22.09.1949

Erlauchter Spätling

Die Mode löste alle Nöte, die über der Vermählung des Prinzen Louis Napoléon mit der Gräfin Alix de Foresta aufzusteigen drohten. Der napoleonische Thronprätendent, auch Graf von Montfort genannt, wollte sich auf Elba verheiraten. Die französische Regierung hörte schon hinter den Hochrufen auf den künftigen Ehemann das "Vive l'Empereur" und intervenierte. Der Prinz, trutzig, drohte, nach Belgien zu gehen.
Der Ministerrat der Vierten Republik beriet. Staatspräsident Auriol warnte vor jedem Affront gegen den einstigen Fremdenlegionär und bewährten Widerstandskämpen. Da bot der Prinz selbst an, Trauakt und Traufeier in dem Dörfchen Liniéres-Bouton im Departement Maineet-Loire steigen zu lassen und in ländlicher "Intimität" den Bund fürs Leben zu beginnen. So ist es letzter Modebrauch in den großen französischen Familien.
Vincent Auriol lächelte zufrieden. Er schickte seinen Küchenchef, seinem präsumtiven kaiserlichen Nebenbuhler das Hochzeitsmahl zu kochen. Die Bonapartisten entsandten den Prinzen Paul Murat. Aus de Gaulles Hauptquartier kam General Koenig. Der Erzbischof von Marseille, Monseigneur Delay, segnete die Ehe ein, die Zeitungen schrieben freundliche Berichte. Daß der Prinz eigentlich gar nicht in Frankreich leben darf, verschwiegen sie taktvoll.
Das ist ihm und seinesgleichen seit 1876 verboten. Damals fürchtete die junge Republik eine Wiederholung jener beiden Staatsstreiche, die den Neffen des großen Korsen, den abenteuerlichen Verschwörer Napoleon III., schließlich auf den Thron erhoben, Frankreich selbst aber an den ruinösen Abgrund brachten. Also sprach die Republik allen napoleonischen und gleich auch allen bourbonischen Thronanwärtern die französische Staatsbürgerschaft ab und verbot ihnen und ihren Nachkommen, französischen Boden zu betreten.
Diese gesetzliche Schranke steht allerdings heute fast nur mehr auf dem Papier. Vielleicht wird sie im September oder Oktober ganz aufgehoben, wenn die peinlichen Tagessorgen der Nationalversammlung genug Zeit lassen, auch über den Antrag des bretonischen MRP-Abgeordneten Hutin-Desgrées zu sprechen. Der beantragte in der vorigen Sitzungsperiode die Aufhebung des Exilgesetzes von 1876. Widerspruch wird kaum erwartet.
Dann darf der Graf von Montfort auch legal in Frankreich leben, wie er es heute illegal, doch wohlgeduldet tut. Von Thronansprüchen kann bei dem Nachkommen Jerême Bonapartes, des einstigen Königs "Lustik" von Westfalen, ohnehin nicht die Rede sein.
Daß sein Familienzweig - die Nachfahren des jüngsten der Napoleon-Brüder - in die offizielle Prätendentenrolle kam, verdankt er überdies nur dem genealogischen Zufall. Des großen Korsen einziger legitimer Sproß mußte als Herzog von Reichstadt im Wien Metternichs verdämmern, und des dritten Napoleons einziger Sohn Lulu wurde im afrikanischen Busch 1879 von Zulu-Speeren durchbohrt.
Weiter als der Graf von Montfort hat es schon einer seiner bourbonischen Rivalen gebracht. Monsieur Jacques de Bourbon-Busset ist nicht nur in Frankreich geduldet, das Außenministerium hat sogar diesen echtesten aller Bourbonen in Lohn und Brot genommen. "Directeur adjoint" lautet die offizielle Amtsbezeichnung, unter der der Bourbonen-Spätling dem Kabinett des Außenministers Schuman angehört. Dort ist es seines Amtes, mit der angeborenen Courtoisie des Fürstensohnes unerwünschte Besucher freundlich abzuschieben.
Allerdings stammt Monsieur Jacques aus einem Zweig der vielschichtigen Bourbonen-Familie, der niemals das Glück hatte, Frankreichs Thron zu zieren. Diese Chance verscherzte sich sein Ahnherr Karl, der in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts mit Herzog Karl dem Kühnen von Burgund gegen den regierenden Bourbonen-Vetter Ludwig XI. revoltierte. Dafür verlor er für sich und seine Nachkommen alle Thronansprüche.
Aber auch ohne den Fehltritt seines erlauchten Ahnherrn würden dem "zugeteilten Direktor" des Quai d'Orsay kaum irgendwelche königlichen Ambitionen kommen. Er wäre schon zufrieden, wenn er legal weiter im Außenministerium arbeiten darf, wie es ihm der großzügige Robert Schuman bisher illegal gestattete.
Da steht der Graf von Paris echter Prätendentenwürde sehr viel näher. An legitimer Bourbonenechtheit rangiert er zwar weit unter jenem Monsieur Jacques vom Quai d'Orsay. Dafür ist er aber ein Nachkomme des letzten Bourbonenzweiges, der noch auf dem französischen Königsthron saß. Heinrich Graf von Paris kommt aus dem Hause Orléans, das der Bruder Ludwigs XIV. begründete und das mit dem Bürgerkönig Louis-Philippe Frankreich seinen letzten König schenkte (1830 bis 1848).
