29.09.1949

Hoff' man

Dreimal hoch" spielte die Dorfmusik im "Grünen Hecht" zu Dingsleben im thüringischen Kreis Hildburghausen, als die Neubäuerin Grete Hoffmann am Ernte-Festsonntag den Saal betrat. "Die sind hier völlig närrisch geworden", erzählte sie ihrem Gatten Herbert am nächsten Tag am Telefon.
Der hatte als neu ernannter Leiter der ostzonalen Hauptverwaltung Land- und Forstwirtschaft sein erstes Staats-Blitzgespräch nach Dingsleben angemeldet, um seiner Grete zu sagen, daß sie sich keine Rosinen in den Kopf setzen solle. Sie müsse weiterhin Mastvertragsschweine füttern und den Hof mit den umliegenden sechs Hektar Neubauernland mustergültig in Ordnung halten. Denn seine Neubauernstelle dürfe er unter keinen Umständen aufgeben.
Nur unter dieser Bedingung wurde der Vorschlag der ostzonalen Bauernpartei gebilligt, als Paul Merker, Agrarbevollmächtigter im SED-Politbüro, auf neutralem Boden im Berliner Verlagsgebäude des "Freien Bauern", Max-Reinhardt-Straße Nr. 14, einen internen Kronrat einberief.
SMA-Chef Tschuijkows oberster Landwirtschaftsoffizier Kabanow hatte ihn ermächtigt, dieses Gespräch mit den Bauernführern der Ostzone, Vor-1933er-Dorfschulmeister Erich Goldenbaum und dessen Generalsekretär Paul Scholz, zu führen. Die alten KP-Genossen waren damit unter sich.
"Getrennt marschieren, vereint schlagen", hatte es im vergangenen Jahr geheißen, als der Parchimer Kreistagsabgeordnete der SED und Ministerialrat in Mecklenburgs Landwirtschaftsministerium Erich Goldenbaum nach Karlshorst geholt wurde, seinen großen Auftrag entgegenzunehmen. Zusammen mit Paul Scholz, ehemals preußisches MdL und nach 1945 Redakteur der kommunistischen "Deutschen Volkszeitung", und dazu einer Handvoll meist mecklenburgischer SED-Funktionäre gründete er die Demokratische Bauernpartei Deutschlands. Die sollte dem wachsenden Einfluß der CDU auf dem Lande das Wasser abgraben.
So groß war der fortschrittliche Eifer, daß der Leiter der Organisationsabteilung der DBD, Felix Scheffler, bislang Parteisekretär auf der Karl-Marx-Hochschule in Klein-Machnow, vergaß, das Abzeichen der verschlungenen Hände vom Rockaufschlag zu entfernen, als er die erste Ortsgruppe der Deutschen Bauernpartei aus der Taufe heben half.
Die Ostzonen-Bauern rochen, was an den Kaminen der MAS*)-Kulturhäuser gekocht wurde. Sie lasen im "Bauern-Echo" salbungsvolle Aufsätze von Arnim Hauswirth (ehemals Backpulver-und Kondensmilchvertreter), der jetzt zwei Hühner in Birkholz bei Bernau besitzt. Aber sie trauten ihm nicht, bis sich einige echte Bauern fangen ließen, Verbindungen mit Erich Goldenbaum und seiner Gefolgschaft einzugehen.
Seitdem ist die DBD volksratsfähig. Und Herbert Hoffmann, bis dahin im Schatten stehender Vorsitzender der Demokratischen Bauernpartei Thüringens und nachkriegsbedingter Neubauer in Dingsleben, durfte als Nachfolger von Edwin Hoernle im Zimmer 5294 der WIKO einziehen. Als Aushängeschild der Bauernpartei, die in ihrem Zentralorgan "Bauern-Echo" jetzt
ins kleinste Dorf posaunte: ein werktätiger Bauer auf dem Präsidentenstuhl.
Obwohl Herbert Hoffmann nur ein nachgemachter Neubauer ist, denn bis zu seiner Einberufung im Sommer 1939 schwang er in einer kleinen Akzidenzdruckerei des jetzt polnischen Hohenwiese (Riesengebirge) als Schriftsetzer den Winkelhaken.
Von den Polen vertrieben, suchte Frau Grete 1945 in Thüringen Zuflucht. Herbert kam etwas später nach. Aus einem britischen Camp mit einem zitronenfarbenen Dreieck an der Brust, dem Merkmal der zur Dienstleistung in der Landwirtschaft entlassenen ehemaligen PW's (Aktion "Barleycorn").
