Dr. Mauraths, der mit ihm arbeitet, führten zu neuen, vermehrten Möglichkeiten, das uralte Indianergift in der Medizin zu verwenden.
Nicht nur im Zusammenhang mit Curare, auch auf anderen Gebieten wird der Name von Professor Killian oft genannt. Veröffentlichungen, hauptsächlich auf dem Gebiete der allgemeinen Chirurgie, haben ihn bekannt gemacht.
Der hochgewachsene, weißhaarige Mann von 57 Jahren ist Mitglied vieler wissenschaftlicher Gesellschaften und korrespondierendes Mitglied ausländischer medizinischer Vereinigungen. Für seine Verdienste auf dem Gebiete der Narkose und Anaesthesie schickte ihm eine amerikanische Gesellschaft 1938 einen silbernen Ehrenschild nach Freiburg.
Ursprünglich sollte ihm diese Ehrung auf einem Aerzte-Kongreß in Chikago bereitet werden. Aber die Tausendjährigen gaben nicht die Erlaubnis zur Ausreise nach Amerika. Professor Killian konnte nur seinen geplanten Vortrag schicken.
Man hatte verschiedene Anlässe für das Reiseverbot und auch zu Drangsalierungen gefunden. Professor Killian hatte durch erfolgreiche Arbeiten und Versuche in Coramin ein wirksames Mittel gegen Narkose und Schlafmittelvergiftungen festgestellt. Man warf ihm vor, daß Ciba-Basel, die Coramin herstellte, mit internationalem, jüdischem Kapital finanziert wurde.
Professor Killians Photobuch "Facies Dolorosa" (Verlag Georg Thieme, Leipzig, 1934) mit Bildern, die das menschliche Antlitz in den tiefsten Ausdrücken des Schmerzes zeigen, erregte heftigen Widerspruch bei NS-Aerzten. Killian stand zeitweise unter Bewachung der Geheimen Staatspolizei.
Daß er nach all diesen Schwierigkeiten 1943 aus Rußland zurückgerufen wurde, um Ordinarius für Chirurgie in Breslau zu werden, bezeichnet Professor Killian selbst als ein Wunder. Bei der Räumung Breslaus verlor er außer seinem gesamten persönlichen Besitz sein gesamtes wissenschaftliches Material, was ihm viel schmerzlicher ist. Ueber Halle kam er im Mai 1947 an das Baden-Badener Krankenhaus.
Nur einige Bilder Killians konnten in letzter Minute gerettet werden, Bilder, die einen Zyklus des Leidens darstellen. Professor Killian malt, um sich zu entspannen.
Aber ganz auf seinen Beruf konzentriert, malt er nicht, wie man von anderen Aerzten weiß, Porträts oder Landschaften. Auch vor der Leinwand, bei der Wahl der Bildthemen, bleibt er seiner Arbeit in gegewisser Weise verhaftet. Die Titel bezeugen es: "Nächtliche Operation", "Die Prognose", "Narkose", "Das Experiment" oder die Bildfolge "Martyrium der Frau".
Nur wenige, ihm sehr nahestehende Menschen wissen, daß Professor Killian in seinen freien Stunden auch Geige spielt. Die meisten kennen ihn nur als Arzt, der viel für seine Kranken tut. Gerade jetzt führt er mit Baden-Badener Stadtvätern eine heftige Fehde um Ausbau und Verbesserung des Krankenhauses. Er führt sie mit viel Vehemenz.

DER SPIEGEL 30/1949
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