29.09.1949

Schenk mir ein Pferdchen

In Münchens Landgericht häufen sich die Gröning-Akten. Michael Graf Soltikow, bisheriger Rechtsbeistand und Biograph des Herforder Wunderdoktors, hat Joachim Slawik, Redakteur von Münchens "Abendzeitung" und Herausgeber des "Gröning Ruf" wegen Beleidigung verklagt. Der Prozeß wurde vertagt, da Soltikow neues Beweismaterial in Bereitschaft hat.
Denn seit Graf Soltikow Grönings doppelte Buchführung in der Erteilung von Vollmachten kennt, nimmt er die Stimme seines Herrn nur noch in Wachs geschnitten über Diktaphon auf. So konnte er Grönings Pathos seinem Widersacher Joachim Slawik unmittelbar vorspielen.
Slawik holte jedoch seine "Abendzeitung" vor und konnte folgenden Ukas Grönings zitieren: "All meinen Freunden kund und zu wissen, daß ich in Deutschland bleiben werde und allen Heilungsuchenden helfen und heilen werde. Niemand, auch nicht Graf Soltikow, ist berechtigt, irgend etwas in meinem Namen zu veröffentlichen. Alle Mitteilungen und Verträge werden von mir persönlich oder von meinem Sekretär Herrn Stoltefuß, genannt Hülsmann, in Zukunft gemacht werden. Mein Aufenthaltsort bleibt Rosenheim. Mein Gastgeber Herr Leo Harwart. Gez. Gröning."
Als Gröningrufer Slawik Graf Soltikows Diktaphonplatten mit eingeritzten Gröning-Blitzgesprächen abhörte, teilte er Münchens Landgericht mit: "Ich muß daraus erkennen, daß Gröning mir gegenüber ... eine unwahre Erklärung abgegeben hat".
Inzwischen hat auch Leo Harwart, Besitzer des Traberhofes bei Rosenheim, Wunderdoktor Gröning die Gastfreundschaft gekündigt. Wo im ersten Stock ein weißes Emailleschild "Privat" verkündet, sind seit Grönings Ankunft sechs Betten und vier Couches voll ausgelastet durch das Privatleben des Wunderdoktors und seines Stabes.
Wenn Leo Harwart sein Haupt zur Ruhe betten will, muß er München ansteuern. "Ich kann es nicht länger mit ansehen", ließ er über dpa funken, "wie Gröning täglich neue wildfremde Menschen in seinen Stab beruft und in meinem Traberhof einquartiert".
Während Gröning bis nach Bremen unterwegs war, um wegen der Ueberlassung von Heilstätten zu verhandeln, beuteten neu zugestoßene Stabshelfer die Leichtgläubigen vor dem Traberhof auf eigene Faust aus. So veranstaltete Gröninger-Jünger Kiermeyer in Happing selbständig Heil-Meetings.
Er ging durch die Reihen der Wartenden und kündete: "Meine Freunde, halten Sie Ihre Hände in der Hosentasche zur Erde gespreizt, denn dieses Feld ist ein geheiligtes Strahlenfeld. Wenn Sie die Finger zur Erde halten, werden Sie die Strahlen unmittelbar aufnehmen."
Die Zahlung von 500 DM je Heilung "wie vereinbart" wurde in einem Brief angekündigt, der an Kiermeyer adressiert, aber unvorhergesehenerweise von einem anderen geöffnet wurde.
Anderer Gröning-Jünger Kind hatte sich ein Paket Stanniolkugeln beiseite geschafft. Die brachte er in Rosenheim für klingende Münze unter die Massen.
Die nämlich allmählich saftigen Traberhof-Koppeln ähneln einem Moorbad, seit 15000 Gröning-Fanatiker samt 800 Omnibussen und 2000 PKW dort tage- und nächtelang biwakierten. Leo Harwart hatte Gröning sein Gestüt "Traberhof" als Standquartier angeboten. "Weil ich dachte, ich muß ein Opfer bringen, wenn ich ihn um etwas bitte." Seine Bitte war die Heilung seiner Schwägerin.
