20.10.1949

MALEREIPhantasien unterm Dach

Traufrisch und festlich gekleidet hat sich ein Brautpaar auf- und hingestellt, wie vor einem Fotografen um 1900. Das Fenster hinter ihnen ist geöffnet, man sieht ein paar Musikanten und hauptsächlich eine kalt verschneite Szenerie.
Drinnen schwebt zu Häupten des Paares ein Engelchen und läßt einen Schleier niederwallen. Er legt sich um den Hals des Bräutigams, fast wie eine Schlinge.
Das ist die "Eisige Hochzeit", eines der neuesten Bilder von Bele Bachem, gemalt in ihrem Unterm-Dach-Atelierchen zu München-Schwabing. 1944 wurde Bele Bachem in Berlin ausgebombt, eine Ausstellung ihrer Bilder ging verloren. Sie flüchtete zuerst ostwärts, dann in südwestlicher Richtung und brauchte auf abenteuerlicher Fahrt lange, bis sie nach München kam. "Ganz arm", sagt sie.
Aber das Zimmeratelier in Schwabing paßt nun so, wie es hergerichtet ist, zu den Bildern, die hier gemalt werden, und zu Bele Bachem selbst, dieser kleinen Person mit einer der graziösesten Nasen der Epoche, dieser eigen- und mutwilligen Malerin.
Es gibt da beispielsweise keramische Hähne mit Papierblumen, einen Aschenbecher, aus dem sinnig ein Kätzchen mit vergißmeinnichtblauem Halsband kriecht, eine rosa Vase mit ausschweifend geschweiftem Rand, ein rührend süßes Lämmchen aus Zuckerguß und anderes, was es eigentlich nicht gibt heutzutage.
Das paßt zu der spielerisch unwirklichen Wirklichkeit in den Bachemschen Bildern. Es paßt zu den amüsant und phantasievoll wunderlichen Situationen auf den Bildern, zu den Tieren, die etwas Nippesfigürliches haben, und zu den porzellanzarten jungen Mädchen, die Bele Bachem mit so großer Neigung malt.
Diese in feinen Farben gemalten Mädchen erscheinen wie entfernte, vornehme Verwandte der Liebesmarken in Poesiealben. Sie sitzen, bisweilen in Gesellschaft meist schmaler Herren, gern auf Stühlen, die so apart sind wie sie selbst, und viele sehen immer wieder sich und Bele Bachem selbst ähnlich. Wenn sie noch klein sind, haben sie etwas von Bettina, Beles Tochter.
Bettina ist neun, trägt das dunkle Haar über dem kleinen, gescheiten Gesicht im Ponyschnitt, hat auch schon einen Hang zum Malen und braune Augen. Dies erstaunlicherweise, denn auf und ab in der Verwandtschaft ist niemand dunkeläugig. Bele Bachem sagt dazu, sie habe von jeher geliebt, den Kindern auf ihren Bildern dunkle Augen zu malen.
Es erscheinen auf ihren Bildern gelegentlich auch füllige, rosige Blondinen. Mit ihnen hat es eine Bewandtnis, die in Bele Bachems Vaterhaus zurückreicht.
Das stand zu Düsseldorf am Rhein. Beles Vater war Maler, Pferdemaler in der Hauptsache, aber auch Porträtist. Nur seien, sagt seine Tochter, seine Porträts nicht gut, sie seien zu naturalistisch gewesen. Einmal weigerte er sich, eine Dame so heftig geschminkt zu malen, wie sie zur Sitzung kam. Er malte sie ungeschminkt. Die Folge war, daß die Dame den Maler verklagte.
Vater Bachem muß nach allem, was die Tochter von ihm erzählt, ein hochorigineller Mann von vehement eigenwilligen Anschauungen gewesen sein. Er gab vor, Erschrecken für ein ausgezeichnetes Erziehungsmittel zu halten, steckte sich die Tasche voll lebendiger Mehlwürmer, ließ die ahnungslose Tochter in das Gekrabbel greifen und hatte viel Spaß an ihrem Schreck.
Tiere seien besser als Menschen, proklamierte er und hielt sich eine häusliche Menagerie. Von Lehrern dagegen hielt der Maler Bachem so gut wie nichts.
