01.09.1949

Weimarer National-Theater

Nationalpreisträgerliste muß revidiert werden", blitzdrahtete der ostzonale Volksbildungspräside Paul Wandel noch am Morgen des großen Tages, an dem kurz vor Beginn der Goethe-Festwoche in Weimar 98 "Nationalpreisträger" dekoriert wurden. Daraufhin Aufregung im Festbüro des Intellektuellen Förderungsausschusses, der sinnigerweise im Parterre des "Russischen Hofes", dem I. Klassehotel am Goetheplatz der Musenstadt, seinen Sitz aufgeschlagen hatte.
Nach hartem Feilschen erst und nach einer stürmischen Nacht im Kulturbundhaus Berlin (Französische Straße) hatte Anton Ackermann, Kultura-Politruk der SED, den Aenderungen der bereits in Druck gegebenen Namensliste zugestimmt. In Herrgottsfrühe wurde dann "Mutter Courage", alias Helene Weigel und Gattin Bertolt Brechts, mit der telefonischen Anfrage überrascht, ob der Dichter sehr böse sein würde, wenn man ihn in Weimar "vergäße". Dieweil doch sie als Darstellerin seiner "Mutter Courage" ohnehin ausgezeichnet würde. Und zwei "Nationalpreise" in der Preislage von je 50000 Mark in einer Familie ...
"Schon gut!" antwortete die hagere Helene und nannte das Ganze echt wienerisch einen Schmarr'n. Man tue Bert nur einen Gefallen, wenn man ihn nicht nach Weimar zitiere.
Aber auch Arzt-Schriftsteller und kommunistischer Dramatiker Friedrich Wolf ("Professor Mamlock", "Cyankali" usw.), dem nun an Brechts Stelle noch in letzter Sekunde ein Nationalpreis zweiter Klasse mit 50000 Emm zufiel, pilgerte nicht nach Weimar. Er grollte noch immer, weil man nicht sofort an ihn gedacht hatte.
Es schmollte auch Anna Seghers ("Das siebte Kreuz"), unwiderrufen Vergessene unter den prominenten Links-Schriftstellern. Und nicht minder Opernsängerin Tiana Lemnitz, die im duftigen Organdy-Kleid einen Tag zu früh nach Weimar gefahren war und während des Festaktes vergebens den Aufruf ihres Namens erwartete. Volksbildungspräside Wandel, von Gelbsucht noch quittegelb, hatte ihren Namen gestrichen und statt seiner den Regisseur des Erfolgsfilms "Die Buntkarrierten", Kurt Maetzig, eingesetzt (Nationalpreis zweiter Klasse).
Die aber, auf deren Erscheinen das Präsidium des Volksrats besonderen Wert legte, drei ohne ihr Zutun erkorene westdeutsche Kulturpreiswürdenträger, blieben zu Hause. Komponist Carl Orff, dem für "Die Kluge" ein dritter Preis in Höhe von 25000 DM (Ost) zugedacht worden war, ließ sich nicht aus dem heimischen Gräfelfing hervorlocken. Rheinischer Schriftsteller Herbert Eulenburg, von Paul Wandel "fortschrittlicher Friedensstreiter" genannt, schützte Alter und Krankheit vor. Und Professor Dr. Hans Cloos, berühmter Geologe der Universität Bonn, ließ seinen 50000 DM (Ost)-Anteil der WIKO-Prämienausschüttung bei der Berliner Volksbank gutschreiben.
Anfangs hatten auch noch einige bürgerliche Vertreter der Geisteswissenschaften aus Westdeutschland, wie Professor Nicolai Hartmann, auf der Vorschlagsliste gestanden - aus taktischen Loyalitätsgründen. Als aber passionierte Theaterfreunde des Kulturbundes, durch soviel Großzügigkeit ermuntert, Gustaf Gründgens als nationalpreis-verdächtig vorschlugen, machte man radikal Schluß mit solchen Verirrungen.