Als Gröning Wohnung, Hof und Ställe gesehen hatte, tremolierte er gerührt: "Wo soviel Liebe zum Tiere ist, können keine schlechten Menschen wohnen". Beinahe ging es ihm jedoch schlecht, als ein Industrieller vom Bodensee vorfuhr und für seine Frau um erneute Hilfe bat, da eine "Heilung" durch Gröning nicht angehalten hatte. (Siehe Spiegel Nr. 28/49). Gröning und Chef des Stabes Helmut Hülsmann empfingen die Rückfällige und isolierten sie in einem Einzelzimmer, um Harwarts Argwohn nicht zu wecken.
Harwart drängte gegen Anbruch des Abends, mit der Heilung seiner Schwägerin zu beginnen. Sie wohnte in München. Die Stabskolonne fuhr hin. Gegen Mitternacht wurden die Heilversuche an der armgelähmten Schwägerin aufgegeben.
Wunderdoktor Gröning und sein Stab enterten anschließend Leo Harwarts Münchener Le-Har-Bar. Hier wurde bis morgens um halb sieben gezecht. Je mehr Sektpfropfen knallten, desto sangesfreudiger wurde Gröning. Fünfmal bestellte er sich in der Nacht bei der Kapelle Jan Günther sein Lieblingslied "Mamatschi, schenk' mir ein Pferdchen". Gröning sang mit.
Als der Morgen bereits graute, lud Filmehepaar Rolf und Erika Engler die Bezechten in seine Geiselgasteiger Wohnung, Robert-Koch-Straße 13 (Rolf Engler ist Produzent des Gröning-Films (vgl. SPIEGEL Nr. 38). In Gasteig wollte Gröning baden und zeigen, wie das Badewasser von seinen "Strahlungen" zische, wenn er in die Wanne steige.
Es zischte jedoch Gastgeber Rolf Engler, als er auf Grönings Wange zwei rosenrote Halbmonde entdeckte. Die stammten von Erika Englers Lippenstift. Als Ehemann Rolf gegen Ehefrau Erika heftig wurde, besänftigte ein mitfühlender Freund: "Laßt doch Kinder, Ihr seid doch alle besoffen!"
Es war dann sehr schwierig, Grönings Schnapsfahne zu ersticken. Auch mit Erika Englers Kölnisch-Wasser-Flakons gelang es nur bedingt. Doch um 9 Uhr schon sollte der bezechte Wunderdoktor am Bett einer Schwerkranken in München stehen.
Grönings Münchener Klientel war anfangs sehr ausgedehnt. Strickwarenfabrikant Hans Seyboth, München-Bogenhausen, Possartstraße 11, hatte ihn in die bayrische Hauptstadt geholt. An Fahrtkosten mußte Hans Seyboth 400 DM für Gröning und Stab erlegen. Er tat es für seine kriegsblinde Frau, die von dem Herforder Wunderdoktor Heilung erhoffte. Gröning quartierte sich mit sieben Mann Gefolge bei Seyboths ein.
Als die Dienstboten am nächsten Morgen bemerkten, daß Bruno Grönings Bett unberührt war, schlug das Ehepaar Seyboth Krach. Es war außerdem beobachtet worden, daß der Wunderdoktor im Zimmer von Anneliese Hülsmann, der Ehefrau des Herforder Ingenieurs Helmuth Hülsmann, Chef des Stabes, genächtigt hatte. Andere Stabshelfer beschwichtigten die Seyboths und meinten, das müsse man bei dem Gottesmann in Kauf nehmen. Frauen gegenüber sei er wie ein Tier.
Anneliese Hülsmann stritt ihre Beziehungen zu Bruno Gröning nicht ab, obwohl sie mit Ehemann Helmuth in der gleichen Stabskolonne reist. Sie ist im Gegenteil stolz auf "den kleinen Gröning" den sie erwartet.
Dazu erklärte Helmuth Hülsmann dem Grafen Soltikow: "Ich leide ja entsetzlich darunter, ich leide unter Tränen. Aber wenn ich meine Frau dem Gröning wegnehme, verliert er seine Kraft. Soll ich das den Millionen Deutschen antun, die im Elend stecken und ihn brauchen?"
