29.09.1949

BÜHNE UND FILMDer dritte Mann wird gesucht

Haben Sie den dritten Mann gesehen?", fragt der Autor schlechter Wildwestromane Holly Martins im Film "Der dritte Mann". Dasselbe fragt ein Londoner den anderen. Die Stadt spricht wieder einmal von einem Film, eben dem "Dritten Mann".
Er spielt in Wien, nicht dem der schönen blauen Donau, sondern der verkommenden, zertrümmerten Metropole der ersten Nachkriegsjahre. Schleichhandel und dunkle Geschäfte blühen, von Grinzing ahnt man nichts.
"Gehen's heraus, oder ich vergeß meinen Wiener Charme", ruft der Portier im Film-Hotel einem unbequemen Frager nervös zu. Der Portier ist Paul Hörbiger. In diesem Film wirken Schauspieler aus England, Amerika, Italien, Oesterreich mit.
Die 82jährige Hedwig Bleibtreu z. B. spielt eine unentwegt entrüstete Pensionsmutter. "In diesem Hause hat einst Metternich verkehrt", ruft sie der internationalen Polizeipatrouille empört zu.
Es wird glänzend gespielt. Trotzdem: das Hauptverdienst für den Erfolg tragen vier Männer, die auf der Leinwand nicht auftreten.
Einer von ihnen ist Graham Greene, der englische Schriftsteller, der sich nun in die vordersten Reihen der jüngeren Generation geschrieben hat. Er fuhr nach Wien und schrieb eine noch unveröffentlichte Novelle, messerscharf, sezierend. Er arbeitete sie selbst zum Drehbuch um.
Ein anderer heißt Robert Krasker, der Photograph. Der hat über Aufnahmen aus ungewöhnlichem Blickwinkel, über Ueberraschungseffekte von Licht und Schatten, über Auslassung des Unwesentlichen nichts mehr zu lernen.
Einen dritten, Anton Karas, hat bisher in England niemand gekannt. Er spielt (im wirklichen Leben) die Zither, in einem kleinen Wiener Café. Und die Zither, die Zither ausschließlich, ist es, die den Film musikalisch untermalt. Karas hat alles selbst komponiert. Von dem anspruchslosen Instrument geht, durch den Tonapparat vergrößert, dramatische Wucht aus.
Und dann ist als vierter noch der englische Regisseur Carol Reed (siehe SPIEGEL Nr. 28/1949, "Der Junge auf dem Buch") dabei. Er hat Greene nach Wien geschickt, Krasker inspiriert, die filmischen Möglichkeiten der Zither und Karas' endeckt und die Schauspieler gelenkt.
"Was ist", fragte 'Daily Mail' in ihrer Rezension des Films, "das Geheimnis dieses Mannes, der die Billigung der Intellektuellen und die berufliche Anbetung durch seine Rivalen genießt und dennoch den Besuchern der billigsten Sitze von Vorstadtkinos großartige Unterhaltung bietet?"
"Wie ein einfacher Stuhl bedeutsam wurde, wenn van Gogh ihn malte, und eine Schale mit Obst zu Leben erwachte, wenn Cézanne sie sah, so ist das Melodrama, das realistische journalistische Melodrama, in den Händen eines Carol Reed wertvoll. Er kann es zu einem wahren Mikrokosmos menschlichen Benehmens, Denkens und Fühlens zusammenballen."
Aeußerlich ist es wirklich ein Melodrama, ein Kriminalreißer, den Reed und Greene ausgeheckt haben. Holly Martins (Joseph Cotten) kommt auf Einladung seines Freundes Harry nach Wien. Harry, sagt man ihm dort, ist tot, überfahren. Erschüttert tritt Holly an ein frisch geschaufeltes Grab. Harry liegt darin. So sagt man.
Holly trifft mit Anne zusammen, Harrys Freundin (die jetzt in Hollywood lebende Italienerin Alida Valli, zum ersten Male in einer melancholischen Rolle). Er spricht mit dem mysteriösen Baron Kurtz, der Harry gut kannte (von Ernst Deutsch gespielt, mit gar zu schurkisch beredten Augenbrauen).
Er gerät mit der Polizei in Konflikt, verkörpert in dem Chef der englischen Militärpolizei in Wien, Major Calloway (der Engländer Trevor Howard). Der betrachtet Harry als Gangster. Holly will die Freundesehre retten.
Der Portier erzählt ihm, daß drei Männer den Ueberfahrenen von der Unfallstelle getragen haben. "Zwei Männer", hatte Kurtz gesagt.
"Haben Sie den dritten Mann gesehen?", fragt Holly argwöhnisch. Auf diese Weise kommt der Amerikaner Orson Welles zu einer neuen Glanzrolle.
Graham Greene hat mehr bezweckt, als ein Sensationsdrehbuch zu schreiben. Er hat erbarmungslos den Nihilismus der Nachkriegsjahre darstellen wollen. Der Film endet trostlos. Der Gangster wird zwar erschossen, aber die Luft bleibt dumpf.

DER SPIEGEL 40/1949
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