08.09.1949

Spiele mit dem guten Ruf

Sozialdemokrat Kurt Semprich braucht nun nicht mehr vom frühen Morgen bis zum späten Abend über einem Badezimmerabfluß zu sitzen. Sein Chef, Bruno Diekmann, alter Landwirtschaftsminister und dazu neugewählter Ministerpräsident Schleswig-Holsteins, hat den persönlichen Referenten Semprich und die Sekretärin Irma Burkhardt aus dem landwirtschaftsministeriellen Block 13 der Kieler Eichhofkaserne mit in die Landeskanzlei genommen.
MP-Vorgänger Lüdemann hat weniger primitive Referentenräume als Bruno Diekmanns Ministerium, das Kurt Semprich in ein demontiertes Badezimmer setzen mußte. Nun werden Landeshausräume für Diekmanns Gefolge freigemacht. Der Lüdemann-Referenten Milchsack und Ohrenschall Referentenstühle wanken.
Vor 10 Jahren hielt Bruno Diekmann schon einmal in dem backsteinernen Gebäudekomplex am Fördeufer, der jetzt Landeshaus heißt, Einzug. Damals war es noch die Marinestation Ost, und Elektrotechniker Diekmann saß in der Fernsprechzentrale im Keller. Ueber Volksschule, Elektrotechnikerlehre bei der Firma Dabelstein, Weltkrieg-I-Soldat und Deutsche Werke Kiel brachte er es bis zum Zentralen-Chef im Marinehaus-Keller.
Manchmal trifft Minister Diekmann heute noch einen alten Kollegen, der mit Elektriker Diekmann zusammengearbeitet hat. Dann gibt es jedesmal eine herzliche Begrüßung und gemeinsam eine gute Zigarre. Bruno Diekmann hat immer eine Kiste parat. Ministerfahrer Johannsen, auf den Straßen zwischen Frankfurt und Kiel ganz zu Hause, hat an und für sich eine Abneigung gegen derartige Ausschweifungen seines Chefs. Er ist Nichtraucher und Antialkoholiker. Der Minister respektiert das. "Herr Johannsen, kann ich rauchen oder stört es?" fragt er unterwegs zuweilen. Fahrer Johannsen erlaubt es dann regelmäßig
Sein Leben mit Diekmann ist ziemlich aufreibend. Wenn um 10 Uhr morgens ein Termin im bizonalen Frankfurt war, mußte Fahrer Johannsen in der Nacht vorher hinfahren und in der Nacht hinterher wieder nach Kiel zurück. Bruno Diekmann dusselte im Wagen ein bißchen. Am nächsten Morgen bringt er Sekretärin Burkhardt und Referent Semprich wieder in Bewegung.
Andreas Gayk, Schleswig-Holsteins Landes-SPD-Chef wußte, warum er diesen anspruchslosen Mann auf Lüdemanns Platz dirigierte: dem 52jährigen Gewerkschaftler fehlt der Sinn für den "Glanz des Regierungsamtes", über den der 69jährige Hermann Lüdemann gestolpert ist: Kurt Semprich muß oft genug Harun al Raschid spielen und berichten, was die kleinen Leute auf der Straße von der Lage halten.
Zur Bundeswahl kandidierte Bruno Diekmann auf einem aussichtslosen Posten als SPD-Kandidat in Flensburg zwischen SSW-Dänen Samuel Münchow und parteilosem "Deutschen-Block"-Mann Dr. Eduard Edert (Münchow 31,4 Prozent, Diekmann 15,1 Prozent, Edert 48,0 Prozent). "Er war bereit, seinen guten Ruf aufs Spiel zu setzen" (Gayk). Er tat es um des Prinzips willen, aus der Bundeswahl keine Volksabstimmung zu machen. Darüber hatte er mit dänischen Genossen ein paar Mal in Kopenhagen verhandelt.
Stöße von Büchern muß Referent Semprich aus Professor Wilhelm Gülichs weltwirtschaftlicher Bibliothek in der Universität Kiel heranschleppen, seit Elektriker Diekmann Minister ist (1947). Kurt Semprich staunt jedes Mal, wenn Chef Diekmann ihm heute auf Autofahrten präzise Erklärungen über Ackerbau und Viehzucht längs der Straße gibt. Oder auch zur Architektur des Schleswiger Domes beispielsweise. So etwas und Gemälde sind seine privaten Liebhabereien.
Wenn Bruno Diekmann (verheiratet, keine Kinder) außerhalb zu tun hat, meldet er sich gewöhnlich für längere Zeit ab, als er zu seinen Erledigungen vermutlich brauchen wird. Dann kommt er früher als erwartet wieder und guckt nach, was inzwischen getan ist. Sekretärin Burkhardt und Referent Semprich sind auf den Trick schon eingestellt.
In einem halben Jahr wird Bruno Diekmann ausgedient haben. Dann kommt bestimmt Landtagsneuwahl und wahrscheinlich ein CDU-Sieg. 29,6 Prozent der Wähler stehen schon heute nur noch hinter der (SPD-Einparteien-) Regierung. Bei den Landtagswahlen 1947 waren es noch 43,8 Prozent.
In Bruno Diekmanns Regierungserklärung steht denn auch nichts mehr von Sozialisierung und Sozialismus. Sie ist ein Notprogramm. Selbst die sonst SPD-fressenden "Kieler Nachrichten" (CDU) schrieben: "Kleine Zugeständnisse, maßvolle Versprechungen."

DER SPIEGEL 37/1949
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