Seine Tochter durfte es mit den Schularbeiten sehr großzügig halten. Ihre Rechenaufgaben machte sie manchmal mutwillig verkehrt, damit der Vater eine Freude hatte. Sie hat ihn sehr geliebt und verehrt, gesteht sie, und seine Neigungen und Abneigungen geteilt. Und da zu seinen Vorlieben auch die für Blondinen gehörte, treten noch heute auf Beles Bildern die blonden Damen auf.
Sie war zwölf, als sie nach Kaiserswerth ins Internat kam, in eine Diakonissenanstalt. Sie weinte viel vor Heimweh in den fünf Jahren. Sie durfte nicht zeichnen und malen, und es ging auch sonst streng zu. Sie lief zweimal weg und wurde polizeilich gesucht und zurückgebracht.
Ein Jahr Kunstgewerbeschule Gablonz, dann kam Berlin. Bele Bachem ging auf die Akademie der Vereinigten Kunstschulen und außerdem ihrer Neigung für den Tanz nach.
Eine türkische Tänzerin, die Adalet oder ähnlich hieß, erschien ihr vor allen anderen nachahmenswert. Berliner Tanzschulen empfanden Beles Anfrage, ob man dort den orientalischen Bauchtanz studieren könnte, als Beleidigung, und gaben empört zu verstehen, daß sie seriöse Institute seien.
Nur bei einer fand Bele Bachem Verständnis für ihre morgenländischen Wünsche. Man unterrichtete sie, auch in Step- und Spitzentanz, umsonst sogar, weil sie sich begabt zeigte, und nach zwei Jahren war sie so weit, sich vor der Oeffentlichkeit tänzerisch produzieren zu können.
Das lief neben dem Unterricht an der Akademie her, und auch sonst war Bele Bachem unermüdlich. Sie war in einem Antiquitätenladen beschäftigt, sozusagen, denn die Geschäftsruhe wurde selten von Kunden gestört. Sie war Gesellschafterin bei einem bekümmerten dicken Inder, restaurierte Bilder, entwarf Modezeichnungen und malte Möbel an und für einen Armenier Teppiche aus.
Dies abends. Bonzo stand derweil aufmerksam vor der Tür. Bonzo: der Kunsthistoriker Günther Böhme, mit dem Bele Bachem später, bis zur Scheidung, verheiratet war, Bettinas Vater.
Als sie nach drei Jahren die Akademie verlassen hatte, wurde Bele Bachem Phasenzeichnerin für Ufa-Trickfilme. Professor Max Kaus, ihr Lehrer, hatte sie zum Schluß aus der Klasse herausgenommen, ihr Sonderaufgaben zugewiesen und ihr erlaubt, nur nach der Phantasie zu malen. Das erste in Bele Bachemscher Manier gemalte Bild war der Anlaß gewesen.
Die Kunstschülerin Bele Bachem hatte einen "komischen" Traum gehabt und hatte gemalt, was sie geträumt hatte: ein weißes Pferd auf einem rosafarbenen Weg, mit Mädchen und Balletteusen, alles in pastellweichen Farben und sehr kapriziös.
Das war der Anfang. Es fanden sich Liebhaber für die Bilder, die man "Spiele der verzauberten Muse" genannt hat, und für die ausgemalten Bücher, in denen Bele Bachem in Bildern kleine Geschichten erzählte. Bettina hat noch eines von ihnen: "Paula auf dem Seil".
Auf den Bildern ist zu sehen, wie das Mädchen Paula "sich von dem gewissen fremden Herrn im Seiltanzen unterrichten läßt" und sich die Ehre gibt, zum allerersten Male öffentlich aufzutreten. Bei freiem Eintritt auch für Tante Natalie, die kleine Lisa und den Herrn Pastor, die verhindern wollten, daß Paula Star wurde.
1940 fiel Bele Bachem auf, oben und unten. "Die Dame", die vornehme Glanzpapier-Zeitschrift, veröffentlichte Kalenderbilder, die Bele Bachem gemalt hatte, "heiter und munter", wie sie heute sagt. Von oben, von Staats und Partei wegen, bekam "Die Dame" eine Verwarnung, von unten, aus dem Publikum, kamen Briefe des Entzückens.
