15.09.1949

Ich rieche Nazis

Der Bruderkrieg zwischen "Quick" und "Revue" den illegitimen Kindern des alten Ullstein-Produktes "Berliner Illustrierte", brachte nach Monaten stichliger Intrigen einen positiven Streich: das Arbeitsgefängnis Eichstätt konnte einen neuen Gast buchen. Mit vielmonatiger Verspätung kam Hermann Esser, Träger des NSDAP-Mitgliedbuches Nr. 2 und Duzbruder Hitlers aus der NS-Sturm- und Drangperiode, hinter Gitter. Fünf Jahre soll er die Sühneschippe schwingen. Minus dreißig Monate.
Die saß er schon in Untersuchungshaft ab, bis ihn die Amerikaner im Dezember 1947 davonfahren ließen, ohne die deutschen Säuberungsbehörden zu verständigen. Robert M. W. Kempner hatte ihm in Nürnberg schriftlich bescheinigt, daß er ihn unter der NS-Prominenz nicht gebrauchen könne.
Seit jener Zeit war Hermann Esser ungreifbar. Ein Steckbrief des bayerischen Sonderministeriums hoppelte gemächlich hinter ihm her Der deutschen Bürokratie gemäß nur in der amerikanischen Zone gültig. Schließlich verdammte man den Vorgänger Goebbels' als Reichspropagandaleiter der NSDAP in absentia zum Hauptschuldigen. Das war am 8. August 1949.
Einen Monat später erlebte Helene Hoffmann einen Schreck in der Morgenstunde. Am Abend zuvor (7. 9.) hatte der Baukaufmann Hans Rindfleisch, wie schon mehrmals, eine Häuserecke von ihrer Wohnung München-Neubiberg, Hermann Esser abgesetzt. Die Steckbriefzierde wollte wieder eine Nacht in der Wohnung des früheren Kindermädchens von Tochter Evi Esser schlafen. Sie nahm ihn ohne weiteres auf: "Er war ja immer nett zu uns". Damit die einundsiebzigjährige Mutter Hoffmann nichts merkte, sagte Esser: "Nennen Sie mich einfach Herr Doktor!"
Der Herr Doktor schlief fest. Am 8. September morgens kamen zwei Polizisten ans Gartentor des Siedlungshauses: "Wohnt hier ein Dr. Ludwig?" Er wohnte nicht.
Sie kamen noch einmal und zeigten ihre Blechmarken. Da hüpfte Esser, Pantoffeln an den Füßen, aus Helenes Erdgeschoßfenster. In die Arme eines dritten Polizisten.
Das Gitter vor seiner mit vollen Bäckchen ausstaffierten Seelentröster-Visage dankt Esser dem Rindfleisch und der "Revue".
"Ich wollte nur der armen Frau Esser helfen!" meint Hans Rindfleisch, vom blonden Scheitel bis zur Kreppsohle verletzte Unschuld. Der Leiter des Werkbüros München der Firma Keller & Knappich, Präzisionsmaschinenfabrik Augsburg, kam nach Wolfratshausen, traf seine alte Bekannte, die geschiedene Frau Esser, mit einem Ekzem im Krankenhaus ("Eine Million Einheiten Penicillin bekam sie"), sah, daß sie mit ihren vier Kindern auf nur vierzehn Quadratmeter Nebenzimmer einer Thannkirchener Gastwirtschaft leben mußte und fand diesen Zustand "einer Demokratie unwürdig".
Irgendwie wollte er helfen. "Da waren noch Aufzeichnungen von Esser über Hitlers Leben." Esser mußte es wissen. Der war selbst kein Verächter weiblicher Kost. Mit Hitler verlebte er in den Kinderjahren des Nationalsozialismus manche Stunde Wand an Wand in Berliner Stundenhotels.
Die Aufzeichnungen erhielt Rindfleisch am 19. April 1949 zu geldbringender Verwendung. Da begann die Metamorphose des Baukaufmanns Hans Rindfleisch in den Schriftsteller Hans Georg Bosl. Rindfleisch ist gerade kein attraktiver Name, und Bosl hieß seine Mutter.