Noch lebt Graf Heinrich in Portugal. Als emsiger Grundbesitzer bewirtschaftet er sein Landgut Quinta d'Anjinho. Morgens geht er mit seinen Leuten aufs Feld, nachmittags widmet er sich seinen Pratendentenaufgaben und schreibt Denkschriften.
Dann steht er anschließend oft noch an der Handpresse im Keller seines Gutes und zieht eigenhändig die von ihm verfaßten Memoranden ab. Seine älteren Kinder - die ältesten Söhne, Henri (16 Jahre) und François (14 Jahre) studieren in Frankreich - schauen ihm dabei bewundernd zu (siehe Bild S. 18).
Auch bei Heinrich war es der genealogische Zufall, der ihn zum legitimen Königsanwärter machte. Vor ihm und seinem Vater, Herzog von Guise, standen die älteren Herzöge von Orléans und Montpensier in der angestammten Thronfolgeordnung. Aber beide Herzöge starben in den 20er Jahren kinderlos. Als auch der Herzog von Guise 1940 starb, wurde der damals 32jährige Graf Heinrich offizieller Thronanwärter.
Er hat auch schon einiges getan, um seinem königlichen Namen den gebührenden Nimbus zu verschaffen. Bei Kriegsausbruch 1939 ersuchte er die französische Regierung, in die Armee eintreten zu dürfen. Er durfte nicht. Also ging er zur Fremdenlegion nach Afrika und diente als simpler Soldat Henri Orliac ein Jahr ab.
1942 bemühte er sich um einen politischen Start. Er erschien in Vichy. Er sprach mit Pétain und Laval. Als die Alliierten in Nordafrika landeten, tauchte er in Algier auf. Er versuchte, Admiral Darlan zu überreden, ihn als Oberkommissar für das französische Imperium einzusetzen. Wenn einmal die Archive der Alliierten geöffnet werden, wird man erfahren, daß die ehrgeizigen Pläne des als Oberleutnant Bertrand getarnten Grafen Heinrich damals an dem energischen Veto des Präsidenten Roosevelt scheiterten.
Dabei huldigt der Königsanwärter republikanischen Anschauungen. Im April 1947 besuchte ihn ein Schweizer Journalist in seinem portugiesischen Exil, wo er mit seiner Frau Isabel, einer Nachfahrin des letzten Kaisers von Brasilien Dom Pedro aus dem Hause Orléans-Braganza und seinen elf Kindern ein friedliches Ackerbürgerleben führt. Auf die Frage des Journalisten, ob er die Monarchie für die einzig mögliche Lösung der brennenden politischen Probleme Frankreichs halte, antwortete der Graf:
"Nicht notwendigerweise. Die Monarchie ist eine von vielen Lösungen, die sich für den Wiederaufbau Frankreichs darbieten. Wenn Frankreich unter einem anderen Regime sein Heil findet, dann freue ich mich herzlich über sein Glück."
Als darauf der Journalist ironisierte: "Dann wären Sie also ein radikal-sozialistischer Souverän?", bejahte der Graf von Paris ernsthaft: "Wenn Sie wollen, ja. Aber ich wäre ein verjüngter Radikalsozialist, der sich den Umständen anzupassen vermag."
Tatsächlich ist Graf Heinrich im Grunde von jeher ein gemäßigter Demokrat gewesen, der schon immer von den Radikalinskis und Antisemiten abgerückt ist, von Pétain nichts wissen wollte, den Kapitalismus verabscheut und während des Krieges Gaullist war. Er schreibt Flugschriften, in denen er soziale Ideen predigt und die parlamentarischen Institutionen preist.
Die Republik braucht also kaum um ihren Bestand zu fürchten, wenn sie auch dem Grafen von Paris die Heimkehr in das Schloß seiner Väter an der Loire gestattete. Er würde überdies in seinem Vaterlande kaum auf Anhänger stoßen.
Wohl gibt es noch Royalisten in Frankreich. Aber sie dienen keinem Kandidaten. Selbst der Uebernationalist Charles Maurras und seine "Action Française", die sich vor dem Kriege so königstreu gebärdeten, huldigten mehr einem Symbol als einem bestimmten königlichgeborenen Manne. Heute sitzt Charles Maurras im Gefängnis von Lyon. Die angebliche Kollaboration mit den Deutschen hat ihn dort hingebracht.
Aber seine Anhänger im Lande rühren sich von Zeit zu Zeit wieder. Einer von ihnen, der ehemalige Universitätsprofessor Pierre Boutang, versucht mit der Zeitung "Aspect de la France" die alte "Action Française" weiterzuführen. Sein und seiner Freunde Idol ist aber weder der Graf von Montfort, noch der Graf von Paris. Der große Name dieser seltsamen Monarchisten ist Philippe Pétain. In dem einstigen Marschall von Frankreich und Staatsgefangenen der Vierten Republik sehen sie das Symbol der "gottgewollten Ordnung".
Es ist nicht die Liebe zu einem Souverän, die Frankreichs überlebende Monarchisten zusammenführt, es ist der Haß gegen die Republik. Unter dieser Fahne versuchen sie sich zu sammeln. Ein erstes Treffen im Schloß Castelbajac vor drei Monaten platzte schon, bevor es zustandekommen konnte. Ein zweites Treffen in Bayonne vor zwei Wochen kam bis zur feierlichen Eröffnung. Dann wurde es von alten Widerständlern gesprengt.

DER SPIEGEL 39/1949
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