In einer eidesstattlichen Erklärung des inzwischen ausgestiegenen Gröning-Managers Egon Arthur Schmidt heißt es über die Pläne von Anneliese Hülsmann: "Frau Hülsmann wollte so schnell wie möglich ihren Ehemann mit einem Geldbetrag von 30000 DM abfinden, damit er sich eine sichere Lebensgrundlage schaffen kann (Großtankstelle), um aus der Umgebung Grönings zu verschwinden".
Mit dem Gottesmann reist seit dem Sommer außerdem unzertrennlich Kriegerwitwe Schmidt aus Berlin-Steglitz. Bereits im Herforder Hauptquartier bei Hülsmanns am Wilhelmplatz 7 bewohnte sie ein separates Dachstübchen. Auch im Rosenheimer Traberhof ist ihr ein Sonderzimmer reserviert. Geheilt hat sie Gröning trotz Individualbehandlung noch nicht. Sie wird als Gelähmte immer noch getragen.
Eidlicher Enthüller Arthur Schmidt und Helmuth Hülsmann sind bittere Feinde geworden. Der Anstoß war Lieschen Pohl, ein Flüchtling aus Glogau. Hülsmann hatte sie in sein Herforder Haus genommen, in dem Bruno Gröning seinen Ruf begründete. Jetzt bekundet Schmidt an Eidesstatt:
"Auch Hülsmann hat dieses junge Mädchen wiederholt gewaltsam bedrängt durch den Hinweis darauf, daß er ja keine Frau mehr habe und sie doch Verständnis für ihn aufbringen soll. Von all dem habe ich Kenntnis erhalten, indem das noch unmündige Mädchen sich mir anvertraute ... Ich habe sie sowohl vor Hülsmann als auch vor Gröning in Schutz genommen."
Gröning wandte bei der Notzüchtigung Lieschen Pohls Hypnose an*). Zur Rede gestellt, sagte er zu Pohl: "Im Interesse des deutschen Volkes mußt Du über die ganze Angelegenheit schweigen. Soll ich denn nach dem Ausland gehen und die Millionen in Leid und Elend zurücklassen?"
Als Lieschen Pohl darauf bestand, die Wahrheit zu sagen, antwortete Gröning: "Dann bist Du des Teufels und ich haue Dir eine runter!" Nochmals Lieschen Pohl: "Sie können mir zwar eine runterhauen, aber die Wahrheit können Sie nicht zerschlagen." So geschehen mit Egon Arthur Schmidts Verlobter Lieschen Pohl aus Glogau.
Darauf setzte Egon Arthur Schmidt auf Michael Graf Soltikows Ausbaubalken in Münchens Schönfeldstraße 27 seine Unterschrift auf viereinhalb anderthalbzeilige Schreibmaschinenseiten eidesstattliche Erklärung.
Wenn er ins Schwanken kam und noch einmal zu den lukullischen Fleischtöpfen in Grönings Stabsquartier zurückschielte, machte ihn Lieschen Pohls schlesische Entschlußkraft wieder stark: "Laß sie doch machen, wenn sie glauben daß sie es besser
können. Die werden schon sehen, wo sie hinkommen!"
Schwere Auseinandersetzungen mit Bruno Gröning waren vorausgegangen. Anwesend in Grönings Traberhof-Zimmer der Wunderdoktor, Ehepaar Hülsmann, E. A. Schmidt, Lieschen Pohl und Kassierer Kuhlmann. Helmuth Hülsmann saß nervös unter einem Paar Pantoffeln, die auf dem rosa Kachelofen standen. Ihn zierte eine Spruchtafel: "Ich bin der Herr im Hause, das wäre gelacht. Was meine Frau sagt, das wird gemacht."
Schmidt drängte gleich seinen Nachfolger Hülsmann in die Enge. "Haben Sie gesagt, daß Sie den Stift aus der Kohlenkiste geholt haben?" (Damit meinte Hülsmann den Wunderdoktor.) Hülsmann: "Ich habe Herrn Gröning Rechenschaft darüber abgelegt und gebeichtet. Ich war damals aufgeputscht und erregt."
