15.09.1949

Butterkrem und Brautmarsch

Am Tage vor dem Abflug der Berliner Philharmoniker nach Edinburgh hing das Aufgebot von Miß Mary Annena Billings und Philharmoniker Karl Rucht im Kasten. Mary Annena Billings: Managerin der Berliner US-Education-Control; Karl Rucht: Solotrompeter der Berliner Philharmoniker
Vier Tage nach der Rückkehr vom England-Trip fuhr das olivgrüne Verlobungsgeschenk das musische Paar zum Standesamt, ein Renault 49. Die Bildberichter drängten sich, um den obligaten Brautkuß richtig auf die Platte zu bannen.
Blacher-Schüler Karl Rucht machte damit zum zweitenmal von sich reden. Das erstemal war das der Fall gewesen, als er im Steglitzer Titania-Palast sein "Scherzo für großes Orchester" uraufführte.
Bei den Philharmonikern trompetet er, um Geld zu verdienen. Seine große Leidenschaft sind Notenfeder und Taktstock Den lernte er bei Celibidache führen
Damals waren die Laien verblüfft und die Kenner begeistert. "Frech und aufreizend, voll fulminanter Höhepunkte, ein Opus I, das man nicht vergißt", war die Berliner Kritiker-Meinung über Ruchts Erstling.
Die 24jährige Braut aus Uebersee ist in Musik-Berlin auch nicht unbekannt Im Konzertwinter 1947/48 starteten auf ihre Initiative hin die Dollar-Konzerte mit Menuhin und Gieseking Miß Billings' konzertdirektoriale Tätigkeit verschaffte dem Philharmonischen Orchester das Geld für neue Instrumente.
Arrangieren ist Annena Billings' Stärke. Zehn Zentimeter dick war die Zeremonienvorschrift, nach der Annena am Tage vor der Hochzeit in Niemöllers. Dahlemer Dorfkirche Akteure und Blaschor und Streichquartett zur Hochzeits-Generalprobe einwies.
Papa Billings, Rechtsanwalt, Oberst a. D. und Patentamtschef in Washington, zur Familienfeier aus Uebersee gekommen, schmunzelte. Karl Rucht als dirigierender Komponist stand kaltgestellt zwischen den Kirchenbänken. "Drehbuchregie ist nichts dagegen."
Dafür klappte es am Hochzeitstage wie am Schnürchen. Als das Vierteljahrhundert auffahrender Jeeps, Volkswagen, Studebakers und Buicks vor der 200 Jahre alten Kirche hielt, goß es allerdings programmwidrig in Strömen.
Unter den Klängen von Lohengrins Brautmarsch, vom Philharmoniker-Blaschor intoniert, schritt Annena an Papas Hand auf den in interessanter Blässe am Altar wartenden Bräutigam zu. Das Philharmonische Streichquartett strich vierstimmig: "So nimm denn meine Hände ..." Acht Minuten dauerte die Zeremonie inklusive Hochzeitskuß.
Anschließend war Empfang in weiland Erziehungsminister Rusts Villa am Hirschsprung. Dort war der Hochzeitskuchen aufgebaut, eine dreistufige Buttercreme-Kaskade. Die Musikkritik Berlins, fast vollzählig erschienen, sah mit Anteilnahme zu, als Annena und Karl sie anschnitten.
"Ein Meisterstück raffinierter Instrumentationskunst", schrieb damals der "Tagesspiegel" über Solo-Trompeter Ruchts Opus I. Die Teilnehmer an Ruchts Hochzeit fühlten sich daran erinnert.

DER SPIEGEL 38/1949
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 38/1949
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Butterkrem und Brautmarsch

  • Bangladesch: Zahlreiche Tote bei Großbrand in Dhaka
  • Nach Hauptstadt-Bashing: Boris Palmer traut sich nach Berlin
  • IS-Rückkehrer: "Wir können sie nicht einfach wegsperren"
  • Raubtierkampf: Jaguar schnappt sich Krokodil