22.09.1949

WISSENSCHAFTAuf wissenschaftlichen Beinen

Erich Menzel, Chef des Erlanger "Institut für Wissenschaftliche Filme", trat gegen das Münchener Oktoberfest an. Er führte seinen auf der Biennale 1949 ausgezeichneten Film. "Griff nach dem Atom" der Presse vor.
Dies geschah im Filmtheater an Münchens Sendlingertor, 800 Meter von der Theresienwiese entfernt, gleichzeitig mit der Eröffnung des bayrischen Volksfestes. Auf die Anwesenheit von Ministerpräsident Ehard und Militärgouverneur Van Wagoner mußte Erich Menzel verzichten.
Die Journalisten bekamen Briefumschläge überreicht und fanden darin einen Notruf "Rettet den deutschen Kulturfilm". Von Lob und Anerkennung allein sei nicht herunterzubeißen. Menzel fordert Steuerermäßigung für "volksbildende" und "kulturell wertvolle" Programme. Und einen Gutachterausschuß für das gesamte Bundesgebiet.
Der Bayrische Landtag bekommt ein Sonderlob für kulturelle Aufgeschlossenheit. Er habe einstimmig beschlossen: "Die Staatsregierung wird veranlaßt, Steuerfreiheit für als wertvoll anerkannte Kultur-, Dokumentar- und Jugendfilme sowie Ermäßigung der Vergnügungssteuer für Programme zu gewähren, die wertvolle Kulturfilme enthalten."
"Griff nach dem Atom" ist gepumpt. Es ist der Titel des Buches "Der Griff nach dem Atom" (Hanns Reich-Verlag, 164 S., 5.60 DM), verfaßt von Drehbuchautor Otto Willi Gail. Erich Ponto spielt einen Einstein-weisen Physiker, Edith Herdeegen eine aufzuklärende Dame.
Ponto bläst friedliche Seifenblasen von Molekül-Dünne, "das feinste, was Menschen erzeugen können". Der Trickfilm bläst weiter, bis in dem billionfach vergrößerten Trick-Atom der Kölner Dom Platz hat, mit einem erbsengroßen Klümpchen darin, dem Atomkern.
Elektronen umwirbeln Atomkerne, atomare Heinzelmännchen wuchten Kernstücke heraus. Atomkanonen ballern auf Urantrauben. Kettenreaktionen zucken wie Sternwerfer.
Später zeichnet der Physiker Ponto der wißbegierigen Dame ein Atomkraftwerk aufs Papier. Ein Dampfer fährt mit einem Fingerhut Uran über den Ozean und eine Rakete mondwärts.
Drehbuchautor O. W. Gail ließ dem 22-Minuten-Streifen eine Begrüßung und ein Kolleg vorausgehen. Statt professoraler Ausführlichkeit bot er 9 Minuten 45 Sekunden Spannung, wie jede Woche über "Wissenschaft und Technik" im Bayrischen Rundfunk.
Gail, legendär populär, gilt als magerster Münchner. Er besteht nur aus Nase, wird behauptet. Eigene Aussage: "Ich habe das geringste Zentimetergewicht Münchens: 300 Gramm." (1,78 groß und 53 kg, im Anzug".) Er kokettiert damit ebenso wie mit seinem neuen Mercedes.
Mit seinem Film "Griff nach dem Atom" jubiliert Gail: Vor genau 25 Jahren, im September 1924, schrieb er sein Erfolgsbuch "Schuß ins All".
"Ein Roman, der keiner war", sagt Gail, "er ging auf wissenschaftlichen Beinen." Trotzdem: nach Jules Verne und Laßwitz das populärste Mondfahrtbuch. 62 Zeitungsnachdrucke. Die Gailschen Bücher erreichten 2400000 Auflage und 28 Uebersetzungen.
"Ich bin ein verhinderter Schulmeister", behauptet der Autor, "mein Lebenstraum: Realschullehrer für Physik in einer kleinen Stadt, will sich nicht erfüllen."
1923 ging ihm das Geld zum Fertigstudieren aus. 1945, beim neuen Anlauf, spielte sich folgender Dialog zwischen ihm und dem Münchener Stadtschulrat Dr. Fingerle ab:
"Haben Sie die Lehrberechtigung?" Gail: "Nein. Aber die Lehrbefähigung." Fingerle: "Schön, arbeiten Sie drei Physikstunden schriftlich aus. Gefällt es, kriegen Sie eine Klasse für einen Probemonat. Gefällt Ihr Unterricht, bekommen Sie die Lehrberechtigung."
Gail feilte an seinen drei Probestunden, Fingerle war begeistert. "Viel zu schade für 30 Schüler. Sie müssen für 300000 lehren!" Zurück an den Schreibtisch. Seitdem schreibt Gail die Lehrhefte für die bayrischen Oberschulen. Auflage je 100000.
"Der Griff nach dem Atom" ging zwischendurch. "Ich konnte nicht nein sagen", meint Gail.
"Es ist der teuerste Nachkriegskulturfilm. Allein 22000 Trickzeichnungen. Aber wenn ich die Besprechungen, das Hin und Her, das fünfmalige Umarbeiten rechne, komme ich doch nur auf den Stundenlohn eines gelernten Arbeiters. Von dem Armagnac, der in meiner Wohnung getrunken wurde, ganz abgesehen.
"Die Schwierigkeit war, im Film etwas zu zeigen, was noch keiner mit Augen gesehen hat. Hauptdarsteller ist nicht Ponto, sondern das Atom."

DER SPIEGEL 39/1949
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