Gröning vermittelt: "Herr Hülsmann ist leicht erregbar. Er ist auch derjenige gewesen, der zuweilen zu mir sagte: "Kleiner, komm mal her!' Da habe ich zu ihm gesagt: 'Herr Hülsmann, das geziemt sich nicht!' Seitdem habe ich ihn schön ruhig."
Nochmals schoß Egon Arthur Schmidt seinen Nebenbuhler Hülsmann an: "Haben Sie gesagt, wenn Ihre Frau Sie nochmals mit 'Herr Hülsmann' anredet, dann schlagen sie ihr mit einer Bierflasche zwischen die Zähne?" Hülsmann bestritt auch diesmal nicht. Das habe er gesagt, als er seine Ehescheidung ventilierte.
Wieder lenkte Gröning ab. Er kam auf die Kundgebung zurück, die Professor Berndt am 11. September in Münchens Deutschem Museum veranstaltete. "Da stand Winnie Markus neben mir auf der Bühne. Da kann ja jetzt jeder kommen und sagen: 'Kiek mal, mit der poussiert er auch rum!'"
Das Tischtuch zwischen dem Gröning-Clan und E. A. Schmidt nebst Lieschen Pohl war nach dieser Auseinandersetzung zerschnitten. "Der kriegt mal den § 51", sagte Egon zu Lieschen auf dem Heimweg.
Worauf Michael Graf Soltikow E. A. Schmidt nahelegte, nun endgültig auszusteigen: "Sie sind unten eingestiegen und in schneller Fahrt bis zum neunten Stock gekommen. Jetzt sind Sie auf dem Rückweg, steigen Sie lieber im siebenten aus!"
Dann diktierte Egon Arthur Schmidt: "Wenn Gröning oder einer aus seiner jetzigen Umgebung behauptet, es seien von mir Gelder bis zu 100000, - DM vereinnahmt worden, so ist das unwahr. Wahr ist vielmehr, daß vor der Zeit meiner Bevollmächtigung Herr Helmuth Hülsmann selbst unzählige Briefe geöffnet und ungeachtet des sonstigen Briefinhaltes Geldbeträge entnommen und unverbucht verwendet hat."
"Außerdem sind im ausdrücklichen Auftrag von Herrn Hülsmann Brieföffnungen durch andere Personen durchgeführt worden, wobei ihm und seiner Frau in einem einzigen Falle die Gesamtsumme von rund 3000, - DM und in einem weiteren Falle 1000. - DM ausgehändigt wurden. Der Hinweis, was mit dem übrigen Inhalt der Briefe geschehen solle, wurde von ihm mit der Bemerkung abgetan: Alles andere ist Quatsch, ist alles schon längst abgesprochen!"
"Es handelt sich hierbei um Briefeingänge vom Mai und Juni 1949. Es lagen in Herford aufgestapelt 60000 bis 80000 Briefe, von denen der weitaus größte Teil von Herrn Hülsmann im Einvernehmen mit Herrn Gröning auf einem Anhänger nach Frankfurt in das Büro Laux (Pressefotograf) überführt wurde".
"Das Leben auf dem Traberhof ist ihm natürlich zu Kopf gestiegen", zieht entthronter Egon Arthur Schmidt die Schlußbilanz. "Der Gröning ist zu primitiv, um zu begreifen, wohin so etwas führt." Schmidts Vorhaltungen wollte Gröning nicht mehr hören. "Er hatte es nicht gern, wenn ich ihm etwas erklären wollte."
So ist auch niemand mehr da, der Grönings barbarisches Deutsch übersetzt. Seine Reden vom Traberhof-Balkon begannen immer: "Meine lieben Heilungsuchenden! Ich werde die Menschen helfen und heilen, aber noch immer steht mir das Wörtchen Verbot vor die Augen ..."