Die Kalenderbilder Bachemschen Stils, ihre anmutige Liebenswürdigkeit, ihre unrealistische Art überhaupt, paßten nicht in die Zeit, in der das "Haus der Kunst" seine vorgeschriebenen klotzigen Schatten warf. Ein großer Herr des Prop-Min erteilte der kleinen Malerin eine hochoffizielle Verwarnung und äußerte dann den privaten Wunsch, Bilder von ihr zu kaufen.
Damals kam reichlich erfreuliche Post für Bele Bachem, Glückwünsche wegen des Kalenders und für Bettina, die eben in dieser Zeit geboren war. Außerdem liefen nun genügend Aufträge für neue Bilder ein, und auch jetzt wieder ist Bele Bachem bei der Arbeit an einem Auftrag, nur darf sie darüber nicht sprechen. Sie sei kontraktlich zum Schweigen verpflichtet, sagt sie.
Dann wartet schon Fräulein Oberst in Baden-Baden. Bele Bachem soll in ihrem Hotel Bristol zwei Frühstückszimmer ausmalen. Danach aber will sie Bilder "für sich" malen, einen Monat lang, in dem kleinen Schwabing-Atelier, inmitten eines pittoresk auf dem Boden verzettelten Haufen Papiers, an dem Arbeitstisch, über dem die Wand mit Bildern, gemalten und gedruckten, besteckt ist.
Darunter sind Reproduktionen von Bildern Marc Chagalls und des Zöllners Henri Rousseau, der Maler, an die Kunstrezensenten sich gern erinnert fühlen, wenn sie über Bele Bachems Bilder schreiben. Aber sie fügen gleich hinzu, daß trotz dieser und vielleicht auch anderer geistiger Beziehungen die Bachemschen Bilder ganz etwas für sich sind, etwas Echtes und Ursprüngliches.
Sie sprechen von einem "sehr selbstsicheren Temperament", das Eigenes schafft. Das mit der Unbefangenheit eines Kindes seine Phantasie an einem Vorwurf ausläßt und ihn in eine eigene verspielte Welt rückt. Ein Mann, der sich wie ein Esel anstellt, wird auch als Esel dargestellt.
Oder: Einmal war "Mücke", die Malerin Kirschner-Utescher, eine Freundin Bele Bachems, ein bißchen krank. Die Freunde und Freundinnen kamen zu Besuch, und Mücke fand so viel Vergnügen daran, daß sie, angetan mit ihrem schönsten Nachthemd, noch ein paar Tage krank spielte.
Bele Bachem malte das so: Das Krankenbett, mit Mücke darin, steht im Grünen. Ringsum die Freunde und Freundinnen, zu Bachemschen Gestalten geworden, tun, jeder auf seine Weise, das ihre, um die schönbehemdete, schwarzhaarige Mücke zu unterhalten.
Oder Bele Bachem hat mit Entzücken Anatole France gelesen. Daraus wird ein Bildchen, auf dem der Dichter Anatole France eine Art Rikscha durch eine städtische Landschaft zieht, und in dem Wagen sitzt die Muse. Sie wirft einem kleinen Mädchen (Bettina) und dem bärtigen Herrn, der mit ihr ist (Beles Malerfreund Masjutin) eine Blume zu.
Man hat gesagt, daß eine so kindhaft entrückte Sphäre es sei, die heute, da das Leben der Erwachsenen vielfältig beunruhigt ist, so anziehend wirke. Man hat das Interesse, das Bele Bachems Bilder in hohem Grade finden, mit ihrer malerisch-zeichnerischen Darstellung erklärt und mit einer "Dämonie des Grazilen, des Anmutigen, des Koketten".
Das "sehr selbstsichere Temperament" hat auch das kleine Schwabinger Atelier, bei allem Zufälligen der Einrichtung, zu einer Sache à la Bachem gemacht: Mit der kleinen Plastik, zu der Bele Bachem (sie modelliert auch) zwei ihrer Figuren geformt hat, mit dem dreifüßigen, etwas fallsüchtig aussehenden Tischchen, das auf den Bildern in mannigfacher Verwandlung wiederkehrt, mit dem Hund aus Chelsea-Porzellan, der viel Aehnlichkeit mit Beles gemalten Hunden hat
Was sich Bele Bachem fürs Atelier wünscht, ist eine besondere Art von Sitzgelegenheit: Es soll ein Karussellpferd sein, ein echtes, das auf Jahrmarktsspielen seinen Dienst getan hat, eines mit Vergangenheit.

DER SPIEGEL 43/1949
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