Die 120 DIN-A-4-Seiten waren eine eingehende Studie Essers über das unbekannte Liebesleben Adolf Hitlers, dem er den Titel "Sexual-Athlet" verlieh. "Unter meiner Regie wurden 260 Seiten daraus, das war nicht schwer!" stellt Rindfleisch seine Bosl-Verdienste unter den Scheffel. Ganz erfahren sagt er: "Bei Tatsachenberichten muß man ja immer mit der Quelle in Kontakt bleiben". So brachte ihn der Augsburger Kompagnon Knappich mit Esser selbst zusammen, dessen Freund seit 1919 er war. Rindfleisch-Esser-Treffs gab es nun oft.
"Frauen um Hitler" hieß das gemeinsame Produkt. Nach Essers Verhaftung holte der Staatsanwalt Rindfleisch. Er wunderte sich, daß bei dem Maschinenfachmann plötzlich die journalistische Ader ausgelaufen war. Rindfleisch war hartgesotten: "Es hat einmal einen Goethe gegeben, der fing früh an. Und es gibt einen Bosl, der fängt jetzt an."
Im übrigen wollte er 1945 mal "Als Landser in der Normandie" schreiben. "So besonders das Verhältnis von Offizier zu Mannschaften und die Verfallserscheinungen." Aber seine Notizen wurden vernichtet, als jemand mal den Wasserhahn im Keller offen ließ. Und seine publizistischen Versuche ertranken.
Der nächste Weg war zu Karl Specht, einem Starnberger Verleger. Der wurde Rindfleischs Manager für das pikante Buch. Dafür bekam er jetzt 3000 DM Provision und 4300 DM für Spesenauslagen dazu. Beide Summen aus dem Honorar von 12000 DM, das der Mauritius-Verlag-Mittenwald dem Erstlingsautor zahlte.
Für 4700 DM richtete Rindfleisch der Frau Esser und den Kindern ein Holzhäuschen auf seinem eigenen Grundstück in München-Waltrudering ein. "Für mich blieb also nichts übrig."
In den Julisommertagen überlegte sich Helmut Kindler, Verleger der "Revue", die er "Die Weltillustrierte" nennt, einen Knüller zur Freude seines Vertriebs. Bruno Gröning, der auf den Rosenheimer "Traberhof" umgesiedelte öllockige Wundertätige aus Herford, war wochenlang sein Bilderstar. Die Auflage kletterte um 100000 Exemplare auf knappe 400000 Stück wöchentlich. Im Existenzkampf der zwei Dutzend deutschen Illustrierten Blätter an den vollen Kiosken mußte der Boden gehalten werden.
Da kam Helmut Zwez aus Mittenwald. Der Manager des Mauritius-Verlages, der sonst stets dicke Photo-Stories aus dem Ausland für deutsche Illustrierten beschafft, winkte diesmal mit dem ersehnten Knüller.
"Frauen um Hitler" war der vielversprechende Titel. Helmut Kindler und seine Frau, Nina Raven-Kindler, lasen und berieten. Sie waren skeptisch, ob das alles stimmte. Eva Brauns Tagebuch stank im Hintergrund. Da flatterte vom Autor eine Bescheinigung herbei, von Esser am 1. Juni 1949 unterzeichnet, daß der Bericht nach seinem authentischen Material verfaßt sei. Esser, der müßte es wissen. Kindler kaufte. (Rindfleisch meint: für 18000 DM.) Und Kindler besann sich auf die alten Ullstein-Regeln. Publikumssicher änderte er den Titel auf: "Der große Liebhaber Adolf Hitler".
Er fand, es sei ein wichtiger Beitrag "zur Psychologie des Diktators": "die Welt weiß heute besser Bescheid über die Beziehungen Dschingiskhans und Napoleons oder Friedrichs des Großen zu den Frauen als über die weiblichen Bindungen Hitlers."
Nina Raven war der gleichen Ansicht. Auf ihre Meinung hört er, seit er als Opfer des Faschismus 1945 in die Kurfürstendammwohnung der ehemaligen Provinzschauspielerin (Salondame in Elbing) behördlich eingewiesen wurde. Helmut Kindler, aus der Erbmasse des
Deutschen Verlages, schrieb damals die ersten Nachkriegsreportagen für deutschsprachige Sowjetblätter. Nur wenige Wochen. Dann schmetterte er die Karlshorster Türen zu. "Deren Jubelbrause funktionierte ja noch viel präziser als die von "Bumsbeens Bunter Bühne!" (Promi), sagte er zu seinen Freunden
Mit Heinz Ullstein, ehrgeizigem Sprößling der alten Verlegerfamilie, koppelten ihn die Amerikaner vor die Frauenzeitschrift "sie" Nina, mit beiden befreundet, bekam journalistische Amibitionen. In den heftigen Hausmachtkämpfen stritt sie an Kindlers Seite. Die Parteien stellten sich gegenseitig die Schreibtische auf die Westberliner Redaktionsflure. Nina, inzwischen verehelichte Kindler, wurde Siegerin und Chefredakteurin. Unter ihrem Regiment zog die Hälfte der "sie"-Belegschaft vondannen.
