08.09.1949

Goldene Tage am Goldenen Horn

Wiener Fußballprofi und sechzigmal international erprobter Willi Hahnemann steht wieder wohlgenährt und braungebrannt in der Tür seines Meidlinger Parfümerieladens. Wie die ganzen letzten zehn Jahre, die er Linksverbinder in der Stürmerreihe des Wiener SC "Wacker" spielte Eine vergangene kurze Unterbrechung dankt er 580 Feuerzeugen.
"Die Feuerzeuge sollten unsere Freunde vom Fußballklub Apollonia in Athen bekommen." Mit denen hatte der Wiener SC "Wacker" im August 1948 bei einem Freundschaftsspiel einen Tausch vereinbart. Sie wollten Schuhe für Feuerzeuge geben.
Muselmanische Polizisten sahen im Istanbuler Stadion bei einem Trainingsspiel von Wacker, wie die Wiener ihren türkischen Sportfreunden Feuerzeuge in die Hand drückten. Als Mitbringsel und Souvenir. Das machte die Türken tückisch. Wegen des Staatsmonopols, das fern in der Türkei das Feuerknipsen ungemein verteuert. Und die Wiener Feuerzeuge trugen nicht den verordneten Halbmondstempel.
Käptn Hahnemann war mit seiner Mannschaft kaum wieder im Hotel "Europa", da schellte das Telefon. Leise wispernd hing ein türkischer Polizist am anderen Strippenende. Er sei Anhänger von "Galata-Serail" (das war der Fußballverein, der die Wiener eingeladen hatte) und rate, falls noch Feuerzeuge da wären, sie schleunigst aus dem Hotel zu schaffen. Haussuchung sei im Anrücken.
Hahnemann und Centerhalf Rudolf Polster, genannt "Monti" waren kaum durch die Drehtür, da traten ihnen mehrere Polizisten entgegen und nahmen sie samt Köfferchen und Paket mit auf die Wachstube. Das war ein Sonntagabend.
Bis zwei Uhr nachts rauschten türkischer Wortschwall, vom Dolmetscher kaum gebändigt, auf sie nieder. Sie hatten kaum die Hälfte des Verhörs mitgekriegt.
Mit untürkischer Schnelligkeit wurde Montagabend zwischen 20 und 22 Uhr der Prozeß gemacht. Wegen Vergehens gegen die Monopolgesetze, worauf sechs Monate bis zu drei Jahren Gefängnis stehen. Der Richter entschied auf Mindeststrafe, sechs Monate. Da halfen keine sportlichen und diplomatischen Interventionen. Hahnemann und Monti mußten brummen.
Nicht einmal gegen die Sportfreunde von "Galata-Serail" durften sie antreten, die konnten sie dafür monatelang im Üsküdar-Gefängnis auf der kleinasiatischen Seite Istanbuls besuchen. Jeder beglückwünschte sie überdies zu diesem komfortablen Aufenthalt. Verglichen mit Üsküdar ist selbst Johann Straußens "Fledermaus"-Gefängnis eine Hölle
Die beiden Fußballer bekamen das Essen täglich aus einem Hotel gebracht. Außerdem konnte man sich in einer Kantine Tee und Kaffee nach Belieben bereiten lassen. Alles natürlich gegen gute türkische Pfunde. Daß die nicht ausgingen, dafür sorgten schon die Fußballkollegen von den türkischen Vereinen und die Mitglieder der österreichischen Kolonie in Istanbul.
Käptn und Monti bewohnten ein Zweibettzimmer. Ohne vergitterte Fenster natürlich Beide waren die Lieblinge des Gefängnisdirektors. Sogar Schuhputzer gab es in diesem fidelen Gefängnis, in dem die Gefangenen von morgens bis abends sich unentwegt in Hof und Garten tummeln können. Alle durcheinander, der Defraudant neben dem Schieber, sogar Stammgäste, die bis zu dreißig Jahren absitzen, waren dabei.
Denn das Geschäftemachen ruht auch im Üsküdar-Gefängnis nicht. Sogar die Außenwelt wird einbezogen Das ist dann zwar schon nicht mehr offiziell, doch einträglich. Da die Gefangenen zu jeder Zeit Besuche empfangen können, regelt sich alles in harmonischer Weise. Zumal ein Wächter, der hier Guardian heißt, nur 70 Lira Lohn im Monat bekommt.
Die vom Staat gebotene Sträflingkleidung wird nur von den Allerärmsten benutzt. Man trägt Zivil, und meist kein schlechtes. Einer der zwanzigjährigen Stammgäste, der auch über rege Außenweltbeziehungen verfügte, erschien stets in blendend weißen Anzügen und bunten Golfjacken.
Dem Ruf des Muezzins folgen alle in gläubiger Strenge, die beiden Wiener natürlich ausgenommen. Denen blieb trotz dreier Berufungsverhandlungen die Freisetzung versagt. Dabei war das Gesetz über das Feuerzeugmonopol inzwischen aufgehoben worden als sie gerade den zehnten Tag saßen. Woraufhin ihnen der eigene Rechtsanwalt in massivem Wortschwall erklärte, daß sie auch wegen Zollvergehens verurteilt seien.
An einem Freitagabend endlich öffnete sich nach vollbüßter Haft das Tor von Üsküdar den beiden Wienern. Selbstverständlich hatten sie nicht versäumt, am Vorabend die übliche Abschiedsfeier mit Tee, Kaffee und Zigaretten zu geben. Ohne diese Festivität verläßt keiner das goldige Haus am Goldenen Horn.
Der alte Internationale Hahnemann nimmt diese ungewöhnliche Fußball-Exkursion als interessante Episode. Ihn wurmen nur heimatliche Verdächtigungen wegen der Feuerzeuge, von denen ihn ein Kommuniqué des Fußballbundes schließlich nur formal reinigen konnte. Er will nicht so bald wieder international spielen.

DER SPIEGEL 37/1949
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