So kam es dann, daß schließlich der greise Marburger Kunsthistoriker Dr. Richard Hamann, der seit längerer Zeit an der Ost-Berliner Humboldt-Universität lehrt, und der Heidelberger Biochemiker Prof. Lettre als Vertreter der "Kulturschaffenden aus den Westzonen" fungieren mußten - und Filmregisseur Erich Engel, eigentlich zwar Berliner, aber westlich qualifiziert, weil er gerade in Geiselgasteig dreht.
Als echte trizonesische Parkettgäste der Zeremonie saßen unter Würdenträgern des Volksrates, der ostzonalen Landesregierungen und der Parteivorstände in der sechsten Reihe des mausgrau getönten cylindrischen Nationaltheaters nur Neutralisierungs-Professor Noack und einige Grauköpfe seines Nauheimer Zirkels.
Frischdekorierter Nationalpreisträger (zweiter Klasse) Generalmusikdirektor Hermann Abendroth dirigierte Beethovens "Egmont"-Ouvertüre. Dann dirigierte Wilhelm Pieck im ultramarineblauen Staatsjackett mit feinem grauen Nadelstreifen die auf der hellbraun drapierten Bühne sitzenden Ehrenpreisträgern an sich vorbei, um ihnen die in rotem Kaliko gebundenen Urkunden auszuhändigen und weißblecherne Verdienstmedaillen am schwarzrot-goldenen Band auf den Rockaufschlag zu heften.
Hübsche Backfische knicksten gazellengleich vor Adolf Hennecke, als sie ihm einen Scheck über 100000 DM (Ost) überreichten. Ihm wurde als "Nationalpreis erster Klasse" mit gleichem Maß dasselbe zugemessen, was Heinrich Mann in Abwesenheit (er wartet in Santa Monica bei Los Angeles noch auf seine Ausreisegenehmigung), dem Kulturbundesdichter Johannes R. Becher und den linientreuen Professoren der Ost-Berliner Universität bewilligt wurde.
Ueber eine Stunde lang verlas Wilhelm Pieck mit sonorem Pathos das Konzept, das ihm Professor Stroux, wissenschaftlicher Beirat der Nationalpreisjury, aufgesetzt hatte. Stroux hatte soviel Fach- und Fremdworte als Zungenangeln hineingelegt, daß Wilhelm Pieck mehrmals strauchelte. Die Professoren unterdrückten ein mokantes Lächeln.
Eigentlich hatte Volksratskollege Otto Grotewohl als in solcherlei bewährter Intellektueller diese Prozedur vornehmen sollen. Aber der hatte es von sich gewiesen, seinen teils in Prerow auf dam Darß, teils im Luxuskurort Schierke angemeldeten Urlaub aufzugeben und mit dem schwarzen Hoch-8-Zylinder und üblichem Begleitschatten - einem von der Hauptverwaltung des Innern abgestellten Leibpolizisten - nach Weimar zu fahren.
Angestrahlt von vier großen Jupiterlampen der DEFA-Männer, die 650 Meter Film abspulten, schwitzte Wilhelm Pieck. Endlich war die Zeremonie vorbei. Schecks in Höhe von insgesamt 2,2 Millionen DM (Ost), 235 Gramm Weißblech, 980 Zentimeter schwarz-rot-goldenes Band und 98 Ehrendiplome auf Kunstdruckpapier waren verteilt worden.
Nur zwei Dutzend Weimarer standen am Goethe-Schiller-Denkmal vor dem "Nationaltheater", um die preisgekrönten "Helden der Arbeit", wie Paul Wandel die Aktivisten der Faust und der Stirn getauft hatte, zu sehen.
Die vierzehn jüngsten Kollektiv-Preisträger dritten Grades, Schlosserlehrlinge aus dem Bahnbetriebswerk Dresden-Friedrichsstadt, die beim Absingen des Henneckeliedes auf den Weimarer Straßen abfällige Zwischenrufe ernteten, beschwerten sich bei Thüringens kommunistischem Ministerpräsidenten Werner Eggerath über die "unflätige Sturheit" der Weimarer. Aus deren Mitte hatte es getönt: "Und das müssen wir alles mit Steuern wieder aufbringen".

DER SPIEGEL 36/1949
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