Nina Raven ist, wie ihr Mann, erklärte Antifaschistin: "Ich rieche Nazis, mir kann keiner was vormachen."
1948 siedelten Kindlers nach München über. Berlin war blockiert. In Frankfurt versuchte der blasse, lang aufgeschossene Helmut Kindler eine politische Wochenzeitung "Die neue Woche" herauszugeben. Sie brachte ungefähr das, was sich die Amerikaner unter Re-Education vorstellten. Die Leser reagierten auf diese journalistisch-pädagogischen Attacken sauer. Nach der sechsten Nummer stellte man ein.
Uebrig blieben 300000 DM Schulden. Darüber brach der Ullstein-Kindler-Verlag in zwei Teile. Heinz Ullstein erbte die schuldenfreie "sie". Helmut Kindler die erfolgreich gestartete Illustrierte "Revue" und die Schulden. Aus Bremen holte er sich den finanziell schwergewichtigen Textilfabrikanten Dr. Gustaf Schiermeyer als Kompagnon.
"Der farbige Roman", billige Massenromane, sollte die finanziellen Verluste der "Neuen Woche" wettmachen. "Nina liebt" hieß der erste. Bei der "Revue" munkelte man, die Exschauspielerin Raven hätte gern ihr Bild auf dem Romantitel gesehen.
Die "Revue" wuchs langsam, aber stetig. So kam sie in das Gehege der Illustrierten "Quick". Die war nach der Währungsreform in das richtige Loch gefallen und stieg schnell auf 900000 Auflage. "Revue" knöpfte ihr 300000 Leser ab.
Da begann der Krieg zwischen den beiden Redaktionen. "Quick"-Verleger Dr. Theodor Martens beschwerte sich bei "Revue"-Verleger Kindler. Stein des quicken Anstoßes war ein Päckchen Zigaretten, das ein "Revue"-Werber einem hannoverschen Zeitschriftenhändler geschenkt hatte.
Der nächste Schlag kam von Kindler. "Quick" hatte seinen Auflagenrückgang mit einem Preisausschreiben stoppen wollen. "Einer weiß mehr" hieß der Roman, und die Leser sollten das Ende erraten. Aber unter dem amerikanischen Originaltitel "The lady in the lake" stand der Roman Raymond Chandlers in allen Amerika-Häusern. Die pocket-book-Ausgabe trugen viele GI's in die Häuser ihrer deutschen Bekannten. So war das Preisausschreiben "unlauterer Wettbewerb".
Kindler erwirkte eine einstweilige Verfügung und gab dann nach. "Ich Narr, ich dummer Narr, damals hätte ich "Quick" völlig erledigen können", entrüstet er sich heute über seine Großzügigkeit. 90 Prozent seiner Belegschaft wollten die Torpedierung von "Quick" unter der Schlagzeile "Einer weiß mehr - Revue weiß alles!" Aber Kindler war zahm.
"Der große Liebhaber Adolf Hitler" sollte nun der Fallstrick für "Revue" werden. So beschlossen die "Quick"-Leute, behauptet Kindler. Er weiß das von den lachenden Dritten, den Chefs der "Neuen Illustrierten", ebenfalls alten Ullsteinern. Dr. Ewald Wüsten und Paul Haubrich erschienen eines Abends fröhlich alkoholisiert bei ihm. Sie kamen geradenwegs von Martens-Quick-Stuben und packten aus, auf welchem Wege die "Revue" erledigt werden sollte.
Der "Revue"-Direktor hatte wohl Glossen und Polemiken erwartet. Wie das so üblich ist, wenn irgendwelche sensationellen Memoiren aus NS-Zeiten auftauchen. Doch nicht den Frontalangriff, der ihn traf. Entrüstet verlangten alle Münchener Tageszeitungen nach einer dicken Strafanzeige gegen Bosl, Mauritius-Verlag, aber auch "Revue". Man warf ihm "Neofaschismus" vor und animierte die Amerikaner, ihre Druckmaschinen für die "Revue" zu sperren. In der französischen Zone wurde die "Revue" gleich verboten.