Der Gipfelpunkt einer Gröning-Balkon-Ansprache lautete: "Ich könnte ja einfach sagen, alle Deutschen sind gesund. Aber das mache ich nicht, weil ich erst den Menschen heilen will!"
Als Michael Graf Soltikow Gröning für den Buchtitel seiner Biographie die Schlagzeile vorschlug: "Gröning, Wunderdoktor oder Schwindler?", da war der Meister keineswegs entzückt. Schließlich schluckte er den "Schwindler".
"Den ersten zusammengefaßten Dokumentar-Bericht" kündigte Graf Soltikow in einer Extra-Ausgabe mit der Rotdruck-Schlagzeile GRÖNING GEHT NACH AMERIKA an. Als Mitherausgeber Soltikows zeichnete Pitt Seeger.
Dieser neueste Biograph Grönings wurde am 12. 11. 1919 in Karlsruhe-Bulach als Sohn eines Zimmermanns geboren. Mit 14 Jahren riß er erstmals von Hause aus. Sein Ziel war Liane Haid in Berlin, er wollte Filmschauspieler werden. Im Würzburger HJ-Heim wurde er wieder eingefangen.
Ein Jahr später lief er zum zweiten Mal weg, um bis Berlin zu Wolfgang Liebeneiner zu trampen. Ab August 1934 war Seeger in der staatlichen Erziehungsanstalt Sinsheim/Baden. Das Zeugnis lautete: "Spleenhaft, verbummelt, exzentrisch, wirklichkeitsfremd, phantastisch, hochstaplerisch". Nach der Entlassung kam er in die Kaufmannslehre.
Zum dritten Mal entwich er, um an Filchners Himalaja-Expedition teilzunehmen. Filchner nahm ihn nicht. Auf eigene Faust kam er bis nach Isphahan in Persien. Hier fand er Unterschlupf in einer Blindenmission. 1937 kehrte er über Rußland nach Deutschland zurück. In Moskau habe er angeblich mit Botschafter von der Schulenburg konspiriert. Am 26. 8. 1937 erging folgendes Urteil eines Jugendgerichts in Karlsruhe: Acht Monate Gefängnis wegen mehrfachen Diebstahls und fortgesetzten Betruges. Pitt hatte als Arbeitsdienstmann Ehrenpatenschaften für ein Lager in die eigene Tasche gesammelt.
Ein Freiburger Amtsgerichtsurteil vom 22. 6. 1938 brachte ihm vier Monate wegen Diebstahls ein.
1940 war er dann Filmstatist von Dr. Arnold Franck in Berlin. Im selben Jahr bekam er wegen unbefugten Tragens einer Parteiuniform eine Haftstrafe in Darmstadt. Dann wurde Seeger zum Militär eingezogen. Er brachte es bis zum Obergefreiten.
1944 Urteil des Feldgerichts der Fallschirmtruppe: Sechs Monate Gefängnis wegen Fälschung von Lebensmittelkarten-Ausweisen. Die Strafe wurde im Wehrmachtsgefängnis Torgau verbüßt. Ehe er von den Amerikanern befreit wurde, war er u. a. auch als Stabsoffizier mit Ritterkreuz erwischt worden.
Nach dem Krieg trat er als "politisch Verfolgter" in Garmisch, Villa "Hamburg", Klarweinstraße 10, auf. Er gab an, als Führer der "Weißen Rose" am 20. Juli beteiligt und zum Tode durch den Strang verurteilt zu sein. Letztes Abendmahl in Todeszelle 420. Einen Tag vor der Hinrichtung sei er befreit worden.
1946 gab Gröning-Biograph Pitt Seeger die hektographierte Zeitschrift "Pitt's private Künstlerpost" in Garmisch heraus, mit 400 Abonnenten. Im eigenen Auto aus beschlagnahmten NS-Beständen reiste er durch Bayern, bis CIC zugriff und ihn nach Bremen überführte. In der Nacht vom 16. zum 17. Juli 1946 entfloh er.
