13.10.1949

Vor Allah gilt nur der Mensch

Es darf weitergesündigt werden

James McPherson, der Arabien-erfahrene Boß der "Arabian-American Oil Company" (Aramco), ließ fast tausend seiner muselmanischen Oelarbeiter zum diesjährigen Beiramfest nach Mekka fliegen. "Man muß den Alten bei Stimmung halten", meinte er. "Trotz der 110000 Dollar, die wir ihm täglich aus seinem Wüstensand hervorsprudeln lassen".

Mit dem "Alten" meinte der Oel-Amerikaner Ibn Saud. Der Wüstenkönig erhält vertraglich 22 Cents für jedes Barrel Oel, das in seinem Lande gefördert wird.

Die Aramco hatte richtig getippt. Die in neue weiße Gewänder gekleidete Oelarbeiter-Delegation wurde von König Ibn Saud noch vor den halbpolitischen Pilgerabordnungen aus Indonesien, Pakistan und Jugoslawien empfangen. Auch die den Altersrekord haltende 115jährige Pilgerin aus Bombay mußte warten. Nur Staatsgast Amin el Husseini, der Großmufti von Jerusalem, kam vorher an die Reihe.

Pilger und Oel sind Musik in König Ibn Sauds Ohren. Sie bilden den goldenen Boden in seiner Schatulle. 420 Rials, fast 37 englische Pfund (etwa 435 DM) nahmen Ibn Sauds Grenzwächter in Dschidda und die Hüter der heiligen Stätten in Mekka den Wallfahrern in diesem Jahre ab. Dazu werden die Pilger noch über die Schulter angesehen. Für die Wahabiten Ibn Sauds sind alle anderen Moslems nur Gläubige zweiter Ordnung.

Aber die Wallfahrt nach Mekka muß sein. Sie garantiert ewige Seligkeit. Und im Diesseits den ehrenvollen Titel eines "Hadsch" (auch "Hadschi"-Pilger).

So beherrscht augenblicklich der "Dhul Hidscha", der Monat der Pilgerfahrten nach den heiligen Stätten Mekka und Medina, die islamische Welt. Alle Rassen sind jetzt in Mekka vertreten. Vom hellhäutigen städtischen Araber, dem gelbgesichtigen Asiaten, dem kaffeebraunen Nubier bis zum ebenholzschwarzen Sudanesen.

Sie kamen aus Marokko und Nigerien, aus der Türkei, vom Dschebel Drus, vom Tigris und aus Pakistan, aus Malaya und New York. Zu Fuß, mit Kamelen und Pferden, mit arabischen Dhaus, die das Rote Meer befahren. Aber auch mit Luxusdampfern, Eisenbahnen, Flugzeugen und Automobilen.

Auch der "Mahmal" ging in Dschidda von Bord. Der "Mahmal" ist ein fleckenloser weißer Kamelhengst, der alljährlich auf einem pyramidenförmigen Holzgestell die schwarze "Kiswa" nach Mekka bringt. Die "Kiswa" ist der brokatene, mit Koransprüchen goldbestickte Umhang für die "Kaaba", den kleinen würfelförmigen Tempel in der heiligen Zone von Mekka.

Dort ist der sagenumwobene "Schwarze Stein" eingebaut, der den Mohammedanern den Nabel der Welt bedeutet.*)

Die "Kiswa" wird alljährlich in Aegypten neu gewoben und in feierlicher Prozession politischer, geistlicher und militärischer Würdenträger nach Mekka gebracht.

König Ibn Saud, der Schirmherr der Wallfahrtsstätten, traf aus seiner Hauptstadt El-Rhiad per Sonderflugzeug in Mekka ein. Die Zeiten sind längst vorbei, da seine fanatischen Wahabiten alle Radioapparate zertrümmerten und sogar das Auto ihres Königs mit Steinen bewarfen. Sie überzeugten sich, daß Radio und Telefon auch die Gesänge des Korans wiedergeben. Und daß Autos und Flugzeuge fromme Pilger heil an die heiligen Orte bringen.

Am eigentlichen Charakter des Pilgerfestes aber hat sich trotz aller technischen Neuerungen nichts geändert. Vor Allah gilt nur der Mensch. Der König selbst, der ägyptische Pascha, der reiche Nabob aus Pakistan und der kleine Mann aus irgendeiner entlegenen Wüstenoase sind in diesen Tagen den gleichen Regeln unterworfen.