Früher gehörte der 37 Jahre junge neue Chef der ostzonalen Land- und Forstwirtschaft (in Görlitz geboren) der KPD an. Das prädestinierte ihn als Nachfolger Edwin Hoernles, des in Ungnade gefallenen Troubadours der Bodenreform. Man macht Hoernle dafür verantwortlich, daß die ostzonale Land- und Forstwirtschaft nur lendenlahm über die Hennecke-Bahn des Zweijahresplanes schlich.
Im Frühjahr mußte sich Hoernle in öffentlichen Reden festlegen: "Mit der Ernte von 1949 soll um jeden Preis der Anschluß an normale Friedenserträge wiederhergestellt werden!"
Sämtliche Ernte-Berichterstatter - in jedem Ostzonendorf gibt es deren mindestens zwei - schrieben schon im Juni auftragsgemäß rosarote Berichte. Die druckten sowjetischlizenzierte Zeitungen mit Schlagzeilen, wie "Größte Rekordernte seit Kriegsende in Sicht", und Walter Ulbricht verkündete in einem Zehnpunkte-Interview: "Jetzt kommt die Zeit der Erfolge ... Nach der neuen Ernte können die Grundnahrungsmittel frei abgegeben ..."
Nur die Meteorologie war mit so viel Vorschußlorbeeren nicht einverstanden. In den entscheidenden Wachstumsmonaten klappte die Wasserzufuhr nicht. Ergebnis: Ertragsminderung trot des Einsatzes sowjetischer Traktoren, trotz größerer Gaben von Kunstdünger, trotz des Aufgebots von MAS-Agronomen.
Unausbleibliche Folge: Rationierung für Brot, Nährmittel und Kartoffeln muß beibehalten werden. Die Zonalen sahen sich abermals in ihren Erwartungen betrogen, zumal infolge der schlechten Kartoffelernte dieses Jahr nicht einmal die Kartoffelquote des letzten Jahres garantiert ist.
SMA-Landwirtschaftsstratege Kabanow sagte auf alle Proteste immer nur ein Wort: Hoernle. Den schwäbischen Pastorensohn, dem schon vor dem ersten Weltkrieg die Cannstädter Pfarrstube zu eng wurde und der als Vikar die Bibel mit Lenins Schriften "Ueber Kapitalismus und Landwirtschaft" (1914 erschienen) vertauschte, kann er nicht riechen (siehe SPIEGEL Nr. 9/49).
Dazu spricht Hoernle trotz 18jähriger Moskauer Emigration nur holpernd russisch. Und holpernd führte er die ostzonale Landwirtschaft der Kollektivierung entgegen. Er betrachtet sie als für die deutschen Verhältnisse ungeeignet. Deswegen ist er seit der Bodenreform vom 1. 9. 45, für die er im Auftrag der SMA verantwortlich zeichnete, mehrmals angeeckt.
Dem SED-Polit-Büro gegenüber wurden für die Verabschiedung Hoernles, der immerhin zu den Gründern der KPD gehört, folgende Gründe geltend gemacht:
* Geistige Unbeweglichkeit infolge hohen Alters (Hoernle ist wie Bundespräsident Heuß 65 Jahre)
* Nichterfüllung des Planzieles 1949 für die ostzonale Landwirtschaft
* 240000 Morgen ostzonaler Anbaufläche wurden verheimlicht und der Veranlagung zur Sollablieferung entzogen.
* Krebsgang des Neubauern-Bauprogramms (in Sachsen mußte das Programm abgebrochen werden, weil die zentrale Finanzverwaltung der DWK keinen Pfennig an Krediten hergibt, nachdem 89 Millionen Mark verbaut worden sind - die begonnenen Bauten werden in diesem Jahr nicht mehr fertiggestellt) und ein
* Waschkorb voll Beschwerden über das mangelhafte Einschlag- und Aufforstungssoll in der Forstwirtschaft.
Das war selbst für Hoernles breite Schultern zuviel. Mit einem Herzknacks entließ man den letzten aus dem Freundeskreis Rosa Luxemburgs und Clara Zetkins ins ostzonale Prominenten-Bad Elster und aus der WIKO.
Für die Bevölkerung der Ostzone wurde die Aufhebung des Zuteilungssystems für Grundnahrungsmittel bis zur nächsten Ernte vertagt. So meldete beiläufig Radio Berlin. "Hoff' man" sagen die Leidtragenden skeptisch.
*) MAS = Maschinen-Ausleih-Stationen in der Ostzone. Durch zentralen Einsatz der Großgeräte (Traktoren, Mähbinder, Dreschsätze) wird die Kollektivierung des Dorfes nach sowjetischem Muster vorbereitet. Den MAS werden jetzt Kulturhäuser zur ideologischen Durchdringung des Dorfes ahgegliedert.

DER SPIEGEL 40/1949
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