Dahinter wittern die "Revue"-Größen Konkurrenzneid. "Alles", ein mit französischem Geld erscheinendes Magazin in Baden-Baden, bringt gerade das Buch des französischen Capitaine Albert Zoller "Hitler privat" (nach den Mitteilungen von Hitlers Privatsekretärin) zum Abdruck. Doch der "Liebhaber Hitler" ist interessanter.
Dann noch das: Verschiedene Weiblichkeiten meldeten sich schon, in der Furcht, mit Adolf Hitler intim belauscht worden zu sein. Auch Leni Riefenstahl. Ihr Anwalt Dr. Otto Gritschneder meldete an, daß sofort eine einstweilige Verfügung gegen die "Revue" erwirkt werde, sofern Frau Riefenstahls Name in diesem delikaten Zusammenhang genannt werde.
Eine "juristisch geschulte Ueberarbeitung" soll "Revue" und ihren Rindfleisch-Autor vor dem Wolkenbruch von einstweiligen Verfügungen beschirmen. Aber vielleicht bricht Kindler überhaupt ab. Denn die Wirtschafterin Anny Winter aus Hitlers Münchner Privatwohnung hat sich gemeldet. Die weiß auch noch was.
*) Das Gesicht vom Hut verdeckt: der begleitende Kriminalist.

DER SPIEGEL 38/1949
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 38/1949
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Ich rieche Nazis

Video 01:19

Umstrittene Militär-Übung Flugzeug steuert auf Hochhaus zu

  • Video "Meghan und Harry in Sydney: Koalas und ein Plüsch-Känguru" Video 01:24
    Meghan und Harry in Sydney: Koalas und ein Plüsch-Känguru
  • Video "Saudi-arabische Erklärung zum Fall Khashoggi: Das ist ein Märchen" Video 04:29
    Saudi-arabische Erklärung zum Fall Khashoggi: "Das ist ein Märchen"
  • Video "Erster Bike-Trial-Weltcup in Berlin: Die fliegenden Räder" Video 02:04
    Erster Bike-Trial-Weltcup in Berlin: Die fliegenden Räder
  • Video "Grünes Direktmandat in Würzburg: Wie Patrick Friedl die CSU besiegt hat" Video 04:13
    Grünes Direktmandat in Würzburg: Wie Patrick Friedl die CSU besiegt hat
  • Video "Drohnensteuerung: Körperbewegungen sollen Joystick ersetzen" Video 01:12
    Drohnensteuerung: Körperbewegungen sollen Joystick ersetzen
  • Video "Südfrankreich: Mindestens 10 Tote bei Überschwemmungen" Video 00:49
    Südfrankreich: Mindestens 10 Tote bei Überschwemmungen
  • Video "Humanoid-Roboter: Atlas läuft Parkour" Video 01:22
    Humanoid-Roboter: "Atlas" läuft Parkour
  • Video "Duell in Portugal: Rallye-Auto vs Mountainbike" Video 01:17
    Duell in Portugal: Rallye-Auto vs Mountainbike
  • Video "Atlantischer Wirbelsturm: Meterhohe Wellen treffen auf Madeira" Video 00:54
    Atlantischer Wirbelsturm: Meterhohe Wellen treffen auf Madeira
  • Video "Axtwerfen: Trendsport für den gestressten Großstädter" Video 01:58
    Axtwerfen: Trendsport für den gestressten Großstädter
  • Video "Hindu-Tempel in Berlin-Neukölln: Elefantengott auf der Hasenheide" Video 03:10
    Hindu-Tempel in Berlin-Neukölln: Elefantengott auf der Hasenheide
  • Video "Ironman Hawaii: In Rekordzeit zum Heiratsantrag" Video 01:05
    Ironman Hawaii: In Rekordzeit zum Heiratsantrag
  • Video "Mögliche Koalition mit den Grünen: Die CSU widerspricht unseren Inhalten" Video 01:28
    Mögliche Koalition mit den Grünen: "Die CSU widerspricht unseren Inhalten"
  • Video "Mechanische Kakerlake: Der schwimmende Laufroboter" Video 01:04
    Mechanische Kakerlake: Der schwimmende Laufroboter
  • Video "Umstrittene Militär-Übung: Flugzeug steuert auf Hochhaus zu" Video 01:19
    Umstrittene Militär-Übung: Flugzeug steuert auf Hochhaus zu