Beim Betreten Saudi-Arabiens legt der Pilger den "Ihram" an, ein nahtloses, doppelteiliges weißes Gewand. Während der Festwoche darf er sich nicht waschen, nicht rasieren und sich nicht die Haare schneiden lassen. Er lebt in einem Zustand, den der Prophet auf die Frage, was ein "Hadsch", ein Pilger, sei, mit den Worten charakterisierte: "Ein Mensch, der struppig aussieht und aus dem Munde riecht".

Die Pilgerzeremonie selbst teilt sich in mehrere Abschnitte. Sie beginnt am achten Tage des Pilgermonats mit dem großen Auszug in die Arafat-Ebene, sechs Wegstunden östlich von Mekka. In gelbe Staubwolken gehüllt, wandern Zehntausende von Menschen durch die endlose Weite der Wüste, an deren östlichem Rand sich die Hügel von Taif gegen den wolkenlosen Himmel abheben.

Die tote Wüste verwandelt sich in diesen Tagen in ein regelrechtes Heerlager. Pferde und Kamele werden in der Arafat-Ebene ausgeschirrt, Zelte aufgeschlagen, Buden in den Wüstensand gezaubert. Händler mit Andenken und Erfrischungen nützen die ekstatische religiöse Begeisterung der Pilger für zweiseitige Geschäfte. Es geht zu wie bei einer bunten Kirchweih in Europa.

Am nächsten Tag steigt bei Sonnenaufgang Ibn Saud auf den über hundert Meter hohen, abgeplatteten Granithügel. Jetzt nicht mehr als König, sondern als Imam, als geistliches Oberhaupt. Von dieser "Kanzel" aus verliest er Gebete und fromme Weisungen.

Das Volk unten in der Ebene kann sie nicht verstehen, denn der Berg ist zu hoch und der Lärm im Tal zu groß. Aber das tut der Begeisterung keinen Abbruch. Die Pilger steigern sich immer heftiger in eine religiöse Verzückung hinein und flehen in allen Sprachen zu Allah um Beistand.

Zwischendurch ist immer wieder das langgezogene "Labbaika" zu hören, das Gott auf die Anwesenheit des Einzelmenschen aufmerksam machen soll. Auch Ibn Saud hört es mit Befriedigung. Die Labbaika-Rufe aus den Kehlen der frommen Wallfahrer halten das Budget des Königs im Gleichgewicht.

Wenn der Abend hereinbricht, drängen sich die Zehntausende, Gebete stöhnend und kaum mehr ihrer Sinne mächtig, zum Wallfahrtsort Muzdalifa. Im wilden Gedränge werden Fackeln angezündet, Soldaten knallen mit ihren Flinten wild drauf los, Raketen zischen in den Nachthimmel, Böller wirbeln den Wüstensand auf und treiben die Verzückten zu atemlosem Dauerlauf im Kreise. Selten geht es ohne Tote und Verletzte ab.

Vor der großen Moschee von Muzdalifa, die mit Tausenden von Wachskerzen märchenhaft illuminiert ist, schlagen die frommen Pilger nach den letzten Zuckungen schließlich erschöpft ihr Lager auf. Die Nacht senkt sich über sie, die Nacht der großen Vergebung.

An den kommenden Tagen beginnt die Steinigung bestimmter Orte. Sieben Steine pro Pilger sollen den Bösen, den "Scheitan", bannen. Gleichzeitig müssen bei einem viertägigen Schlachtfest Tausende von Rindern, Schafen und Kamelen ihr Leben lassen. Das Fleisch wird an Arme verteilt. Was sie nicht bewältigen können, bleibt liegen. Geier und Schakale teilen sich in den Rest.

Die Pilger aber kehren nach Mekka zurück und beschließen das Fest mit dem "Tawaf", dem siebenmaligen Umzug um die Kaaba, das Haus Gottes, "wo der Himmel sich mit der Erde vereint". Sie küssen den heiligen "Schwarzen Stein" und trinken vom Wasser des heiligen Brunnens Semsem, von dem man auch für daheimgebliebene Verwandte und Freunde Fläschchen abfüllt.

Damit geht die fromme Wallfahrt zu Ende. Der "Ihram" wird abgelegt, man pflegt sich wieder. Die Sündenlast blieb in der Arafat-Ebene. Fröhlich steigen die Pilger in ein neues Leben. Es darf weitergesündigt werden.

*) Von hier aus verkündete der Prophet Mohammed vor 1368 Jahren zum ersten Male das Wort Gottes.

DER SPIEGEL 42/1949
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