1947 lebte Seeger unerkannt als Peter Bauer, geboren am 24. April 1915 in Königsberg, wohnhaft Karlsruhe, Erzbergerstraße 79. Beruf Farmer. Er war Besitzer einer Hühnerfarm geworden, die Hühner hatte er mit gefälschtem amerikanischem Ausweis in Nordbaden beschlagnahmt. Nebenher unterhielt er ein Büro: Film- und Theaterdienst Peter Bauer. Rita Hayworth interviewte er in Frankfurt. Rita war begeistert und sang am Abend vor amerikanischen Soldaten nur unter der Bedingung, daß Pitt vor dem Mikrofon mitsummte. Am Abend saß Pitt während einer Kahnpartie neben ihr, in der Frühe des nächsten Morgens frühstückten sie zusammen.
Als Seeger den Architektenball unter dem Motto "Fest der Feste" im Karlsruher Konzerthaus veranstaltete, entging er den Kriminalbeamten, die ihn verhaften wollten, mit der Ausrede: "Ich muß mich noch von General Clay verabschieden." Clay war gar nicht da. Dann sprang er durch ein Garderobenfenster. Am 13. August 1948 endlich konnte Pitt Seeger in Hamburg verhaftet werden.
Bevor am 16. März 1949 im Mil.-Gov.-Gebäude von Karlsruhe die Verhandlung gegen Seeger begann, sagte der Angeklagte einem Bekannten: "Ich komme frei."
Seegers Anwalt Hoffmann erreichte in der Tat, daß die meisten Anklagepunkte fallen gelassen wurden. Uebrig blieb der unberechtigte Besitz von vier Druckstöcken zur Herstellung falscher Entlassungspapiere und eines Kopfbogens der US-Militärregierung.
Die Druckstöcke waren von CIC bei Seeger in einem Koffer gefunden worden. Außerdem befanden sich amerikanische Kleidungsstücke und Briefbogen der Seegerschen Hühnerfarm in dem Koffer.
"Ich bekenne mich schuldig", sagte Seeger. Das Urteil lautete auf ein Jahr Gefängnis. Die Hälfte der Strafe wurde in Bewährung umgewandelt. Fünf Monate waren in Untersuchungshaft verbüßt.
Mit diesem Pitt ging Michael Graf Soltikow seine Produktionsverbindungen ein. In Münchens Schönfelderstraße 27 wurde der Verlag "Schwarzer Adler" aus der Taufe gehoben. In diesem Verlag erschien das "Extrablatt". In der Spitzenmeldung hieß es:
München (Eig. Bericht)
Bruno Gröning hat sich - wie er uns heute vormittag persönlich mitteilte - entschlossen, ins Ausland zu gehen. Gröning begründet seinen Entschluß damit, daß er monatelang einen vergeblichen Kampf um die Aufhebung seines Tätigkeitsverbots geführt hat und seine Geduld nunmehr zu Ende sei.
"Bruno Grönings Abreise wird unmittelbar nach Erledigung der behördlichen Formalitäten erfolgen.
"Wir konnten uns überzeugen, daß weit über hundert großzügige ausländische Einladungen und Angebote aus der Schweiz, Frankreich, Brasilien, Schweden, Polen, Australien - insbesondere aber aus England und Amerika - vorliegen."
Auf diese Meldung wurde Bayerns Innenminister weich. Die britisch kontrollierte "Welt" ließ sich unterm 7. September aus München drahten: "Die vorläufige Ueberprüfung der Heiltätigkeit Bruno Grönings habe ergeben, daß sie als eine freie Liebestätigkeit betrachtet werden kann und in diesem Rahmen keiner Erlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz bedarf, gab das bayrische Innenministerium bekannt."
*) StGB § 177: Notzucht: (1) Mit Zuchthaus wird bestraft, wer durch Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben eine Frauensperson zur Duldung des außerehelichen Beischlafs nötigt, oder wer eine Frauensperson zum außerehelichen Beischlafe mißbraucht, nachdem er sie zu diesem Zwecke in einen willenlosen oder bewußtlosen Zustand versetzt hat. (2) Sind mildernde Umstände vorhanden, so tritt Gefängnisstrafe nicht unter einem Jahre ein.

DER SPIEGEL 40/1949
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